DOGS Logo Europas grösstes Hundemagazin

Psychologie Warum Hunde Kindern gut tun

Astrid Nestler 12.05.2016

Amerikaner nennen es „Nature Deficit Disorder“, die Naturmangelstörung, und sehen einen Zusammenhang zwischen der Zunahme von Entwicklungsstörungen bei Kindern und der Schnelligkeit, mit der in einer digitalen Welt die Wildnis aus der kindlichen Psyche schwindet. Wissenschaftler fordern jetzt: Gebt jedem Kind seinen Hund!

Der so oft gehörte Spruch „Kinder und Hunde gehören zusammen“ hat also gerade in der medialen Welt seine Berechtigung. Die Lausbuben von früher sind heute User. Der Aktionsradius unserer Sprösslinge verlagert sich zunehmend ins Hausinnere. Gespielt wird am liebsten in der Nähe von Steckdosen statt draußen auf der Straße. Die meisten Eltern unterstützen diese Bequemlichkeit aus Sorge um ihren Nachwuchs. Sie fürchten große Gefahren wie die Verletzung beim Toben oder im Straßenverkehr ebenso wie die kleineren, etwa Flöhe und Zecken.

© plainpicture/fStop 03/Johner/Annika Vannerus

„Helicopter parenting“ nimmt Kindern Freiheit

In seinem preisgekrönten Essay „Lasst sie raus!“ schildert der Philosoph und Biologe Andreas Weber, wie dramatisch das Recht von Kindern, draußen in Freiheit umherzustreifen, gezügelt wurde am Beispiel von vier Generationen einer Familie im britischen Sheffield: „Der Urgroßvater war in den 1920ern im Alter von acht Jahren zehn Kilometer zu seiner Lieblingsangelstelle marschiert. Sein Schwiegersohn durfte nach dem Krieg, gleichermaßen achtjährig, durch den anderthalb Kilometer entfernten Wald streifen. Auch zur Schule ging er allein. Dessen Tochter stand es in den 1970er-Jahren immerhin noch frei, mit dem Rad durch die Nachbarschaft zum Schwimmen zu fahren. Ihr eigener Sohn jedoch, ebenfalls acht, darf sich nur bis ans Ende der Straße bewegen – und wird mit dem Auto zur Schule kutschiert.“

Hätte diese Familie in jeder Generation auch Hunde gehabt, ließen sich sicher Parallelen feststellen. Durchs Dorf streunende Hunde sind ebenso selten geworden wie Zehnjährige, die allein im Wald spielen. Festgezurrt auf Rücksitzen, rundum gesichert mit Airbags, werden die einen sicher zur Klavierstunde, zum Fußball oder zur Nachhilfe transportiert – „helicopter parenting“ sagen die Amerikaner -, die anderen fahren in der Transportbox im Kofferraum zum Agility, zur Hundewiese oder zum Friseur.

Kinder und Jugendliche haben immer weniger Ahnung von der Natur. Für viele geht die Sonne im Norden auf, sind Enten gelb, geben Kühe H-Milch – solche und andere schräge Ansichten unter dem Nachwuchs belegt der „Jugendreport Natur 2010“. Nur ein Fünftel der Kinder wusste, dass frische Milch aus dem Euter kommt. „Eine britische Studie hat nun statistisch nachgewiesen, dass sich inzwischen mehr Kinder verletzen, weil sie aus dem Bett fallen anstatt von Bäumen. Das liegt keineswegs daran, dass sich Kinder in den letzten Jahren zu begnadeten Baumkletterern entwickelt hätten. Sie tun es einfach immer weniger“, schrieb Petra Steinberger 2009 in der Süddeutschen Zeitung. Die Amerikaner haben einen neuen Namen für dieses Phänomen: „Nature Deficit Disorder“, auf Deutsch: Naturmangelstörung. Geprägt hat diesen Begriff der Autor Richard Louv in seinem 2005 erschienenen Buch „Last Child In the Woods“. Kinder, so Louvs These, verbringen immer weniger Zeit in der Natur, was aber nur zum Teil daran liegt, dass sie zunehmend in Städten leben. Denn Natur kann man überall finden: in einem Park, einem Stück Brachland oder in einem Hinterhof, in dem man sich verstecken kann. Zum Naturerleben gehören zwei Dinge: Zeit und Freiheit, die Welt unbeaufsichtigt zu entdecken.

Gut für Körper und Seele

Hunde helfen, den Körper und die Seele in Einklang zu bringen. Allein während eines einstündigen Spaziergangs nimmt der Mensch eine Lichtdusche, pumpt Sauerstoff in seinen Körper und tut etwas gegen Übergewicht und Bandscheibenvorfall. Doch der Hund verschafft uns nicht nur körperliches Training, Spazierengehen ist auch etwas für die Seele. „Wir suchen da draußen etwas ohne Menschen, etwas, das fernab von uns einfach so ist, wie es ist“, meint der Schriftsteller Andreas Maier. „Eine unberührte, mächtige, universale, unangefochtene Natur. Ein Land für die Seele.“

Haben unsere Kinder noch eine Ahnung von diesem Seelenheil? Von ihrer eigenen Natürlichkeit und von ihrer Umwelt? Wissen sie, dass Bäume und Tiere nicht nur etwas außerhalb ihrer selbst sind, sondern Teil ihrer eigenen menschlichen Identität? Und: Wie sollen sie lernen, die Natur zu schützen, wenn sie ihre Identität allein aus von Menschen gemachten Dingen bilden?

Je verschiedener ein Gegenüber ist, in dem sich Kinder im Leben spiegeln können, umso vollständiger wird ihr Bild von sich selbst

Konrad Lorenz

Der Satz „Mama, ich will einen Hund“ drückt ein ernsthaftes kindliches Bedürfnis aus: die Sehnsucht nach einem anderen Lebewesen. Kinder lieben Tiere. Die meisten Geschichten für Kleinkinder handeln von ihnen. „Animalische Charaktere sind das Rohmaterial, aus dem Kinder ein Gefühl für ihr Selbst konstruieren“, meint die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Gail Melson. Sie glaubt, dass kleine Kinder in ihrem Denken Tiercharaktere als Symbole für Gefühle und Beziehungen einsetzen. Und weil diese Symbole aus der Tiefe unserer urmenschlichen Psyche stammen, sind sie für die innere Entwicklung des Kindes unentbehrlich.

In den USA ist aus „Last Child In the Woods“ inzwischen eine Volksbewegung geworden. Sie versteht sich als Alternative zu jener Art von behütender Superförderungserziehung, die vor allem darin besteht, Kinder ständig zu überwachen, zu bespielen und, meist mit dem Auto, von einem Event zum nächsten zu transportieren. Ihre Anhänger sehen einen Zusammenhang zwischen der rasanten Zunahme von Entwicklungsstörungen wie ADHS und Depressionen bei Kindern und Jugendlichen und der Schnelligkeit, mit der die Wildnis aus der Psyche unserer Kinder schwindet. „Wir sehen immer mehr Kinder mit Entwicklungsstörungen, Konzentrationsschwächen und seelischen Problemen“, sagt der Vorsitzende des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Martin Lang. Zu diesen Krankheiten zählen Störungen der sozialen Kompetenz, der Feinmotorik, der Körperkoordination und der Konzentrationsfähigkeit. Jedes fünfte Kind ist inzwischen davon betroffen. „ADS, das   Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, müsste eigentlich NDS, Natur-Defizit-Syndrom heißen“, schreibt Richard Louv. Wenn es nach ihm geht, brauchen viele der von ADS betroffenen Kinder statt Ritalin nur Zeit, um verdreckt und zerkratzt eine Welt voller Bäume, Pfützen und Frösche zu entdecken.

Eine klinische Therapie ist die Hinwendung zur Natur nicht. Aber die neue Bewegung wird stärker. Vielleicht kommt sie eines Tages auch unseren Hunden zugute. Statt zum Antijagd-, Antibell- und Antihütetraining zu fahren, dürfen sie sein, was sie sind: ein Stück wilde Natur im Haus, dreckig, ein bisschen stinkend und, ja, auch mit Zähnen im Maul. Etwas Risiko gehört zur Freiheit dazu.

Beitrag verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zum Seitenanfang

Mehr Lust auf DOGS?

News, Wissen, Gewinne – jetzt im Newsletter für Hundefreunde

  • Aktuelle Hunde-News
  • DOGS Video-Wissen
  • Tolle Gewinnspiele

Hier direkt kostenlos anmelden:

Sie verwenden einen sehr alten Browser. Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser. X