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Psychologie Warum Hunde Kindern gut tun

Astrid Nestler 12.05.2016

Amerikaner nennen es „Nature Deficit Disorder“, die Naturmangelstörung, und sehen einen Zusammenhang zwischen der Zunahme von Entwicklungsstörungen bei Kindern und der Schnelligkeit, mit der in einer digitalen Welt die Wildnis aus der kindlichen Psyche schwindet. Wissenschaftler fordern jetzt: Gebt jedem Kind seinen Hund!

Wer einen Hund hat, verdaddelt weniger Zeit am Computer oder vor dem Fernseher. Tiere hegen andere Interessen. Hunde wollen die Welt so erfahren, wie sie ist: sinnlich. Sie riechen, in der Erde graben und sich im Gras wälzen ist etwas, das auch unsere Kinder tun sollten. Kinder wünschen sich einen Hund wie Lassie. Einen Freund, der immer zuhört, für sie da ist und mitspielt. Sie wollen bestimmen können, hätscheln und lieb haben. Zeigt der Vierbeiner, dass er zu all dem nicht immer bereit ist, reagiert der kleine Mensch enttäuscht und ist frustriert.

Warum Hunde Kindern gut tun
Wissenschaftler sind sich einig: Hunde helfen Kindern in ihrer Entwicklung © plainpicture/Erickson/Jim Erickson

Der Bestimmer zu sein heißt vor allem, Verantwortung für das Wohlergehen eines anderen zu tragen und nicht nur die eigenen Ideen in die Tat umzusetzen. All dies und noch viel mehr können und sollten Kinder durch das Leben mit einem Haustier lernen. Weil ein Hund für Eltern allerdings vor allem viel zusätzliche (Erziehungs-)Arbeit bedeutet, fragen sich viele: Ist der pädagogische Nutzen diesen Aufwand wirklich wert?

Der kindliche Wunsch nach einem Hund

Familie und Hund ist eine Lebensphilosophie. Was aber bewegt Mütter, Frauchen zu werden und dem Wunsch der Sprösslinge nach einem vierbeinigen Freund nachzugeben? Irgendwo zwischen Beruf, Haushalt, Kindergarten, Schule, Hausaufgaben und Fahrdiensten noch das Erziehungsprogramm mit dem Vierbeiner zu absolvieren? Bisweilen erzählen diese Frauen, sie hätten sich als Kind brennend einen Hund gewünscht, aber doch keinen bekommen.

Zu teuer, zu aufwendig, zu viel Dreck, hieß es damals. Doch daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, der Aufwand, die Kosten und unsere hygienischen Gewohnheiten sind eher gestiegen. Wer einen Hund hat, riskiert Ärger mit seinen Nachbarn, kann nicht spontan verreisen oder einfach einen Tag ins Freibad gehen. Was haben nun Kinder, was haben insbesondere deren Eltern davon, einen Hund zu halten, wenn nicht Kosten, Aufwand und Dreck?

Überall, wo ein Hund lebt, entsteht ein Rudel. Die Rangordnung darin ist vergleichbar mit der sozialen Hackordnung einer Familie, in der die Eltern das Sagen haben und die Verantwortung tragen. Ein Hund verlangt nach Struktur und nach Ritualen, etwas, das vielen Kindern heute fehlt. Nicht selten wird Eltern erst durch den Hund klar, wie wichtig Führung auch für ihren
Nachwuchs ist, um sich sicher und geborgen zu fühlen. Beide, Kind und Hund, testen gern, wie weit sie gehen dürfen, und versuchen stets, für sich selbst das Beste herauszuschlagen. Sie müssen oft gebremst werden, konsequent, aber liebevoll. Und beide spiegeln uns unmittelbar unsere Fehler. Darüber hinaus sorgt ein Hund in der Familie für gute Stimmung, für Kontakte, und wenn die Eltern von größeren Kindern abends mal weggehen, fühlen sich selbst Teenies in tierischer Gesellschaft sicherer. Ein signifikanter Vorteil aber ist dieser: Wer einen Hund hat, verdaddelt weniger Zeit am Computer oder vor dem Fernseher. Hunde sind radikal analog. Eine Welt, zerlegt in Nullen und Einsen, die alsbald auf einem Bildschirm wieder erscheinen, ist ihnen fremd. Ein Hund will raus. Er will die Welt so erfahren, wie sie ist, sinnlich, sie riechen, in der Erde graben und sich im Gras wälzen. Etwas, das unsere Kinder auch tun sollten.

Hunde wurden speziell für Kinder gemacht. Sie sind die Götter der Fröhlichkeit

Henry Ward Beecher

Viele zwischen drei und dreizehn starren täglich eineinhalb Stunden in den Fernseher und fast ebenso lange auf den Computerbildschirm. Typisch für das digitale Leben ist die körperliche Untätigkeit. Wir sitzen, essen und werden krank, vor allem unsere Kinder. Mit einem Hund ist das nicht mehr so wahrscheinlich. Zahlreiche Studien belegen: Kinder, die mit Hunden aufwachsen, verfügen über eine größere soziale Kompetenz, sind schneller bereit, Verantwortung zu übernehmen, sind bewegungsfreudiger, aktiver und zugleich ausgeglichener. Bei Schülern, die öffentlich etwas vortragen, senkt die bloße Anwesenheit eines Hundes die Pulsfrequenz, Kinder, die mit ihrem Tierkumpan viel Zeit verbringen, sind weniger ängstlich und zurückgezogen als der Durchschnitt, ihre Beliebtheit ist größer und sie zeigen deutlich mehr Mitgefühl.

Der so oft gehörte Spruch „Kinder und Hunde gehören zusammen“ hat also gerade in der medialen Welt seine Berechtigung. Die Lausbuben von früher sind heute User. Der Aktionsradius unserer Sprösslinge verlagert sich zunehmend ins Hausinnere. Gespielt wird am liebsten in der Nähe von Steckdosen statt draußen auf der Straße. Die meisten Eltern unterstützen diese Bequemlichkeit aus Sorge um ihren Nachwuchs. Sie fürchten große Gefahren wie die Verletzung beim Toben oder im Straßenverkehr ebenso wie die kleineren, etwa Flöhe und Zecken.

© plainpicture/fStop 03/Johner/Annika Vannerus

„Helicopter parenting“ nimmt Kindern Freiheit

In seinem preisgekrönten Essay „Lasst sie raus!“ schildert der Philosoph und Biologe Andreas Weber, wie dramatisch das Recht von Kindern, draußen in Freiheit umherzustreifen, gezügelt wurde am Beispiel von vier Generationen einer Familie im britischen Sheffield: „Der Urgroßvater war in den 1920ern im Alter von acht Jahren zehn Kilometer zu seiner Lieblingsangelstelle marschiert. Sein Schwiegersohn durfte nach dem Krieg, gleichermaßen achtjährig, durch den anderthalb Kilometer entfernten Wald streifen. Auch zur Schule ging er allein. Dessen Tochter stand es in den 1970er-Jahren immerhin noch frei, mit dem Rad durch die Nachbarschaft zum Schwimmen zu fahren. Ihr eigener Sohn jedoch, ebenfalls acht, darf sich nur bis ans Ende der Straße bewegen – und wird mit dem Auto zur Schule kutschiert.“

Hätte diese Familie in jeder Generation auch Hunde gehabt, ließen sich sicher Parallelen feststellen. Durchs Dorf streunende Hunde sind ebenso selten geworden wie Zehnjährige, die allein im Wald spielen. Festgezurrt auf Rücksitzen, rundum gesichert mit Airbags, werden die einen sicher zur Klavierstunde, zum Fußball oder zur Nachhilfe transportiert – „helicopter parenting“ sagen die Amerikaner -, die anderen fahren in der Transportbox im Kofferraum zum Agility, zur Hundewiese oder zum Friseur.

Kinder und Jugendliche haben immer weniger Ahnung von der Natur. Für viele geht die Sonne im Norden auf, sind Enten gelb, geben Kühe H-Milch – solche und andere schräge Ansichten unter dem Nachwuchs belegt der „Jugendreport Natur 2010“. Nur ein Fünftel der Kinder wusste, dass frische Milch aus dem Euter kommt. „Eine britische Studie hat nun statistisch nachgewiesen, dass sich inzwischen mehr Kinder verletzen, weil sie aus dem Bett fallen anstatt von Bäumen. Das liegt keineswegs daran, dass sich Kinder in den letzten Jahren zu begnadeten Baumkletterern entwickelt hätten. Sie tun es einfach immer weniger“, schrieb Petra Steinberger 2009 in der Süddeutschen Zeitung. Die Amerikaner haben einen neuen Namen für dieses Phänomen: „Nature Deficit Disorder“, auf Deutsch: Naturmangelstörung. Geprägt hat diesen Begriff der Autor Richard Louv in seinem 2005 erschienenen Buch „Last Child In the Woods“. Kinder, so Louvs These, verbringen immer weniger Zeit in der Natur, was aber nur zum Teil daran liegt, dass sie zunehmend in Städten leben. Denn Natur kann man überall finden: in einem Park, einem Stück Brachland oder in einem Hinterhof, in dem man sich verstecken kann. Zum Naturerleben gehören zwei Dinge: Zeit und Freiheit, die Welt unbeaufsichtigt zu entdecken.

Gut für Körper und Seele

Hunde helfen, den Körper und die Seele in Einklang zu bringen. Allein während eines einstündigen Spaziergangs nimmt der Mensch eine Lichtdusche, pumpt Sauerstoff in seinen Körper und tut etwas gegen Übergewicht und Bandscheibenvorfall. Doch der Hund verschafft uns nicht nur körperliches Training, Spazierengehen ist auch etwas für die Seele. „Wir suchen da draußen etwas ohne Menschen, etwas, das fernab von uns einfach so ist, wie es ist“, meint der Schriftsteller Andreas Maier. „Eine unberührte, mächtige, universale, unangefochtene Natur. Ein Land für die Seele.“

Haben unsere Kinder noch eine Ahnung von diesem Seelenheil? Von ihrer eigenen Natürlichkeit und von ihrer Umwelt? Wissen sie, dass Bäume und Tiere nicht nur etwas außerhalb ihrer selbst sind, sondern Teil ihrer eigenen menschlichen Identität? Und: Wie sollen sie lernen, die Natur zu schützen, wenn sie ihre Identität allein aus von Menschen gemachten Dingen bilden?

Je verschiedener ein Gegenüber ist, in dem sich Kinder im Leben spiegeln können, umso vollständiger wird ihr Bild von sich selbst

Konrad Lorenz

Der Satz „Mama, ich will einen Hund“ drückt ein ernsthaftes kindliches Bedürfnis aus: die Sehnsucht nach einem anderen Lebewesen. Kinder lieben Tiere. Die meisten Geschichten für Kleinkinder handeln von ihnen. „Animalische Charaktere sind das Rohmaterial, aus dem Kinder ein Gefühl für ihr Selbst konstruieren“, meint die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Gail Melson. Sie glaubt, dass kleine Kinder in ihrem Denken Tiercharaktere als Symbole für Gefühle und Beziehungen einsetzen. Und weil diese Symbole aus der Tiefe unserer urmenschlichen Psyche stammen, sind sie für die innere Entwicklung des Kindes unentbehrlich.

In den USA ist aus „Last Child In the Woods“ inzwischen eine Volksbewegung geworden. Sie versteht sich als Alternative zu jener Art von behütender Superförderungserziehung, die vor allem darin besteht, Kinder ständig zu überwachen, zu bespielen und, meist mit dem Auto, von einem Event zum nächsten zu transportieren. Ihre Anhänger sehen einen Zusammenhang zwischen der rasanten Zunahme von Entwicklungsstörungen wie ADHS und Depressionen bei Kindern und Jugendlichen und der Schnelligkeit, mit der die Wildnis aus der Psyche unserer Kinder schwindet. „Wir sehen immer mehr Kinder mit Entwicklungsstörungen, Konzentrationsschwächen und seelischen Problemen“, sagt der Vorsitzende des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Martin Lang. Zu diesen Krankheiten zählen Störungen der sozialen Kompetenz, der Feinmotorik, der Körperkoordination und der Konzentrationsfähigkeit. Jedes fünfte Kind ist inzwischen davon betroffen. „ADS, das   Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, müsste eigentlich NDS, Natur-Defizit-Syndrom heißen“, schreibt Richard Louv. Wenn es nach ihm geht, brauchen viele der von ADS betroffenen Kinder statt Ritalin nur Zeit, um verdreckt und zerkratzt eine Welt voller Bäume, Pfützen und Frösche zu entdecken.

Eine klinische Therapie ist die Hinwendung zur Natur nicht. Aber die neue Bewegung wird stärker. Vielleicht kommt sie eines Tages auch unseren Hunden zugute. Statt zum Antijagd-, Antibell- und Antihütetraining zu fahren, dürfen sie sein, was sie sind: ein Stück wilde Natur im Haus, dreckig, ein bisschen stinkend und, ja, auch mit Zähnen im Maul. Etwas Risiko gehört zur Freiheit dazu.

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