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Sankt Peter-Ording Ab ans Meer

Text: Claudia Thesenfitz Fotos: Julia Marie Werner 20.04.2016

Wer den perfekten Strand für sich und seinen Hund sucht, findet ihn in der größten Sandkiste Europas – zwölf Kilometer lang, zwei Kilometer breit.

„Who the fuck is Sylt?“ Das Etikett des eigens für die „Strandbar 54° Nord“ abgefüllten Grauburgunders der Pfälzer Winzerin Anette Closheim dokumentiert das neue Sankt-Peteraner Selbstbewusstsein. Der Kurort an der Nordsee, bis vor Kurzem noch Inbegriff von Spießigkeit und Spaßarmut, hat sich neu er­funden. Aus „Hans-Peter“, wie man den Ort bislang verächtlich nannte, ist das trendige „SPO“, gesprochen Es-pi-oh, geworden, ein angesagtes Kiter-Mekka, das mittlerweile auch SUV-Yuppies in die zahlreichen neu gebauten Reetdachhäuser zieht.

Feinsandiger Nordseestrand so weit das Auge reicht
Feinsandiger Nordseestrand so weit das Auge reicht © Julia Marie Werner

Den Umschwung verdankt der Dreitausendseelenort einem zehn Quadratmeter großen Segeltuch, wichtigstes Utensil der neuen Trendsportart Kitesurfen. Mit den Kitern kam die Coolness. Quasi über Nacht wurde „Europas größte Sandkiste“ von Hippness geflutet und von Surfbrettern und rastazöpfchentragenden Sonnyboys überschwemmt. Flottgemachte Retro-VW-Busse, California Feeling, Grillen am Strand, Musik aus Boxen, salzige Haare, braune Haut, weiße Zähne, stoppelige Bärte und bunte Klamotten verströmen ein ungewohntes Flair von Lockerheit und Freiheit. Die neue Lässigkeit ging mit einem Generationswechsel in der Gastro- und Hotelszene Hand in Hand: Die verstaubten, altmodischen Lokale und Beherbergungsbetriebe wurden einer nach dem anderen von jungen Großstädtern übernommen und zu innovativen Restaurants und hippen Resorts relauncht. Tschüs Kiefernholzfurnier, Cola-Korn und Bratkartoffelkoma. Hallo Designzimmer, 
Dry-Aged-Burger und Bio-Sauvignon-blanc. Wie bei einem Facelift erhielt­ der Ort nach und nach ein neues Gesicht.

Zwölf Kilometer feinster Sandstrand, nur neunzig Autominuten von Hamburg entfernt, Weite, Großzügigkeit und Lebensfreude – es hat sich viel getan in dem ehrwürdigen Kurort, der das „Bad“ vor seinem Namen einer eigenen Schwefelquelle verdankt. Und Hunde spielen dabei die Hauptrolle.

Salzige Haare, salziges Fell: California Feeling kommt auf

Szenenwechsel. Majestätisch schreitet der König des Waldes über eine Lichtung, sein Geweih ist groß wie ein Zweiersofa. James, der Neufundländer, hebt die Ohren an und nimmt Witterung auf. Doch das Einzige, was seine empfindliche Nase ortet, ist der Duft von Popcorn, Bier und Cola. Denn der Hirsch schreitet nicht wirklich durch einen Wald, sondern über die Leinwand des „Nordlicht“-Kinos, des vermutlich einzigen Kinos Schleswig-Holsteins, in dem auch vierbeinige Zuschauer zugelassen sind. „Wir lieben Hunde und finden es gut, wenn sie nicht alleine im Hotelzimmer bleiben müssen“, sagt die Exberlinerin Marina Beck, die das kleine Lichtspieltheater seit sechs Jahren mit ihrem Mann André betreibt. „Der Besuch muss allerdings vorher mit uns abgesprochen werden.“ Bedingung für den gemeinsamen Kinoabend: Die Vierbeiner dürfen nicht direkt aus dem Meer kommen, also nass und sandig sein und sollten sich während der Vorstellung ruhig verhalten.

So viel Hundefreundlichkeit ist ungewöhnlich, entspricht aber dem unabhängigen Geist der Betreiber, die auf Sponsoren und kommerzielle Werbung verzichten, um in der Programmgestaltung freie Hand zu haben. Ein finanzieller Nachteil, der für die Zuschauer ein großer Gewinn ist: Neben den gängigen Blockbustern läuft eine feine Auswahl hochklassiger Autorenfilme.

„Bei uns sind Hunde nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich willkommen“, sagt auch Uwe Kirchner, Betreiber der „Strandbar 54° Nord“, einem chilligen Bistro-Restaurant in einem Pfahlbau am Hauptstrand. Bei Flut steht der Bau komplett im Wasser, sodass man sich auf der Terrasse wie auf einem Kreuzfahrtschiff fühlt. Mit Aperol Spritz auf Liegestühlen chillen und dem Sonnenuntergang beim Röterwerden zuschauen oder an den Holztischen mit Blick auf Brandung, Surfer und Meer eines der überraschend sensa­tionellen Gerichte verzehren, das ist das neue, lässige Sankt Peter. Eindrucksvoll auch, dass es fast genauso viele Hunde wie Gäste gibt und beide gleich aufmerksam versorgt werden: Über hundert hauseigene Gratis-Leckerlitüten verteilen die Kellner täglich.

Erst die Menschen machen diesen Ort zum Hundeparadies

Sankt Peter ist auf den Hund gekommen, das weiß niemand besser als Sebastian Crantz vom Hundeshop „Hund von Eden“. „Es gibt hier mittlerweile zwei Epochen: Im Sommer fahren die Leute in den Urlaub und nehmen ihren Hund mit. Im Herbst/Winter kommen sie explizit wegen ihres Hundes hierher. Weil es dann nicht mehr so voll ist und er freien Auslauf am Strand hat.“ Crantz’ Laden ist der Hunde-Hotspot in Sankt Peter, Food-Tankstelle und Treffpunkt in einem – dichtes Gedränge auf der Terrasse vor dem Eingang. Eine Gruppe von Terrierbesitzern kommt offenbar direkt vom Strand, lacht und fachsimpelt. Kein Wunder, bietet der Exwerber und Exhamburger doch ein in Deutschland ziemlich einmaliges Angebot: Getrocknete Putenhälse, Hirschhaut mit Fell oder Lammohren deutscher Herkunft stehen in großen Reisig­körben auf dem Boden, maßgeschneiderte Halsbänder aus alten Schiffstauen von „Elbband“ hängen in der Auslage.

„Wir führen fast keine Artikel, die man in Tierbedarf-Discountern bekommt“, so der 37-Jährige. Die Qualität seiner Warenpalette ist derart hoch, dass mittlerweile schon Urlauber einzig wegen seines Ladens anreisen und nicht mehr wegen des Orts. Der Clou: Wer Barf füttert, kann die im Urlaub benötigte Fleischmenge vorab bei Crantz bestellen und portionsweise bei ihm abholen. Auch Leihhundebetten und Allergikerfutter hat der zertifizierte Hundetrainer im Programm.

„Hunde sind hier mittlerweile fast lieber gesehen als Kinder“, sagt Sonni Behrendt, die gemeinsam mit ihrem Mann Hein in direkter Nachbarschaft zur „Strandbar 54° Nord“ die Surfschule „X-H2O“ betreibt. Sie lacht dabei, doch in ihrem Scherz steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit. „Kinder sind im Restaurant laut, schmeißen mal was um oder kleckern mit dem Essen – Hunde legen sich einfach unter den Tisch. Das ist vielen Gastronomen lieber.“ Der Rastaträgerin nicht, denn sie liebt beides, Hunde und ihren Sohn. Die Surfschule bietet Vierbeinern deshalb eine selbst designte Trinkbar mit stets frisch gefüllten Wassernäpfen in drei verschiedenen Größen und Höhen. Das Beste: In der Surfschule dürfen Hunde unbemannt warten und dösen, während ihre Besitzer einen Kite-, Windsurf- oder Longboardkurs belegen. Bis zum Sonnenuntergang zu bleiben, lohnt sich, zumindest für Fell­wesen: Zum Feierabend werden die übrig gebliebenen Bockwürstchen als Leckerlis verteilt.

Dreht man sich am Strand Richtung Dünen, erscheinen dahinter die Silhouetten der beiden neuen Sankt Peteraner Wahrzeichen, der Hotels „Zweite Heimat“ und „Beach Motel“. Am wichtigsten, da am profilgebendsten für den Ort war sicherlich Letzteres, ein Kiterhotel im Südstaatenstil. Keine Betonburg, sondern ein richtig schönes Stück Architektur mit Fähnchen auf dem Dach. So innovativ und ungewöhnlich, dass die Einwohner monatelang gegen­ den Bau Sturm liefen. Vergeblich. Erst vor zwei Jahren eröffnet, ist das Hotel heute Touristenmagnet Nummer eins. Denn nicht nur die Optik, auch das Konzept ist neu: Im „Beach Motel“ wird man zwangsgeduzt und auch das Personal nur mit Vornamen angeredet. Der Marco am Empfang, die Sarah an der Bar, was zunächst gewöhnungsbedürftig ist, entpuppt sich ziemlich schnell als ziemlich entlastend. Die Lockerheit und das künstlich abgerockte Interieur vermitteln: Hier muss man nichts, hier darf man einfach sein.

Die Zimmer bieten Zweibeinern ein herrliches Panorama auf Dünen­ und Meer – und Vierbeiner genießen ihre exklusive „Doggylounge“, ein Fatboy-Sofa, das jedem Hund kostenlos ins Zimmer gestellt wird. Im Gegensatz zu den einigen anderen Hotels darf James sogar allein im Zimmer bleiben, dafür gibt es ein spezielles „Keep out“-Schild für die Türklinke. Kein Wunder auch, dass Lobby,­ Bar und Essräume ein wahrer Hundehort sind: Diverse Rassen und Größen laufen hier in unterschiedlichen Nässe- und Sandgraden durcheinander, immer wieder getätschelt von der Maike­ oder dem Gunnar. Alles cool, alles chillig.

Wer es spiritueller mag, geht in „Das Kubatzki“, das erste Yogahotel im Ort. Erst im April 2015 eröffnet, zieht es schon jetzt jede Menge entspannungsbedürftiger Großstädter in die schwarz-weiß gestalteten Zimmer. Beeindruckenden Mut haben die Betreiber Dörte und Marc Kubatzki bewiesen, in Frankfurt ihre gesicherte Existenz, ihr fest eingemauertes Leben aufzugeben, um an der Nordsee neu anzufangen und endlich ihren Traum zu leben. Mut, der sich gelohnt hat: „Das hier ist meine Berufung“, sagt die ausgebildete Yogalehrerin, die zuvor knallharte Investmentbankerin war. In ihrem äußerst stilvoll eingerichteten Hotel, das zwischen haushohen Kiefern steht, leitet sie selbst einige Yogakurse und erfreut sich an der großartigen ayurvedischen Küche, die ihren Gästen allabendlich serviert wird. Für Hundebesitzer stehen neun Zimmer mit Decke, Handtuch und Leckerlis zur Verfügung – und die „Kubatzki“-Frisbeescheibe, „die extrem beliebt ist, weil man sie unterwegs auch als Napf benutzen kann“.

Geheimtipp in puncto Wellness ist die Dachterrasse des Hotels „Ambassador“. Dort kann man unter freiem Himmel in zwei mit sprudelndem warmem Meerwasser gefüllten Badewannen die Sonne­ rot im Meer versinken sehen – mehr Loslassen geht nicht! Alle Hotels haben mittlerweile unstrittig Großstadtniveau, aber das Schönste an „Tidenhub-City“, wie der Ort wegen seines drastischen Gezeitenwechsels genannt wird, ist klar der Strand: Die äußeren Abschnitte in Böhl und Ording bieten kilometerweite Einsamkeit, sanfte Brandung und Auslauf ohne Ende. Toben, schwimmen, rennen, buddeln, Muscheln beschnuppern, ein wahres Hundeparadies.

Wer nicht spazieren gehen mag, leiht sich in einem der zahlreichen Fahrradläden ein Fatbike für den Strand oder ein Tourenrad für ausgiebige Exkursionen am Deich, wahlweise Richtung Westerhever oder Richtung Vollerwiek bis zum Eidersperrwerk. Kräfteschonender geht es mit dem E-Bike, da der Wind unberechenbar ist und gern öfter mal die Richtung wechselt. Für erschöpfte Vierbeiner kann man sich überall im Ort Hundeanhänger leihen.

James und ich radeln auf dem Deich Richtung Sankt Peter-Dorf und machen Halt bei der „Giftbude“, wo James ein Biorind-Hundeeis kriegt. Das gibt es nur hier im Laden von Arnold Eggert, der außer schönen Geschenken selbst gefertigte Hundehalsbänder aus alten Surfsegeln anbietet. Vom Deich biegen wir ab Richtung  Südstrand, wo James in den Salzwiesen plötzlich heftig mit zwei  kleinen Cavalier King Charles Spaniels flirtet. Sie gehören der Schriftstellerin Constanze Wilken, einer der mittlerweile raren Ur-Sankt-Peteranerinnen. Täglich geht die 47-jährige Bestsellerautorin mit ihren beiden Musen spazieren und findet Inspiration für ihre Wales-Romane. „Im Sommer ist es für mich das Schönste, barfuß und in Shorts durch den Schlick des großen Priels zum Meer zu waten. Dreckig, sandig und glücklich kommen wir drei dann zurück,­ und ich habe den Kopf frei, um weiterzuschreiben.“

Nordseeluft macht hungrig, deshalb radeln wir weiter zur „Strandhütte“, dem wohl besten Restaurant des Orts, auf einem Pfahlbau am Südstrand. Besitzer und Meisterkoch Axel Kirchner ist ein kulinarischer Künstler, für den zum Glück nicht der Profit im Vordergrund steht. „Nicht expandieren, sondern perfektionieren“, will der 48-Jährige, obwohl er sich seit der Eröffnung vor vier Jahren vor Gästen kaum retten kann. „Nicht größer, sondern kleiner und feiner, das ist meine Idee von Gastronomie.“ Weniger ist mehr, beziehungsweise isst mehr, ein idealistischer Ansatz, der mit der Perfektion seiner Küche Hand in Hand geht: „Ich bin total detailverliebt und versuche, mit Tiefe zu kochen, fein und nuancenreich.“ Heraus kommen geniale Gerichte mit orientalischem Einfluss , und auch James darf mit in das sieben Meter hohe Gourmet-Eden: „Würde ich Hunde ausschließen, würde ich die Hälfte der Gäste ausschließen. Außerdem mag ich keine Verbote!“ Die mag auch Gunnar Zimmermann vom „Golfclub Deichgrafenhof“ nicht. Der Platz ist quasi der FC St. Pauli unter den Golfplätzen und hat so gar nichts von althergebrachten, verklemmt snobistischen Upperclass-Golfclubs: Fatboy-Sitzsäcke, coole Musik und frisch gezapftes Guinness-Bier auf einer Wiese vor einem alten Reetdachhof wirken lässig und einladend. Aber das Beste ist: Auf dem Green der wunderschönen Anlage sind auch Hunde erlaubt. Wer also eine Schnupperstunde bei dem irischem Trainer Neil bucht, kann seine Puttingversuche mit tierischer Begleitung unternehmen.

Wer keinen Hund mitgenommen hat, kann sich in Sankt Peter übrigens einen leihen: Vollkommen unbeabsichtigt hat Olaf P. Beck, der Manager des Hotels „Aalernhüs“, eine Marktlücke entdeckt, seinen Labrador Schröder. Gäste, die ihren eigenen Hund zu Hause lassen mussten und vermissen, können Schrödi für zehn Euro pro Spaziergang mieten. Einen Hundeführerschein brauchen sie dafür nicht: „Schrödi ist extrem tiefenentspannt. Er kennt hier alles und alle kennen ihn“, sagt Olaf Beck. Die Einnahmen werden am Jahres­ende an ein Tierheim gespendet.

Schrödi to go, eine geniale Geschäftsidee, die ein unerwartet großes Medienecho ausgelöst hat, sodass der cognacfarbene Labrador auch über einen eigenen Facebook-Account verfügt: „Schröder 2010“ hat bereits über dreihundert Follower, und Besitzer Olaf Beck pusht das Interesse täglich mit schrägen Postings. Berlin hat seinen Bären, Sankt Peter-Ording hat Schrödi!

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