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Futterwahl Was seine Nerven beruhigt

Katharina von der Leyen 09.06.2016

Gute Nachrichten für Halter mit gestressten Hunden: Eine aktuelle Studie zeigt, dass leicht erregbare, ängstliche und nervöse Tiere von hochwertigen Kohlenhydraten profitieren

Betreten wir Neuland

Kohlenhydrate in der Hundeernährung sind seit vielen Jahren ein heißes Thema, unter Laien wie Experten. Der Hund stamme vom Wolf ab, und der jage nun mal kein Getreide, so lautet eine gängige Meinung. Sieht man sich im Internet um, begegnen einem bereits unter den ersten Klicks weitere sehr nachdrückliche Thesen: „Der Hund ist ein Fleischfresser“, „Glucose ist denkbar ungesund“, „Hunde können keine Kohlenhydrate verdauen“, „Ernährung mit Kohlenhydraten ist bei Hunden nicht nur überflüssig, sondern kann sogar krank machen“ oder „Überlegen Sie mal, was die artgerechte Ernährung eines Hundes ist! Was würde ein Hund in freier Wildbahn fressen? Natürlich: Fleisch und keine Kohlenhydrate!“
Wer nach wissenschaftlichen Bestätigungen für diese Thesen sucht, wird dagegen nicht fündig. Es gibt keine. Vielmehr wird vom Gegenteil berichtet: Der Hund ist kein Fleisch-, sondern ein Allesfresser, der durchaus von Pflanzenfasern und Stärke profitiert – was ein echter Fleischfresser wie zum Beispiel die Katze nicht kann. Stoffwechsel und Dünndarm des Hundes, der im Verhältnis länger ist als der eines echten Karnivoren, sind die eines Allesfressers. Den Hund „in freier Wildbahn“ gibt es mit der einzigen Ausnahme des australischen Dingos nicht, es gibt nur Straßenhunde oder ausgesetzte Hunde. Sie alle, einschließlich des Dingos, ernähren sich hauptsächlich von Abfall, also sehr kohlenhydratreich.

Die Spezies Hund entwickelte sich vor rund fünfzehntausend Jahren im engen Zusammenleben mit dem Menschen und lebte von dem, was dieser ihm übrig ließ. Selten waren es Nackensteaks, häufiger Getreide- und Gemüseabfälle, denn Fleisch war wertvoll und wurde nicht verschwendet. Die Forschung ist sich heute sicher, dass sich der Hund in seiner Evolution im Vergleich zum Wolf entscheidend genetisch verändert hat. Eine schwedische Studie, die im Januar 2013 veröffentlicht wurde (Axelsson et al.), bewies, dass der Hund über dreißig Kopien des Gens für Amylase verfügt, jenes Proteins, das die Aufspaltung von Stärke im Verdauungstrakt beginnt. Wölfe verfügen dagegen nur über zwei dieser Gene. Außerdem verfügt der Hund über ein weiteres Gen für den Abbau, also für die Verwertung von Stärke, das in seiner Ausprägung lediglich bei Pflanzenfressern wie Hasen und Kühen oder Allesfressern wie Ratten vorkommt, nicht aber bei Fleischfressern.

Liest man die jüngeren Studien zur Ernährung von Hunden genauer,­ verändern sich die Paradigmen zur Ernährung nicht zuletzt­ für impulsive, ängstliche oder aggressive Hunde erheblich: Wir können betroffene Hunde mit einem erhöhten Anteil an Kohlenhydraten im Futter sogar unterstützen. Schon in einer Studie vor mehr als fünfzehn Jahren fand man heraus, dass territorial aggressive Hunde durch eiweißreduziertes, mit der Aminosäure Tryptophan angereichertes Futter ausgeglichener wurden (DeNapoli, Dodman et al.). Bei dieser Studie, die im Jahr 2000 veröffentlicht wurde, stellte man allerdings noch nicht die Verbindung zum erhöhten­ Kohlenhydratgehalt in der Hundenahrung her.

Mehr Power für Stadthunde

Wölfe verfügen im Vergleich mit Hunden über deutlich weniger Fähigkeiten zur Impulskontrolle, vermutlich weil es ihnen im Zweifelsfall das Leben rettet, wenn sie Unsicherheit oder Angst sofort nachgeben. Den Hund dagegen rettet im Zusammenleben mit dem Menschen gerade die Selbstbeherrschung, zumindest das komfortable Leben bei seinem Besitzer: Er darf eben nicht immer bellen, wenn er möchte, er muss sich zurückhalten können, selbst wenn er etwas will, und er soll nicht beißen, auch wenn ihm danach ist.

Der Hund kann im Gegensatz zum Wolf Kohlenhydrate nicht nur verdauen, sondern er profitiert sogar davon. Kohlenhydrate sind die am schnellsten verfügbare Energiequelle und folglich wichtig für Sprinter, Rennhunde oder Flyball-Athleten. Insbesondere das Gehirn ist in hohem Maß von Glucose als Energieträger abhängig. Daher auch der Ausdruck von Kohlenhydraten als „Nerven­nahrung“. Natürlich geht es nicht darum, Hunde mit Weißbrot vollzustopfen,­ sondern um eine ausgewogene Ernährung mit einem ausreichenden Anteil hochwertiger Kohlenhydrate wie Vollkornreis, Buchweizen, Amaranth, Kartoffeln und Obst.

„Das Verteufeln der Kohlenhydrate, das von einigen Nahrungs­extremisten vertreten wird, ist nicht korrekt und fügt dem Hund sogar Schaden zu“, sagt Tierärztin Daniela Zurr. „Das Gehirn des Hundes benötigt eine ausreichende Versorgung mit Glucose. Ich würde sogar so weit gehen, dass der durchschnittliche Hund im modernen Alltag mehr Kohlenhydrate braucht als ein Hund, der relativ zurückgezogen auf einem Bauernhof wohnt, wo den ganzen Tag nichts passiert.“ Ein Stadthund oder ein Hund, der seinen Menschen immerzu an unterschiedliche Orte begleiten muss und sehr vielen Reizen ausgeliefert wird, braucht Kohlenhydrate.

Ernährung ist nicht nur Liebe und Nahrung, sondern auch eine Wissenschaft. Diese entwickelt sich ständig weiter und liefert uns überprüfbare Methoden, um herauszufinden, welche Nährstoffe und Nahrungsmittel unsere Hunde brauchen, welche ihnen guttun und mit welchen sie nichts anfangen können. Die Wissenschaft liefert Informationen über die Verdaulichkeit von Inhaltsstoffen, den Nutzen von Zutaten oder was der Unterschied ist zwischen Welpen­nahrung und Futter für erwachsene Hunde. Wir brauchen die Wissenschaft, um herauszufinden, welches Futter die ideale Wahl für unseren Hund ist, um ihn gesund zu erhalten und auch, um Wahrheit, Halbwissen und Hype auseinanderhalten zu können. In heutigen Zeiten mehr denn je. Nehmen wir uns die Zeit für gewissenhafte Recherche, wählen wir mit Bedacht und lassen wir uns nicht von Gefühlen und Meinungen anderer leiten. Es ist ja unser Hund.

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