DOGS Logo Europas grösstes Hundemagazin

Futterwahl Was seine Nerven beruhigt

Katharina von der Leyen 09.06.2016

Gute Nachrichten für Halter mit gestressten Hunden: Eine aktuelle Studie zeigt, dass leicht erregbare, ängstliche und nervöse Tiere von hochwertigen Kohlenhydraten profitieren

Beherrschung will gelernt sein

Hunde dürfen sich keine Weißwürste vom Teller holen, sie dürfen kein Kind stürmisch unrennen oder das Eis aus einer Hand reißen. Sie dürfen keinen Hund angreifen und auch keinen Mann mit Hut anbellen. Von Impulskontrolle sprechen Hundeexperten und meinen damit in Wirklichkeit Selbstbeherrschung, also alles, was der Hund lernen kann und muss, um in unserer menschlichen Welt klarzukommen. Leider haut das nicht immer hin.

Trainer und Verhaltenstherapeuten berichten von einer steigenden Zahl von Hunden, die massive Stressmerkmale zeigen und zur Selbstbeherrschung nicht mehr in der Lage sind. Die amerikanische Psychologin Holly C. Miller beschäftigt sich seit 2008 und in mehreren Studien mit den Gehirnvorgängen, die für Selbstbeherrschung notwendig sind, und untersuchte dafür den Zusammenhang von Stoffwechsel und Stress. Im vergangenen Jahr stellten Miller und ihr Team Verblüffendes fest: Hunde, die Kopfarbeit leisten sollen, Stress ausgesetzt sind oder über schlechte Impulskontrolle oder Frustrationstoleranz verfügen, bleiben viel gelassener, können sich sogar deutlich besser konzentrieren und sind lösungsorientierter, wenn sie ausreichend mit Glucose oder Fructose versorgt wurden. In dieser Studie (Miller, Pattison et al., 2014) zeigte sich zudem, dass die Gabe von Glucose oder Fructose – also von Kohlenhydraten – das Nachlassen von Impulskontrolle ganz unmittelbar ausgleichen kann.

Gute Nachrichten für Halter mit gestressten Hunden: Eine aktuelle Studie zeigt, dass leicht erregbare, ängstliche und nervöse Tiere von hochwertigen Kohlenhydraten profitieren
© Plainpicture

Kohlenhydrate stimmen milde

Die Studie veranschaulichte, dass Hunde, die kohlenhydratarm oder ganz ohne Kohlenhydrate ernährt werden, beispielsweise durch eine reine Fleisch- und Gemüsefütterung, schneller mental erschöpft sind. Mit Erziehung hat das offenbar wenig zu tun, vielmehr ist ein chemischer Prozess im Gehirn dafür zuständig, gegen den das beste Training kaum ankommen kann.

„Selbstbeherrschung ist für Mensch und Tier ein sehr energie­auf­wen­diger Prozess“, bestätigt Dr. Daniela Zurr, Tierärztin mit Schwer­punkt Verhaltenstherapie in Bräuningshof nahe Forchheim (www.tierisch-tierarztpraxis.de). „Das Nachlassen von Selbstbeherrschung bei wiederholten Herausforderungen kann teilweise über den Verbrauch von Glucose im Gehirn erklärt werden. Bei einer­ Unterversorgung wird es schwerer, Reizen von außen zu widerstehen.­ Durch die Versorgung des Gehirns mit Kohlenhydraten wird Dopamin ausgeschüttet. Auch der Vagus-Nerv reagiert in Erwartung der bald folgenden Verdauung, wodurch Noradrenalin und Serotonin ausgeschüttet werden. Dies verbessert die Informationsverarbeitung.“ Mehr noch: Wenn Glucose direkt nach dem Training verabreicht wird, kann sich der Hund alles Neue besser merken, wenn er nach dem Training Kohlenhydrate bekommt (Miller & Bender, 2012).

Als angenehmer Hund gilt gewöhnlich einer, der in ungewohnten Situationen entspannt und ansprechbar bleibt, nicht über Tisch und Bänke geht und auf Stressreize gelassen reagiert, ein Hund also, der eine gute Selbstbeherrschung besitzt. „Viele Hundehalter übersehen jedoch, dass es den Hund sehr viel Energie kostet, in unserer heutigen, sehr lebhaften und reizüberfluteten Umwelt ruhig zu bleiben, indem er allen diesen Prozessen, die um ihn herum stattfinden, nicht folgt“, sagt Daniela Zurr. „Jeder Halter sollte sich daher überlegen, wie er den Tagesablauf mit seinem Hund gestaltet, beispielsweise ob es wirklich sinnvoll ist, ihn überallhin mitzunehmen. Für Hunde, die unter Dauerstress stehen, steigt langfristig das Erkrankungsrisiko erheblich.“ Stress greift das Immunsystem an, die Hunde können Darmprobleme, Unverträglichkeiten und Allergien entwickeln, die Schilddrüse leidet.

Die Fähigkeit zur Impulskontrolle, also zur Selbstbeherrschung ist anstrengend, sie erschöpft. In einer früheren Studie (Miller et al., 2010) wurde gezeigt, dass bei einem Hund, der in aufeinanderfolgenden, verschiedenen Situationen immer wieder Impulskontrolle ausüben muss, diese Fähigkeit irgendwann aufgebraucht ist, sodass Selbstbeherrschung nicht mehr möglich ist. Ein Phänomen, das bei Menschen und Hunden gleichermaßen zu beobachten ist. „Es fällt dann viel schwerer, impulsives Verhalten zu kontrollieren“, sagt Daniela Zurr. Und das kann im Alltag schnell mal passieren. „Der Hund soll sich beherrschen, wenn er ein Kaninchen sieht, gleich darauf soll er zehn Minuten still sitzen, während der Besitzer sich mit dem Nachbarn unterhält, und wenn er anschließend auf die Hundewiese darf, soll er alle rennenden Hunde ignorieren. Das alles hintereinander ist sehr anstrengend, und irgendwann ist sein Akku einfach leer. Mit der Impulskontrolle ist es dann vorbei.“ Die Folge: Der Hund führt sich auf, pöbelt an der Leine herum, und der Mensch ist ganz baff, dass sich der eben noch so gesittete und entspannte Hund plötzlich in einen wilden Troll verwandelt hat.

Manchmal kann man das auch im Training beobachten: Auf einmal kann der Hund nicht mehr, zeigt zahlreiche Stresssignale und scheint „über den Punkt hinweg“ zu sein. Bei einer komplizierten Aufgabe ist aber ein hohes Maß an Impulskontrolle nötig, was beim Hund viel Energie verbraucht, obwohl der Mensch vielleicht denkt, dass die Sache so schwer doch nicht wäre. Mit jeder Aufgabe sinkt die Konzentrationsfähigkeit des Hundes auf ein niedrigeres Level.

Was zwölf Hunde beweisen

Sechs Hündinnen und sechs Rüden, alle kastriert, die unter ähnlichen Bedingungen gehalten und alle mit positiver Verstärkung trainiert worden waren, wurden in zweimal sieben Tests innerhalb von zehn Tagen beobachtet.

Nach einem „Sitz, bleib!“ wurden sie zehn Minuten lang allein gelassen, wobei sie beobachtet wurden. Anschließend bekamen sie ein Glucose-Getränk, ein Fructose-Getränk beziehungs­weise ein zuckerfreies Placebo. Danach wurde ihnen ein Futter-spielzeug gegeben, in dem außer Würstchen noch Gegenstände waren, die zu groß waren, um aus dem Spielzeug zu fallen.

Die Zeit, in der sich die Hunde mit dem Spielzeug beschäftigten, wurde gestoppt und aufgezeichnet. Im Ergebnis war die Ausdauer, mit denen die Hunde versuchten, das Problem zu lösen, kaum zu unterscheiden, ob die Hunde nun Glucose oder Fructose bekommen hatten. Die Hunde, die das zuckerfreie Placebo bekommen hatten, gaben im Vergleich schnell auf (Studie: Holly C. Miller, 2015, University of Kentucky).

Schlaue Hunde frühstücken

Bereits im Jahr 2010 zeigte die Psychologin Holly C. Miller, dass „verbrauchte“ Selbstbeherrschung auch alle anderen Energiereserven des Hundes erschöpft. In jener Studie bekamen die Hunde einen­ Keks gezeigt, der anschließend in einem von sechs Behältnissen versteckt wurde. Hunde, die dreißig Minuten zuvor ihr Frühstück bekommen hatten, fanden den Keks deutlich schneller und zielstrebiger als die Gruppe von Hunden, die das letzte Mal zwölf Stunden vor der Testung gefüttert worden waren. Die Kernbotschaft ist ganz einfach, so Miller: „Frühstück unterstützt die Gehirnleistung­ von Hunden. Hungrige Hunde sind weniger in der Lage, ihr Verhalten zu kontrollieren. Das dürfte der Grund dafür sein, warum hungrige Hunde häufig weniger berechenbar und leichter gereizt sind.“

Auch auf die Inhaltsstoffe kommt es beim Futter an, weiß Tierärztin Zurr: „Wenn das Futter die Gehirnfunktionen nicht optimal unterstützt, wird die Fähigkeit des Hundes, Stress zu verarbeiten, deutlich gesenkt.“ Damit der Hund sich überhaupt konzentrieren kann, muss erst einmal die Grundenergieversorgung sichergestellt werden – was die Trainingsmethode, den Hund sein Futter ausschließlich „erarbeiten“ zu lassen, in ganz neuem Licht erscheinen lässt: Der Hund gerät unter massiven Stress, denn seine Konzen­trationsfähigkeit läuft schon auf den letzten Reserven. So viel zu Training, das Spaß machen soll! „Bevor ein Hund gelassen reagieren kann, muss man ihm erst einmal Energie zur Verfügung stellen, damit er überhaupt in einen leistungsfähigen Modus kommt“, sagt Dr. Zurr. „So sind Hunde, die nüchtern zum Tierarzt müssen, deutlich gestresster, als wenn sie vorher gefüttert wurden. Daher sollte der Hund keinesfalls grundsätzlich nüchtern gelassen werden, sondern es sollte im Einzelfall mit dem Tierarzt geklärt werden, ob dies notwendig ist. Wenn ausreichend Energieversorger gefüttert wurden, hat der Hund nachweislich weniger Stress.“

Betreten wir Neuland

Kohlenhydrate in der Hundeernährung sind seit vielen Jahren ein heißes Thema, unter Laien wie Experten. Der Hund stamme vom Wolf ab, und der jage nun mal kein Getreide, so lautet eine gängige Meinung. Sieht man sich im Internet um, begegnen einem bereits unter den ersten Klicks weitere sehr nachdrückliche Thesen: „Der Hund ist ein Fleischfresser“, „Glucose ist denkbar ungesund“, „Hunde können keine Kohlenhydrate verdauen“, „Ernährung mit Kohlenhydraten ist bei Hunden nicht nur überflüssig, sondern kann sogar krank machen“ oder „Überlegen Sie mal, was die artgerechte Ernährung eines Hundes ist! Was würde ein Hund in freier Wildbahn fressen? Natürlich: Fleisch und keine Kohlenhydrate!“
Wer nach wissenschaftlichen Bestätigungen für diese Thesen sucht, wird dagegen nicht fündig. Es gibt keine. Vielmehr wird vom Gegenteil berichtet: Der Hund ist kein Fleisch-, sondern ein Allesfresser, der durchaus von Pflanzenfasern und Stärke profitiert – was ein echter Fleischfresser wie zum Beispiel die Katze nicht kann. Stoffwechsel und Dünndarm des Hundes, der im Verhältnis länger ist als der eines echten Karnivoren, sind die eines Allesfressers. Den Hund „in freier Wildbahn“ gibt es mit der einzigen Ausnahme des australischen Dingos nicht, es gibt nur Straßenhunde oder ausgesetzte Hunde. Sie alle, einschließlich des Dingos, ernähren sich hauptsächlich von Abfall, also sehr kohlenhydratreich.

Die Spezies Hund entwickelte sich vor rund fünfzehntausend Jahren im engen Zusammenleben mit dem Menschen und lebte von dem, was dieser ihm übrig ließ. Selten waren es Nackensteaks, häufiger Getreide- und Gemüseabfälle, denn Fleisch war wertvoll und wurde nicht verschwendet. Die Forschung ist sich heute sicher, dass sich der Hund in seiner Evolution im Vergleich zum Wolf entscheidend genetisch verändert hat. Eine schwedische Studie, die im Januar 2013 veröffentlicht wurde (Axelsson et al.), bewies, dass der Hund über dreißig Kopien des Gens für Amylase verfügt, jenes Proteins, das die Aufspaltung von Stärke im Verdauungstrakt beginnt. Wölfe verfügen dagegen nur über zwei dieser Gene. Außerdem verfügt der Hund über ein weiteres Gen für den Abbau, also für die Verwertung von Stärke, das in seiner Ausprägung lediglich bei Pflanzenfressern wie Hasen und Kühen oder Allesfressern wie Ratten vorkommt, nicht aber bei Fleischfressern.

Liest man die jüngeren Studien zur Ernährung von Hunden genauer,­ verändern sich die Paradigmen zur Ernährung nicht zuletzt­ für impulsive, ängstliche oder aggressive Hunde erheblich: Wir können betroffene Hunde mit einem erhöhten Anteil an Kohlenhydraten im Futter sogar unterstützen. Schon in einer Studie vor mehr als fünfzehn Jahren fand man heraus, dass territorial aggressive Hunde durch eiweißreduziertes, mit der Aminosäure Tryptophan angereichertes Futter ausgeglichener wurden (DeNapoli, Dodman et al.). Bei dieser Studie, die im Jahr 2000 veröffentlicht wurde, stellte man allerdings noch nicht die Verbindung zum erhöhten­ Kohlenhydratgehalt in der Hundenahrung her.

Mehr Power für Stadthunde

Wölfe verfügen im Vergleich mit Hunden über deutlich weniger Fähigkeiten zur Impulskontrolle, vermutlich weil es ihnen im Zweifelsfall das Leben rettet, wenn sie Unsicherheit oder Angst sofort nachgeben. Den Hund dagegen rettet im Zusammenleben mit dem Menschen gerade die Selbstbeherrschung, zumindest das komfortable Leben bei seinem Besitzer: Er darf eben nicht immer bellen, wenn er möchte, er muss sich zurückhalten können, selbst wenn er etwas will, und er soll nicht beißen, auch wenn ihm danach ist.

Der Hund kann im Gegensatz zum Wolf Kohlenhydrate nicht nur verdauen, sondern er profitiert sogar davon. Kohlenhydrate sind die am schnellsten verfügbare Energiequelle und folglich wichtig für Sprinter, Rennhunde oder Flyball-Athleten. Insbesondere das Gehirn ist in hohem Maß von Glucose als Energieträger abhängig. Daher auch der Ausdruck von Kohlenhydraten als „Nerven­nahrung“. Natürlich geht es nicht darum, Hunde mit Weißbrot vollzustopfen,­ sondern um eine ausgewogene Ernährung mit einem ausreichenden Anteil hochwertiger Kohlenhydrate wie Vollkornreis, Buchweizen, Amaranth, Kartoffeln und Obst.

„Das Verteufeln der Kohlenhydrate, das von einigen Nahrungs­extremisten vertreten wird, ist nicht korrekt und fügt dem Hund sogar Schaden zu“, sagt Tierärztin Daniela Zurr. „Das Gehirn des Hundes benötigt eine ausreichende Versorgung mit Glucose. Ich würde sogar so weit gehen, dass der durchschnittliche Hund im modernen Alltag mehr Kohlenhydrate braucht als ein Hund, der relativ zurückgezogen auf einem Bauernhof wohnt, wo den ganzen Tag nichts passiert.“ Ein Stadthund oder ein Hund, der seinen Menschen immerzu an unterschiedliche Orte begleiten muss und sehr vielen Reizen ausgeliefert wird, braucht Kohlenhydrate.

Ernährung ist nicht nur Liebe und Nahrung, sondern auch eine Wissenschaft. Diese entwickelt sich ständig weiter und liefert uns überprüfbare Methoden, um herauszufinden, welche Nährstoffe und Nahrungsmittel unsere Hunde brauchen, welche ihnen guttun und mit welchen sie nichts anfangen können. Die Wissenschaft liefert Informationen über die Verdaulichkeit von Inhaltsstoffen, den Nutzen von Zutaten oder was der Unterschied ist zwischen Welpen­nahrung und Futter für erwachsene Hunde. Wir brauchen die Wissenschaft, um herauszufinden, welches Futter die ideale Wahl für unseren Hund ist, um ihn gesund zu erhalten und auch, um Wahrheit, Halbwissen und Hype auseinanderhalten zu können. In heutigen Zeiten mehr denn je. Nehmen wir uns die Zeit für gewissenhafte Recherche, wählen wir mit Bedacht und lassen wir uns nicht von Gefühlen und Meinungen anderer leiten. Es ist ja unser Hund.

Beitrag verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Zum Seitenanfang
Sie verwenden einen sehr alten Browser. Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser. X