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Jagdtrieb abgewöhnen Warum Hunde jagen

Astrid Nestler 21.01.2014

Ein Vogel im Busch, ein Hase im Unterholz, und schon ist er auf und davon. Jagende Hunde sind schwer zu bremsen. Sie stellen ihre Besitzer nicht selten vor eine große Herausforderung. Und die Frage: Warum jagen Hunde überhaupt?

Die Antwort gleich vorneweg: Hunde jagen, weil es sie glücklich macht. Es ist nämlich selbstbelohnend – so hat es die Natur vorgesehen. Hunde jagen nicht unbedingt, weil sie Hunger haben, sondern weil die Ausschüttung bestimmter Hormone sie in eine Art Glückszustand versetzt, ähnlich unserem Empfinden, wenn wir verliebt sind.

Was löst das Jagdverhalten des Hundes aus?

Der Reiz, der das Jagdverhalten auslöst, ist meist ein Gegenstand, der sich schnell bewegt, oder ein Lebewesen, das durch das Sichtfeld huscht, zumindest wenn der Hund ein Sichtjäger ist. So reicht vorwiegend bei Rassen mit langen Nasen und langen Hängeohren wie Schweißhund, Beagle oder Basset bereits eine frische Spur, und der Hund schaltet komplett ab.

Jagdtrieb abgewöhnen: Warum Hunde jagen
Orten, Fixieren, Anpirschen, Hetzen, Packen, Töten, Fressen: Das Jagen der Kaniden lässt sich in sieben Sequenzen unterteilen © Fauna Press/FLPA Images of Nature

Weitere Faktoren für das Auslösen des Jagdverhaltens sind Erfolgserlebnisse, an die sich der Hund erinnert. Bei manchen genügt es, Vögel zu sehen, sie aufzuscheuchen, um die Selbstkontrolle zu verlieren. Andere müssen Beute einmal gepackt oder gefressen haben, um auf den Geschmack gekommen zu sein. Auch Stimmungsübertragung kann der Auslöser für eine Hatz sein. So wird aus einer entspannten Hundegruppe binnen Sekunden eine unkontrolliert jagende Meute, wenn beim Spaziergang mit mehreren nur ein Tier das Jagdfieber befällt.

Die Leidenschaft zu jagen ist rasseabhängig

Jagdpassion zeigen längst nicht alle Rassen gleich viel. Das Instinktverhalten des Hundes wird von vier Faktoren bestimmt. Erstens durch territoriale Verhaltensweisen, zweitens den Jagdinstinkt – und damit verbunden durch alles, was mit dem Nahrungserwerb zusammenhängt –, drittens durch das Sexualverhalten und viertens das soziale Rudelverhalten. Je nachdem, für welche Aufgabe eine Rasse gezüchtet wurde, hat man mal das eine, mal das andere in den Vordergrund gestellt, bei Wach- und Schutzhunden waren es etwa die territorialen Instinkte, bei Gesellschaftshunden eher das soziale Rudelverhalten.

Die Gruppe der Jagdhunde wurde im Lauf der Zeit weiterhin spezialisiert. Aus der ursprünglichen Verhaltenskette – Orten, Fixieren, Anpirschen, Hetzen, Packen, Töten, Fressen – wurden bei manchen Rassen bestimmte Elemente ausdrücklich betont, andere dafür in den Hintergrund gedrängt. So wurde etwa bei Windhunden das Hetzen, bei Border Collies das Anschleichen und Fixieren und bei Terriern das Packen und Töten besonders hervorgehoben. Auf diese Weise wurden Spezialisten herangezüchtet, die sich dank ihres Körperbaus und Verhaltens ausdrücklich für bestimmte Aufgaben eignen.

Rassen, die leidenschaftlich gern jagen:

Wie man dem Hund das Jagen abgewöhnt

Ein Jagdhund ist eine prima Sache – wenn man gerne zur Jagd geht. Im Familienalltag machen diese Hunde dagegen oft Probleme. Aber das Jagen langfristig abgewöhnen, kann man das überhaupt? Welche Wege es gibt, einen Jäger zu managen

Hunde vom Jagen abzuhalten ist ein Stück harte Arbeit, die Monate oder Jahre dauern kann. „Ein Hund, der gezüchtet wurde, um auf sich allein gestellt kilometerlang Wildspuren zu verfolgen, ist naturgemäß sehr unabhängig“, weiß Jäger und Hundetrainer Anton Fichtlmeier. „Kein Wunder, wenn er uns bei Vorhandensein von Wildspuren oder Wildkontakt stehen lässt und abzischt. Jeder Wildgeruch, jede Wildspur, jedes sich in Bewegung befindende Wild ist wichtiger als sein Mensch.“ Aber Resignieren muss nicht sein. Es gibt Wege, einen Jäger besser zu managen, Erziehung ist einer davon.

Fast jeder Halter eines jagdaffinen Hundes kennt dieses ungute Gefühl, wenn der Vierbeiner beim Spaziergang abdampft, einem Hasen oder einem Reh hinterherhetzt. Rufen, locken, bitten – jetzt hilft nichts mehr. Der Hund schaltet ab, ist nicht mehr zu erreichen. Was also tun? Nur noch an der Leine führen ist für viele Hundebesitzer keine Lösung. „Einem Beagle beispielsweise kann man das Jagen nicht abgewöhnen“, erklärt Züchterin Michaela Wimmer. „Wenn man konsequent genug ist, kriegt man ihn zumindest erzogen. Den Spurensucher Beagle kann man selten rechtzeitig genug zurückpfeifen, weil wir Menschen Gerüche kaum wahrnehmen. Daher sage ich meinen Welpenkäufern, dass sie damit rechnen müssen, einen ausgesprochenen Leinenhund zu haben. Damit muss man umgehen können.“

Kooperation ist alles

Rassen sind unterschiedlich stark bereit zu kooperieren. Neben der Spezialisierung auf bestimmte Jagdsequenzen haben wir unsere Jagdrassen auch daraufhin selektiert, dass sie entweder mit dem Jäger zusammenarbeiten und apportieren, vorstehen oder nachsuchen oder selbstständig Wild aufspüren und eben verfolgen sollen. Auf Kooperation gezüchtete Rassen wie Retriever, Münsterländer oder Setter haben meist ein weicheres, nachgiebigeres Wesen und sind einfacher zu erziehen als harte Hunde, die für den Einsatz an wehrhaftem Wild gezüchtet wurden. Hierzu zählen insbesondere Terrier und Dachshunde, aber auch Deutsch Drahthaar, Deutsch Kurzhaar und Weimaraner. Mischlinge können ebenfalls gute Jäger sein: Durch die Vermischung des Erbguts wurden Komponenten, die über Jahrhunderte durch Zuchtauslese getrennt wurden, bei ihnen wieder zusammengebracht. Dadurch kommen sie dem ursprünglichen Hundetypus häufig näher als viele Rassehunde. Sie sind sowohl territorial als auch jagdlich motiviert – was ihre Erziehung nicht unbedingt leichter macht.

Manche Trainer raten zu Jagdersatztraining

Jagdersatztraining basiert auf der Idee, die Passion des Hundes nicht zu hemmen, sondern mit der Jagd nach Ersatzbeute zu befriedigen. Je nach Veranlagung kann dies eine detaillierte Suche nach menschlichen Geruchsspuren sein, sogenanntes Mantrailing, oder ein weiträumiges Stöbern nach Gegenständen. Mit Apportierdummys lassen sich ebenfalls Spuren ziehen. Das Hetzen eines Hasen wird mit Bällen oder Frisbeescheiben simuliert. Zerrspiele geben dem Hund das Gefühl, Beute packen und zerreißen zu dürfen. Trotzdem hetzt kaum ein Hund lieber einen Ball anstelle eines Hasen, und menschlicher Geruch spricht seine Instinkte weniger an als der eines Rehs. Damit er die Beschäftigungen als gleichwertigen Ersatz für das Jagen annimmt, muss ein Umdenken stattfinden. Er muss den Frisbee oder eine Futterbelohnung lieber mögen als das Wild.

Wie man das trainiert, erklärt Anton Fichtlmeier an einem Beispiel: „Der Hund sieht einen Hasen und erwartet ein Verbot, wenn er losgeht, weil er gelernt hat, dass dies ein unerwünschtes Verhalten ist. Zugleich hat er die Erfahrung gemacht, dass er belohnt wird, wenn er sich seinem Menschen zuwendet und Blickkontakt sucht. Jeder Hase kann ihn also zum Anzeigen auslösen.“ Um dies zu erreichen, muss man den Hund zuerst auf ein bestimmtes Hörzeichen konditionieren. „Man ruft zum Beispiel ‚Achtung, ein Tier!‘ und zeigt dabei in Richtung Horizont. Der Hund schaut daraufhin zum Horizont, sieht dort nichts und wendet sich normalerweise wieder seinem Besitzer zu. Genau in diesem Moment erhält er Futter aus der Hand. Im zweiten Schritt deutet man immer, wenn irgendwo ein Vogel auf der Wiese sitzt, in Richtung Vogel und sagt: ‚Achtung, ein Tier!‘, um den Hund dann für die Blickkontaktaufnahme zu belohnen. Der Hund sollte auf diese Weise seine komplette Futterration erhalten.“

Nach ein bis zwei Wochen wird der Hund Blickkontakt aufnehmen, sobald er einen Vogel sieht, und sein Futter einfordern, weil er ein neues Muster gelernt hat, das seine Instinkte in den Hintergrund drängt. Auf vergleichbare Weise lassen sich alternative Beschäftigungen mit Menschen oder Gegenständen als Jagdersatz etablieren. Das ist, zugegeben, eine anspruchsvolle, aber lohnenswerte Arbeit, die allerdings nicht immer und bei allen Hunden gelingt.

Sieben Schritte, die helfen können, das Jagdverhalten des Hundes besser in den Griff zu bekommen

 

1. Mit der Veranlagung umgehen lernen

Wie weit ein Hund mit Jagdpassion im Freilauf kontrollierbar ist, hängt vor allem von seiner Rasse und seinem Erbgut ab. Ein Jagdterrier ist eben ganz anders veranlagt als ein Magyar Vizsla. Bei manchen Exemplaren hilft weder Schleppleinentraining noch Ablenken oder Reglementieren auf Dauer. Je nach Hund und Fähigkeiten des Halters bleibt unter Umständen nichts anderes übrig, als das Tier im Wald konsequent anzuleinen, und das womöglich ein Leben lang. Jagdliche Passion lässt sich nun mal weder wegprägen noch wegerziehen, sondern höchstens kanalisieren. Dabei helfen konsequentes Training und viel Geduld.

2. Unbedingt Gehorsam einüben

„Nur ein Hund, der sich erst mal hemmen lässt, wenn er einer Wildspur folgen will, lässt sich anschließend auch auf ein Alternativverhalten umlenken“, ist Experte Anton Fichtlmeier überzeugt. Die wichtigste Lektion, die ein Hund mit Jagdpassion demnach lernen sollte, ist ein zuverlässiges Stopp- oder Abbruchsignal. Die Erziehung ist somit eine Art Gegenspieler zur Genetik des Hundes. Das Problem: Ein Abbruchsignal lässt sich zwar einerseits mit viel Lob und Futterbelohnung konditionieren. Wenn dem Hund auf der anderen Seite aber keine negative Konsequenz droht, falls er dennoch jagen geht, hat er die Freiheit, sich jederzeit für den Hasen und gegen Lob oder einen Futterbrocken zu entscheiden. Konkret heißt das: Wenn der Hund nicht von dem unerwünschten Verhalten ablässt, wird er reglementiert. Gegen dieses Vorgehen hegen viele Hundehalter ethische Bedenken. Sie möchten erreichen, dass sich ihr Hund aus freien Stücken für das dargebotene Futter oder eine Alternativbeschäftigung entscheidet und nicht, um eine Strafe zu vermeiden.

3. Seine Selbstbeherrschung üben

Um einem Abbruchsignal überhaupt Folge leisten zu können und notfalls sogar mitten in der Hatz einzuhalten, muss ein Hund nicht nur gehorsam sein, sondern ein großes Maß an Selbstbeherrschung erlernen. Ansonsten hat er keine Chance, seinen Impuls zu kontrollieren. Impulskontrolle ist verbunden mit der Fähigkeit, Frust auszuhalten. Dies muss der Hund stufenweise in Alltagssituationen üben, am besten von klein auf. Ein Hund, der sich zur Begrüßung hinsetzt und darauf wartet, dass er beachtet wird, statt spontan hochzuspringen, hat gelernt, seine Emotionen im Zaum zu halten. Impulskontrolle hat also etwas mit guter Erziehung zu tun. Auch dabei spielt Genetik eine Rolle. „Hunde mit einer starken Veranlagung zu impulsiven Reaktionen entwickeln bei falschem Umgang schneller Problemverhalten als Hunde, die weniger impulsiv geprägt zur Welt kommen. Oft reicht schon ein entsprechender Trigger wie Ballspielen, um das Problem hervorzurufen. Ein frühes Erkennen der Anlagen des Tieres und ein angepasster Umgang sind daher wichtig“, weiß die Trainerin und Biologin Ariane Ullrich. Sie hat einen Ratgeber zum Thema geschrieben mit Übungsvorschlägen und detailliertem Trainingsaufbau („Impulskontrolle: Wie Hunde sich beherrschen lernen“, MenschHund!-Verlag, 24,90 Euro).

4. Der Langeweile vorbeugen

Nicht jeder Hund, der einmal Hasen hetzt, hat deswegen gleich ein Jagdproblem. „Viele jagen schlicht aus Ungehorsam oder Langeweile auf dem Spaziergang. Sie haben nicht verstanden, dass Jagen prinzipiell unerwünscht ist. Dieses ist die einzige Art von Jagdproblem, das man tatsächlich wegtrainieren kann“, erklärt Hundetrainerin Martina Nau (www.hundetraining-nau.de). Sie hat einen Ratgeber zum Thema Jagdverhalten geschrieben und empfiehlt in diesem Fall ein deutliches Nein und genügend Beschäftigung zum Beispiel durch Apportier- oder Suchspiele.

5. Seine Aufmerksamkeit einfordern

Auf einem Spaziergang sollte der Hund stets ansprechbar sein und mit seinen Gedanken nie ganz abschalten dürfen, auch wenn frische Wildspuren verlockend duften. Er darf wahrnehmen, was ist, aber ein Teil seiner Aufmerksamkeit sollte bei seinem Menschen bleiben. Nur so merkt er, wann dieser das Tempo ändert oder ihm ein Signal gibt. „Übungen, dies zu trainieren, sind plötzliche Richtungswechsel, sich verstecken, wenn der Hund unaufmerksam ist, und Spaziergänge an der langen Leine, die sich dabei nie straffen sollte“, rät Hundetrainerin Petra Schmidt (www.hundeschule-plauen.de). Die 54-Jährige arbeitete jahrelang mit Tierheimhunden und berät vorwiegend Welpenbesitzer und Halter von Problemhunden.

6. Die Arbeit im Team fördern

Wer einen Hund hält, darf dessen Bedürfnisse nicht ständig unterdrücken. Das gilt auch für dessen jagdliche Passion. Jeder Hund kann lernen, dass er bekommt, was er möchte, wenn er kontrolliert mit seinem Menschen zusammenarbeitet. Dann darf er zum Beispiel auch mal ein Felldummy apportieren oder einer vorbereiteten Wildschleppe folgen. Kooperationsbereitschaft lässt sich unter anderem mit der Reizangel trainieren. Richtig aufgebaut, erfährt der Hund bei dieser Übung, dass nicht das Hetzen zum Erfolg führt, sondern dass er die Beute erst dann zu packen bekommt, wenn er ruhig stehen bleibt und Blickkontakt zum Hundehalter aufnimmt. Auch die klassische Arbeit mit dem Futterdummy fördert den Teamgeist. Der Hund lernt, Beute nicht für sich zu beanspruchen, sondern seinem Menschen zuzutragen, und wird dafür belohnt. Anleitungen für das Training mithilfe eines Futterdummys bieten zahlreiche Hundeschulen und Ratgeber, unter anderem die des Experten Jan Nijboer (www.natural-dogmanship.de).

7. Den passenden Trainer finden

Hundetraining kann zur Glaubenssache werden. Wie welcher Trainer arbeitet und welche Hilfsmittel er einsetzt, hängt im Wesentlichen von dessen persönlicher Erfahrung und seiner Einstellung zum Hund ab. Bei den einen Trainern liegt der Fokus eher auf Respekt und Gehorsam, die anderen fördern mehr oder weniger ausschließlich die Kooperationsbereitschaft des Hundes und setzen auf Triebumleitung durch alternative Beschäftigungsmodelle. Unerwünschtes Verhalten durch Bestrafung zu hemmen, lehnen einige auch grundsätzlich ab. Schwierig wird es dann, wenn dem Hund durch die Vermeidung eines eindeutigen Neins die Information fehlt, dass sein Verhalten prinzipiell unerwünscht ist. Das kann beim Hund zu Missverständnissen führen. Wichtig ist, dass die gewählten Trainingsmethoden zu den Wertvorstellungen und Handlungsmöglichkeiten des Halters passen. Wer einen jagenden Hund hat, sollte sich daher grundsätzlich fragen: Was bin ich bereit zu tun, um meinen Hund am Jagen zu hindern?

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