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Früherziehung Wenn Welpen ihre Besitzer blutig beißen

Astrid Nestler 18.08.2016

DOGS sprach mit dem Trainer Normen Mrozinski über Hunde, die mit schlechten Karten ins Leben starteten

Wie sollte ein Hund aufwachsen?

Idealerweise sollte es so sein, dass der Welpe vielfältigste Lernerfahrungen in den sensiblen Phasen macht, insbesondere in der Sozialisierungsphase. Und da kann ein Tierheim, das gut geführt ist und eine gute Hundeabteilung hat, besser sein als mancher Besitzer, der den Hund zu sehr behüten möchte oder zu bequem ist.

Normen Mrozinski ist Hundetrainer und Autor und hat sich auf die Arbeit mit aggressiven Hunden spezialisiert.
Normen Mrozinski ist Hundetrainer und Autor und hat sich auf die Arbeit mit aggressiven Hunden spezialisiert. © Patrick Ohligschläger

Wie viele Hunde, die zu Ihnen gebracht werden, hatten eine „schlechte Kindheit“?

Wir haben mehr Besitzer, die sagen, der Hund hatte eine schlechte Kindheit, um Fehler, die in der Erziehung passiert sind, zu entschuldigen. Der Großteil der Hunde, mit denen ich konfrontiert werde, hatte Menschen, die sich sehr wohlmeinend um sie gekümmert haben. Viele von denen wurden eher „homöopathisch“ erzogen. Also nicht nachweisbar.

Wie ist das gemeint?

Oft habe ich mit Hunden zu tun, die als Welpen schon unheimlich gefördert wurden, aber nicht in den Bereichen, die wichtig gewesen wären. Diese Hunde wurden schon sehr früh an alle möglichen Formen der Beschäftigung herangeführt, aber das soziale Miteinander macht Riesenprobleme. Ich habe momentan einen 14 Wochen alten Welpen im Training, der seine Besitzer blutig beißt. Der hat zwar eine gewisse Beißhemmung in der Wurfkiste bei seinen Geschwistern gelernt, aber in seiner neuen Familie wurde das nicht mehr trainiert. Die Besitzer sind ratlos. Sie glauben, sie können so einen Welpen nicht reglementieren. Wie sieht das denn aus, was denken die Nachbarn? So etwas erlebe ich sehr häufig.

Was ist mit Hunden, die isoliert aufwachsen, zum Beispiel bei Massenvermehrern oder als Straßenhund?

Hier muss man unterscheiden: Hunde aus dem Ausland wachsen selten isoliert auf. Die machen sehr wohl vielfältigste Erfahrungen, aber auch solche, die wir hier nicht gebrauchen können. Diese Hunde gehen eher jagen und streunern, weil sie ähnlich frei aufwachsen wie Hunde bei uns vor vierzig oder fünfzig Jahren. Die Bereitschaft zur Kooperation hängt bei solchen Tieren stark von Prioritäten ab. Und ein Hund, der wirklich Hunger erlitten hat, neigt eher ein Leben lang dazu, Ressourcen zu verteidigen. Futter hat für diese Tiere einen enormen Stellenwert.

Würden Sie von so einem Hund abraten?

Das kommt immer auf die neuen Besitzer und deren Erwartungen an. Man muss einfach damit rechnen, dass die Erfahrungen, die der Hund durch diese Lebensbedingungen gemacht hat – also Jagdroutine, knappe Ressourcen, ohne den Menschen zurechtkommen –, das Verhalten des Tieres auch später prägen. Damit muss sich der neue Besitzer dann auseinandersetzen. Gerade aus Osteuropa kommen Hunde, die eine starke Tendenz haben, das Territorium zu verteidigen. Solche Hunde vermehren sich dort zum Teil unkontrolliert und vererben Fähigkeiten, die wir hier nicht haben wollen.

Wie sind die Chancen, diese Tiere durch gezieltes Training umzuschulen?

Natürlich kann der Hund immer noch neue Verhaltensweisen dazulernen, jeder Organismus lernt von der Geburt bis zum Tod.  Aber die Strategien, die er einmal entwickelt hat, zum Beispiel Vermeidung oder Abwehr, diese Strategien lassen sich nicht löschen, nur durch erwünschtere erweitern. Generell kann man sagen, dass ein Hund, der schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hat, leichter zu trainieren ist als einer ohne jede Erfahrung mit Menschen. So wie im Falle einer Kundin, die den Hund in ihrer Wohnung aus der Flugbox gelassen hat, und dann war das Tier weg. Drei Wochen lang hat es sich in der Wohnung vor ihr versteckt, bis sie angerufen und gesagt hat: „So geht das nicht weiter.“

Wie ist Ihre Erfahrung mit Hunden, die isoliert aufgewachsen sind?

Dass ein Hund völlig isoliert aufwächst, kommt eher selten vor. Das ist auch gut so, weil Schäden, die durch Deprivation entstehen, oft irreparabel sind. Isoliertes Aufwachsen und auch Mangelernährung haben direkten Einfluss auf die Hirnentwicklung in der wichtigsten Phase, nämlich dann, wenn Basisstrukturen gelegt werden. Fehlen diese, ist das kaum aufzuholen.

Von welchem Hund würden Sie wirklich abraten?

Am schlechtesten wachsen Hunde bei Massenvermehrern auf. Außer dem Kennel sehen diese Tiere wirklich nichts. Später neigen sie dazu, vor allem und jedem Angst zu haben und Phobien oder Zwangshandlungen zu entwickeln. Die ganz normale Umwelt ist dann oft ein Auslöser für Stress.

Was, wenn ein Hund durch die vermasselte Welpenzeit falsch geprägt wurde?

Generell gebe ich unsichere Hunde gern Leuten in die Hand, die ein wenig burschikos sind und vielleicht sogar ein bisschen unbedarft, was Hunde angeht. Die reagieren noch am natürlichsten, nicht so verkrampft. Wenn der Hund dann ängstlich wird, sagen sie einfach „Komm, das geht schon“ und nehmen das Tier ohne viel Tamtam einfach mit. So lernt der Hund: Der Mensch behandelt das trivial, also kann ich das auch entspannt sehen.

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