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Charakter des Hundes Welchen Einfluss hat die Erziehung?

Astrid Nestler 23.06.2016

Erziehung hat zwar längst nicht die Kraft der Gene – etwa zur Hälfte ist beispielsweise die Intelligenz angeboren, der Einfluss der Erziehung wird auf maximal dreißig Prozent geschätzt -, jedoch trägt ihr Anteil ganz entscheidend zur Persönlichkeitsentwicklung eines Hundes bei.

Das sagt die Wissenschaft

Wer Hunde erzieht, sollte zwei Arten von Aggressionsverhalten unterscheiden, nämlich die kontrolliert­ instrumentelle und die reaktiv­-impulsive Aggression. Letztere ist ein vollkommen automatisiertes Geschehen, begleitet von Emotio­nen wie Wut und Ärger. Der Hund handelt so schnell, dass Sie beim Training kaum eine Chance haben, dieses Verhalten zu unter­ brechen. Als Terrierhalter habe ich mir früher Vorwürfe gemacht, nicht schnell genug eingegriffen zu haben. Das war Unsinn, wie ich jetzt weiß.

Ganz anders verhält es sich bei der kontrolliert­-instrumentellen Aggression. Hier wägt der Hund Lasten und Nutzen ab, bevor er sich zu einer Handlung entscheidet. Er kalkuliert, ob der Vorteil, den er erlangen kann, das Risiko, das er eingeht, wert ist. Weil Ge­ fühle wie Wut und Ärger hier keine Rolle spielen, nennt man diese Form auch „kalte Aggression“ im Gegensatz zur reaktiv­-impulsiven oder „heißen Aggression“. Bei der kalten Aggression hat man also Zeit genug, um das Verhalten zu unterbrechen oder umzulenken.

Das limbische System spielt bei Angst ebenfalls eine entscheiden­ de Rolle. Auch diese entsteht häufig schneller, als das Frontalhirn oder der Hundehalter sie bremsen kann. Wenn Sie das akzeptieren, können Sie sich überlegen: Wenn ich bei der impulsiven Form der Aggression langsamer bin, was kann ich dann trotzdem Sinnvolles machen? Eine Möglichkeit ist, dem Hund wie einem Sportler bei­ zubringen, sich selbst schnell wieder zu beruhigen. Damit schafft man im Gehirn eine Art Bremsbelag, der immer dicker wird. Das sind tatsächlich physikalische Veränderungen im Gehirn, die man sehen und nachweisen kann. Zugegeben, solche Hunde sind auch entsprechend schnell auf 180, aber der Bremsbelag ist entspre­chend gut. Das ist ähnlich wie mit einem gut trainierten Kampfsport­ler. Die sind voll da, wenn sie kämpfen sollen, aber ein gut trainier­ter Sportler hat sich auch, anders als der Straßenschläger, im Griff.

Dogs Juni 2016 Erziehung

Robert Mehl ist Diplom­Psychologe, Krimino­loge, Autor neurowissenschaftlicher Fachartikel zu Aggression und systemischer, tiergestützt arbeitender Therapeut. Er betreut Jugendliche, die straffällig geworden sind, in einer sozial­ therapeutischen Abteilung. Mehl ist Mitglied im Dogument-­Team von Nadin Matthews und hält Seminare und Vorträge über Hundeverhalten.

Das lehrt die Praxis

Ein angeborenes Verhalten lässt sich nicht einfach wegerziehen. Das gilt auch für Aggression, die nicht nur biologisch gesehen normal, sondern in vielen Fällen konstruktiv und damit wichtig ist. Hunde dürfen defensive Aggressionen zei­gen. Das heißt, ein mir fremder Hund darf mich, beispielsweise bei einem Unterschreiten seiner Individualdistanz, anknurren und sagen: Geh weg, halte Abstand! Wenn ich mich aber daraufhin umdrehe und weggehe, darf er mir nicht offensiv nachsetzen und mich ins Bein zwicken. Bei dieser Betrachtungsweise stellt sich die Frage, wann ein aggressives Verhalten angemessen (konstruktiv) und wann es unangemessen (destruktiv) ist.

Als angemessen gilt Aggression immer dann, wenn sie den exis­tenziellen Erfordernissen eines Hundes entspricht. Das bedeutet, die Aggression muss grundsätzlich dem Schutz der körperlichen Unversehrtheit des Vierbeiners oder dessen sozial nahe stehenden Sozialpartners dienen. Nahezu alle gängigen Definitionen zur Aggression sind leider – pauschal genutzt – schlichtweg falsch.

In der moderneren Humanliteratur wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich bei der Aggression um ein allgemein nicht exakt definierbares „Vielzweckwerkzeug“ handelt, das immer dann zum Einsatz kommen kann, wenn sich der Nutzer, in unserem Fall der Hund, einen Vorteil davon verspricht. Somit geht es bei aggres­sivem Verhalten nicht nur um Angst, Unsicherheit, Wut oder Frus­tration. Aggression kann eben auch lustbedingt und lustbetont sein. Nur dann ist sie nicht mehr konstruktiv.

Die Basis im Umgang mit aggressiven Hunden ist und bleibt zunächst ein solider Führanspruch. Damit tun sich viele Hundehal­ter schwer. Ich bin dagegen, mit Futter oder Spielzeug von einem Konflikt abzulenken. Der Hund soll lernen, durch die Anwesenheit des Zweibeiners den Konflikt wahrzunehmen, sich selbst zu kon­trollieren und sich sozial (!) an seinem Besitzer zu orientieren.

Dogs Juni 2016 Erziehung

Thomas Baumann ist Fachbuchautor, Trainer und Sachverständiger mit dem Schwer­punkt schwierige Hunde. Er startete seine Karriere als Diensthundführer der Polizei Baden­ Württemberg und war zuletzt deutscher Polizeivertreter einer europaweit aktiven Inter­pol-­Arbeitsgruppe für Polizeihunde. 2004 machte er seine Leidenschaft zum Hauptberuf.

Titelbild Homepage: ©Rachel Hale McKenna

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