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Hilfsmittel Training mit der Schleppleine

Katharina von der Leyen 27.10.2011

Weil Hundenasen äußerst gut funktionieren, kommt es vor, dass Vierbeiner vom Weg abkommen und den Düften der Natur folgen. Überzeugende Dienste leistet das Training mit der Schleppleine, schwören Experten.

Die meisten Halter kennen das: Kaum ist der Hund der Babyzeit entwachsen, in der er uns auf Schritt und Tritt folgte, wird für ihn erst einmal alles wichtiger als wir oder gar unsere Kommandos. Jeder Vogel, jeder Geruch, jeder andere Hund ist interessanter als das, was wir ihm zu sagen haben, falls er unsere Stimme überhaupt noch wahrnimmt. In solchen Fällen ist die Schleppleine ein wunderbares Hilfsmittel, um den Hund auch aus einiger Distanz daran zu erinnern, was das Kommando „Komm!“ eigentlich bedeutet.

Hilfsmittel: Training mit der Schleppleine
Nach erfolgreichem Training mit der Schleppleine stehen die Chancen auf entspannten Freilauf und zuverlässigen Rückruf gut

Sie wirkt fabelhaft als ein auf fünf, zehn oder fünfzehn Meter verlängerbarer Arm. „Ein Jahr Schleppleine sichert dem Hund zehn Jahre Freilauf“, sagt der Verhaltensforscher Günther Bloch. Kommandos oder Verhaltensabbrüche lassen sich einfach und effektiv durchsetzen, man „erwischt“ den Hund mit Hilfe der Schleppleine noch auf größere Distanz, wenn er unsere Rufe ignoriert (am liebsten in der Pubertät), herumliegende Gruseldinge frisst, Fahrräder, Jogger oder Wild jagt oder andere Hunde mobbt. Die Schleppleine ist ein großartiges Mittel, um den Außenfokus des Hundes „nach innen“, auf seinen Menschen, zu lenken. Selbst ängstliche Hunde können üben, sich von den Sicherheit vermittelnden Kniekehlen ihrer Menschen zu entfernen, ohne dass sie die Verbindung verlieren.

Schleppleine: die Technik erlernen

Wie bei jedem Hilfsmittel gibt es glühende Anhänger der Schleppleine und andere, die das Ding für Teufelswerk halten. Dabei ist ein Hilfsmittel an sich natürlich nie gut oder schlecht, sondern die Art, wie damit umgegangen wird. Zumeist liegt die Ablehnung daran, dass die Schleppleine nach Erfahrung der Kritiker falsch und womöglich so eingesetzt wurde, dass sie dem Hund geschadet hat.

Die Schleppleine ist nichts anderes als eine verlängerte Führleine von normalerweise zehn bis fünfzehn Metern (bei einer 20-Meter-Leine wird es für den Hundehalter schwierig, sich selbst, Hund und Leine noch zu koordinieren). Sie wird an einem gut sitzenden Brustgeschirr am Hund befestigt – nicht am Halsband, damit der Hund in dem Moment, in dem man mit der Leine wirklich eingreifen muss, nicht an den Halswirbeln verletzt wird, und selbstverständlich niemals an einem Halti – auf diese Weise kann man dem Vierbeiner das Genick brechen! Wer bei der Nutzung tierschutzrechtliche Bedenken hat, dem sei gesagt: Tierschutz gilt nicht nur für unsere Hunde, auch Kaninchen, Katzen oder Wildscheine sind schützenswerte Geschöpfe, denen kein jagender Hund nachgehen sollte.

Die Schleppleine schleift normalerweise am Boden hinter dem Hund her. Dementsprechend darf die Schleppleine nicht mit zum Beispiel einer Handschlaufe oder Metallringen versehen sein, durch die der Hund auf seinem Lauf an Büschen, Wurzeln oder Ästen hängenbleiben könnte. Der Hundehalter seinerseits braucht bei der Arbeit mit der Schleppleine festes Schuhwerk, um wenn nötig auf die Leine treten zu können.

Beim Durchrutschen der Schleppleine durch die Hand können scheußliche Brandverletzungen entstehen. Außerdem ist es oft kaum möglich, den wegrennenden Hund zu halten. Es empfiehlt sich daher, die Schleppleine eher ohne Handkontakt schleifen zu lassen. Das wichtigste Kommando, das ein Hund beherrschen muss, ist „Komm!“. Je mehr ein Hund allerdings nach außen orientiert ist, desto weniger kümmert er sich darum, was sein Mensch zu sagen hat: Da vorne sind Leute, Hunde, Spaß! „Zur Durchsetzung des zuverlässigen Rückrufs“, so der Berliner Trainer Frank Peggau, „gibt es keine Alternative zur Schleppleine.“

Schleppleine: am langen Arm erziehen

Die Grundregeln des „Komm“ sollte der Hund bereits kennen – „Komm!“ rufen und wenn das Hündchen angewackelt kommt, folgt „Hurra! Eine Belohnung!“, bevor man in einer möglichst ruhigen Umgebung mit wenig Ablenkungen zu üben beginnt. Anfangs arbeitet man mit der Schleppleine in der Hand, verkürzt auf etwa vier Meter (unbedingt mit Handschuhen arbeiten!). Wenn Sie später mit der ganz langen Schleppleine arbeiten, sollten Sie diese nicht mehr in die Hand nehmen, weil man einen größeren Hund schlicht nicht halten kann.

Schleppleine: Vorsicht, Schürfwunden!

Mit welcher Wucht ein Hund in die Schleppleine rennt, lässt sich mathematisch verdeutlichen: Wenn ein 30 Kilo schwerer Hund beim Verfolgen von Wild mit 30 Stundenkilometern die Leine spannt, ergibt sich eine Zugkraft von 70,7 Kilopond. Diesen Ruck hält kein Mensch aus, ohne Brandwunden an den Fingern zu erleiden oder zu stürzen. Ist der Mensch selbst in Bewegung, kann das Doppelte erreicht werden.

Der Hund schnüffelt also herum und kümmert sich wenig um seinen Menschen, bis er plötzlich „Bello, hier lang!“ hört und der Mensch die Richtung wechselt. Wenn Bello gleich mitkommt, wird er im Weitergehen gelobt, bekommt vielleicht sogar einen Keks, und dann wird der Richtungswechsel gleich noch mal geübt. Sobald der Hund seinen Menschen ansieht – also zu seinem Menschen Kontakt aufnimmt -, wird er wieder gelobt. „Jedes Mal, wenn der Hund mich überholt, wechsle ich sofort die Richtung“, so Peggau. Nach ganz kurzer Zeit wird der Hund sehr viel besser darauf achten, wo sein Mensch eigentlich hinläuft. Dann kann man die Schleppleine weiter verlängern.

Kommt aber ein Moment, in dem der Hund nicht gleich reagiert, weil er beispielsweise zu konzentriert an einer Stelle schnüffelt oder wie festgewachsen stehenbleibt, weil er einen anderen Hund nahen sieht, wird ohne erhobene Stimme wieder gerufen, während gleichzeitig ein Leinenimpuls erfolgt. Dieser Impuls sollte sehr sanft sein! Es bedeutet eben nicht, dass man an der Schleppleine ruckt, zerrt oder reißt, sondern sie kurz aufnimmt und leicht „schüttelt“, so dass der Hund die Bewegung der Schleppleine spürt. Für ihn soll das Gefühl irritierend sein, damit er abgelenkt wird vom Objekt seines Interesses.

Wenn das ganz gut klappt, fangen wir an, den Richtungswechsel ohne Ankündigung zu üben: Wir gehen nach links, machen unvermutet kehrt, ändern erneut die Richtung und gehen nach rechts. Der Hund wird sich in der Folge schnell auf seinen Menschen konzentrieren. Täte er das nicht, würde er ständig hinterherhoppeln – das macht ihm keinen Spaß. Wichtig bei der Übung: Es ist niemals unangenehm, wenn der Hund sich seinem Menschen zuwendet. An dieser Stelle wird er immer gelobt. Bei konsequenter Durchführung dieser Übung suchen die meisten Vierbeiner mit der Zeit von ganz allein den Blickkontakt mit ihren Besitzern, sobald ihnen ein verlockender Außenreiz begegnet.

Während der gesamten Trainingsperiode, in der man mit der Schleppleine noch arbeitet, geht man auf wirklich jedem Spaziergang mit dem Hund an dieser Leine – richtigen Freilauf gibt es nicht, bis der Rückruf zuverlässig klappt. Und keine Sorge: Ihr Hund kann trotzdem spielen. Er wird sich mit der Zeit so an die Schleppleine gewöhnen, dass er sie kaum noch spürt. Nur wenn Sie feststellen, dass das Training mit der Schleppleine gefährlich nach Fesselungsmanövern aussieht, leinen Sie die Leine zum Spielen ab.

Hat man allerdings einen Hund, der aus der Erregung heraus unerwünschtes Verhalten zeigt, Jogger, Fahrradfahrer oder gar Wild jagt, ist es meist unmöglich, ihn durch ein „Nein!“ davon abzubringen. Mithilfe der Schleppleine kann man den Hund sehr wirkungsvoll daran erinnern, was man mit dem „Nein“ meinte: An dieser Stelle setzt die „anonyme Korrektur“ ein. Dem Hund wird erst per Ansprache („Nein!“, „Komm hierher!“) die Möglichkeit gegeben, sich an uns zu orientieren. Dann tritt man auf die Schleppleine, um den Hund zu stoppen.

„Das Verhalten wird somit von außen abgebrochen, aber der Hund verbindet die Korrektur mit der Schleppleine nicht unmittelbar mit seinem Menschen“, erklärt Frank Peggau. „Hunde sind Spezialisten im Lesen von Körpersprache, aber für gewöhnlich arbeiten wir beim Training nicht mit den Füßen. Der Hund läuft los, ich sage Hier!, der Hund kümmert sich nicht, ich stelle den Fuß auf die Leine, der Hund läuft in das Stopp und wundert sich. Sofort hocke ich mich hin, rufe noch einmal Hier!, lobe ihn, wenn er gleich kommt. Entschließt er sich dagegen, zupfe ich an der Schleppleine.“ Dabei wird nie gezogen, eher impulsartig geruckelt – es geht hier nämlich nicht um Strafe oder Körperkraft!

 

Trainingsdauer mit der Schleppleine: ein Jahr

Im Laufe der Zeit, je besser der Hund auf den Menschen achtet, wird die Schleppleine immer um ein kleines Stück gekürzt, bis sie, einem Placebo ähnlich, nur noch als kurzes Stück am Hund hängt. Bei den meisten Hunden dauert ein zuverlässig wirkendes Training mit der Schleppleine übrigens etwa ein Jahr. Ja, das kommt einem lang vor, aber im Verhältnis zu den zwölf, fünfzehn Jahren, die man mit dem gut erzogenen Hund hat, ist es wenig.

Und ja, es nervt, immer eine sandige, dreckige Schleppleine dabeizuhaben, sich dusselige Sprüche anhören zu müssen, eigene und fremde Hunde immer mal entwirren zu müssen. Es gibt Leute, die behaupten, die Risiken der Schleppleine wären zu groß. Meistens aber handelt es sich um Schürfwunden oder um Stürze, wenn Hunde beim Losstürmen die Schleppleine um die Beine des Menschen wickeln und ihn so zu Fall bringen. Das Leben ist gefährlich, und die Vorteile scheinen zu überwiegen. Die Risiken bei einem Spaziergang mit einem Hund, der nicht zuverlässig gehorcht, sind doch weitaus größer.

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