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TRAINING Risiko Agility

Jesko Wilke 30.06.2016

32 Prozent aller Hunde verletzen sich im Hürdenparcours. Sind die Hindernisse zu hoch? Treibt falscher Ehrgeiz die Besitzer? Neueste Forschungen geben Anlass zum Umdenken.

Der Testaufbau
Das Licht wird gedimmt, die Gespräche verstummen, zu hören ist nur noch das Brummen der Elektronik. Das Institut für Sportwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ist mit modernsten Hightech-­Geräten ausgestattet. Gleich wird Proband Bruno, ein Golden-Retriever-Mix, über eine Agi­lity-Hürde springen.

Das Hindernis ist als Kurvensprung angelegt, das heißt, Bruno wird direkt danach die Richtung ­ändern und zu Katja Söhnel, einer Absolventin der Biomedizinischen Technik, ­zurücklaufen.

32 Prozent aller Hunde verletzen sich im Hürdenparcours. Sind die Hindernisse zu hoch? Treibt falscher Ehrgeiz die Besitzer? Neueste Forschungen geben Anlass zum Umdenken.
© Getty

Der Retriever-Mischling erhält das Startzeichen, läuft an und zeigt einen vermeintlich simplen Vorgang: den Sprung über eine exakt 65 Zen­timeter hohe Hürde.  Brunos Bewegungen werden von 16 im Raum verteilten Hochgeschwindigkeits­kameras mit 800 Bildern pro Sekunde ­erfasst und zeitgleich mit den Werten kombiniert, die von sogenannten Kraftmess­platten erfasst werden, auf denen das Versuchstier nach dem Sprung gelandet ist. Diese Datenflut wird von leistungsstarken Rechnern in Echt­zeit verarbeitet und mithilfe eines Beamers auf einer großen Projektionsfläche sichtbar ge­macht.

Was sich im Agility ändern sollte

Die folgenden Punkte wird der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) als Diskus­sionsgrundlage in seine Gre­mien einbringen. Agility-Freunde, die das Gesundheitsrisiko für ihre Tiere verringern wollen, sollten diese Empfehlungen schon jetzt als Präventivmaßnahme umsetzen:

•    Distanzen zwischen den Geräten verkürzen
•    Sprunghöhen anpassen, um steile Landewinkel zu verhindern
•    Harte Wendungen nach oder im Sprung vermeiden
•    Parcourslänge verringern

Zu erkennen ist ein in zahlreiche bunte Messpunkte zerlegtes virtuelles Abbild von Brunos Gelenken. So lässt sich ver­folgen, wie sich nach dem Sprung die ­Winkel ändern und wie sie beim Aufkommen zusammengestaucht werden.

Spezielle Software misst zusätzlich die Kräfte, die bei dieser hohen Belastung auf die Gelenke wirken, und stellt sie als far­bige Pfeile unterschiedlicher Länge dar. Unter den rund drei­ßig anwesenden Medienvertretern befindet sich auch Christa Bremer, die im Verband für das Deutsche Hunde­wesen (VDH) das für Agility zu­ständige Vorstandsmit­glied ist. Es geht um die Frage: Ist der weltweit beliebteste ­Hundesport schädlich für die Tiere?

Das Problem
„Während beim ,nor­malen‘ Sprung ein großer Teil der Energie direkt nach dem Aufkommen der Vorderpfoten in die Vorwärtsbewegung umgewandelt wird, muss beim Hürdenkurvensprung die gesamte Kraft abgebremst und aufgefangen werden“, erläutert Katja Söhnel den Versuchsablauf, der das Kern­thema ihrer Masterarbeit darstellt. „Dabei treten bei Bruno enorme Belastungen an Gelenken, Sehnen, Bändern und Muskeln auf. Bisher liegen nur sehr wenige Studien zur Bio­mechanik dieser Sportart vor, und die ­Meinungen über die Vorteile und Gefahren von Agility gehen weit auseinander. Daher halten wir es für sinnvoll und nötig, die ­Belastungen genauer zu untersuchen.“

In den kommenden drei Jahren wird Söhnel ihre Forschung zu Agility-typischen Belastungssituationen im Rahmen ihrer Doktorarbeit fortführen. Als Doktorvater steht ihr Professor Martin Fischer zur Seite.

„Obwohl die gemessenen Kräfte ein Viel­faches des Körpergewichts ausmachen, werden die Kontaktflächen von Schulter­gelenks­pfanne und Oberarmkopf nicht voll­ständig zur Deckung gebracht“, ergänzt der Direktor des Instituts für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Jena. „Das heißt, es findet keine erkennbare Überbelastung der Gelenke statt. Proble­ma­tischer sind die Kräfte für das Weichteil­ge­we­be, das den größten Teil der Energie aufnehmen muss. An Bändern, Sehnen und Muskeln treten häufig Verletzungen wie Deh­nungen, Stauchungen und Zerrungen auf.“

Um die Belastung im Hunde­körper zu erkennen, senden Kameras aktiv Infrarotlicht aus, das von am Hundekörper angebrachten Markern reflektiert und mithilfe einer speziellen Software interpretiert wird.

Fischer weiß: „Je höher die Hürde und je schwerer der Hund, desto stärker wird die Belastung. Hinzu kommt, dass größere Hunde in Relation zu kleineren Hunden über eine geringere Muskelkraft verfügen. Das Agility-Reglement sieht jedoch vor, dass größere Hunde über höhere Hürden springen. Eine Forderung, die an ihrem ­biologisch determinierten Leistungsver­mögen vorbeigeht und möglicherweise zu dem hohen Verletzungsrisiko beiträgt.“

Christa Bremer begrüßt das For­schungs­­projekt aus­drücklich. Durch die Präsen­­tation ist klar geworden, dass sich etwas ­ändern muss. „Wir werden die neuen ­Erkenntnisse in unseren Gremien disku­tieren und über­legen, wie wir die Belastung reduzieren kön­nen“, sagt die Vizepräsidentin des VDH. „Unsere vorrangige Aufgabe als Verband ­besteht schließlich darin, die Hunde gesund zu halten.“

Kein leichtes Unterfangen
Die Hun­de­­sportart Agility wird in 37 Nationen auf der ganzen Welt aus­getragen. Will man die FCI-Wett­kampf­ordnung über­arbeiten, ist es mit einem nationalen Alleingang nicht getan. Nur die international zusam­men­gesetzte FCI-Agility-Kommis­sion kann hier Änderungen beschließen.

„Wir wollen weitere für Agility typische Belastungssituationen untersuchen sowie eine Vielzahl von Daten sammeln und auswerten“, sagt Fischer, der sich bei Heel Vet, einem Unternehmen für biologische Heilmittel, für die Unterstützung der Studie ­bedankt. „Auf diese Weise hoffen wir, zuverlässige Antworten auf wichtige Fra­gen zu erhalten.“ Zum Beispiel, ob sich die Höhe der Hindernisse weiter nach der Wider­risthöhe oder nach dem Gewicht der Hunde richten sollte. Oder ob der Winkel der A-Wände ­abgeflacht werden sollte.

Kraftmessplatten zeichnen die Kräfte auf, die beim Sprung über eine Agility-Hürde auf die Gelenke des Hundes einwirken.

Eine konkrete Empfehlung zeichnet sich aufgrund der vor­liegenden Ergebnisse bereits ab: „Laut Regelwerk müssen die Ab­stän­de zwischen den Hürden fünf bis sieben Meter betragen“, so Katja Söhnel. „Meine Untersuchungen zeigen jedoch, dass für die meisten Hunde bei einem Ab­stand von vier Metern die geringsten ­Belastungen auftreten. Es scheint, dass ­dieser etwas geringere Abstand eine Art Komfortzone darstellt.“

Keinesfalls, sagt Fischer, gehe es darum, den Spaß am Agility zu verleiden. „Ich finde es begrüßenswert, wenn Halter sich intensiv mit ihren Schütz­lingen beschäftigen, gebe aber zu be­den­ken: Was uns Spaß macht und Hunden antrai­nier­bar ist, muss weder ­artgerecht noch gesundheitsförderlich sein. Vorsicht halte ich für unbedingt geboten, wenn es darum geht, Hunde zu wie auch im­mer gearteten Leistungen an­zutreiben. Der Leistungsgedanke entspringt der Welt des Menschen, nicht der des Haustiers.“

Hunde richtig in Bewegung bringen

Reichlich Bewegung ist wichtig, um nicht nur die Gelenke des Hundes gesund zu erhalten. Denn nur unter Belastung werden die Gelenkflächen ausreichend durchblutet und ernährt. Einseitige Bewegungsformen wie der Trab neben dem Fahrrad werden den Bedürfnissen des Bewegungsapparates nicht gerecht. Hier gilt: Je vielfältiger die Bewegung, desto besser.

SPIEL MIT ARTGENOSSEN Beim Herumtollen, Sprinten, Jagen und waghalsigen In-der-Kurve-Liegen wird der Bewegungsapparat des Hundes optimal gefordert. Geben Sie ihm so oft wie möglich die Gelegenheit dazu.

FREILAUF Hunde brauchen die freie Bewegung in der Natur: schnuppern, trödeln, rennen, buddeln, markieren. Lange Spaziergänge sind unverzichtbar.

BALL WERFEN Abgesehen davon, dass Hunde zu echten Balljunkies werden können, kann auch das bloße Stoppen gefährlich sein. Abruptes, hartes Abbremsen kann zu starken Belastungen führen. Tipp: Der Hund sollte den Ball vor sich sehen, damit er seine Geschwindigkeit und das Bremsmanöver ­ergo­nomisch abstimmen kann. Als Hilfsmittel für weite Würfe haben sich Ballschleudern bewährt. Stöckchenwerfen ist wegen der Verletzungsgefahr tabu.

RADFAHREN, JOGGEN Eintöniger Trab reicht nicht aus, um den Bewegungsbedürfnissen des Hundes gerecht zu werden. Im Gegenteil: Die monotonen Bewegungen führen auf Dauer zur einseitigen Abnutzung der Gelenke und zu damit einhergehenden Problemen.

FRISBEE Das Apportieren der Scheibe stellt ein besonderes Problem dar. Denn die wilden Sprünge enden oft mit einer Landung auf den Hintergliedmaßen, die mangels wirksamer Dämpfung für die Aufnahme solcher Kräfte denkbar ungeeignet sind. Bei dieser für Hunde vollkommen untypischen Bewegung schlagen die aufzunehmenden Kräfte nahezu unge­mindert auf den Hüftbereich und die Lendenwirbelsäule durch.

EINE ENDE FINDEN Man merkt Hunden eine Überlastung nicht unmittelbar an. Schmerzen und Lahmheit zeigen sich oft erst Stunden später. Es ist daher unsere Aufgabe, das Spiel im richtigen Moment zu beenden

CHRISTA BREMER ist VDH-Vizepräsidentin und zuständig für Agility. Mithilfe ihrer Gremien will sie die Belastungen für Hunde reduzieren.

PROFESSOR DR. MARTIN FISCHER ist Biologe, Experte für das Bewegungssystem von Säugetieren und gehört zum wissenschaftlichen VDH-Beirat.

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