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Erziehung Komm, das kannst du!

Astrid Nestler 09.06.2016

Von wegen immer muss nur der Hund lernen! Halten Sie sich doch mal den Spiegel vor die Nase und überprüfen mit diesen Lektionen, ob hier und da Übungen für Sie als Hundehalter nötig wären

Komm, das kannst Du Dogs Juni 2016
© Mathis

Übung 1: Sei kreativ!

DAS PROBLEM: Eine Beziehung, die sich in eingefahrenen Bahnen bewegt, wird langweilig. Die Folge: Der Hund trifft mehr und mehr eigene Entscheidungen. Ein kreativer Mensch ist immer für eine Überraschung gut und hält das Interesse seines Hundes wach.

ZIEL DER ÜBUNG: Schulen Sie Ihre eigene Kreativität im Umgang mit Ihrem Hund, indem Sie einen beliebigen Alltagsgegenstand, etwa einen Haftnotizzettel, eine Leine oder eine Plastikflasche, zu Trainingszwecken umfunktionieren. Denken Sie sich für jeden Gegenstand verschiedene Übungen aus. Wie das geht? Das folgen­ de Beispiel zeigt drei Varianten, jedes Mal mit einem Eimer.

VARIANTE 1: UMRUNDEN

Der Hund sitzt an Ihrer linken Seite, der Eimer ist vor Ihnen. Die linke Hand schickt den Hund nun vorwärts, links am Eimer vorbei. Die rechte Hand empfängt ihn. Falls nötig, können Sie ein Futter­ stück in die Führhand nehmen. Nach und nach wird die Entfer­nung größer und die Gegenstände können beliebig wechseln.

VARIANTE 2: VERSTECKEN

Verstecken Sie die Mahlzeit des Hundes unter dem Eimer. Beob­achten Sie, welche Strategien Ihr Hund wählt, um an das Futter zu gelangen. Falls er sich hilfesuchend zu Ihnen umschaut, müssen Sie entscheiden: entweder gleich die Lösung anbieten oder lieber er­ mutigen, damit er aus eigener Motivation zum Ziel kommt.

VARIANTE 3: HOCHSTEIGEN

Stellen Sie den Eimer umgedreht auf den Boden. Ihr Hund soll mit beiden Vorderpfoten hochsteigen. Anfangs kann es hilfreich sein, eine kurze Leine zu benutzen oder rechts und links des Eimers ei­nen Gegenstand als Barriere aufzustellen. So verhindern Sie, dass der Vierbeiner ausweicht, und er versteht besser, um was es geht. Ermuntern Sie das Tier vorwärtszutreten, während Sie gleichzeitig mit einer Hand auf den Eimer tippen. Die andere Hand hält gege­benenfalls die Leine. Falls der Hund den Eimer überspringt, begin­nen Sie einfach von Neuem und versuchen Sie dann, ihn rechtzeitig mit einer entsprechenden Körperbewegung zu stoppen. Sobald Ihr Trainingspartner mit beiden Pfoten auf dem Eimer steht, richten Sie sich auf und loben ihn leise. Anschließend lassen Sie ihn vom Eimer herabsteigen. Wiederholen Sie diese Übung mehrmals, bis Sie keine Barriere oder Leine mehr für die Durchführung benöti­gen und Ihr Hund bereitwillig auf den Eimer steigt.

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Übung 2: Sei souverän!

DAS PROBLEM: Manche Hunde haben Angst vor Gittertreppen oder Untergründen, die wackeln, andere springen nicht in den Koffer­raum des Autos oder ins Wasser. Damit der Hund sein Misstrauen überwindet, muss er dem Menschen vertrauen. Leider ist die Herangehensweise vieler Hundehalter in solchen Situationen we­nig vertrauensfördernd. Oft wird herumprobiert oder versucht, den Hund mit Futter zu locken. Oder er wird gezerrt statt überzeugt.

ZIEL DER ÜBUNG: Gemeinsam ein Hindernis bewältigen, das dem Hund unheimlich erscheint. Dabei soll der Mensch so überzeugend wirken, dass er weder mit Futter locken noch den Hund durch Zie­hen und Zerren zu etwas zwingen muss. Es geht also um das Han­deln, das der Hund als unabhängig, gelassen, kompetent, stark oder routiniert wahrnehmen kann. Folgendes Beispiel zeigt, wie man den Hund überzeugen kann, eine Gittertreppe hochzusteigen.

SCHRITT 1: Der wichtigste Tipp für ein souveränes Auftreten lautet: Sei gut vorbereitet! Überlegen Sie vorab genau, was Sie tun wollen und wie. Überlegen Sie einen Plan B, wenn Plan A nicht funktioniert. Gehen Sie mit Ihrem angeleinten Hund in ruhigem Tempo auf die Gittertreppe zu. Achten Sie auf Ihre Körpersprache: Negati­ve Gedanken wie „Das klappt bestimmt nicht“, spiegeln sich in Ih­rer Körperhaltung. Atmen Sie tief ein, straffen Sie die Schulter und bauen Sie Körperspannung auf, bevor Sie die erste Stufe nehmen.

SCHRITT 2: Falls Ihr Hund zögert und am Fuß der Treppe stehen bleibt, geben Sie mehr Leine und gehen Sie drei oder vier Stufen hoch. Bleiben Sie ruhig stehen und geben Sie ihm etwas Zeit. Locken Sie nicht, sondern bestätigen Sie jeden seiner Versuche, auf die Treppe zu steigen und Ihnen zu folgen.

SCHRITT 3: Kann der Hund sich nicht überwinden, heben Sie ihn ohne viel Tamtam am Fuß der Treppe hoch und tragen Sie ihn bis zur vorletzten Stufe. Setzen Sie ihn dort ab und lassen Sie ihn die letzte Stufe allein nach oben gehen. Wiederholen Sie das Ganze, bis er die obersten vier oder fünf Stufen selbstständig bewältigt. Wich­tig ist, dass der Griff, mit dem Sie den Hund festhalten, Sicherheit vermittelt. Wenn Sie den Hund nur schwer hochheben und tragen können, ist diese Methode nicht geeignet. Dann sollten Sie eine andere Strategie wählen, zum Beispiel wie in Schritt 4 beschrieben.

SCHRITT 4: Geben Sie dem Hund Hilfestellung, indem Sie die Trep­penstufen zunächst abdecken. Dazu können Sie Bretter, Jacken oder Handtücher verwenden. Decken Sie möglichst alle Stufen zu und gehen Sie einmal ohne Hund hinauf und hinab. So testen Sie, ob nichts wackelt oder rutscht. Gehen Sie nun, wie in Schritt 2 beschrieben, mit Ihrem angeleinten Hund auf die Treppe zu und hinauf. Klappt das, lassen Sie beim nächsten Durchgang die Ab­deckung auf einigen Stufen weg und bauen diese Hilfe in den nächsten Treppengängen immer weiter ab.

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Übung 3: Sei einfühlsam!

DAS PROBLEM: Es geht ums Bauchgefühl: Das Training von Hun­den verlangt eine Unmenge von Entscheidungen, meist in Sekun­denbruchteilen. Zwischen Wahrnehmung und Handeln liegt oft nur ein Wimpernschlag, das ist zu wenig Zeit für unseren Verstand, eine Situation gründlich zu durchdenken. Hier hilft uns die Erfah­rung, intuitiv meist richtig zu reagieren. Beim Umgang mit Tie­ren kommt uns neben der Erfahrung das Einfühlungsvermögen zu Hilfe. Nur trauen wir unserem Bauchgefühl oft zu wenig zu.

ZIEL DER ÜBUNG: „Platz und Bleib“ ist eine gute Übung, um das Einfühlungsvermögen des Menschen zu trainieren. Maßgeblich für die einzelnen Trainingsschritte ist nämlich Ihr Gespür: Fühlen Sie, ob das Tier kurz davor ist aufzustehen? Woher wissen Sie, ob es einen Lernschritt so gut bewältigt hat, dass es Zeit ist, zum nächs­ten überzugehen? Wie erkennen Sie den Moment, an dem Sie sich abwenden und schließlich aus dem Blickfeld des Hundes ver­schwinden können? Wenn Ihr Einfühlungsvermögen fein genug, kann das Tier lernen, ohne Fehler zu machen.

SCHRITT 1: Bevor Sie sich ganz auf Ihr Bauchgefühl konzentrieren können, muss der Verstand ein wenig planen. Werden Sie sich über die einzelnen Trainingsschritte klar. Die sind der rote Faden, an dem Sie sich orientieren können. Überlegen Sie, in welcher Um­gebung Sie beginnen möchten und ob Sie dem Hund eine Decke als Unterlage geben wollen. Außerdem sollte er bereits gelernt haben, sich auf Ihr Zeichen hinzulegen.

SCHRITT 2: Zunächst werden Sie bei Ihrem Hund stehen bleiben und die Zeitspanne des Liegens allmählich verlängern. Achten Sie auf Ihr Bauchgefühl. Wenn Sie meinen, dass er kurz davor ist auf­ zustehen, beenden Sie die Übung augenblicklich. So kann Ihr Hund am Erfolg lernen statt durch die Korrektur seiner Fehler. Ihr Hund sollte einige Minuten ruhig neben Ihnen liegen können, bevor Sie zum nächsten Schritt übergehen.

SCHRITT 3: Beginnen Sie, sich um Ihren liegenden Hund herum zu bewegen. Ab wann können Sie das Tempo steigern, hüpfen oder in die Hocke gehen, ohne dass er aufsteht und zu Ihnen kommt? Als Nächstes üben Sie an verschiedenen Orten, an denen es Ablenkun­gen wie Spaziergänger, Fahrradfahrer und fremde Hunde gibt. SCHRITT 4 Erst jetzt fügen Sie die Distanz hinzu. Zunächst werden Sie sich nur wenige Schritte entfernen und ganz allmählich die Ent­fernung zu Ihrem vierbeinigen Schüler vergrößern, bis Sie am Ende außer Sichtweite gehen können. Erkennen Sie den Moment, an dem Sie sich abwenden und schließlich aus dem Blickfeld des Hun­des verschwinden können?

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Übung 4: Kontrolliere dich selbst!

DAS PROBLEM: Wir Menschen neigen dazu, an Stimmungen festzu­halten, und können nicht sofort umschalten, wenn wir uns gerade über etwas geärgert oder gefreut haben. Es fällt uns schwer, jeweils nur im Moment zu sein. Der Hund dagegen lebt naturgemäß im Augenblick. Er versteht nicht, warum wir immer noch grollen, wenn er jetzt doch alles richtig macht. Widersprüchliche Informa­tionen sind außerdem nicht glaubwürdig oder verunsichern ihn.

ZIEL DER ÜBUNG: Den Hund zu dem gewünschten Verhalten auf einem Spaziergang mit „Ja“ und „Nein“ anleiten. Damit das klappt, müssen Stimmlage, Körperhaltung und Körperspannung dasselbe ausdrücken, denn ein Hund nimmt immer die Gesamtheit aller ausgesendeten Signale wahr. Der Wechsel zwischen Ja und Nein, zwischen Anspannung und Loslassen, muss schlagartig erfolgen. Diesen blitzschnellen und übergangslosen Wechsel zwischen bei­ den Stimmungen sollten Sie immer wieder üben.

SCHRITT 1: Gehen Sie mit Ihrem Hund spazieren, möglichst in einem Park oder an einem anderen Ort, an dem die Wahrschein­lichkeit groß ist, dass Sie auf fremde Hunde und andere Ablenkun­gen treffen. Verwenden Sie für die Übungen eine möglichst dünne Leine, die mindestens drei Meter lang sein sollte, damit Sie den Aktivitätsradius Ihres Hundes begrenzen und ihn notfalls stoppen können. Bedenken Sie: Die Leine dient zur Absicherung, Sie sollten ihn damit nur im Notfall festhalten und keinesfalls daran rucken.

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Übung 5: Sei verbindlich

DAS PROBLEM: Ausnahmen werden schnell zur Regel. Der Hund legt sich, obwohl er Sitz machen soll, und der Mensch denkt: Ist ja eigentlich auch egal. Der Hund steht auf, sobald niemand mehr auf ihn achtet, weil der Mensch vergisst, das Hörzeichen „Platz“ wieder aufzuheben. Der Hund läuft unaufgefordert los, wenn der Karabi­ner der Leine klickt, oder kommt erst nach dem dritten Rufen, weil er Verbindlichkeit nicht kennt. All diese Verhaltensabläufe sind als Kleinigkeiten nicht weiter schlimm, dennoch spürt der Hund bei solchen Unverbindlichkeiten nicht: Ist das wichtig oder doch nicht?

ZIEL DER ÜBUNG: Der Hund soll auf einer vorgegebenen Stelle ruhig stehen oder sitzen und Blickkontakt halten, während Sie sich um ihn herum bewegen. Wichtig ist, dass er während der gesamten Übung entweder steht oder sitzt. Bei dieser anscheinend einfachen Aufgabe vermitteln Sie ihm: Ich meine, was ich sage.

SCHRITT 1: Fordern Sie Ihren Hund auf, sich hinzusetzen oder ruhig zu stehen. Treten Sie einen kleinen Schritt zurück. Der Vierbeiner soll auf seinem Platz warten und Blickkontakt aufnehmen. Sobald er es tut, wird er von Ihnen mit ruhiger Stimme gelobt.

SCHRITT 2: Hält er den Augenkontakt, bewegen Sie sich auf einem imaginären Halbkreis langsam um ihn herum und loben ihn leise. Schaut der Hund weg, besteht die Möglichkeit, ihn mit einem Unmutslaut zu korrigieren oder sich einen neuen Standort zu suchen und durch die Bewegung seine Aufmerksamkeit erneut zu gewinnen. Sollte der Hund während der Übung seinen Platz ver­lassen oder in eine andere Haltung wechseln, wird er ruhig wieder in die richtige Position gebracht. Falls die Übung nicht gleich ge­lingt, beenden Sie die Arbeit, indem Sie ihn einige Sekunden lang ruhig halten. Dazu legen Sie eine Hand unter seinen Bauch und die andere vor seine Brust. Ansonsten beenden Sie die Übung wie ge­wohnt, indem Sie das Steh oder Sitz auflösen.

SCHRITT 3: Vergrößern Sie die Distanz und erschweren Sie das Trai­ning, indem Sie das Tempo wechseln, in die Hocke gehen oder auf etwas hinaufklettern. Blickkontakt sollte aufrechterhalten bleiben.

SCHRITT 4: Achten Sie im Alltag auf Genauigkeit. Ein Hör­ oder Sichtzeichen gilt prinzipiell so lang, bis Sie es aufheben. Achten Sie auf die Freigabe! Überlegen Sie, ob Sie ein Sitz oder Platz vom Hund verlangen wollen oder ob er nur auf einer zugewiesenen Stel­le warten soll. Auch vorauseilender Gehorsam ist falsch. Will Ihr Hund unaufgefordert aus dem Auto springen, schließen Sie die Kofferraumklappe erneut. Befestigen Sie zwei Leinen an seinem Brustgeschirr. Will er beim Klicken des ersten Karabiners los­ rennen, können Sie ihn mit der zweiten Leine korrigieren.

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