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Expertengespräch „Das Verhalten von Wolf und Hund gleichzusetzen ist unsinnig“

16.09.2016

DOGS-Expertin Dr. Dorit Feddersen-Petersen hält nichts von Vergleichen zwischen Hund und Wolf. Im Interview erklärt sie, was die Verwandten unterscheidet

Ist es richtig, die Kaniden miteinander zu vergleichen, oder sollte man den Hund nicht ganz für sich betrachten?

Dorit Feddersen-Petersen: Vergleichende Verhaltensforschung ist wichtig, weil der Hund durch den Vergleich klarer definiert werden kann und man besser versteht, was die Spezies Hund ist. Aber zu glauben, dass man Hunde besser erkennt, wenn man viel über den Wolf erfährt, ist ein Fehlschluss. Hunde sind keine Wölfe. Hunde sind die Haustiere des Menschen – das ist das, was sie sehr stark kennzeichnet. Sie haben so viele Besonderheiten, die gleichzeitig den Menschen charakterisieren, und passen ergo exzellent zu ihm. Den Hund „für sich sehen“ macht also auch nicht viel schlauer. Erst Hunde im Zusammenhang mit ihren Menschen (oder Menschen und ihre Hunde) lassen uns verstehen.

Der Ort des Hundes im Ökosystem ist die menschliche Familie. Es ist tragisch, dass wir bis heute vom Zerrbild der erbarmungslosen „Wolfsnatur“ geprägt sind.
Der Ort des Hundes im Ökosystem ist die menschliche Familie. Es ist tragisch, dass wir bis heute vom Zerrbild der erbarmungslosen „Wolfsnatur“ geprägt sind. © Robert Clark

Aber viele Trainer nehmen den Wolf als Referenz bei der Hundeerziehung.

Es ist furchtbar, wenn Trainer sich immer wieder auf irgendeinen Klimbim berufen, den die Wölfe angeblich auch so machen – allein diese Hierarchie-Mythen mit dem Alphatier, weshalb der Mensch zuerst und vor dem Hund durch die Tür gehen muss und solche Sachen. Sie stimmen hinten und vorne nicht, existieren weder bei Wölfen noch bei Hunden.

Kann man den Hund nicht besser verstehen, wenn man den Wolf besser kennt?

Nein. Das Vorbild Wolf für die Erziehung des Hundes ist dem Verstehen dieses Haustieres immer sehr hinderlich gewesen. Man kann anhand von wissenschaftlichen Vergleichen aber besser verstehen, wie Hunde im Zuge der Domestikation zum Haustier des Menschen wurden. Hunde sind mit dem Menschen und durch den Menschen entstanden. Sie haben damit ganz andere Ansprüche als Wölfe. Hunde bevorzugen den Menschen, sie brauchen den Menschen, sie orientieren sich sehr stark am Menschen, der Wolf dagegen wird seinesgleichen immer vorziehen. Hunde kennzeichnet ihre Entwicklung zusammen mit dem Menschen. Das wurde uns mit den vergleichenden Studien an Wildkaniden und Haushunden immer wieder vor Augen geführt. Derlei muss man natürlich erst einmal beweisen, weshalb die wissenschaftlichen Vergleiche nach wie vor sehr wichtig sind. Auch die Studien, wie sich Straßenhunde von Generation zu Generation verändern, dass sie immer kürzeres Fell und Stehohren bekommen und den Menschen immer weniger brauchen. Wenn man mit diesen verwilderten Haushunden dann kognitive Experimente macht, gucken die eben nicht immer den Menschen an, wenn sie nach einer Lösung suchen, wie der Haushund das macht. Alles das ist der Anpassung an Umweltgegebenheiten zuzuschreiben. Hunde fanden so ihren Weg zum Menschen – durch Adaptation an ihn und Einpassung in seine Lebensformen.

Es gibt leider immer noch Trainer, die ihre zum Teil gewaltsamen Erziehungsmethoden mit dem Wolf begründen.

Dieser Ansatz ist falsch und war es auch immer. „Der Wolf macht dies und das“ wirkte lange Zeit, um Hunden gegenüber Härte zu „erklären“ und durchzusetzen. Diese Zeiten sind vorbei. Das Verhalten von Wolf und Hund gleichzusetzen ist unsinnig. Was sie eint, ist ihr ausgeprägtes Sozialverhalten. Damit kamen die Haushunde auf den Menschen und vice versa. Das passte.

Dr. Dorit Feddersen-Petersen ist Ethologin und hat über Jahrzehnte zu Wölfen und Hunden geforscht.
Dr. Dorit Feddersen-Petersen ist Ethologin und hat über Jahrzehnte zu Wölfen und Hunden geforscht. © Patrick Oligschläger

Die Ähnlichkeit zwischen Wolf und Hund wird meist damit begründet, dass ihre DNA sich zu 99 Prozent gleicht.

Das ist mit der DNA von Mensch und Schimpanse auch so. Deshalb sind wir trotzdem grundverschieden. So ist es beim Wolf und den hochvariablen Hunden auch, man kann sie einfach nicht in einen Topf werfen. Das Allerwichtigste, was den Hund vom Wolf unterscheidet, ist die Tatsache, dass er dem Menschen gegenüber so un­geheuer sozial und offen ist – und so ver­zeihend. Der Hund ist immer wieder bereit, dem Menschen seine ganzen Fehler zu ­verzeihen. Ich würde heute ohne Weiteres sagen: dass er den Menschen so liebt.

Machen sich diese Unterschiede zwischen Wolf und Hund auch im Körper bemerkbar?

Ja, denn auf dem Weg vom Wolf zum Hund hat sich nahezu alles verändert. Kein Organ blieb gleich. Hunde sind domestizierte Wölfe und wurden so ausgesprochen anders – Wölfe können im Gegensatz zum Hund Stärke und pflanzliche Stoffe nicht verdauen. Hunde haben einen anderen Aufbau des Verdauungsapparates.

Und könnte man Wölfe mit Trockenfutter für Hunde ernähren?

Nein. Wölfe können Stärke und pflanzliche Stoffe nicht verdauen, weil sie obligate Fleischfresser sind. Wir wissen seit der Studie von Axelsson von 2013, dass der Hund dagegen sehr wohl von Stärke profitiert. Der Wolf nicht. Man weiß, dass der Wolf die Magenwand eines Beutetieres frisst, nicht aber den Mageninhalt. Auch den Pansen lässt er meistens liegen und wälzt sich lieber darin. Der Wolf frisst Herz, Leber, Nieren und dann das Muskelfleisch. Den Mageninhalt fressen die Raben und die Krähen.

Würden Hund und Wolf sich denn verpaaren, wenn sie einander begegnen?

Das kommt selten vor. Sie würden sich nur verpaaren, wenn es „sexuellen Notstand“ gibt. Sonst gehen sie sich aus dem Weg.

Heike Heidec

2017.07.30 um 01:01 Uhr

Der Bericht ist sehr gut. Anmerken möchte ich doch folgendes, da es Ausnahmen bei den Hunderassen gibt. Ich halte einen Podenco Ibicenco und einen Podenco Canario. Diese unterscheiden sich ganz gewaltig von anderen Hunderassen. Diese Hunde sind auf Grund ihrer Eigenschaften ( feinste Instinkte, hohe Intelligenz, extremer Jagdtrieb, Schnelligkeit, Sprungkraft... ) nicht auf den Menschen angewiesen (um zu überleben), meiden ihn, soweit die Möglichkeit besteht. Durch ihre hohe Sensibilität ist die übliche Erziehung eines Hundes, mit ihnen nicht möglich, da sie sich nichts befehlen, oder gar zwingen lassen, den Halter nur noch mehr ablehnen und ignorieren würden. Ein falscher Ton reicht aus, um jegliche Beachtung zu verlieren. Wenn man ihnen gegenüber nicht 100 % authentisch ist, funktioniert gar nichts, da sie einen direkt durchschauen, die Gedanken förmlich lesen. Erst wenn sie von sich aus Augenkontakt aufbauen und Körperkontakt zulassen, kann man anfangen, mit ihnen zu " arbeiten" , um sie an das Leben mit Menschen zu gewöhnen. Um mit ihnen arbeiten zu können, müssen sie einen zuerst vertrauen, ausgeglichen sein und sollten sich wohl fühlen. Sie lernen sehr schnell und tun dann auch alles gerne, wenn man sie darum " bittet" . Gegenseitiger Respekt und Vertrauen ist absolut notwendig, um überhaupt etwas zu erreichen. Im Vergleich zu anderen Rassen, lassen sie sich nicht demütigen, um anschließend zurück zum Halter zu kriechen. Auch mit Futter sind sie dann nicht mehr zu locken und verhungern lieber. Sie verzeihen keine Ungerechtigkeit, da sie selber auch sehr Gerecht sind. Die Haltung entspricht auch nicht der, der üblichen Hunderassen. Ein großer, hoch eingezäunter Garten ( ab 2 m Höhe minimum), sollte vorhanden sein, damit sie viel rennen, graben und jagen können. Stimmt die Beziehung zwischen Halter und Podenco nicht, wird er jede Gelegenheit zum Ausbruch nutzen, kein Hindernis ist dann zu hoch und kein Loch ist zu klein. Ihn zurück zu bekommen, ist dann fast aussichtslos, noch dazu, wo sie unermüdliche, sehr schnelle Läufer sind. So schön und elegant sie auch sind, kommen sie im Verhalten eher einem Wolfshund nah und unterscheiden sich extrem zu anderen Rassen. So manch ein Podenco hat seine Halter schon zur Verzweiflung getrieben. Dies blieb mir zum Glück erspart und sie sind meine Selenhunde geworden.

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