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Verhaltensforschung Der will nur spielen

Andrea Mertes 25.08.2016

Die Verhaltensforscherin Dr. Dorit Feddersen-Petersen gilt als Koryphäe unter den Hundewissenschaftlern. Über das Spielen unterhielt sie sich mit DOGS-Autorin Andrea Mertes

Von Friedrich Schiller stammt der schöne Satz: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Wenn der spielende Mensch, der Homo ludens, auf den Hund trifft, verstehen die beiden einander sofort?

Feddersen-Petersen: Wenn der Homo ludens wirklich ein solcher ist, wenn er emotional ganz beim Hund ist und sich selbst fallenlassen kann im Spiel, dann verstehen die beiden sich ganz hervorragend. Wenn aber der Mensch zeitgleich überlegt, was er seinem Gefährten alles beibringen könnte während des Spiels, funktioniert das sicher nicht. Es muss wirklich ein freies Spiel sein, das sich entwickelt.

© Arne Svenson

Was bedeutet freies Spiel?

Kreatives Spiel ohne Regeln, das innige Gefühl ist hier ganz elementar, es erlaubt und ermöglicht alles. Wenn ich mit einem Welpen auf der Wiese liege, fange ich vielleicht an, ein bisschen zu rangeln. Mit der Hand bewege ich das kleine Maul hin und her, ahme Schnauzenzärtlichkeiten nach. Diese Trias aus Komfortverhalten, Grooming und Sozialspiel macht das freie Spiel aus. Dahinter steckt eine große Leichtigkeit des Seins.

Sie sagen, der Mensch von heute habe verlernt, körperlich mit seinem Hund zu spielen. „Das Selbstverständnis des Physischen geht verloren“, lautet ein Zitat von Ihnen. Wie meinen Sie das?

Mir ist aufgefallen, dass viele Hundehalter außerordentlich linkisch dastehen, wenn es an das gemeinsame Spielen geht. Sie wissen offenbar nicht, wie das geht. Oder sie suchen sofort ein Objekt, das sie dem Hund werfen können. Dabei ist es so leicht, innig mit dem Hund zu sein.

Was macht dieses Innige aus?

Auf ihn eingehen, mit ihm draußen in der Sonne sein, sich mit ihm beschäftigen. Auch das gemeinsame Faulsein genießen. Das sind Momente, in denen wir uns wirklich entspannen und dem Spiel hingeben können.

Also etwas ganz anderes als der Border Collie, der darauf wartet, dass sein Besitzer den Ball wirft?

Ja. Leider werden Border Collies immer wieder stark mit Objekten bespielt. Weil die Leute meinen, der Border sei ein besonderer Spezialist und müsse am besten
dauernd irgendwelche Objekte verfolgen und hüten. Schauen Sie sich Mensch und Hund in dieser Situation genau an: Der Werfer, also der Mensch, zeigt keinerlei Spielsignale, kein Spielgesicht, nichts. Er steht nur da und wirft. Auch beim Hund finden Sie keine Spielsignale, keine Übertreibung der Bewegungen, keine Spiellaute, kein Verdrehen der Augen, keine feine Mimik. Dieses Ballwerfen ist ein Pseudospiel. Wird es konsequent betrieben, ohne dem Hund Raum für Entwicklung zu geben, führt das in aller Regel in die Störung. Eine ganz ungünstige Lebensvorbereitung für den Welpen ist es allemal. Menschen missverstehen leicht, was Spiel ist und was Ernst. Knurren, Bellen, aufgerissenes Maul zum Beispiel werden oft als gefährlich gedeutet, zu Unrecht.

Wie lerne ich zu unterscheiden?

Indem Sie Hunde immer wieder beobachten. Im Spiel werden einzelne Handlungen sehr stark herausgestellt, andere fehlen ganz. Allem voran ist die Übertreibung wichtig, das Spielgesicht mit dem weit aufgerissenen Fang, die großen Augen, in denen man das Weiße sieht. Auch in der Vokalisation beherrschen Hunde diese Ausdrucksübertreibung, ihr Spielbellen hört sich quäkig an, manchmal ertönt auch eine Vibrato. Ich finde, das kann man sehr gut erkennen.

Gibt es Unterschiede im Spiel mit Fremden und mit Vertrauten?

Ja. Die fremde Hundegruppe im Park wird in der Regel angespielt, aber man gibt sich nicht so richtig hin. Eher werden rassetypische Eigenarten eingebaut: Windhunde rennen miteinander, Retriever tragen etwas im Maul herum. Was weniger gezeigt wird, sind Spiele, die in Maulrangeleien übergehen oder in Zärtlichkeiten. Auch eine übertriebene Mimik wie das Nasenrückenrunzeln zeigt man nur, wenn man das Gegenüber gut kennt und weiß, der kann das einschätzen. Das selbstvergessene Spiel braucht den vertrauten Spielpartner.

Nach Jahrzehnten der Forschung: Was ist Ihre wichtige Erkenntnis über das Spiel?

Als ich anfing, verstand ich das Spiel als etwas Sportives, mit Regeln, die todernst gemeint sind. Heute fasziniert mich die Leichtigkeit des Seins, die sich im Spiel ausdrückt. Es ist ein emotionaler Zustand, der sich zwischen Hund und Mensch offenbart. Er dokumentiert das Vertrauen und die Innigkeit untereinander. Wir spielen um der Handlung willen, und es ist wunderschön, was da passiert.

Welches ist Ihr Lieblingsspiel über all die Jahre gewesen?

Immer wieder ein Vokalisationsspiel. Mit unserem früheren Dackel konnte ich das sehr gut spielen. Ich finde es toll, dass Hunde auf unser Verbalisieren mit Vokalisieren antworten. Man spricht ein bisschen vor sich hin, mit lang gezogenen Worten, prononciert, vielleicht mit zurückgeworfenem Kopf und ausgestreckten Armen. Das kapieren Hunde sofort. Und dann antworten sie auch irgendwann. Das begeistert mich immer wieder.

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