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Interview „Wir setzen stark auf individuelles Lernen“ – Interview mit CumCane-Gründerin Ute Blaschke-Berthold

Katharina Jakob 28.06.2010

Statt an der Universität zu lehren, drängte es die Biologin Ute Blaschke-Berthold zur Arbeit mit Hunden. Weil sie nicht die richtige Ausbildung fand, gründete sie ihre eigene Hundeschule. Mit DOGS sprach sie über Rudelführer und Teamplayer.

Interview mit Blaschke-Berthold
CumCane-Gründerin Ute Blaschke-Berthold lebt mit ihrer zwei- und vierbeinigen Familie in Niederkassel © privat

Frau Blaschke-Berthold, wie kam es zur Gründung von CumCane?

Ich habe Biologie studiert, vor allem Verhaltens- und Neurobiologie, und mich viel damit beschäftigt, wie Menschen und Tiere lernen. Als ich vor zwanzig Jahren begann, mit Hunden zu arbeiten, fand ich nirgendwo eine Ausbildung, die dieses Wissen aus der Forschung berücksichtigt hätte. Im Gegenteil, es ging in der Hundeerziehung viel mehr um Macht. Die Leute hatten Spaß daran, dass der Hund spurt. Also musste ich selbst etwas entwickeln. Letztlich basiert das CumCane-Training auf den Erkenntnissen der modernen Verhaltensbiologie.

Was heißt das konkret?

Im Zentrum der Arbeit steht das sogenannte Markersignal, das erwünschtes Verhalten kennzeichnet. Das heißt, der Hund erhält ein Feedback von uns, wenn er etwas richtig gemacht hat. Danach folgt die Belohnung, mit der wir das Verhalten des Hundes positiv verstärken. Wissenschaftlich gesehen ist das ein Teil der operanten Konditionierung. Wir wollen, dass Hunde ihre Welt erkunden, weil das zu ihren Bedürfnissen gehört. Ein Welpe im Forschungsdrang will alles Mögliche ausprobieren. Er beißt zum Beispiel in den Wasserstrahl vom Gartenschlauch, er macht sich den Kopf nass, und wenn er das ungehindert tun darf, entdeckt er Wasser auf spielerische Weise. Dadurch hat er nicht nur Spaß, sondern lernt auch seine Umwelt kennen. Das ist das, was ihm später Sicherheit verleiht. Aber nur, wenn der Hund sein Erkundungsverhalten auch ausleben darf.

Trainingsreport von Tierschutzhund Merle

Die Vergangenheit von Labradormix Merle ist unklar – sie reagiert auf alles Neue mit Angst. Ihre Halterin, DOGS-Autorin Katharina Jakob, suchte Hilfe bei der Hundeschule CumCane. Merles Trainingsreport können Sie in DOGS Ausgabe 6/2013 lesen.

Was passiert, wenn er es nicht darf?

Nehme ich dem Tier die Möglichkeiten, sein angeborenes Erkundungsverhalten auszuüben, wird es unsicher. Das geschieht etwa, wenn ein Halter seinen Hund stark einschränkt, weil er irgendwo gelesen hat, dass ein Rudelführer das tun muss. Das sind die Hunde, die nicht ins Gebüsch schauen und sich nicht für Objekte interessieren dürfen. So etwas reduziert nicht nur ihre Lebensqualität, sondern führt auch oft zu problematischem Verhalten wie Angstaggression. Wenn wir das mentale Wohlbefinden von Tieren einschätzen, schauen wir immer, wie viel Neugier und Erkundungsverhalten sie zeigen. Beides sind die Gegenspieler zur Angst.

Worin unterscheidet sich das CumCane-Training von anderen sanften Methoden?

Der Hauptunterschied ist, dass wir stark auf das individuelle Lernen setzen. Wir schauen bei jedem einzelnen Hund, was seine Hobbys sind. Die Arbeit mit dem Markersignal steht und fällt ja damit, dass ein Halter die Bedürfnisse seines Hundes erkennt. Er lernt dadurch dessen Vielseitigkeit kennen und reduziert ihn nicht auf ein paar Grundbedürfnisse. Das Erkundungsverhalten etwa eignet sich hervorragend als Belohnung nach dem Markersignal. Das kann ein Stöbern im Laubhaufen sein oder ein Ausschauhalten nach dem Wild. Um es einfach zu sagen: Wir hören auf, alles zu verbieten, und kooperieren mit unserem Hund. Dessen Frustration reduziert sich, sein Erregungslevel sinkt. Dadurch bekommen wir einen Hund, der ansprechbar bleibt, selbst wenn etwas Aufregendes geschieht.

Verzichtet CumCane auf jede Restriktion in der Hundeausbildung? Wenn nicht, was wird praktiziert?

Eine Regel ist: Unerwünschtes Verhalten soll nicht auftreten, oder wenn es auftritt, soll es so schnell wie möglich unterbrochen werden. Auch wenn wir uns bemühen, die Unterbrechung so sanft wie möglich zu machen, bleibt sie eine Einschränkung, die den Hund frustriert. Etwa beim Geschirrgriff, der unerwünschtes Verhalten sofort stoppt. Den bauen wir als bewusstes Abbruchsignal auf, was dem Hund anzeigt, dass wir gleich seine Distanz unterschreiten und ihm ins Geschirr greifen werden. Das ist negativ, aber notwendig. Damit der Hund mit der Situation klarkommen kann, ist es wichtig, dass er nach dem Abbruchsignal ein erwünschtes Verhalten zeigen kann – das dann wieder passend belohnt wird.

Ein Kritikpunkt ist, dass sanftes Training oft zu lange dauert, bis sich Erfolge einstellen. Wie sehen Sie das?

Gegenfrage: Wie lange hat der Hund bereits mit dem unerwünschten Verhalten gelebt, bevor er zu uns gekommen ist? Meist heißt es: Och, das waren so zwei oder drei Jahre. Und in dieser Zeit sind zig Methoden durchprobiert worden. Da hat man mal eine Woche geklickert, dann den Klicker in die Ecke geworfen, ist zwei Wochen lang mit der Wasserflasche herumgelaufen, hat das dann doof gefunden und Rangreduktion ausprobiert. Das unerwünschte Verhalten hatte also eine sehr lange Zeit, sich zu etablieren. Dadurch ist der Hund gegenüber Veränderungen schon ziemlich resistent geworden. Entsprechend länger dauert für Mensch und Tier das Umlernen.

Und wenn man „nur“ ein Problem mit dem Pöbeln an der Leine hat?

Dann geht es schneller, in fünf Trainingseinheiten. Wir machen ja nichts auf dem Platz, sondern fahren dahin, wo die Leute leben. Dort zeigen wir den Aufbau der Impulskontrolle, der bei Leinenpöbelei wichtig ist: hinschauen, stehen bleiben, Marker, eine Belohnung, die zur Motivation des Hundes passt. Das setzen die Leute im Alltag um. Und fangen an, sich über gutes Verhalten zu freuen, anstatt sich ständig auf das Negative zu konzentrieren.

Ute Blaschke-Berthold, 52, legt großen Wert darauf, dass Halter ihre Beobachtungsgabe schulen. Der Schlüssel zum Verständnis von CumCane liegt im Erkennen hundlicher Bedürfnisse.

Weitere Informationen:
www.cumcane.de

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