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ERZIEHUNGSFEHLER Wenn Hunde zu sehr verwöhnt werden

Petra Führmann 01.09.2016

Hundetrainerin Petra Führmann über ihre Erfahrungen mit vierbeinigen Kronprinzen und unseren Führungsanspruch

Basti leidet. Er steht zwei Meter entfernt und ist durch einen Zaun von uns getrennt. Er schreit, versucht, sich am Zaun hochzuziehen, und ist völlig außer sich. Er regt sich so auf, dass wir um seine Gesundheit fürchten und ihn wieder zu uns holen. Dabei war die Situation keinesfalls schrecklich. Wir sind auf unserem Hundeplatz, und Basti war nicht wirklich allein. Wir waren wie gesagt nur zwei Meter entfernt und schauten ihn an.

Was also war so schlimm? Die Antwort ist einfach: Basti wurde zu viel verwöhnt und durfte fast nichts lernen. Der zehn Monate alte Foxterrier musste nie etwas tun, was ihm nicht gefiel. Es ist jedoch nicht so, dass mit Basti nicht trainiert wurde. Im Gegenteil, er besuchte eine gute Welpenspielstunde, seine Besitzer wollten das Beste für ihn. Sie bemühten sich jeden Tag, ihm etwas beizubringen. Seine Erziehung wurde rein positiv gestaltet.

Immer mehr Menschen sind der Meinung, dass sie ihren Hund auf rein positive Art und Weise erziehen möchten. Das ist natürlich ein schöner Gedanke, und dies soll auch keinesfalls ein Plädoyer gegen die moderne, positive Hundeerziehung werden. Doch viele Menschen machen dabei mehrere entscheidende Fehler.

© Paetrick Schmidt

Zu wenig Führung

Viele wollen ein partnerschaftliches Verhältnis und nicht der Bestimmer sein. Auf keinen Fall sollte der Hund aus Angst vor Konsequenzen handeln. Allerdings ist Erziehung ohne Meideverhalten in bestimmten Situationen nicht möglich. Wir alle halten an der roten Ampel aus Angst vor Strafe oder Verletzung, nicht weil wir dafür belohnt werden. Und bei aller Liebe zum Vierbeiner: Es wird niemandem gelingen, ein Hundeleben lang Stress zu vermeiden.

Zu wenig Training

Viele Hunde führen das Leben eines Kronprinzen. Sie werden zu sehr verwöhnt und nicht ausreichend trainiert. Mangelnde Führung lässt sich über viel Training nur bedingt ausgleichen. Diesen Zeitaufwand können die wenigsten tatsächlich leisten. Hunde brauchen sehr, sehr viele Wiederholungen in unterschiedlichen Situationen, damit sie eine Übung wirklich beherrschen. Wenn man auch Duldungsübungen wie Körperkontrolle, Warten, Sitzen- und Liegenbleiben ausschließlich ohne Korrektur und Frust trainieren möchte, erhöht sich der Trainingsaufwand um ein Vielfaches. Mehrere Hundert Wiederholungen pro Situation, Steigerung der Anforderungen in winzigen Schritten und sorgfältiges Einhalten des Trainingsplans, der auch das ortsbezogene Lernen ausreichend berücksichtigt, ist vonnöten.

Zu wenig Belohnung

Viele Hundebesitzer erwarten bereits nach wenigen Übungseinheiten von ihrem Hund, dass er ihren Wünschen auch ohne Belohnung nachkommt. Überträgt man diese Erwartung auf das Erlernen des Schreibens beim Kind, würde dies bedeuten, dass das Kind während des Lernens der Buchstaben A bis F ausgiebig belohnt wird, aber danach eine fehlerfreie Doktorarbeit schreiben soll. Eine hohe Belohnungsfrequenz und eine kontinuierliche Belohnung während der ganzen ersten Lernphase sind jedoch die Voraussetzung für ein freudiges und zuverlässiges Mitarbeiten des Hundes.

Zu viel Verwöhnen

Während wir Trainerinnen das Mehr-Trainieren und Länger-Belohnen noch gut vermitteln können, scheitern wir zunehmend daran, dass die Leute Unangenehmes auch mal aushalten. Zum Beispiel dass der Hund mal allein bleibt. Wir empfehlen zum Einüben die schrittweise Gewöhnung an eine Transportbox. Richtig angewandt, ziehen sich die Hunde sehr gern in ihre Höhle zurück. Natürlich wird der Welpe anfangs mal protestieren, an der Tür kratzen, jammern. Diesen Konflikt halten viele Besitzer nicht aus. Die ohnehin als Gefängnis empfundene Box wird nicht mehr benutzt, der Hund kann nicht lernen, was von ihm erwartet wird.

Statt des nötigen Trainings erleben wir folgende Situation immer öfter: Der komplette Alltag der Hundebesitzer wird darauf ausgerichtet, den Hund möglichst gar nicht allein zu lassen. Die Großeltern sowie Freunde und Bekannte werden aktiviert, um den Hund zu beaufsichtigen. Gleichzeitig werden Frustrationsübungen für den Hund wie Angebunden-Werden, Warten-Üben, Im-Körbchen-Bleiben oder Ein-Nein-Respektieren nicht ausreichend trainiert. Diese Kombination aus zu wenig Übungseinheiten, zu wenig wirklich positiv gestaltetem Training und dem fehlenden Einfordern von Frustrationstoleranz endet spätestens in der Pubertät mit einem völlig überdrehten, zügellosen Junghund, dem eine wichtige Lebensfähigkeit abgeht: auch mal Unangenehmes wie Frust, Langeweile und Etwas-nicht-Bekommen aushalten zu können.

So ging es auch Basti: Ein längerer Auslandsaufenthalt machte es erforderlich, dass Basti zu uns in Pflege kam. Für Basti brach eine Welt zusammen. Auf einmal stand er nicht mehr im Mittelpunkt, sondern sollte sich in einen fremden Haushalt einfügen. Er musste auch mal warten, hin und wieder eine Stunde im Auto, zu Hause oder auf dem Hundeplatz. Während Basti sich mühsam an sein neues Leben gewöhnte, litt er wirklich. Und zwar in einem Ausmaß, dass man als fast tierschutzrelevant betrachten muss, doch keiner war in der Lage, den vierundzwanzigstündigen Ponyhof aufrechtzuerhalten.

Leider treffen wir immer öfter auf Hunde wie Basti. Und leider enden nicht alle Geschichten glücklich. Es kommt häufiger vor, dass die Hunde wieder abgegeben werden, weil die Besitzer das Verhalten des Hundes nicht mehr aushalten. All das passiert nur aus falsch verstandener Liebe, weil die Besitzer ihrem Hund nichts zumuten möchten und nur alles Gute für ihn wollen.

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