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GESUNDHEIT Erkennen, ob mein Hund Schmerzen hat

Dr. Brigitte Glöwing 24.10.2017

Hunde fühlen Schmerzen genauso wie wir Menschen. Nur Hunde reden nicht darüber. Wie erkennen wir dennoch die Anzeichen für Schmerzen?

Schmerzen haben bei Mensch und Tier einen evolutionsbiologischen Sinn, so unangenehm sie auch sein mögen. Sie sind eine eindringliche Warnung an den Körper und lösen Schutzreflexe aus. Im besten Fall bewahren sie ihn vor weiteren Schäden.

Die Pfote wird schnell zurückgezogen, berührt sie den heißen Ofen, schüttelt der Hund das schmerzende Ohr, wird der Fremdkörper vielleicht wieder herausgeschleudert. Wenn Schmerzen über längere Zeit fortbestehen, verlieren sie jedoch ihren physiologischen Nutzen. Chronische Schmerzen führen zu Veränderungen an den Nerven, ein sogenanntes Schmerzgedächtnis kann entstehen.

Dann kann das Schmerzempfinden durch eine leichte Berührung oder ganz ohne äußeren Reiz ausgelöst werden. Dabei ist es nicht so, dass erst bei besonders lang anhaltenden oder starken Schmerzen diese Veränderungen an den Nervenzellen stattfinden können. In manchen Fällen entsteht das Schmerzgedächtnis gleich am ersten Tag. Zu allem Übel sind viele Medikamente bei chronischen Schmerzen weniger oder gar nicht wirksam. Daher ist eine frühzeitige und effektive Schmerztherapie wichtig, manchmal sogar bevor der Schmerz wie zum Beispiel vor geplanten Operationen überhaupt entstehen kann.

© Andreas Haase

SYMPTOME

Schmerzen zu überspielen, ist eine Fähigkeit, die Wölfen in der Natur das Überleben sichert, denn ein kranker Wolf wird aus dem Rudel herausgemobbt und ist dann ganz schnell ein toter Wolf. Besonders bei chronischen Schmerzen neigen Hunde dazu, diese zu verstecken. Da ist es selbst für sehr empathiefähige Tiereltern schwierig zu beurteilen, ob der eigene Hund leidet oder nicht.

Die typischen dumpfen Gelenkschmerzen bei Hüftgelenks- oder Ellenbogengelenksdysplasie schleichen sich sehr langsam ein, die entstehende Lahmheit oder Steifigkeit im Gang wird von vielen Hundehaltern als normale Alterserscheinung interpretiert. Fatal wäre, jetzt zu denken: Mein Hund ist halt alt, da kann man nichts machen. Alt ist er vielleicht, aber er hat ständig Schmerzen, nimmt man ihm die, bewegt er sich auch wieder mehr. Solche chronischen Schmerzen, wie sie bei Gelenkerkrankungen entstehen, sind manchmal nur an Verhaltensveränderungen zu erkennen. Ein klassisches Indiz ist: Er läuft nicht mehr zur Tür, wenn es klingelt, er hebt nicht einmal mehr den Kopf.

Leidende Hunde verweigern das Futter, sie bewegen sich weniger und wirken eingefallen. Sie entwickeln ein typisches Schmerzgesicht. Sie belecken schmerzende Stellen oder reißen sich büschelweise Haare aus. Bestehen Zweifel, ob eine Verhaltensänderung mit chronischen Schmerzen zusammenhängt, kann eine diagnostische Therapie durchgeführt werden: Die vermeintlichen Schmerzen werden durch Medikamente ausgeschaltet und man schaut, ob sich das Verhalten normalisiert.

Wir wissen, dass Schmerz subjektiv ist und nicht nur vom auslösenden Reiz abhängt, man denke nur an das unterschiedliche Schmerzempfinden von Männern und Frauen. Auch bei Hunden gibt es Sensibelchen und harte Typen, dabei spielen neben der individuellen Hundepersönlichkeit auch Rasse, Alter, Geschlecht und Vorerkrankungen eine Rolle. Und ja, auch die Beziehung zum Besitzer.

RICHTIGE SCHMERZMITTEL

Nicht nur aus ethischen, sondern auch aus medizinischen Erwägungen sollten Hunde Schmerzmittel erhalten. Schmerzen nach Verletzungen oder Operationen können zu einer schlechteren Wundheilung führen. Tiere, die Schmerzen haben, lecken ständig an der Wunde, knabbern nach der Operation an der Narbe, entfernen den Verband oder ziehen gleich alle Fäden.

Schmerz führt zu einer verlängerten Genesung und durch eine schmerzbedingte Schonhaltung zu Muskelverkürzungen. Doch vor dem Griff in den eigenen Medikamentenschrank muss eindringlich gewarnt werden. Schmerzmittel, die für den Menschen zugelassen sind, können für Hunde verheerende Nebenwirkungen haben. Nach einer Operation wird der Tierarzt Medikamente für den frisch operierten Vierbeiner mitgeben. Es ist wichtig, sich genau an die Dosierungsangaben und die vorgegebenen Zeitintervalle zu halten. Vor allem müssen Schmerzmittel lange genug gegeben werden. Meist sollen sie mit dem Futter verabreicht werden, weil sogenannten NSAIDs, das sind nichtsteroidale Entzündungshemmer wie der bekannte Wirkstoff Carprofen, den Magen-Darm-Trakt belasten können.

Nach Operationen wie Kastrationen müssen die Tabletten meist nur ein paar Tage gegeben werden. Sobald das Gewebe heilt, lassen Schmerzen nach. Bei einer Arthrose ist dagegen keine Heilung möglich, oft ist eine lebenslange Therapie nötig, zumindest in Intervallen, in denen akute Schübe Schmerzen verursachen.

Die Schmerztherapie bei chronischen Gelenkschmerzen sollte so früh wie möglich beginnen. Auch hier werden häufig NSAIDs eingesetzt, die schmerzlindernd und entzündungshemmend wirken. Bei akuten Bauchschmerzen, bei Durchfall oder Erbrechen sollten diese Wirkstoffe allerdings nicht angewendet werden, da das Medikament zusätzlich den Magen belasten würde. Der Tierarzt verabreicht in solchen Fällen oft den Wirkstoff Metamziol.

Besonders starke Schmerzen entstehen bei Erkrankungen oder Verletzungen im Kopfbereich und auch bei Krebserkrankungen. Ohrenentzündungen oder Augenkrankheiten verursachen unerträgliche Schmerzen. Auch pochende Zahnschmerzen zermürben den stärksten Hund genauso wie uns Menschen. Wenn die viel zitierten Entzündungshemmer hier nicht ausreichen, können sie mit stärkeren Mitteln, sogenannten Opioiden kombiniert werden.

ALTERNATIVMEDIZIN

Klassische Schmerzmedikamente allein reichen oft nicht aus, den Hund vollkommen schmerzfrei zu bekommen. Bei der häufigsten Ursache für starke Schmerzen, den chronischen Gelenkleiden, ist es wichtig, Beweglichkeit und Muskelkraft zu erhalten, damit die Gelenke entlastet werden. Angemessene moderate Bewegung sorgt dafür, dass genügend Gelenkschmiere gebildet wird. Beim Schwimmen wird Muskulatur aufgebaut, ohne die Gelenke zu belasten. Mit einer Physiotherapie können einzelne Muskelgruppen gezielt trainiert werden, sie ist besonders geeignet, um chronischen Schmerzpatienten Linderung zu verschaffen.

Viele Tierphysiotherapeuten bieten neben der Bewegungstherapie auch physikalische Methoden zur Schmerzbekämpfung an wie die Lasertherapie, Stoßwellentherapie, Magnetresonanz oder eine elektrische Nervenstimulation. Diese Verfahren stammen aus der Humanmedizin, funktionieren aber auch bei Hunden hervorragend.

Die Wirksamkeit von Akupunktur gegen Schmerzen ist bei Menschen mit chronischen Knieschmerzen wissenschaftlich belegt. Die Krankenkassen übernehmen hier sogar die Kosten für die Nadelschmerztherapie. Neben der Körperakupunktur wird bei Hunden auch die Ohr-akupunktur praktiziert. Für empfindliche vierbeinige Patienten empfiehlt sich die Laserakupunktur. Generell reagieren Hunde gelassen auf die Nadelstiche. Bei der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin findet man eine Liste von Therapeuten (www.ggtm.de). Auch Homöopathie und Phytotherapie (Pflanzenmedizin) können Schmerzpatienten helfen, welche Wirkstoffe zum Einsatz kommen, ist immer vom jeweiligen Fall abhängig.

Wenn Schmerzen unerträglich werden und auch starke Schmerzmittel nicht angeschlagen, kann eine Bestrahlung versucht werden. Diese Art der Therapie stammt ebenfalls aus der Humanmedizin und wird in spezialisierten Praxen und Kliniken mittlerweile auch für Tiere angeboten. Dabei wird das betroffene Gelenk in mehreren Sitzungen von außen mit Röntgenstrahlen behandelt. Erste Studien sind außerordentlich vielversprechend: 70 Prozent der behandelten Hunde zeigten eine Besserung der Symptome, 41 Prozent wurden sogar beschwerdefrei.

Relativ neue Verfahren sind die Stammzellentherapie und die Injektion von speziell aufbereitetem Blut (plättchenreiches Plasma) in das schmerzende Gelenk, womit die Regenerationsfähigkeit des Gelenks verbessert wird.

GRENZEN VON SCHMERZMITTELN

Gerade bei chronischen Gelenkschmerzen stehen Tierhalter oft vor dem Problem, dass verschriebene Schmerzmittel nicht den gewünschten Effekt zeigen. Der Hund leidet trotz Medikamenten unter quälenden Schmerzen, bleibt beim Spaziergang stehen oder hat keinen Appetit mehr.

Nicht so schnell aufgeben ist hier die Devise. Oft dauert es ein bis zwei Wochen, bis eine Besserung eintritt. Die initiale Therapie muss daher mindestens vier bis zwölf Wochen erfolgen. Oft hilft auch der Wechsel zu einem anderen Präparat der gleichen Wirkstoffgruppe. Studien haben gezeigt, dass Hunde sehr individuell auf die verschiedenen entzündungshemmenden Schmerzmittel ansprechen. Was bei dem einen wirkt, funktioniert beim nächsten überhaupt nicht. Aber auch die Kombination verschiedener Wirkstoffgruppen hat sich schon als die passende therapeutische Maßnahme erwiesen. Klären Sie mit dem Tierarzt die möglichen Mittel.

Medikamente lindern Schmerzen, sie haben aber auch unerwünschte Nebenwirkungen, gerade bei einer Anwendung über einen längeren Zeitraum. Bei den Entzündungshemmern können, wie erwähnt, häufiger Magen-Darm- und Nierennebenwirkungen beobachtet werden. Durchfall und Erbrechen können auftreten, in seltenen Fällen Magengeschwüre. Wichtig ist: Nichtsteroidale Entzündungshemmer immer mit dem Futter verabreichen, obwohl die neu entwickelten schmackhaften Kautabletten ganz ohne Futter funktionieren.

Achtung: Um Überdosierungen zu vermeiden, ist es ratsam, die Packung mit den Kautabletten außerhalb der Reichweite des Hundes aufzubewahren! Wird ein Wirkstoff schlecht vertragen, ist auch das ein Grund, auf ein anderes NSAID zurückzugreifen. Leber und Nieren arbeiten bei älteren Tieren nicht mehr so effektiv. Deshalb können Medikamente nicht mehr so schnell abgebaut werden, und die Nebenwirkungen nehmen zu. Das ist jedoch kein Grund, älteren Hunden die Medikamente vorzuenthalten, gerade betagten Hunden tut es oft überall weh. Wichtig: Lassen Sie die Funktion von Leber und Nieren regelmäßig im Blutbild kontrollieren.

UNERTRÄGLICHE SCHMERZEN-WAS TUN?

Auch wenn der Abschied schwerfällt: Werden die Leiden für den Hund unerträglich, ist das Einschläfern manchmal die letzte Möglichkeit, das Tier von quälenden Schmerzen zu befreien. Dies gilt besonders für unheilbar kranke Tiere, die zum Beispiel mit Tumorschmerzen kämpfen. Wenn Tiere gar nicht mehr fressen wollen, keine Anteilnahme am Familienleben zeigen, könnte es unter Umständen besser sein, das Tier zu erlösen. Ihr Tierarzt hilft Ihnen bei der schweren Entscheidung.

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