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Verletzungen bei Hunden Risse im Kreuzband

Johanna Esser 19.07.2016

Es stabilisiert, federt ab und reißt fast nie ganz durch. Probleme mit dem Kreuzband treten eher schleichend auf, sollten aber behandelt werden, um Schmerz und Lahmheit zu vermeiden.

Kreuzbandrisse bei Hunden

„Da muss es schon die Wucht eines Autounfalls geben, damit ein gesundes Hundekreuzband durchreißt“, weiß Tierarzt Jan Bret-schneider. Im Unterschied zum Kreuzband des Menschen ist es viel stabiler und reißt so gut wie nie auf einmal durch. Eher fasert es durch starke Belastungen des Kniegelenks nach und nach aus.

Die meisten Kreuzbandrisse sind die Folge eines geschwächten Bandes, verursacht durch Verschleiß, Degeneration, aber auch durch Rassedisposition des Hundes. Anfällig sind vor allem Labrador und Golden Retriever, Rottweiler, Neufundländer, Akita, Mastino Napoletano, Bernhardiner, Staffordshire Terrier, aber auch kastrierte Hündinnen, übergewichtige Hunde und Hunde mit steiler Hinterhand. Durch den steileren Neigungswinkel wird bei Letzteren unter der Belastung der vordere Schub und somit der Druck auf das vordere Kreuzband, das dem Schub entgegenwirkt, erhöht.

Ein Bänderriss macht das Knie instabil, was zu einer Entzündung führt und in der Folge zu Arthrosen (Knorpel- und Knochenabbau im Kniegelenk), die äußerst schmerzhaft sind und hochgradige Lahmheit verursachen. Vor allem große Vierbeiner mit einem Gewicht über fünfzehn Kilo führen die Statistik der Hunde mit Kreuzbandriss an, nicht selten sind die Tiere noch keine drei Jahre alt. Kleine Hunde sind zum Zeitpunkt der Erkrankung in der Regel älter, zwischen sechs und acht Jahren. Bei ihnen kann ein Riss des vorderen Kreuzbands auch im Zusammenhang mit einer Luxation der Kniescheiben auftreten. Hier muss chirurgisch neben dem gerissenen Kreuzband die verschobene Kniescheibe korrigiert werden.

© Tierarztpraxis Westerhorn Medizinische Illustration Dr. Jan Bretschneider

Was der Hund zeigt

Der Riss des vorderen Kreuzbands ist eine der häufigsten Ursachen für Lahmheit der Hintergliedmaße beim Hund. Ein vollständiger Riss wird leicht erkannt: Der Hund hinkt plötzlich massiv und zeigt Schmerzen. Schwierigkeiten bereitet dagegen die Diagnose eines partiellen Risses. Denn zu Beginn des Einreißens verhält sich der betroffene Hund normal. Erste Beschwerden treten am Morgen nach dem Aufstehen oder nach längerem Liegen auf, verschwinden aber bei zunehmender Aktivität wieder. Im Lauf der Zeit verstärkt sich das Hinken, der Hund beginnt auch im Stehen, das betroffene Bein zu entlasten. Später schmerzt dann auch das Knie, und der Hund kippt zur Seite, um es zu entlasten. Die Beobachtungen des Besitzers liefern dabei wichtige Hinweise in Bezug auf die spätere Diagnose. „Lahmt der Hund manchmal? Lahmt er immer, auf welchem Bein und wie stark? Genaues Hinschauen ist wichtig für die tierärztliche Diagnose“, erklärt Jan Bretschneider. Danach folgen die gründliche Allgemeinuntersuchung, eine differenzierte Lahmheitsdiagnostik und bestimmte Tests für das Knie. Als besonders wichtig erachtet Bretschneider, dass der Tierarzt den Hund zunächst anfasst, also mit den Händen untersucht. „Ich kann ja fühlen, ob das Knie beispielsweise heiß ist oder ob der Hund auf bestimmte Tests schmerzhaft reagiert. Erst danach röntgen“, meint er.

 

Welche Tests klären

Hundehalter können bei Verdacht auf Riss oder Anriss den sogenannten Sitztest machen. Dazu lässt man den Hund mehrere Male vor sich sitzen. Beugt er das Knie nicht komplett, dreht er es nach außen oder mag er sich gar nicht setzen, so spricht dies für ein gerissenes Kreuzband. Beim Schubladentest, den nur ein Fachmann anwenden sollte, wird der Hund auf die gesunde Seite gelegt, Ober- und Unterschenkel werden gegeneinander verschoben. Lässt sich der Unterschenkel nach vorn verschieben, ist das Kreuzband gerissen oder angerissen. Ein gesundes Band würde diese Bewegung verhindern. Den Tibiakompressionstest wendet der Tierarzt bei Verdacht auf kompletten Riss an. Das Kniegelenk wird mit einer Hand in Streckstellung gehalten, und die andere Hand beugt gleichzeitig das Sprunggelenk. Ist das Band gerissen, fühlt der am oberen Rand des Unterschenkels liegende Zeigefinger das Vorwärtsgleiten des Unterschenkelplateaus. Erst wenn diese Tests gemacht wurden, geht es ans Röntgen. „Ich röntge immer in Narkose, weil ich dabei auch ein Bild von der Hüfte mache“, erklärt Jan Bretschneider. „Denn häufig gibt es Zusammenhänge zwischen einem Kreuzbandriss und einer Hüfterkrankung.“ Das Corpus Delicti ist dann der Kapselschatten, der auf dem Röntgenbild zu sehen ist, ein sicheres Indiz für eine Erkrankung des Kreuzbands.

 

Nicht behandeln: ein No-Go

Kreuzbänder lassen sich auf 150 verschiedene Methoden operieren, die sich in drei Gruppen einteilen lassen. Tierärzte unterscheiden zwischen intra- und extrakapsulären Stabilisierungstechniken mit Bandersatz sowie dynamischen Methoden, die eine biomechanische Stabilität bewirken sollen. Bei allen drei Gruppen sollten immer auch die Menisken kontrolliert werden. Ein gerissenes Kreuzband muss nicht sofort operiert werden, man sollte es aber sobald wie möglich machen lassen, da sich sonst arthrotische Veränderungen bilden können. Bis zur Operation sollte der Hund geschont werden. Nicht zu operieren kommt für Jan Bretschneider auf keinen Fall in Frage, auch nicht bei kleinen Hunden oder Katzen: Wird nicht operiert, bleibt meist eine Instabilität erhalten, und das Kniegelenk bekommt starke arthrotische Veränderungen. Zudem ist das Risiko größer, dass infolge der Überbelastung das Kreuzband des anderen Beins schneller reißen kann. Statistiken zufolge reißt das zweite vordere Kreuzband bei etwa der Hälfte aller Hunde 420 Tage nach dem ersten Riss. Fehlbelastung ist ein möglicher Faktor. Und das will jeder Hundebesitzer verhindern.

Welche OP-Methode hilft?

„Als betroffener Hundehalter sollte man sich nie auf eine bestimmte Methode versteifen“, rät Tierarzt Jan Bretschneider. „Wichtiger ist, dass der Operateur die Methode, die er anbietet, auch beherrscht.“ Zur Auswahl stehen diese OP-Techniken:

Die TPLO (Tibia Plateau Levelling Osteotomy) macht das Kreuzband überflüssig. Dabei wird das Gelenk durch einen kleinen Schnitt eröffnet. Zuerst werden der Knorpel und Meniskus auf Schäden untersucht und gegebenenfalls behandelt. Danach wird mit einer speziellen Säge ein halbmondförmiger Schnitt durch den Schienbeinkopf, die Tibia, gemacht, das ausgeschnittene Stück wird in der Rundung so gedreht, dass sich ein 90-Grad-Winkel zum Oberschenkelknochen ergibt, dann wird alles mit Platte und Schrauben fixiert. Durch den veränderten Winkel wirken die Kräfte im Knie in eine andere Richtung, und das Kreuzband wird nicht mehr benötigt. Der Hund fängt in der Regel schon nach wenigen Tagen wieder an, das operierte Bein zu belasten, muss aber etwa acht Wochen am Rennen, Springen und Spielen gehindert werden.

Bei der TTA (Tibial Tuberosity Advancement) wird eine Art Kran vor das Schienbein gesetzt, der den Gelenkwinkel verändert. Die in Zürich entwickelte Methode erreicht über eine Versetzung der Schienbeingräte einen ähnlichen Effekt wie die TPLO. Die der TTA ähnliche MMP (Modified Maquet Procedure) ist noch recht neu. In den frühen Sechzigerjahren von einem belgischen Humanorthopäden entwickelt, wird sie seit den Neunzigern in England bei Hunden angewendet. Der wesentliche Unterschied zur TTA ist ein Titanschaumkeil, der die Knochenlücke ausfüllt und schneller verwächst. Der Hund kann schneller wieder laufen.

Bei den Zügeltechniken wird die Funktion des vorderen Kreuzbands durch ein künstliches Band wiederhergestellt. Es hat annähernd den Verlauf des natürlichen Kreuzbands und liegt außerhalb der Gelenkkapsel. Die Zügeltechniken unterscheiden sich durch Ort und Art der Fixation sowie durch die Materialien. In der ersten Phase der Heilung stabilisieren sie das Gelenk und reduzieren so Folgeschäden. Dann kommt es zu körpereigener Stabilisierung, die Funktion der Zügel erlischt.

Nachsorge: Nach der Operation sollte der Hund acht Wochen ruhig und an der Leine laufen. In den ersten drei Wochen beschränkt sich seine Bewegung auf das Nötigste. In den da-rauffolgenden Wochen kann sie langsam gesteigert werden. Besonders in dieser Phase ist Physiotherapie zu empfehlen. „Es gibt nichts Besseres“, bestätigt Tierarzt Jan Bretschneider. Futterergänzungsmittel helfen in der Regel nicht, lediglich Ome-ga-3- Präparate können die Heilung unterstützen. Bei TPLO-, TTA- und MMP-Patienten wird das Bein nach sechs Wochen noch einmal geröntgt, um den Heilungsgrad des Knochens zu beurteilen. Ist alles in Ordnung, darf der Hund wieder voll belasten.

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