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Richtig impfen Weniger ist mehr

Dr. Brigitte Glöwing 01.09.2015

In Deutschland wurde jahrzehntelang häufiger geimpft als unbedingt notwendig. Jeder Hund soll heute nur noch die Impfungen erhalten, die für ihn nötig sind. Aber welche genau sind das?

Verzichten sollte man auf Impfungen nicht, da sind sich die Experten einig. Gegen Infektionskrankheiten,­ die das Leben bedrohen, wie Staupe oder Parvovirose, haben Tierärzte ohne Impfung wenig Waffen. Diese Krankheiten sind in Deutschland durch das konsequente Impfen in den zurückliegenden Jahrzehnten selten geworden, sie sind jedoch nicht verschwunden, ein Restrisiko bleibt. „Wenn die Impfverweigerer weiteren Zulauf bekämen, könnten die großen Hundeseuchen auch bei uns erneut grassieren“, sagt Daniela Rose, Kleintierärztin aus dem schwäbischen Oberottmarshausen. Auf Impfungen ganz zu verzichten, wäre also ein schlechter Rat.

Das Staupevirus ist beispielsweise hoch ansteckend und eng mit dem Masernvirus des Menschen verwandt. Es gibt viele verschiedene Virusvarianten, die sich jeweils auf eine Tierart eingeschossen haben. Bei Löwen oder Seehunden haben Staupeepide­mien zu einer empfindlichen Dezimierung der Arten in bestimmten Gebieten geführt. Marder und Füchse können ebenfalls Träger von Staupeviren und potenzielle Überträger für Hunde sein. Gar nicht so selten bringen auch ungeimpfte importierte Hunde die Krankheit ins Land. Übertragen wird das Staupevirus ausschließlich durch direkten Kontakt.

© Iris Franz

Das Parvovirus, der Erreger der blutigen Durchfallerkrankung Parvovirose, kann dagegen auch an den Schuhen in die Wohnung eingeschleppt werden. Es ist äußerst widerstandsfähig und kann in der Umwelt längere Zeit überleben. Das Virus wird mit dem Kot infizierter Tiere ausgeschieden. Es verändert sich ständig, die neueren Varianten des Erregers können sowohl Hunde als auch Katzen infizieren. Beide Tierarten können sich außerdem gegen­seitig anstecken. Parvovirose verursacht einen Zusammenbruch des Immunsystems. Sie verläuft in vielen Fällen tödlich. Eine Impfung ist genau wie gegen Staupe dringend angeraten.

Hepatitis contagiosa canis (HCC), die ansteckende Leber­entzündung des Hundes, ist hingegen praktisch aus Deutschland verschwunden. Das Canine Adenovirus, der Erreger der Leberentzündung, wurde schon seit Jahren nicht mehr nachgewiesen. An der Medizinischen Tierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München wird deshalb die Impfung gegen HCC nicht als Routine­impfung empfohlen. Doch ist der Wirkstoff gegen die ansteckende Leberentzündung in den meisten Kombinationsimpfstoffen immer noch enthalten. Einziger Vorteil: Die Impfung gegen HCC schützt auch gegen einen der vielen Erreger des Zwingerhustens.

Tollwut ist aus unserem Bewusstsein ebenfalls verschwunden. Noch vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland pro Jahr rund fünftausend Tollwutausbrüche bei Haus-, Nutz- und Wildtieren. Heute­ ist die klassische Form der Tollwut dank groß angelegter Impf­aktionen bei Haustieren und Füchsen quasi nicht mehr existent, seit 2008 gilt Deutschland als tollwutfrei. „Gegen Tollwut impfen wir vor allem wegen der aktuellen Gesetzeslage und nicht wegen der potenziellen Infektionsgefahr“, sagt Prof. Katrin Hartmann von der Medizinischen Tierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach der nationalen Tollwutverordnung müssen ungeimpfte Hunde bei begründetem Tollwutverdacht unter Quarantäne gestellt und schlimmstenfalls eingeschläfert werden. Wird ein ungeimpfter Vierbeiner von einem Wildtier gebissen, besteht ein begründeter Verdacht. Bei Reisen ins Ausland ist ein durchgehender Impfschutz gegen Tollwut Pflicht.

Gefahr auch für Menschen

Leptospirose gewinnt in Deutschland neben Staupe und Parvovirose immer mehr an Bedeutung. In den vergangenen fünfzehn Jahren wurden zunehmend Infektionen bei Mensch und Tier registriert. Die Krankheit wird im Gegensatz zu den vorher genannten Infektionskrankheiten nicht durch Viren, sondern durch Bakterien verursacht und kann deshalb mit Antibiotika behandelt werden. Trotzdem ist diese Erkrankung tückisch, denn sie kann ganz unterschiedliche diffuse Symptome hervorrufen, von Husten über Muskelschmerzen bis hin zu vermehrtem Durst, und wird deshalb häufig erst spät erkannt. Auch beim Menschen kommt es immer wieder zu Todesfällen. In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 100 Personen an Leptospirose, im vergangenen Jahr waren es sogar 160. Doch die wenigsten stecken sich bei ihren Hunden an. Meist kommen sie in ihrer Umwelt mit den Bakterien in Kontakt.

Die schraubenförmigen Organismen siedeln sich in den Nieren ihrer Opfer an und vermehren sich dort. Infizierte Hunde und Wildtiere übertragen die Krankheit mit ihrem Urin. Besonders wohl fühlen sich die Bakterien in Tümpeln oder Pfützen. Bei Hunden hat in den vergangenen Jahren die Zahl der Leptospirosefälle deutlich zugenommen. Auffallend war, dass verstärkt andere Typen des Bakteriums als die bisher in Deutschland häufig registrierten vorkommen. Der Verlauf der Erkrankung scheint ebenfalls dramatischer zu sein als früher, Tierärzte sehen heute häufiger die Lungenform, bei denen Hunde nach schweren Entzündungen aus der Lunge bluten. Experten wie Katrin Hartmann empfehlen daher die regelmäßige­ Impfung gegen Leptospirose für alle Hunde. Neuere Impfstoffe decken auch neuere Leptospirosetypen ab und sind dadurch sicherer.

Grundimmunisierung sollte jeder Hund erhalten

Achte Woche: Leptospirose, Parvovirose und Staupe,
zwölfte Woche: Leptospirose, Parvovirose, Staupe, Tollwut;
sechzehnte Woche: Parvovirose, Staupe, Tollwut;
fünfzehn Monate: Leptospirose, Parvovirose, Staupe, Tollwut.

Werden Hunde erst in einem höheren Alter zum ersten Mal geimpft,­ ist ab einem Alter von sechzehn Wochen eine einmalige Impfung bei Verwendung von Lebendimpfstoffen (beispielsweise Staupe, Parvovirose, HCC) und eine zweimalige Impfung bei inaktivierten­ Impfstoffen (etwa Tollwut, Leptospirose) im Abstand von drei bis vier Wochen, gefolgt von einer Impfung nach einem Jahr, für eine Grundimmunisierung ausreichend.

Von Anfang an geschützt

Damit eine Impfung ihre Wirkung entfalten kann, ist im Welpen­alter eine sogenannte Grundimmunisierung notwendig. Ansonsten werden die Hunde zwar geimpft, aber nicht immunisiert. In den ersten Wochen ist der Welpe durch Antikörper der Mutter geschützt. Diese Antikörper werden von der geimpften Hündin beim Säugen über die Muttermilch an die kleinen Hunde weitergegeben. Dies geschieht vor allem in den ersten Tagen nach der Geburt. Diese­ für die Welpen so wertvolle Milch nennt man Kolostrum. Die Antikörper der Mutter schützen den Babyhund vor gefährlichen Krankheitserregern.

Doch die mütterlichen Helferzellen werden nach einigen Wochen abgebaut. Irgendwann sind nur noch so wenige­ im Blut, dass sie das Junge nicht mehr vor den Angriffen der Killerviren und -bakterien schützen können. Die wenigen noch verbliebenen mütterlichen Antikörper neutralisieren jedoch die Impfung. Deshalb versucht der Tierarzt, mit häufigen Impfungen alle drei bis vier Wochen diese kritische Phase zu überbrücken und den Zeitpunkt zu erwischen, an dem keine mütter­lichen Antikörper mehr im Blut des Welpen zirkulieren. Die Wiederholungsimpfung mit fünfzehn Monaten soll sicherstellen, dass Hunde mit schlechter Immunantwort auf die Welpenimpfung geschützt sind.

Alle Jahre wieder?

Ist die Grundimmunisierung korrekt ausgeführt, hält der Impfschutz wesentlich länger an als früher gedacht. Die Ständige Impfkommission im Bundesverband Praktizierender Tierärzte wie auch die internationale Vereinigung der Kleintiertierärzte WSAVA und die amerikanische Vereinigung der Kleintiertierärzte AAHA empfehlen, Wiederholungsimpfungen für Staupe oder Parvovirose nicht häufiger als alle drei Jahre durchzuführen. Ist der Hund bereits immun, wird die Wiederholungsimpfung keine Extraimmunität bringen, heißt es in den Empfehlungen der WSAVA. Wahrscheinlich hält der Impfschutz sogar noch länger, wie auch beim Menschen, vielleicht sogar ein Leben lang. „Belastbare Studien hierzu fehlen jedoch noch“, so die Expertin Prof. Katrin Hartmann.

Wer seinen Hund nicht mit unnötigen Impfungen belasten und trotzdem kein Risiko eingehen möchte, kann den Immunstatus gegen­über Staupe, Parvovirose sowie HCC überprüfen lassen und dann entscheiden, ob eine erneute Impfung nötig ist. Neuerdings sind Testkits auf dem Markt, mit denen der Tierarzt in der Praxis innerhalb von zwanzig Minuten die Antiköper im Blut des Hundes nachweisen kann. „Sind Antikörper gegen Parvovirose, Staupe oder HCC im Blut vorhanden, sind erwachsene Hunde unabhängig vom Antikörpertiter ausreichend geschützt“, so Prof. Hartmann. Für die Zoonose Tollwut gelten allerdings andere Regeln. Da durch die Krankheit jährlich vor allem in Afrika und Asien etwa 55 000 Menschen sterben, ist der Impfrhythmus abhängig vom Impfstoff und wird vom Hersteller vorgegeben. Je nach Hersteller sind Wiederholungsimpfungen nach ein bis vier Jahren notwendig. Wer mit seinem Hund ins Ausland reisen möchte, sollte darauf achten, dass er die fälligen Wiederholungsimpfungen nicht verpasst.

Individuelle Risiken abklären

Für manche Hunde sind neben den Basisimpfungen gegen Staupe, Parvovirose, Leptospirose und Tollwut noch zusätzliche Impfungen nötig. Die Pharmaindustrie ist darauf bestens vorbereitet. Beim Bundesinstitut für Impfstoffe sind 68 zugelassene Impfstoffe allein für den Hund gelistet. Auch für aufgeklärte Hundehalter ist es schwierig, da den Überblick zu behalten. Umso wichtiger ist eine gute Beratung beim Tierarzt. Viele Praxen bieten alljährliche Gesundheitschecks und Impfberatung an. Der Hund wird dann von der Nasenspitze bis zur Rute untersucht, gesundheitliche Probleme werden besprochen und Gesundheitsrisiken aufgespürt. Die Gefährdung eines Vierbeiners hängt von vielen Faktoren ab, von seinem Alter, seinen Lebensbedingungen und von seinen Vorlieben. Hunde, die in der Hundeschule, auf dem Hundesportplatz oder in der Tierpension auf andere Vierbeiner treffen, sollten gegen Zwingerhusten geimpft werden. Das gilt ganz besonders für junge Hunde unter zwei Jahren, die empfänglich für diese Krankheit sind. Zuchthündinnen benötigen einen belastbaren Schutz gegen­ Hundeherpes, denn durch die Impfung der Mutter können Erkrankungen und Todesfälle der Welpen verhindert werden.

Geht der Hund auf Reisen in die Mittelmeerregion, können Impfungen gegen Babesiose und Leishmaniose eine Rolle spielen. Die Babesiose wird von Zecken, die Leishmaniose durch Schmetterlingsmücken übertragen. Die Impfungen mildern aber nur die klinischen Symptome, sie sind kein absoluter Schutz vor diesen Erkrankungen. Parasitenschutz ist hier wichtiger als eine Impfung. Eine andere durch Zecken übertragene Krankheit ist die Borreliose. Menschen erkranken daran und können Spätfolgen wie Nervenschädigungen entwickeln. Wie viele Menschen sich in Deutschland jährlich mit Borreliose infizieren, weiß niemand. Der Nachweis der Krankheit gestaltet sich äußerst schwierig. Die allermeisten Hunde hingegen zeigen trotz Infektion keine Symptome. Sinnvoller als eine Impfung ist konsequente Zeckenabwehr, zumal Nebenwirkungen nach einer Impfung relativ häufig auftreten.

Reaktionen & Risiken

In Deutschland gehören Impfungen in jeder Tierarztpraxis zum Alltag. Das Bundesinstitut für Impfstoffe (Paul-Ehrlich-Institut) schätzt, dass deutsche Tierärzte jährlich etwa drei Millionen Impfungen an Hunden durchführen. Hingegen gehen jedes Jahr etwa hundert bis hundertdreißig Meldungen zu Impfzwischenfällen ein, an die dreißig enden davon tödlich. Ein Restrisiko bleibt also. Kleine Rassen scheinen ­besonders anfällig zu sein. Beim Paul-Ehrlich-Institut werden besonders viele unerwünschte Impfreaktionen beim Chihuahua und Mops gemeldet. Wissenschaftler vermuten, dass dies an der relativ zum Körpergewicht größeren Dosis liegen könnte, wissenschaftliche Belege dafür gibt es jedoch bisher nicht.

Die Impfspritze enthält abgeschwächte oder abgetötete Krankheitserreger sowie Lösungsmittel. Wird die Lösung unter die Haut gespritzt, hat der Körper zunächst einmal Stress. Das Immunsystem wappnet sich und bildet spezielle Antikörper aus, die den Körper befähigen, sich bei einem Angriff der echten Erreger zu wehren. Das bedeutet Arbeit. Deshalb sind ­Müdigkeit, sogar leichtes Fieber ganz normale Reaktionen auf eine Impfung, genauso wie Schwellung oder Druckschmerz an der Injektionsstelle. Damit Bello sich ganz auf die Bildung von Antikörpern konzentrieren kann, sollten ausschließlich gesunde und parasitenfreie Tiere geimpft werden.

Die größte Gefahr einer Impfung ist die allergische Reaktion. Sowohl die abgeschwächten Erreger als auch die Lösungs- oder Hilfsmittel können in sehr seltenen Fällen heftige allergische Reaktionen beim Hund hervorrufen. Meist erscheinen die Symptome wie Anschwellen des Gesichts oder starker Juckreiz ein paar Minuten nach der Impfung. Viele Praxen empfehlen daher, nach der Impfung etwa zwanzig Minuten lang im Wartezimmer Platz zu nehmen, um die Reaktion des Patienten auf den Piks abzuwarten. Befindet man sich bereits auf dem Heimweg, sollte man bei Anzeichen eines allergischen Geschehens in die Praxis des Tierarzts zurückkehren, damit der Vierbeiner so schnell wie möglich wieder auf den Behandlungstisch kommt. Beobachtet werden Erbrechen und Durchfall, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Schwierigkeiten beim Laufen oder Atemnot. Besonders gefürchtet ist der anaphylaktische Schock, eine heftige, lebensgefährliche allergische Reaktion des Körpers.

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