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Handgriffe im Notfall Basiswissen: Erste Hilfe für den Hund

28.10.2013

Was stabilisiert den Kreislauf des Hundes? Wie verbinde ich eine stark blutende Wunde? Was ist im Notfall als Erstes zu tun? DOGS-Tierärztin Sophie Strodtbeck zeigt wichtigste Handgriffe für den Ernstfall.

Alles kann passieren: Der Hund kommt einem auf der Gassitour urplötzlich auf drei Beinen entgegengehumpelt. Oder er blutet stark, weil seine Haut durch eine Beißerei oder bei einem Sprung durch das Unterholz verletzt wurde. Sein Kreislauf kann an einem heißen Tag oder durch Überanstrengung schlapp machen. Was ist zu tun?

Pfotenverband – Basiswissen: Erste Hilfe für den Hund
Beim Gassigehen kann sich der Hund schnell mal an der Pfote verletzen. Ein schneller Pfotenverband sorgt dafür, dass sich die Wunde nicht infiziert. © Enno Kapitza

Was ist ein Notfall?

Zunächst muss man in der Lage sein zu beurteilen, was ein echter Notfall ist, der unmittelbar behandelt werden muss, und wann man sich mit dem Besuch beim Tierarzt auch noch etwas Zeit lassen kann. Das ist keine leichte Aufgabe für einen Laien.

Daher gilt:

  • Absolute Notfälle und eine unmittelbare Gefahr für das Leben Ihres Hundes sind: Schockzustände, akute Vergiftungen, starke Blutungen bei Verletzungen der Arterien, Herz- und Atemstillstände, Bewusstlosigkeit, Verletzungen, die zu blockierten Atemwegen sowie zum offenen Brustkorb oder Bauchraum führen.
  • Lebensbedrohlich und ebenso sofort behandlungspflichtig sind: beginnende Schockzustände, Frakturen, starke Blutungen, andauernde Krampfanfälle, großflächige Wunden, Vergiftungen, Verletzungen der Augen und schwere Erfrierungen oder Verbrennungen.
  • Bei harmlosen Verletzungen, dazu zählen zum Beispiel kleine, nicht stark blutende Bisswunden oder Schnittverletzungen sowie leichtes Lahmen, reicht es unter Umständen aus, wenn Sie den Tierarzt im Lauf des Tages aufsuchen.

Üben Sie Notarzt: Wichtig ist es in jedem Fall, die gezeigten Maßnahmen mehrfach am unverletzten, gesunden Hund zu üben, damit Sie die Handgriffe trainieren und im Ernstfall parat haben oder sich daran erinnern. Die eingeübte Routine im Umgang mit Notfällen hilft Ihnen und Ihrem Hund und vermeidet unnötigen Stress.

Fieber messen

So geht’s: Die Körperinnentemperatur wird beim Hund immer rektal gemessen. Hierzu eignet sich ein handelsübliches digitales Thermometer, das vorsichtig in den Anus des Hundes eingeführt wird. Verwenden Sie dafür gegebenenfalls etwas Gleitgel. Die Normaltemperatur eines gesunden Hundes beträgt 38 bis 39 Grad. Sie kann bei großen Rassen etwas nach unten und bei kleinen Rassen etwas nach oben abweichen. Eine erhöhte Temperatur, also mehr als 39 Grad, deutet auf Fieber oder einen Hitzschlag hin. Eine niedrigere Temperatur, unterhalb von 38 Grad, tritt bei Unterkühlungen oder einem Schock ein.

Schleimhäute beurteilen

So geht’s: Am besten wird dies an der Maulschleimhaut geprüft. Schieben Sie dafür eine Lefze hoch. Lediglich bei Hunden, die hier stark pigmentiert sind, fällt die Beurteilung über die Nickhaut, das dritte Augenlid, leichter. Als normal gilt glatte, feuchte, glänzende und blassrosa Schleimhaut.

Abweichungen: Blasse Schleimhäute deuten auf einen Blutmangel hin, zum Beispiel durch großen Blutverlust, innere Blutungen oder verschiedene Infektionskrankheiten. Sind die Schleimhäute bläulich gefärbt, deutet das auf Sauerstoffmangel, ein Herzproblem oder eine Kreislaufschwäche. Sind die Schleimhäute hingegen „verwaschen“ dunkelrot, können eine Infektion, ein Hitzschlag oder andere Erkrankungen zugrunde liegen.

Herzfrequenz messen

So geht’s: Das Herz ertastet man auf der linken Seite des Hundes am Brustkorb kurz hinter dem Ellbogen. Zur Bestimmung der Frequenz legen Sie entweder Ihr Ohr direkt auf den Brustkorb oder Sie ertasten das Herz durch Auflegen der Hand. Bei kurzhaarigen, schlanken Hunden kann man häufig das Herz sogar schlagen sehen. Normalwerte und Abweichungen: siehe Puls.

Atemfrequenz messen

So geht’s: Zählen Sie hierzu die Bewegungen des Brustkorbs. Bestimmen Sie dabei einmal Ein- und Ausatmen als einen Atemzug. Zählen Sie 15 Sekunden lang und multiplizieren Sie den Wert mit vier, dann haben Sie die Anzahl der Atemzüge pro Minute. Normalwert: 10 bis 40 Atemzüge pro Minute, kleine Hunde haben eine höhere Frequenz als große. Unbedenklich ist die tiefe, ruhige Atmung.

Abweichungen: Atmet der Hund flach, schnell oder unregelmäßig, deutet das auf Aufregung, einen Schock, Lungenprobleme oder Schmerzen hin. Atmet der Hund gar nicht mehr, ist er tot. Wenn aber noch ein Herzschlag zu fühlen ist, beginnen Sie unverzüglich mit der Reanimation, denn jetzt zählt jede Sekunde!

Kreislauf beurteilen

So geht’s: Die kapillare Rückfüllungszeit, kurz KFZ, gibt neben der Herz- und Pulsfrequenz Auskunft über die Kreislaufsituation des Vierbeiners. So geht’s: Suchen Sie sich an der Maulschleimhaut Ihres Hundes über den Zähnen eine müglichst unpigmentierte Stelle und drücken Sie einige Sekunden fest mit dem Daumen dagegen. Wenn Sie loslassen, sehen Sie einen blutleeren, weißen Fleck dort, wo gerade noch Ihr Daumen war. Zählen Sie die Sekunden, bis sich dieser Fleck erneut mit Blut füllt und wieder genauso rosa ist wie die übrige Schleimhaut. Normalwert: Der hellere Punkt muss innerhalb von maximal zwei Sekunden wieder seine ursprüngliche Farbe annehmen.

Abweichungen: Eine kapillare Rückfüllungszeit von mehr als zwei Sekunden ist unnormal. Auslöser können unter vielen Ursachen ein Herz-Kreislauf-Problem, ein Schock, innere Blutungen, Blutarmut zum Beispiel durch Vergiftungen oder Infektionen sein.

Puls messen

So geht’s: Sie müssen die Arterie im Schenkelspalt ertasten, einen etwa spaghetti- bis bleistiftdicken pulsierenden Strang. Messen Sie 15 Sekunden lang und multiplizieren Sie dann den Wert mit vier, um den Pulsschlag pro Minute zu erhalten. Normalwert: Je nach Größe des Hundes sind 70 bis 120 Schläge pro Minute unbedenklich. Kleinere Hunde haben einen schnelleren Puls als große. Physiologisch haben Hunde einen kräftigen, aber durch die Atmung bedingt leicht unregelmäßigen Pulsschlag.

Abweichungen: Ein schneller Puls wird zum Beispiel durch Fieber verursacht. Ist er schnell und schwach, kann ein Schock die Ursache sein. Wenn Sie keinen Puls ertasten können, hilft es, stattdessen die Herzfrequenz zu messen.

Atemwege frei halten

So geht’s: Wenn der Hund nicht mehr atmet, sind meist Schleim, Fremdkörper, Blut oder Erbrochenes in der Maulhöhle oder der Luftröhre die Verursacher. Kontrollieren Sie auch, ob die Nasenlöcher frei sind! Legen Sie den Hund auf die rechte Körperseite und strecken Sie seinen Kopf. Öffnen Sie das Maul und schauen Sie, ob Sie darin Fremdkörper erkennen können. Ziehen Sie die Zunge leicht aus dem Maul, um auch den Rachen untersuchen zu können. Blut und Schleim können Sie einfach herausstreichen. Bei einem Fremdkörper hängt das weitere Vorgehen von dessen Art ab: Sitzt etwas festgespießt, lassen Sie Ihr Tier unbehandelt, bis Sie beim Tierarzt sind – wenn Sie den Fremdkörper herausziehen, könnte das zu starken Blutungen führen. Sitzt er locker und für Sie erreichbar, so können Sie ihn entfernen.

Richtig beatmen

So geht’s: Falls Ihr Hund trotz freier Atemwege nicht atmet, müssen Sie ihn unbedingt sofort beatmen. Legen Sie ihn dazu auf seine rechte Seite und strecken Sie seinen Kopf so, dass Kopf und Hals eine Linie bilden. Halten Sie ihm das Maul zu und beginnen Sie vorsichtig, Luft in seine Nasenlöcher zu pusten. Die Frequenz sollte ein Atemzug pro zwei bis drei Sekunden sein. Die Luftmenge ist dann richtig, wenn sich der Brustkorb des Hundes wie bei der normalen Atmung hebt. Die eingeblasene Luft entweicht anschließend passiv von selbst.

Reanimieren

Die Fachfrau spricht von kardialer Reanimation und meint damit eine Herzmassage, die dann notwendig ist, wenn der Hund keinen Puls und Herzschlag mehr hat.

So geht’s: Legen Sie ihn auf seine rechte Seite und legen Sie Ihre Hände übereinander auf sein Herz, also hinter den Ellbogen auf den Brustkorb. Drücken Sie nun mit den Händen (bei einem kleinen Hund mit den Fingern) einmal pro Sekunde auf das Herz. Das wiederholen Sie zehnmal, um dann zu überprüfen, ob der Herzschlag wieder eingesetzt hat.

Auf einen Schock reagieren

Ein Schock ist ein akutes Kreislaufversagen und immer ein lebensbedrohlicher Zustand. Die Ursachen dafür sind vielfältig, ein Trauma, Allergien, Herzversagen, Vergiftungen, ein großer Flüssigkeitsverlust, Infektionskrankheiten kommen als Auslöser infrage. Wichtig zu wissen: Ein Schock verläuft immer in zwei Phasen. Zunächst wird der Kreislauf zentralisiert, das heißt, nur die unmittelbar lebensnotwendigen Organe wie Herz, Lunge und Gehirn werden mit Blut notversorgt. Wenn dieser Zustand nicht mehr aufrechterhalten werden kann, etwa weil die Nieren zu lange nicht mehr mit Blut versorgt werden und zu versagen drohen, kommt es zur Phase der Dezentralisation. In diesem Schockstadium ist die Prognose schlecht.

Wie erkennen? Ein Hund im Schock hat eine kalte Körperoberfläche, blasse oder bläuliche Schleimhäute und eine kapillare Rückfüllungszeit von mehr als zwei Sekunden, einen schnellen und flachen Puls, einen pochenden Herzschlag, eine sehr schnelle Atmung und eventuell Untertemperatur. Oft ist der Hund nicht ansprechbar, weil er das Bewusstsein verloren hat.

So geht’s: Überprüfen Sie die oben angegebenen Vitalfunktionen und stellen Sie sicher, dass der Hund atmen kann. Zeigt er keine Vitalfunktionen, beginnen Sie mit der Reanimation. Ist er bei Bewusstsein, bieten Sie ihm Wasser oder eine Traubenzuckerlösung zu trinken an. Beruhigen Sie ihn, vermeiden Sie Stress und suchen Sie schnell den nächsten Tierarzt auf. Lagern Sie Ihren Hund beim Transport so, dass die Pfoten höher liegen als Kopf und Rumpf, aber nur, wenn das für den Hund keinen zusätzlichen Stress bedeutet.

Pfoten- und Krallenverletzungen versorgen

Verletzungen der Krallen sind sehr schmerzhaft, Schnittverletzungen im Ballen neigen zu starken Blutungen. In beiden Fällen müssen Sie einen gut gepolsterten Verband anlegen.

So geht’s: Polstern Sie die Zwischenzehenräume gut mit Watte ab, bevor Sie die Pfote einbinden. Vergessen Sie bei der Vordergliedmaße die Daumenkralle nicht! Danach wickeln Sie zunächst mehrere Schichten Verbandswatte um die Pfote, bevor Sie mit einer einfachen oder einer selbstklebenden Mullbinde den Verband anlegen. Das Ganze gut mit Klebeband fixieren.

Wichtig ist es, darauf zu achten, dass der Verband weder zu locker noch zu fest sitzt. Im erstgenannten Fall wird der Verband nicht lange halten, weil er dem Hund bei Bewegung abfällt oder weil er ihn mit seinen Zähnen geschickt abknabbert. Im letzteren, tragischeren Fall wird die Blutzirkulation der Gliedmaße durch das Abschnüren unterbrochen, was womöglich sogar eine Amputation der Gliedmaße nach sich zieht. Der Tierarzt sollte also unbedingt nach der Ersten Hilfe aufgesucht werden.

Kopfverband anlegen

Ohren- beziehungsweise Kopfverletzungen kommen bei Hunden relativ häufig vor, meist werden sie durch Bisse oder durch Stocke beim Spielen verursacht. In der Regel bluten auch kleine Verletzungen am Ohr sehr stark, sodass es notwendig ist, einen Verband anzulegen. Achten Sie auf einen guten Sitz, ein verrutschter Verband kann den Hund erdrosseln.

So geht’s: Legen Sie zunächst einen Tupfer auf die Verletzung und klappen Sie das verletzte Ohr über den Kopf. Die nun offen liegende Innenseite des Ohres wird mit Watte gepolstert. Nun wickeln Sie eine Schicht Verbandswatte oder -polster so um den Kopf, dass das andere, unverletzte Ohr frei bleibt, also einmal vor diesem und einmal hinter diesem. Danach verfahren Sie genauso mit einer Mullbinde oder einem selbstklebenden Verband und befestigen alles mit Pflaster.

Das gehört in die Notfallapotheke © Enno Kapitza

Das gehört in die Notfallapotheke:

  • sterile Gazetupfer
  • elastische Mullbinden
  • selbstklebende Verbände
  • eine Verbandsschere
  • Verbandswatte
  • Pflasterklebeband
  • ein digitales Fieberthermometer
  • Wunddesinfektionsmittel
  • Einmalhandschuhe
  • eine Zeckenzange
  • Händedesinfektion
  • eventuell ein Maulkorb

Es empfiehlt sich außerdem, eine Liste mit den physiologischen Normalwerten des gesunden Hundes anzulegen, damit man diese auch in hektischen Notfallsituationen schnell zur Hand hat.

Mehr Basiswissen

In der DVD „Notfall! Erste Hilfe für meinen Hund“ erklärt Sophie Strodtbeck Ernstfälle und zeigt weitere Handgriffe. Müller Rüschlikon Verlag, 120 Min., 24,90 Euro.

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