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Alternative Tiermedizin Das Qi im Fluss

Dr. Brigitte Glöwing 06.07.2016

Die Traditionelle Chinesische Medizin ist eine Heilkunst, die bereits vor mehr als 2000 Jahren in China entwickelt wurde. Sie umfasst verschiedene Therapieformen. Bei Hunden werden vor allem Kräutermedizin und Akupunktur eingesetzt. Auch einige deutsche Tierärzte behandeln ihre Patienten damit

Traditionelle chinesische Medizin

„Die Methode kann Hunden bei vielen Erkrankungen helfen“, sagt Dr. Kathrin Arias Rodriguez. Die Tierärztin in Berlin behandelt vierbeinige Patienten ausschließlich nach den Regeln der fernöst­lichen Heilkunst. Gerade Akupunktur erfreut sich in Deutschland wachsender Beliebtheit. Auf der Website der Gesellschaft für ganzheitliche Tiermedizin finden sich mehr als zweihundert Tierärzte, die Akupunktur anbieten. „Wenn die Schulmedizin an ihre Grenzen stößt und nur noch Symptome unterdrückt, deren Ursache sie nicht erfassen kann, bietet die traditionelle chinesische Medizin, kurz TCM, zusätzliche Konzepte an“, sagt Heinrich Kocyla, Tierarzt und Heiler im nordrhein-westfälischen Windeck. Viele Hundehalter erhoffen­ sich eine nebenwirkungsarme, sanfte Alternative zur Schulmedizin. Entsprechend viele schwere Fälle sieht Kathrin Arias­ Rodriguez in ihrer Praxis. Typische Indikationen für die TCM sind chronische Schmerzen und Bewegungsstörungen. Doch traditionelle chinesische Heilmethoden können mehr.

Stiche der Heilung: Akupunkturpunkte am Modell.
Stiche der Heilung: Akupunkturpunkte am Modell. © Gregor Lengler

Akupunktur

Die im Westen wohl bekannteste Methode der TCM ist die Akupunktur. Viele der Akupunkturpunkte liegen auf gedachten Linien, den sogenannten Meridianen, die wie ein Netz von Leitbahnen den gesamten Körper durchziehen. Nach den Vorstellungen der chinesischen Heiler fließt in den Meridianen das Qi, was im Westen mit Lebensenergie übersetzt wird. Jede dieser Leitbahnen ist einem Organsystem zugeordnet, dem Herzen, den Nieren und so weiter. „Akupunktur wirkt auf das vegetative Nervensystem“, erklärt Tierarzt Kocyla. Womöglich spielen bei der Reizübermittlung von der Haut zu den vegetativen Nerven die oberflächlichen Körperfaszien eine Rolle, sie liegen unter der Haut und enthalten Nervenfasern. Das vegetative Nervensystem koordiniert die unwillkürlich ablaufenden Prozesse im Körper, es sorgt dafür, dass sich Organe und Drüsen sehr schnell an äußere Bedingungen anpassen.

Akupunktur kann Schmerzen lindern, das haben mehrere Stu­dien gezeigt. Durch die Nadelstiche an bestimmten Punkten werden körpereigene Hormone und Botenstoffe ausgeschüttet, wie Endor­phine und Adenosin, die wahrscheinlich für eine Schmerz­bekämpfung und psychische Entspannung verantwortlich sind. „Die meisten Hunde werden unter Akupunktur ganz ruhig“, beschreibt Kathrin Arias Rodriguez, „manche schlafen sogar ein.“ Eine Akupunktursitzung kann bis zu dreißig Minuten dauern, manchmal reichen schon einige Sekunden, um eine Verbesserung zu erzielen. Die Zahl der dünnen Nadeln, die ins Fell geschoben werden, ist je nach Indikation unterschiedlich. Bis zu zwölf Nadeln werden bei Hunden eingesetzt. Bei akuten Erkrankungen wie zum Beispiel einer Infektion kann eine einzige Sitzung ausreichen. Je länger die Beschwerden bestehen, desto mehr Sitzungen sind nötig. Doch sollte schon nach der ersten Nadelung eine deutliche Besserung auftreten, sagt Tierarzt Kocyla.

Bei chronischen Erkrankungen muss oft eine regelmäßige Wiederholung alle vier bis sechs Wochen durchgeführt werden, damit die Besserung anhält. Akupunktur kann auch vorbeugend eingesetzt werden, zum Beispiel bei Sporthunden oder Arbeitshunden, um bei starker Beanspruchung Gelenkproblemen vorzubeugen. Eine Variante der Akupunktur ist die Moxibustion: Die Akupunkturpunkte werden durch das Verbrennen von Kräutern erwärmt, indem die Wolle aus den Blättern des Beifußes auf den Nadeln oder auf einer Unterlage über den Akupunkturpunkten verglüht wird.

Wie finde ich einen guten Therapeuten?

„Die Qualität der Behandlung hängt von der Qualität der Ausbildung ab“, weiß Heinrich Kocyla, der unter anderem an der TCM-Universität in Nanjing in China studiert hat. Die TCM-Lehren sind komplex, wer erfolgreich therapieren will, muss mit Diagnoseverfahren wie Zungendiagnostik und Pulsdiagnostik vertraut sein. Allein in der Kräutermedizin stehen den Therapeuten über dreitausend Kräuter zur Auswahl. Die Landestierärztekammern haben die Akupunktur als Fachrichtung anerkannt und in ihr Weiterbildungsprogramm aufgenommen. Auch bei den anderen Anbietern wie der Deutschen Veterinär Akupunktur Gesellschaft können Tierärzte sich in Akupunktur ausbilden lassen. Neben Veterinären bieten auch Tierheilpraktiker und Tierphysiotherapeuten Therapien der traditionellen chinesischen Medizin an.

Heinrich Kocyla findet allerdings, die TCM sollte in der Hand der Tierärzte bleiben, denn die haben das anatomische und physiologische Verständnis und können am besten beurteilen, wann ein Patient mit einer schulmedizinischen Behandlung besser beraten wäre. Auf der Website der Gesellschaft für ganzheitliche Tiermedizin finden Interessierte eine Liste mit Therapeuten, die sich auf Akupunktur oder chinesische Kräutermedizin spezialisiert haben, bei den örtlichen Tierärztekammern kann nachgefragt werden oder bei der German Veterinary Acupuncture Society e. V. (GERVAS), der deutschen Veterinär-Akupunktur-Gesellschaft.

Weitere Infos zu TCM gibt es auf folgenden Websites: www.ggtm.de, www.gervas.org, www.bundestieraerztekammer.de sowie beim Verband der Heilpraktiker, www.theralupa.de.

Arzneimitteltherapie

Pflanzenteile wie Wurzeln, Stängel, Blüten, Rinde und Blätter sowie­ Mineralien und auch tierische Produkte haben über Jahr­tausende ihre heilende Wirkung bewiesen. In der traditionellen chinesischen Medizin erhält jeder Patient eine Arznei, die auf ihn und sein Krankheitsbild abgestimmt ist. Voraussetzung für die Auswahl der Kräuter ist die exakte Diagnosestellung. Wie die Therapien basieren auch die tradierten Diagnoseverfahren nicht auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auf Erfahrung.

Dabei verlassen sich die TCM-Heiler allein auf ihre Sinne. Sie beobachten das Tier schon, wenn es zur Tür hereinkommt. Viele Fragen müssen beantwortet werden, der Krankheitsverlauf spielt eine Rolle wie die Lebensgewohnheiten und Charaktereigenschaften des Vierbeiners. Die Hände gleiten über den Körper, nehmen Temperaturunterschiede wahr, ertasten den Puls in verschiedenen Körperregionen und untersuchen die Hundezunge. Steht die Diagnose, können Organe und Körperbereiche durch bestimmte Kräuter gezielt gestärkt werden. Manche wirken gegen Bakterien, Viren oder sogar Tumorzellen. Gut zu wissen: Geschützte Arten aus dem Tier- und Pflanzenreich werden in Europa nicht mehr eingesetzt. Die Hundehalter verabreichen Granulat oder Tropfen über das Futter, was die Fleischliebhaber in der Regel tolerieren.

Tuina

Die Massage Tuina wirkt nicht nur auf die Muskulatur, sondern stimuliert­ die Akupunkturpunkte auf den Meridianen und somit den gesamten Stoffwechsel und die Organe. Akupressur zählt ebenfalls zur Tuina-Therapie. Schon bei den alten Chinesen wurden nicht nur Menschen, sondern auch Haus- und Nutztiere massiert. Tuina kann Akupunktur und Arneimitteltherapie unterstützen, aber auch zu Prävention und Gesunderhaltung eingesetzt werden. Heinrich Kocyla zeigt seinen Tierbesitzern einfache Massagegriffe, die sie bei ihrem Hund anwenden können. Die Hunde mögen es.

TCM-Ernährung

Die chinesische Medizin weist allen Lebensmitteln bestimmte Wirkungen zu. Die Auswahl richtet sich deshalb nicht nur nach Kalo­rienzahl, Vitamin- und Proteingehalt, sondern auch nach ihren Wirkungen. Die Darreichungsform, ob roh, gekocht oder als Trockenfutter, beeinflusst ebenfalls die Wirkung der Futtermittel.

Bewegungstherapie Qigong

Qigong ist die Körperarbeit mit dem Qi. Bestimmte Bewegungen werden immer wieder eingeübt und sollen die Verbindung zwischen Körper, Geist und Seele verbessern. Das Ziel des Qigong ist die Vermeidung von Energieblockaden und die Vermehrung der Lebensenergie Qi. Ermöglicht man Hunden artgerechte natürliche Bewegung, dann sorgen sie selbst für den rechten Energiefluss.

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