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Moderne Therapien Orthopädie für Hunde

Dr. Brigitte Glöwing 17.10.2012

Arthrose, HD oder Kreuzbandrisse: Wenn Knochen oder Gelenke Probleme bereiten, können Tierorthopäden heute viel für unsere Hunde tun. DOGS erklärt mögliche Therapien und nennt Adressen von Praxen, die helfen.

Früher war der Viehdoktor ein Allrounder. Ein bisschen Internist, Zahnarzt, Geburtshelfer und Augenarzt, zuständig für Kühe und Schweine ebenso wie für Hamster und Hund. Solche Veterinäre werden immer seltener. Heute ist Detailwissen gefragt. Tierbesitzer wollen bestmögliche Versorgung für ihren Liebling. Für den Allgemeintierarzt wird es schwieriger, auf allen Gebieten den Überblick zu behalten. So wird man entweder selbst zum Spezialisten oder überweist komplizierte Fälle an Fachkollegen. Der Experte für lahme Knochen ist der Orthopäde. Er schraubt jedoch nicht nur an Knochen und Gelenken, sondern kümmert sich auch um Schäden an Muskeln und Sehnen, also um alle Erkrankungen des Bewegungsapparats.

Orthopädie für Hunde
Mit dem MRT wird beim narkotisierten Hund binnen dreißig Sekunden sichtbar gemacht, was am häufigsten orthopädische Probleme bereitet: die Gelenke an Schulter, Ellbogen, Hüfte oder Knie © Getty Images/Visuals Unlimited

Orthopädie für Hunde: Bilder vom Inneren

Eine gute Lahmheitsuntersuchung ist anspruchsvoll und zeitaufwendig. Bevor der Orthopäde teure Bilder vom Hund macht, wird er ihn gründlich untersuchen und sich dabei zunächst allein auf seine Sinne verlassen. Vierbeiner und Zweibeiner müssen auf und ab laufen, danach werden verdächtige Regionen beim Hund abgetastet und eventuell Reflexe geprüft. In manchen Fällen kann eine zusätzliche Gangbildanalyse helfen, der Ursache von Beschwerden auf die Spur zu kommen. Dabei werden die Bewegungsabläufe mit einer Videokamera aufgezeichnet und anschließend nach bestimmten Kriterien analysiert. Erst wenn die Region eingegrenzt ist, kommen Bilder vom Inneren ins Spiel.

Wer hilft meinem Hund? Wo verstecken sich die Koryphäen, wenn es um kaputte Gelenke und Knochen geht? DOGS zeigt eine Auswahl der besten Adressen von Praxen, die Ihnen und Ihrem Hund weiterhelfen.
Adressen: Tierärzte für Orthopädie in Deutschland

Neue Trends in der bildgebenden Diagnostik sind neben dem digitalen Röntgen, das Röntgenbilder direkt auf den Computerbildschirm überträgt, 3-D-Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT). Moderne CTs können zum Beispiel einen ganzen Dackel innerhalb von nur zwanzig Sekunden scannen und die Darstellung in feinsäuberliche Schnittbilder zerlegen. Diese extrem kurze Aufnahmezeit hat den Vorteil, dass die Strahlenbelastung minimiert wird und für die Untersuchung nur eine kurze Narkose nötig ist. Sinnvoll ist der Einsatz eines CTs bei komplizierten Knochenbrüchen, Gelenkveränderungen wie Hüftgelenks- und Ellbogendysplasie oder Knochentumoren. Im MRT lassen sich Weichteile wie Nerven, Bänder, Sehnen und Muskeln besonders gut darstellen. Es wird bei Bandscheibenvorfällen, Kreuzbandschädigungen, Sehnen- und Muskelerkrankungen eingesetzt. Die Untersuchung im MRT dauert je nach Fragestellung zwanzig bis sechzig Minuten und kann ebenfalls nur in Narkose durchgeführt werden.

Hightechmedizin hat ihren Preis

Eine Magnetresonanztomografie kostet mindestens 500 Euro, eine Computertomografie liegt bei mindestens 300 Euro. Direkt in das Gelenk hineinschauen kann der Kleintierorthopäde mit der Arthroskopie, mit der sich am besten der Grad einer Gelenkschädigung beurteilen lässt. Dabei führt der Spezialist durch drei kleine Schnitte in der Haut Instrumente in das kranke Gelenk des Hundes ein. Mit einer Kamera inspiziert er es, er kann mit eingeführten Instrumenten auch lose Knorpelteile greifen und aus dem Gelenkspalt entfernen. Eine rein diagnostische Arthroskopie ohne weitere Intervention kostet um die 400 Euro.

Machen, was geht? „Die orthopädische Versorgung von Hunden kann sich mit der Humanmedizin messen lassen“, sagt Orthopäde Dr. Carsten Grußendorf aus Bramsche. Spitzenmedizin für Tiere ist dennoch ein Thema, das kontrovers diskutiert wird: Einerseits erwarten viele Kleintierbesitzer ein hohes medizinisches Niveau, andererseits kann von manchen der Aufwand, der für ein Tier betrieben wird, nicht nachvollzogen werden, wenn anderswo Menschen nicht einmal eine medizinische Grundversorgung zur Verfügung steht. Die Frage nach den Grenzen des Machbaren steht im Raum. Fakt ist, dass es gerade in der Orthopädie häufig darum geht, chronische Schmerzen und damit verbundenes Leid für die Tiere zu lindern. Häufig sind es Schmerzen als Ergebnis genetisch bedingter Erkrankungen. Hier hat der Mensch durch stark selektive Zucht einen maßgeblichen Anteil an der Entstehung der Krankheiten und trägt somit die Verantwortung der „Wiedergutmachung“.

Schnellwüchsige, große Rassen wie der Deutsche Schäferhund, Neufundländer oder Hovawart neigen zu Hüftgelenksdysplasie und zu Knorpelwachstumsstörungen in vielen Gelenken. Bewegungsmangel, Übergewicht, falsches Futter vor allem während des Wachstums tun hier ihr Übriges. „Viele Halter sind sich nicht bewusst, dass sie mit der richtigen Ernährung Problemen vorbeugen oder diese sogar therapieren können“, ergänzt Dr. Birgit Schulte, beratende Tierärztin beim Tiernahrungshersteller Hill’s. So ist spezielle Hundenahrung im Fachhandel erhältlich, die mit einem hohen Anteil an der Omega-3-Fettsäure Eicosapentaensäure, kurz EPA, die schützende Knorpelschicht erhalten und Gelenke unterstützen soll. Eine andere therapeutische Hundenahrung, die nur über den Tierarzt erhältlich ist, kann bei Anzeichen von Arthrose Entzündungen lindern und die Beweglichkeit in kurzer Zeit verbessern.

Kreuzbandriss

Meist passiert das Malheur während eines Spaziergangs, ohne dass ein Sturz oder eine unkontrollierte Bewegung ursächlich waren: Das Kreuzband im Hundeknie reißt – nicht auf einmal, sondern Faser für Faser. Bei der Untersuchung zahlreicher Kreuzbandrisse konnten Ärzte gerade bei älteren Hunden meist kleinere, nach und nach entstandene Faserrisse nachweisen. Das alles deutet auf Abnutzung, sogenannte degenerative Prozesse hin. Ob auch die Genetik eine Rolle spielt, muss noch erforscht werden.

Therapien: Je früher ein Kreuzbandriss operiert wird, desto weniger Langzeitschäden entstehen durch das instabile Gelenk. So raten Orthopäden dazu, auch unvollständige Kreuzbandrisse behandeln zu lassen. Eine moderne Operationstechnik ist die TPLO (Tibial Plateau Leveling Osteotomy) genannte Methode. Hierbei unterbindet man den Vorschub, der auf das Kniegelenk wirkt. Durch die immerfort gebeugte Stellung der Hinterbeine wirken beim Hund andere Kräfte auf die Kreuzbänder als beim Menschen. Ziel der TPLO ist nicht der Ersatz des gerissenen Bandes, sondern eine Umgestaltung des Gelenks, sodass die Stabilität des Knies nicht mehr von den Kreuzbändern abhängt. Nach ähnlichem Prinzip funktioniert die neuerere TTA (Tibial Tuberosity Advancement). Welches Verfahren zu welchem Knie passt, entscheidet der Orthopäde.

Mögliche Nachwirkungen: Trotz innovativer Operationstechniken kann sich, je nachdem wie lang die Veränderung am Kreuzband schon bestand, trotzdem eine Arthrose im Kniegelenk entwickeln. Der Hund wird trotz Operation Probleme haben und wahrscheinlich Entzündungshemmer bzw. Schmerzmittel einnehmen müssen.

„Wichtig sind Gewichtskontrolle und vernünftiges Training“, so Dr. Kirsten Häusler. Die Tierärztin und Physiotherapeutin und ihre Koautorin Barbara Friedrich bringen es in ihrem Buch „Kreuzbandriss beim Hund“ auf den Punkt. Sie raten Haltern, ihren Vierbeiner regelmäßig zu wiegen und mit Leckerlis vorsichtig zu sein. Denn übergewichtige Hunde neigen zu Kreuzbandrissen. Muskeln, Bänder und Sehnen des Hundes werden durch regelmäßige, der Kondition des Hundes angemessene Bewegung gekräftigt. Vor dem Spaziergang sollte sich der Hund aufwärmen. Häusler und Friedrich empfehlen: „Wenn Sie bisher auf dem Parkplatz den Kofferraum geöffnet haben, und Ihr Hund durfte sofort begeistert losstürmen, lassen Sie es ab sofort gemäßigt angehen: Aufwärmen bedeutet, dass Sie nach dem Aussteigen mit dem Hund an der Leine ein paar Minuten lang zügig gehen. Danach erst ist er warm, und Sie können ihn mit speziellen Übungen gezielt belasten.“

Frakturen

Der in der Medizin gebräuchliche Ausdruck für Knochenbrüche lautet Frakturen. Bei Hunden geschehen sie häufig durch Verkehrsunfälle. Theoretisch kann jeder Knochen des Skeletts brechen, doch am häufigsten brechen die langen, dünnen Röhrenknochen am Ober- oder Unterschenkel. Aber auch Beckenknochen oder Wirbelkörper können betroffen sein. Kieferknochen zerbrechen bei Stürzen aus großer Höhe und wenn die Hunde auf der Nase landen.

Therapien: Unkomplizierte Frakturen behandelt der Tierarzt konservativ. Man verzichtet dabei auf den bei Hunden besonders unpraktischen Gipsverband und wählt leichte Kunststoffverbände oder Schienen. Frakturen im Gelenk oder in Gelenknähe, Trümmerfrakturen, Wirbelfrakturen oder solche, bei denen die Knochenteile weit auseinandergerutscht sind, müssen operiert werden. Ziel der sogenannten Osteosynthese ist es, möglichst schnell eine weitgehende Stabilität des Knochens wiederherzustellen. Wird das Bein zu lange nicht belastet, baut sich die Muskulatur ab und Bänder oder Sehnen verkürzen sich.

Das Equipment zur Versorgung von Frakturen entspricht in etwa dem Sortiment eines kleinen Baumarkts: Schrauben, Nägel, Drähte und Metallplatten, in der medizinischen Variante allerdings aus rostfreiem Edelstahl oder Titan. Osteosyntheseplatten überbrücken die Fraktur und halten die Bruchstücke zusammen. Zugschrauben sorgen dafür, dass die Frakturteile verbunden bleiben, damit zusammenwächst, was zusammen gehört. Marknägel werden längs in die Markhöhle eines Röhrenknochens geschoben und stabilisieren die Bruchstelle von innen. Sie können relativ einfach und gewebeschonend durch einen kleinen Hautschnitt eingesetzt und wieder entfernt werden. Auch der „Fixateur externe“, ein Metallgestell, das Frischoperierten wie ein Tragegriff aus dem Bein ragt, hat seinen Weg in die Tiermedizin gefunden und wird vor allem bei Trümmerfrakturen oder offenen Brüchen eingesetzt.

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