DOGS Logo Europas grösstes Hundemagazin

OP-Nachsorge Physiotherapie für Hunde

Dr. Brigitte Glöwing 23.07.2012

Nach Kreuzbandrissen, Bandscheibenvorfällen und Hüftoperationen ist Physiotherapie für Hunde eine wohltuende Nachsorge, die Schmerzen lindert, die Muskulatur stärkt und Beweglichkeit fördert.

Labradorhündin Ronja liegt ganz entspannt auf der Massageliege und lauscht leiser Meditationsmusik. An den gelben Wänden hängen Drucke, die kunstvoll die Hundeanatomie erklären, Muskeln, Knochen, Nervenbahnen. „Eine entspannte Atmosphäre ist wichtig“, sagt Dr. Joanna Walsleben, „denn wenn die Patienten nicht kooperieren, kann ich mit meiner physiotherapeutischen Arbeit wenig bewirken.“ Vor fünf Jahren gründete die Tierärztin eine der ersten tierärztlichen Physiotherapiepraxen in Berlin. Sie behandelt Hunde, Katzen und Kaninchen. Neben einer Massageliege gibt es allerlei Hilfsmittel in den Räumen in Berlin-Charlottenburg.

Physiotherapie für Hunde ist auf dem Vormarsch: Nach Bandscheibenvorfällen, Kniescheibenoperationen, Knochenbrüchen oder zur Vorbeugung von Gelenkerkrankungen wird sie immer häufiger eingesetzt.
Physiotherapie für Hunde ist auf dem Vormarsch: Nach Bandscheibenvorfällen, Kniescheibenoperationen, Knochenbrüchen oder zur Vorbeugung von Gelenkerkrankungen wird sie immer häufiger eingesetzt. © André Gottschalk

Im Grunde sieht es aus wie beim Krankengymnasten um die Ecke: ein Laufband, bunte Sitzbälle, Stepper, Gymnastikmatten und ein sogenanntes Wackelbrett. Nur die schmale Holztreppe mitten im Raum ist speziell für Hunde entwickelt. Eine Rampe führt hinauf zu den Übungsstufen. Lahme Hunde können hier gelenkschonendes Treppensteigen üben. Und dann gibt es noch ein Trampolin. Hunde, die hüpfen? „Nein, ich steige zusammen mit ihnen auf das Trampolin. Auf dem schwankendem Untergrund lassen sich die Belastung einzelner Gliedmaßen und auch die Koordination prima üben“, erläutert Dr. Walsleben.

Ronja leidet mit ihren neun Jahren unter Rückenschmerzen. Sie hat einen schlaksigen Gang, kann schlecht aufstehen und knickt oft mit dem Hinterteil einfach weg. Joanna Walsleben hat der alten Dame unter anderem Massagen und Bewegungstherapie verordnet. „Mit einer Physiotherapie kann man die Erkrankung zwar nicht heilen, jedoch die Lebensqualität der Tiere deutlich erhöhen und Schmerzen lindern“, sagt sie.

Physiotherapie für Hunde: „Physis“ heißt Natur

Was einst lapidar als Krankengymnastik bezeichnet wurde, ist nur ein kleiner Teil der modernen Physiotherapie. Der Wortteil „Physio“ entstammt dem Griechischen: „physis“, was so viel wie Natur heißt. Die Physiotherapie ist also eine Behandlung mittels natürlicher Therapieformen.

Wenn Ihr Hund nach einer Operation eine Reha benötigt oder Sie seine chronischen Schmerzen lindern wollen, lohnt der Gang zum Tierphysiotherapeuten. DOGS und der Tiernahrungshersteller Hill’s haben eine Reihe von Tierärzten aufgespürt, die physiotherapeutisch arbeiten.
> Physiotherapeuten für Hunde in Ihrer Nähe

Physiotherapie für Tiere ist eine noch sehr junge Disziplin. Zunächst kamen Krankengymnasten für Menschen auf die Idee, ihre Heilkunst auch bei Tieren anzuwenden. Warum soll nicht auch für Tiere gut sein, was sich für den Menschen schon lang bewährt hat? „Am Anfang wurde meine Arbeit von den Tierärzten belächelt“, sagt Dr. Kirsten Haeusler, „Certified Canine Rehabilitation Practitioner“ und Agrarbiologin. Sie betreibt seit sechs Jahren eine Praxis in Stuttgart und hat ein universitäres Zusatzstudium in den USA absolviert, zu einer Zeit, als die Physiotherapie für Hunde hierzulande weitgehend unbekannt war. Das hat sich geändert, mittlerweile gibt es für Tierärzte sogar eine anerkannte Zusatzausbildung.

Viele große Tierkliniken haben das Potenzial des gezielten Muskelaufbaus und anderer unterstützender Methoden erkannt. Dazu zählen neben aktiven und passiven Bewegungsübungen die „therapeutischen Hände“, zum Beispiel Massagen, und physikalische Methoden wie Laser-, Thermo-, Hydro-, Elektro-, Ultraschall- und Magnetfeldtherapie. Besonders nach Operationen gehören Rehamaßnahmen zur besseren Heilung und schnelleren Mobilisierung heute dazu.

Der Aufwind der Physiotherapie erklärt sich auch mit der enormen Entwicklung der Tiermedizin allgemein. Heute ist es nicht mehr außergewöhnlich, dass bei Hunden und Katzen Kreuzbandrisse, Bandscheibenvorfälle und herausgesprungene Kniescheiben operiert werden. Solche orthopädischen Operationen erfordern eine physiotherapeutische Nachsorge.

Nach Schätzungen des 1. Verbands für Tierphysiotherapie e. V. soll es mittlerweile an die tausend Tierphysiotherapeuten in Deutschland geben. Darunter sind Tierärzte, Tierarzthelferinnen, Humanphysiotherapeuten mit Zusatzausbildung für Tiere – manche bieten Therapie für Hund und Herrchen an – sowie viele medizinische Neueinsteiger, die sich durch eine ein- bis zweijährige Ausbildung qualifiziert haben. Mehr oder weniger seriöse Institute bieten diverse Ausbildungen an. Eine einheitliche staatlich anerkannte Ausbildung zum Tierphysiotherapeuten gibt es bisher nicht.

Das sorgt für Auswüchse wie zum Beispiel ein Fernstudium zum Hundemasseur ohne jegliche praktische Übung. Die Vorreiterin der Tierphysiotherapie in Deutschland, Dr. Cécile-Simone Alexander, kritisiert, dass jeder, der die Berufung verspürt, sich Tierphysiotherapeut nennen darf. Sabine Woßlick vom 1. Verband für Tierphysiotherapie empfiehlt, sich die Ausbildung des Therapeuten genau anzusehen. Eine Prüfung in Physiotherapie und Anatomie sollte schon abgelegt worden sein. „Bei Tierärzten und Humanphysiotherapeuten mit Zusatzqualifikation ist man sicher gut aufgehoben“, findet Cécile-Simone Alexander.

Physiotherapie für Hunde: hilfreich bei Schmerzen

Beim ersten Besuch werden Herrchen und Frauchen zur Krankengeschichte befragt. Auch wenn schon eine Diagnose durch einen überweisenden Tierarzt vorliegt, untersucht der Krankengymnast seinen tierischen Patienten erneut von der Nasen- bis zur Schwanzspitze. Bei jedem Hund, der in die Praxis kommt, führt Joanna Walsleben eine sogenannte Gangbildanalyse durch, um Fehlbelastungen und Schwachstellen im Bewegungsablauf zu erkennen. Dabei promeniert der Hundehalter mit seinem Vierbeiner etliche Male vor den Praxisräumen auf und ab, während Dr. Walsleben das Getrippel mit einer Digitalkamera aufzeichnet und anschließend im Beisein des Besitzers auf dem Bildschirm auswertet. Daraufhin erstellt sie einen umfangreichen Therapieplan.

Durch die Therapie in der Magnetfeldspule oder auf der Magnetfeldmatte wird der Körper einem pulsierenden Magnetfeld ausgesetzt. Das bewirkt eine bessere Durchblutung und somit eine Steigerung der Stoffwechselrate.
Durch die Therapie in der Magnetfeldspule oder auf der Magnetfeldmatte wird der Körper einem pulsierenden Magnetfeld ausgesetzt. Das bewirkt eine bessere Durchblutung und somit eine Steigerung der Stoffwechselrate. © André Gottschalk

Meist werden fünf bis zehn Behandlungen vereinbart. Außerdem zeigt Dr. Walsleben dem Halter Übungen, die er mit dem Hund zu Hause durchführen kann. Das Behandlungsspektrum reicht von Bewegungstherapie über Massage bis hin zu physikalischen Methoden wie Lasertherapie und Fangopackung. Auch alternative Heilmethoden wie Chiropraktik, Neuraltherapie, Akupunktur, Kinesiologie und Hömöopathie werden von vielen Tierphysios angeboten.

Als Konkurrenz zum klassischen Tierarzt sehen sich die Physiotherapeuten nicht. Selbst dann nicht, wenn sie selbst Tierärzte sind. Allerdings muss mancherorts an der Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kollegen gearbeitet werden. Bei Physiotherapeutin Cécile-Simone Alexander klappt die Kooperation mit den Kollegen gut.

Viele chirurgisch tätige Veterinäre sowie die Berliner Universitätsklinik überweisen Fälle zur Rehabilitation nach Operationen. Viele Halter kommen mit ihren Hund auch auf eigene Faust, weil sie die Vorteile der Physiotherapie aus eigener Erfahrung kennen. Chronische Schmerzen sind dabei der Hauptgrund für den Besuch. Diagnosen wie Hüftgelenksdysplasie, Ellenbogengeleksdysplasie und Spondylose sind auch in Cécile-Simone Alexanders Praxis ein Dauerbrenner. Und immer wieder sind bestimmte Rassen unter den Patienten: Labradore, Schäferhunde und Dackel. Denn ihre Besitzer möchten mehr tun, als die tägliche Schmerztablette zu verabreichen. Durch gezielte Bewegung und Muskelaufbau kann ihren Hunden nachweislich geholfen werden. Das motiviert viele Tierbesitzer.

Ältere Hunde sind häufig Kunden in der Physiotherapiepraxis. Im Alter verschleißen die Gelenke, die Bandscheiben werden mürbe, das ganze System wird steif und unflexibel. Auf glatten Böden tapsen die Betagten dann immer unsicherer umher, der Treppenabstieg wird halsbrecherisch. Es zwickt und zwackt bei jedem Schritt in den alten Knochen. Krankengymnastik hilft Methusalems, wieder mobil zu werden.

Physiotherapie für Hunde: Training auf dem Unterwasserlaufbahn

Das Wassertreten ist hier, frei nach Kneipp, besonders geeignet. Dann kommt Kirsten Haeuslers Lieblingstrainingsgerät zum Einsatz: das Unterwasserlaufband. „Die Hunde mögen das“, sagt Haeusler. Bisher hatte sie erst drei Hunde in sechs Jahren, die sich weigerten einzusteigen. Die Muskulatur wird im brusttiefen Wasser schonend für Gelenke aufgebaut, das Gangbild verbessert und der Gleichgewichtssinn trainiert. Durch die Auftriebskraft des Wassers wird das Körpergewicht entlastet, Bewegungen werden schmerzfreier und die Tiere sind motivierter, sich trotz Erkrankung oder Verletzung zu bewegen. Aquagymnastik wirkt positiv auf Skelett, Nerven, Muskeln, Herz-Kreislauf- und Atmungssystem. Dass die Tierphysiotherapie im Trend liegt, zeigen die Verkaufszahlen von Unterwasserlaufbändern für Hunde: Über zweihundert der 25.000 bis 30.000 Euro teuren Geräte wurden allein von einem Anbieter an Physiopraxen verkauft.

Physiotherapie für Hunde: Übungen für zu Hause

Die meisten Patienten kommen ein- oder zweimal pro Woche zu den Anwendungen. „Das reicht bei Weitem nicht aus“, sagt Joanna Walsleben. Deshalb entlässt sie ihre Patienten nie ohne Hausaufgaben. Die bestehen aus verschiedenen Übungen, die mindestens einmal am Tag absolviert werden sollen. Alles wird vorher in der Praxis vorgeturnt und geübt. Gut ist es, vor gymnastischen Übungen die Muskulatur mit einem Kirschkernkissen zu erwärmen. Für Anwendungen wie Elektrotherapie, Magnetfeld- oder Lasertherapie daheim besteht die Möglichkeit, entsprechende Geräte in der Physiotherapiepraxis auszuleihen.

  • Bürstenmassage: Eröffnet wird das Hometraining durch eine kräftige Massage, um Stoffwechsel und Durchblutung anzuregen.
  • Passives Radfahren: Die Gelenke werden durch Bewegungen (der Hund lässt locker!) wie Radfahren mit den Hinterbeinen im Liegen oder Kreisen der Beine mobilisiert.
  • Die assistierte Gewichtsverlagerung: Der Halter steht hinter dem Hund und drückt ihn auf die Seite. Das Gewicht des Tiers soll sich auf die jeweilige Pfote verlagern. Wird schwerer auf Luftmatratze oder Trampolin.
  • Hindernisse einbauen: Als Übung zum Muskelaufbau, zur Koordination und Gangschulung ist die Cavaletti-Arbeit gedacht. Niedrige Stangen oder Besenstiele sollen langsam und bewusst überstiegen werden.
  • Tipp: Auch durch eine spezielle Ernährung, die auf den Gelenkstoffwechsel ausgerichtet ist, können Beschwerden der Hunde gelindert, kann die Bewegung verbessert werden (zum Beispiel das Futter „Science Plan Healthy Mobility“ oder die über den Tierarzt erhältliche Spezialnahrung „Prescription Diet Canine j/d“, beide von Hill’s).
  • Was Physiotherapie kostet: Die Preise liegen zwischen 20 und 60 Euro pro 30 Minuten. Besonders bei chronisch Kranken sollte man sich informieren, denn einige Tierkrankenversicherungen übernehmen Kosten für verordnete Physiotherapie.

Beitrag verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zum Seitenanfang

Mehr Lust auf DOGS?

News, Wissen, Gewinne – jetzt im Newsletter für Hundefreunde

  • Aktuelle Hunde-News
  • DOGS Video-Wissen
  • Tolle Gewinnspiele

Hier direkt kostenlos anmelden:

Sie verwenden einen sehr alten Browser. Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser. X