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Sanfte Medizin Naturheilkunde für Hunde

Dr. Brigitte Glöwing 13.09.2012

Viele Tierärzte sehen in der Naturheilkunde eine gute Ergänzung zur klassischen Schulmedizin. Besonders chronisch kranke Hunde und solche, denen die Schulmedizin nicht mehr helfen kann, profitieren davon.

Der einjährige Labradorrüde wuselt durch die Tierarztpraxis von Jo-Ann Lawrence in Potsdam. Tabby wirkt unruhig, hyperaktiv und rastlos. Nur ein Jahr alt, hat er schon viele verschiedene Probleme. Er leidet immer wieder unter Juckreiz, benagt seine Pfoten. Als Welpe litt er häufig an Durchfall und Ohren- sowie Augenentzündungen. Das größte Problem für die Besitzer: Mit seinen knapp dreißig Kilo springt Tabby immer wieder wildfremde Menschen an und ruiniert so jede Menge frisch gewaschener Hosen. Durch Hundeschule und Erziehungsprogramme haben sie dieses Verhalten nicht abstellen können. Dr. Jo-Ann Lawrence beobachtet den Hund, fragt nach, wie der Rüde als Welpe war, wann er von der Mutter entwöhnt wurde und vieles mehr.

Homöopathie, Pflanzenheilkunde oder Akupunktur: Naturheilverfahren können eine sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin sein
Homöopathie, Pflanzenheilkunde oder Akupunktur: Naturheilverfahren können eine sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin sein © André Gottschalk

Die Herangehensweise ist ungewöhnlich und unterscheidet sich deutlich von der klassischen Schulmedizin. In der ganzheitlichen Praxis von Dr. Lawrence ist irgendwie alles eins, alles gehört zusammen. Symptome und Krankheiten bedingen einander. Der Lebenslauf des jungen Hundes gehört genauso dazu wie die Symptome und Krankheiten, die er im Lauf seines ersten Lebenjahrs schon durchgemacht hat. Nach der intensiven Befragung der Hundeeltern schiebt Dr. Lawrence Tabby eine einzige Akupunkturnadel ins Fell. Der hyperaktive Hund wird ruhig, legt sich auf den Boden. Zufall oder Können, das kann keiner mit Sicherheit sagen. Aber auch vier Wochen nach der Akupunktur sind die Besitzer äußerst zufrieden. Der Hund erkennt jetzt Grenzen an, ist viel ruhiger geworden.

Das medizinische Weltbild eines Naturheilkundlers unterscheidet sich zum Teil gravierend von dem eines gewöhnlichen Schulmediziners. So manch klassisch ausgebildeter Tierarzt war lange Zeit überfordert, wenn von fließenden Energien und Schwingungen die Rede war, und neigte dazu, derlei Theorien als Hokuspokus abzutun. Mittlerweile ist das anders. Viele Doktoren zeigen sich offen gegenüber alternativen Behandlungsmethoden und entsprechen damit auch den Wünschen vieler Tierbesitzer, die auf Globuli und Notfalltropfen schwören und sich die sanften Therapien auch für ihre Tiere wünschen. Dass die Studienlage zur Wirksamkeit ziemlich dünn aussieht, müssen sie in Kauf nehmen.

„Doppelblindstudien und andere naturwissenschaftliche Methoden sind zum Beispiel in der Homöopathie widersinnig“, erklärt Arne Krüger, Tierarzt und Heilpraktiker für Mensch und Tier. Regulationsmedizin ist ganzheitlich und individuell, allein deshalb können große Patientengruppen schlecht miteinander verglichen werden. „Aber ich weiß aus meiner täglichen Arbeit, dass die Naturheilkunde wirkt“, versichert Arne Krüger. Mediziner nennen das Erfahrungsheilkunde. Auch die Bundestierärztekammer steht der Naturheilkunde positiv gegenüber. „In vielen Bereichen, beispielsweise bei Allergien oder chronischen Schmerzen, wo die Schulmedizin mit ihren Methoden nicht mehr weiterkommt, stehen dem Tierarzt mit den Naturheilverfahren weitere Instrumente zur Verfügung“, sagt Dr. Ute Tietjen von der Bundestierärztekammer.

Naturheilkunde, alternative Medizin oder auch Komplementärmedizin und Regulationsmedizin sind Begriffe, die beschreiben, was nicht zur Schulmedizin gehört. Im Englischen hat sich die Abkürzung CAM für „complementary and alternative medicine“ durchgesetzt. Von Homöopathie über Akupunktur bis hin zur Farbtherapie, die Palette ist groß und unübersichtlich. Die wenigsten Tierhalter können sich etwas unter Spagyrik, Kinesiologie oder Antlitzdiagnose vorstellen. Genauso individuell wie die Therapien ist auch die Entdeckung und Entwicklung der einzelnen Verfahren gewesen. Charismatische Persönlichkeiten wie der deutsche Arzt und Apotheker Samuel Hahnemann, der Urvater der Homöopathie, oder der britische Arzt Edward Bach, der Begründer der Bachblüten-Therapie, haben die Verfahren oft im Alleingang und unter Empörung ihrer Zeitgenossen vorangetrieben.

Allen verschiedenen Strömungen gemeinsam ist der Ansatz, den Organismus bei seiner Selbstheilung zu unterstützen, gewissermaßen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Dazu muss der Körper jedoch grundsätzlich in der Lage sein. „Wir finden es vernünftig, wenn die Naturheilverfahren in tierärztlicher Hand bleiben. Der Tierarzt sollte entscheiden, wann ihr Einsatz sinnvoll und wann Schulmedizin besser ist“, urteilt Dr. Ute Tietjen. Bei schweren Verletzungen, lebensbedrohlichen Zuständen und schweren Organkrankheiten kann die Naturheilkunde nur begleitend zur Schulmedizin eingesetzt werden. Dies ist auch in anderen Fällen oft die sinnvollste Vorgehensweise. Bei leichten Beschwerden oder chronischen Krankheiten kann man mit Naturheilverfahren allein jedoch manchmal gute Erfolge erzielen. Einige Heilverfahren der Regulationsmedizin haben sich schon lange bei der Behandlung von Hunden etabliert und werden heute regelmäßig von Tiermedizinern eingesetzt.

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