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Rohes Futter Mythos B.A.R.F.

Katharina von der Leyen 12.08.2016

Wer seinem Hund nur Rohes füttern will, sollte bedarfsgerecht und ausgewogen rationieren und beim Barfen mit hartnäckigen Mythen Schluss machen. Die zehn wichtigsten im Überblick

Mythos 1

Der Hund sollte so ernährt werden wie sein Vorfahr, der Wolf

Die wenigsten Wölfe in freier Wildbahn werden älter als fünf Jahre, für unsere Hunde dagegen wünschen wir uns ein möglichst langes Leben. Ein ausgewachsener Wolf benötigt etwa drei Kilogramm Nahrung an einem Tag. Er kann bis zu einem Fünftel seines Körpergewichts aufnehmen, also größere Mengen auf einmal fressen als der Hund und dafür auch längere Zeit hungern. Beim Verzehr eines Beutetiers frisst der Wolf als Erstes die besonders nährstoffreichen Organe Lunge, Herz und Leber, anschließend den Pansen, dann die Nieren, dann das Muskelfleisch der Hinterbeine und als Letztes die Fleischreste aus den Rippen und an den Knochen. Der Kopf, das Fell, die Beinknochen und das Rückgrat werden übrig gelassen. Vom Magen-Darm-Trakt werden nur die Hüllen und nicht der Inhalt gefressen, weil die pflanzlichen Substanzen des Magen-Darm-Trakts nur wenig Stoffe enthalten, die ein Wolf verwertet.

Allein diese Aufstellung zeigt, wie anders unsere Hunde ernährt werden, selbst wenn sie gebarft werden. Ein weiterer Unterschied: Selbst erlegte Beute ist nicht ausgeblutet. Blut enthält wichtige Nährstoffe, die Schlachtfleisch in dieser Menge fehlen.

© DDP Images

Mythos 2

Getreide ist kein natürliches Nahrungsmittel für den Hund

Hunde sind die ersten domestizierten Tiere überhaupt. Fossilienfunde reichen bis 33 000 Jahre v. Chr. zurück. Durch die natürliche Selektion bildeten sie Eigenschaften, um die leicht verfügbaren Nahrungsquellen effektiv nutzen zu können, die sogar das Erbgut veränderten. So hat der Hund, der zusammen mit dem Menschen die landwirtschaftliche Revolution erlebte, eine hohe Verdauungskapazität für Stärke. Im Jahr 2013 haben schwedische Forscher die Gene mit einer Schlüsselrolle in der Stärkeverdauung bei Hunden gefunden, die dem Wolf fehlt. Man kann daher davon ausgehen, dass stärkereiche Futtermittel auch zum Nahrungsspektrum von Hunden gehören. Aus ernährungsphysiologischer und evolutionsbiologischer Sicht spricht grundsätzlich nichts gegen das Verfüttern von stärkehaltigen Nahrungsbestandteilen.

Mythos 3

Hunde brauchen keine Kohlenhydrate

Kohlenhydrate liefern der Darmflora wichtige Nährstoffe und dem Hund Energie. Der Körper nutzt zur Energiegewinnung überwiegend Kohlenhydrate in Form von Stärke. Wird hiervon nichts oder nur sehr wenig aufgenommen, muss der Körper Glukose auf anderen Wegen beschaffen, was auch über bestimmte Eiweißbestandteile funktioniert. Allerdings schaltet der Körper dann auf Hungerzustand um – auf diese Weise kann der Hund nicht zunehmen. Wenn wenig Glukose produziert wird, ist der Blutzuckerspiegel also niedrig, was sich auch auf das Verhalten des Hundes auswirken kann.

Kohlenhydrate sind die am schnellsten verfügbare Energiequelle und daher wichtig für Sprinter, Rennhunde, Schlittenhunde und junge Hunde, die sich noch im Wachstum befinden, sowie für alle, die sehr agil sind beziehungsweise viel Kopfarbeit leisten. Kohlenhydrate tragen zur Entlastung von Leber und Nieren bei. Sehr fleischreiche Rationen können außerdem zu einer krankhaften Veränderung der Darmflora führen (Dysbiosen im Darm).

Mythos 4

Tierärzte sind gegen Barfen, weil sie ihr eigenes Futter verkaufen wollen

Es mag solche Tierärzte geben. Die meisten haben allerdings andere Vorbehalte gegen das Barfen: In der Praxis zeigt sich, das in der Rationsgestaltung große Fehler gemacht werden. Eine Fütterung nach dem Vorbild der Natur ist leider keine Garantie für eine ausgewogene Ernährung, richtiges Barfen erfordert ein erhebliches Know-how. In einer deutschen Studie waren bei sechzig Prozent von 95 Barfrationen der Mineralstoff- und Vitamingehalt weder bedarfsgerecht noch ausgewogen. In einer Untersuchung von sechs Barf-Fertigmenüs aus dem deutschen Handel waren die Gehalte an Spurenelementen zu gering. Ein Welpenmenü enthielt gerade einmal so viel Kalzium und Phosphor, dass nur ein Fünftel des Bedarfs gedeckt gewesen wäre.

Mythos 5

Der Mensch nimmt auch nicht täglich alle Nährstoffe in der empfohlenen Menge zu sich

Das ist richtig, und auch beim Menschen kommen Nährstoffmängel vor, insbesondere bei der Versorgung mit Jod, Vitamin D und Kalzium. Hunde haben aber einen anderen Nährstoffbedarf als Menschen, vor allem der Bedarf an Eiweiß, Kalzium, Phosphor und Spurenelementen wie Eisen, Kupfer, Zink und Jod ist um ein Vielfaches höher, was zum Teil daran liegt, dass Hunde viel mehr Haare haben als wir, die sehr viel Kupfer und Zink enthalten. Allein ein Drittel des täglich benötigten Eiweißes braucht der Hund für das Fell. Eine Mangelernährung macht sich bei ausgewachsenen Hunden – auch das ist anders als beim Menschen – nur sehr selten sofort bemerkbar, sondern meistens erst nach ein bis zwei Jahren.

Mythos 6

Ein regelmäßiges großes Blutbild sagt mir, dass der Hund gesund ist

Die Aussagekraft der Nährstoffgehalte im Blut ist schwach. Es handelt sich hierbei immer nur um eine Momentaufnahme. Eine Beurteilung der mittel- und langfristigen Nährstoffversorgung ist anhand einer Blutuntersuchung daher nicht möglich – darauf weisen sogar die durchführenden Labors hin, die immer eine zusätzliche Rationsüberprüfung empfehlen.

Mythos 7

Hunde brauchen kein Vitamin D aus der Nahrung

Im Gegensatz zum Menschen können Hunde Vitamin D nicht selbst herstellen. In zwei Studien wurde eindeutig bewiesen, dass eine Umwandlung der Vitamin-D-Vorstufe in der Haut des Hundes durch Sonnenlicht nicht stattfindet. Vitamin D ist essenziell für die Aufnahme von Kalzium und Phosphor und spielt daher eine wichtige Rolle im Knochenstoffwechsel. Besonders reich an Vitamin D sind Lebertran und fette Fischsorten wie zum Beispiel Lachs und Thunfisch, außerdem Eigelb und Milchprodukte.

Mythos 8

Barfen hilft bei Allergien

Allergien sind sehr komplexe Erkrankungen, bei deren Entstehung immer mehrere Faktoren zusammenspielen. Vereinfacht gesagt, kommt es bei einer Allergie zu einer immunvermittelten Abwehrreaktion, das heißt, der Körper stuft das Futtermittel als „gefährlich“ ein und versucht, sich dagegen zu schützen. Wie das Futtermittel dabei verarbeitet wurde, spielt keine Rolle. Ist ein Hund zum Beispiel allergisch gegen Rindfleisch, ist er das, egal ob er es roh, gekocht, gebraten oder als Fertigfutter frisst. Reagiert ein Hund nach einem Futterwechsel auf eine Barfration mit Rindfleisch nicht allergisch, spricht das also nicht für eine Allergie, sondern eher für eine unspezifische Unverträglichkeit.

Mythos 9

Getreide ist billiger Füllstoff

Aus ernährungsphysiologischer Sicht hat Getreide zu Unrecht einen schlechten Ruf. Es ist im Futtermittelbereich ein wichtiger Energieträger. Hunde haben kein Problem mit der Verdauung und Nutzung von Stärke, auch bietet die ausschließliche Nutzung von Fleisch als Energiequelle keinen ernährungsphysiologischen Vorteil. Gluten, das Klebereiweiß bestimmter Getreidearten, ist wichtig für die Backeigenschaften von Mehl und wird zumeist zum Backen von Trockenfutter verwendet. Beim Menschen kann Gluten eine chronische Erkrankung des Dünndarms verursachen, beim Hund wurde eine vergleichbare Erkrankung nur beim Irischen Setter nachgewiesen. Unverständlich ist, warum von vielen Barfern Getreide verurteilt, stattdessen aber Kartoffeln toleriert werden: Beides ist vor allem stärkereiches Futtermittel, von dem der Wolf weder das eine, noch das andere frisst.

Mythos 10

Barfen ist total kompliziert

Nicht wirklich, Barfen ist machbar, wenn man weiß, wie es geht! Eine ausgewogene Futterration muss so gestaltet werden, dass sie sowohl den Energie- als auch den Nährstoffbedarf des individuellen Hundes deckt. Einige Futtermittel sollten hierfür täglich gegeben werden, bei anderen genügt eine wöchentliche Fütterung. Der Energiebedarf ist abhängig von vielen individuellen Faktoren. Man erkennt die richtige Futtermenge daran, dass der Hund sein ideales Gewicht hält.
Die Grundlage für klassische Barfrationen sind Fleisch, fleischige Knochen und verschiedene Innereien. Manche Innereien wie Herz können täglich gegeben werden, andere wie etwa Leber sollten nur gelegentlich gefüttert werden. Hinzu kommen Gemüse, Obst und verschiedene pflanzliche und tierische Öle, wahlweise auch Getreide. Typischerweise enthalten Barfrationen zwischen 45 und 80 Prozent Fleisch und Innereien, 10 bis 30 Prozent fleischige Knochen und 10 bis 15 Prozent Gemüse. Man kann seinem Hund auch Fisch, Eier oder geringe Mengen Milchprodukte geben, Getreide- oder sogenannte Pseudogetreidesorten wie Buchweizen, Amaranth oder Hirse.
Eine Überprüfung der Rationen durch einen erfahrenen Ernährungsberater ist immer sinnvoll, insbesondere bei Welpen, Leistungshunden und trächtigen oder säugenden Hündinnen.

Katherine Silbermann

2016.10.08 um 14:22 Uhr

!!! Nichts hinzuzufügen.

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