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Alpenabenteuer Dem Himmel so nah

Andrea Mertes 02.05.2016

In sechs Tagen von Österreich nach Italien: Eine Alpenüberquerung mit Hund stellt den Besitzer vor ungeahnte Herausforderungen, wie DOGS-Autorin Andrea Mertes feststellen durfte.

Nino will, aber er darf nicht. Seit zwei Stunden  zockelt der junge Rüde an der Leine durch die Bergwelt und muss die Verheißungen des Lebens links liegen lassen. Die Natur ist ein Freilufttheater, gegeben wird „Österreich, ein Sommermärchen“. Sonnenlicht flutet die Szene, Gebirgsbäche bilden das Orchester. Almkühe gucken sich den Aufmarsch in Gemütsruhe an. Bis der Hund den stoischen Blick der Rindviecher persönlich nimmt und sich beim Ausweichschritt prompt im Strick verheddert. Auswickeln, weitergehen. An den Murmeltieren vorbei, die sich auf grauem Kalkstein den Pelz wärmen. Ab und an pfeift eines wie zum Spott herüber: „Komm doch her und fang mich!“

Nix is. Nicht jetzt und nicht die nächsten Stunden. Die Leine bleibt dran und der Hund in der Spur. Die Ansage kommt nicht von Ninos Frauchen, sondern von dem Mann, der mit strammen Waden und schwerem Rucksack hinter den beiden her marschiert. „Hunde an die Leine“, hatte Erwin Kohler morgens als Marschdevise ausgegeben. „Die Tiere wissen nicht, was auf sie zukommt und dass sie ihre Kräfte einteilen müssen. Sie sollen sich nicht durch zu viel Hin- und Hergerenne verausgaben.“ Also nestelt der Mensch die Leine wieder aus dem Rucksack und mag es nicht glauben. Da ist man endlich in den Bergen, und der Hund soll nicht frei laufen dürfen? „Glaubt mir“, spricht Erwin besänftigend in stirngerunzelte Mienen, „am dritten Tag werdet ihr wissen, was ich meine.“

Begonnen hat die Woche, die uns bis auf 3019 Meter Höhe und an manche persönliche Grenze führen wird, bei einem Cappuccino, serviert auf der Terrasse des Hotels „Alpenrose“ in Au im Bregenzerwald. Dort hat es sich Clouseau bereits auf dem Loungesessel bequem gemacht. Dem selbstbewussten Vizsla zur Seite sitzt Besitzer Ralf, ein Unternehmensberater aus Köln. Die beiden Großstädter sind schon einen Tag früher angekommen, „zum Warmlaufen“, erzählt Ralf und krault seinem Clouseau die Schlappohren.

Im Lauf des Nachmittags finden sich die übrigen Teilnehmer ein, insgesamt sind wir zwölf Hunde und dreizehn Menschen. Dem Hundehalter scheint der Hundehalter ein seelisch Artverwandter, schnell kommt man ins Gespräch. Maren, die mit ihren zwei Parson Russell Terriern Tess und Baghira angereist ist, träumt schon lang von einer vielbeinigen Alpenüberquerung, aber: „Alle Bergschulen, bei denen ich angerufen habe, haben mich abgewiesen.“

Berg- und Wanderführer akzeptieren Hunde nur selten auf ihren Touren, das Risiko ist ihnen zu groß. Erwin Kohler und sein Kollege, der Bergretter Christoph Rüscher, machen genau das Gegenteil. Unter dem Namen Lexlupo führen sie ausschließlich Hundemenschen, im Sommer wie im Winter. Seit 2008 nehmen sie auch den großen Weg über die Alpen, mal nach Italien, mal in die Schweiz. Mitgehen kann jeder, der sich für fit genug hält, Voraussetzung ist lediglich die Einhaltung einiger Spielregeln: Kein Vierbeiner mit ins Bett, sonst gibt es Ärger mit den Hüttenwirten. Und kein Gramm zu viel im Rucksack, sonst gibt es Ärger mit der Kondition. Sowieso müssen wir nicht mehr tragen, als wir für drei Tage mit Stock und Hut brauchen, inklusive Hundefutter. An zwei Stationen bekommen wir eigens gepackte Austauschpakete nachgeliefert, mit frischer Kleidung und Futternachschub. So viel Luxus kennt der  Alpenüberquerer normalerweise nicht. Christoph Rüscher weiß das. Er weiß auch, dass diese Gefälligkeit Not tut, weil seine Gäste oft genug mit anderem belastet sind. Meistens sehr mit sich und ihrem Hund. Selbst wenn ein Raubvogel über ihren Köpfen kreist. Wenn Geröllscherben unter den Hufen einer Gams ins Tal poltern. Wenn Gletscherwasser aus dem Fels sprudelt und die Natur eine Sondervorstellung gibt, um ihre Besucher zu bezirzen, selbst dann schaut mancher doch mal lieber, was sein Hund so treibt.

Laufen im Rudel sozialisiert. Das gilt für Mensch und Tier

Andrea Mertes

„Die beste Beschäftigung für normale und die beste Therapie für problematische Hunde samt ihrer Menschen ist das gemeinsame Wandern“, hat der Wolfsforscher Erik Zimen einmal gesagt. Laufen im Rudel sozialisiert, das gilt für Mensch und Tier. Also laufen wir. Jeden Tag eine Strecke zwischen 15 und 25 Kilometern, zwischen sieben und zehn Stunden, bis zu 1000 Höhenmeter hinauf und hinab. Die ersten Stunden sind nur das Aufwärmprogramm, ein Spaziergang durch saftig grüne Almwiesen, der an der nostalgischen Talstation der Rüfikopfbahn in Lech am Arlberg endet. Mit der Seilbahn geht es in zehn Minuten steil bergauf. Oben angekommen, sehen die Alpen anders aus. Mächtiger. Unwegsamer. Viel kälter.

An der Tür der Bergstation hängt ein Schild: „Der Wanderweg zur Stuttgarter Hütte ist nahezu freigeschaufelt und auf eigene Gefahr begehbar.“ Karabiner klicken, alle Leinen los, es hat jetzt sowieso keiner Zeit, sich um Hundeangelegenheiten zu kümmern. Der Weg, den wir gehen wollen, ist ein Mix aus Schneeschmelze und Matsch. Die Karawane müht sich den Berg hinauf, Bergstiefel brechen durch den Harsch und bleiben stecken. Wer vier Beine hat, ist jetzt eindeutig im Vorteil. Von links fliegt ein fuchsbraunes Fell durchs Bild, kugelt sich einmal quer durchs Weiß und schaut schwanzwedelnd zur Gruppe zurück: Hart jemand Lust auf ein Spielchen? Für Nino hat in diesem Moment der Tag begonnen.

Der restliche Weg zur Stuttgarter Hütte bietet einen Vorgeschmack auf die Art von Alpen, die uns die nächsten Tage erwarten. Zwischen Bergen von schwindelerregender Höhe führen verschlungene Wege ans Ziel, alte Ziegenpfade und schweißtreibende Höhensteige. Steinmännchen weisen die Richtung, wo es anscheinend nicht weitergeht. Noch einmal Pause, noch ein letzter Anstieg. Unbemerkt hat sich der Himmel verdunkelt. Mit dem einsetzenden Hagel erreichen wir am späten Nachmittag die Hütte.

2310 Meter hoch liegt das Schutzhaus, die Hüttenwirte Florian und Heidi haben uns den Winterraum als Quartier zugewiesen. Fünf Menschen und fünf Hunde teilen sich ein Zimmer, groß und holzverkleidet wie eine Sauna. Auf den Stockbetten liegen rot-weiß karierte Bettlaken und Wolldecken. Für die Hunde findet sich unter den Aufstiegsleitern noch eben ein Plätzchen, mögliche Sonderwünsche – „mein Hund kann nur in meiner Nähe schlafen“ – werden von praktischen Erwägungen beiseitegeschoben. Die Rucksäcke müssen ja auch noch irgendwohin.

Wer nie zuvor sein Bett am Berg aufschlagen hat, kratzt sich jetzt verwundert den Kopf. „Wie duscht man hier eigentlich?“, fragt Hüttenneuling Maren und macht große Augen, als sie hört: in Münzduschen, anderthalb Minuten Wasser für einen Euro. Der Mensch ist noch nicht gänzlich bereit, seine Komfortzone aufzugeben. Die Hunde sind da schon weiter: Erschöpft haben sie sich auf ihren Decken zusammengerollt und träumen. Nur Clouseau pinkelt vorher noch mal geschwind ans Gipfelkreuz hinter der Hütte.

Die folgenden Tage bestimmt ein beinahe meditativer Rhythmus: Rucksack packen, langsam losgehen, immer weiter. Mittags rasten, etwa am Steinsee, wo das klare Wasser die Felsen ringsherum widerspiegelt. Am Nachmittag ankommen, auf der Hanauer Hütte, wo Kletterer verwundert aufblicken, als wir mit unseren Hunden die Terrasse betreten. In diesem Rhythmus bewältigen wir auch die Hintere Dremelscharte, ein Hochkar aus Geröllschutt, das in einer Steilstufe abbricht. Es ist die Schlüsselstelle in dieser Woche, im obersten Teil muss eine seilversicherte Rinne durchquert werden.

An der kurzen Leine folgen die Hunde und nehmen die Stimmung ihrer Besitzer auf. Nervosität ist jetzt die falsche Wahl. Also gehen wir noch langsamer, bewegen uns noch ruhiger. Man wird schnell buddhistisch in den Bergen. Schweigsamer auch. Der Kopf schaltet Tag für Tag mehr ab, der Körper aber fordert seinen Tribut.
Nach fünf Tagen machen sich erste Ausfallerscheinungen bemerkbar. Einer der Golden Retriever mag nicht mehr weiter, die Terrier haben sich die Pfoten wundgelaufen. Der Handelswert von Blasenpflaster steigt unter zweibeinigen Wanderern sprunghaft in die Höhe, in der Mittagspause gibt es Kopfschmerzmittel und Koffeinpulver zum Käsebrot. Noch einmal müssen alle Kräfte mobilisiert werden, auch wenn keiner eine Idee davon hat, wo die stecken.

Am letzten Tag geht es vom österreichischen Vent über den Similaunpass nach Vernagt in Südtirol. Bei senkrechtem Sonnenschein durchsteigen wir eine gurgelnde Gletscherzunge, marschieren ein letztes Schneefeld nach oben und überschreiten mit der Similaunhütte schließlich die 3000-Meter-Marke. „Gut gemacht“, ruft Christoph und gratuliert jedem mit Handschlag.

Stolz liegt auf den Gesichtern und überstrahlt alle Müdigkeit. Die Hunde sehen im Halbschlaf zu. Zufrieden schnarcht Nino später unter der Hüttenbank. Endlose Wanderwege, kühle Gebirgsseen und ein Himmel, zum Greifen nah: Das Paradies ist ein Ort, den man zu Fuß erreichen kann.

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