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LITERATUR Lesefutter für Mehrhundehalter

Meike Dinklage 14.02.2018

„Ich will einen zweiten Hund, und mit dem mache ich dann alles richtig“, dachte die Hamburger Reporterin und „Brigitte“-Redakteurin Meike Dinklage. 2006 war Collie Sam in ihr Leben getreten, 2011 dann kam Colliehündin Fee ins Rudel. Lesen Sie die Einleitung zu dem mitreißenden Buch.

Meike Dinklage mit ihren Hunden

Warum im Rudel leben?

„Als Fee, mein zweiter Hund, ins Haus kam, dauerte es ungefähr drei Wochen, und ich lag  meinem Mann heulend in den Armen. Ich war sicher, dass ich einen furchtbaren Fehler gemacht hatte: Einen zweiten Hund anzuschaffen, völlig ohne Not unser unkompliziertes Leben aufzugeben, das wir mit Ersthund Sam geführt hatten. Jetzt lag Sam, fünf Jahre alt, traurig auf seiner Decke und beobachtete mit waidwundem Lassie-Blick das kleine, seltsame Ding, das einfach nicht mehr aus seinem Leben verschwinden wollte. Und Fee, elf Wochen alt und so ängstlich, dass sie nicht eine Pfote vor die Haustür setzen wollte, pinkelte, weil sie auch noch eine Blasenentzündung hatte, aufs Parkett und verkroch sich ansonsten in ihrer Box.

Das war nicht das, was ich gewollt hatte. Ich wollte zwei gut gelaunte Collies, die unbeschwert über den Hamburger Elbstrand tollten; herrliche, zufriedene Hunde, die in einem von meinem Mann und mir geordneten Rudel ihren Platz und ihr Glück fanden. Ja, das ist Zweithund-Romantik. Und ich war ihr erlegen. Ich dachte, dass sich beim zweiten Hund das Glück automatisch verdoppelt.

Deshalb hatte ich meinem Mann das Ja zum zweiten Hund abgerungen, er war zögerlich gewesen, weil er deutlich weniger zu Romantisierungen neigt als ich. Aber ich wollte unbedingt. Ich hatte mir gesagt, dass ich beim ersten Hund so viel über Verhalten und Erziehung gelernt hatte, dass beim zweiten eigentlich nichts mehr schiefgehen konnte.

In Wahrheit ist es so: Beim zweiten Hund ist wirklich alles anders, auf eine unvorhersehbare, tendenziell chaotische Weise. Es hat mit Rudel-Dynamik zu tun und damit, dass der zweite Hund seinen eigenen Charakter und Macken mitbringt und seine Leute vor ganz neue Herausforderungen stellt, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Außerdem verdoppeln sich die Arbeit und all die Dinge, über die man sich als Hundehalter Gedanken machen muss – Zeit, Geld, Pflege, die eigenen Freiheiten. Einen Hund kann man im Urlaub noch wegorganisieren oder mit ins Ferienhaus schmuggeln – aber zwei? Ein Hund liegt im Restaurant unauffällig unterm Tisch – zwei dagegen liegen irgendwie immer im Weg. Kein Vermieter klatscht vor Freude in die Hände, wenn man im Hundepulk zur Besichtigung erscheint, und so trendig auch das Mitbringen seines Hundes zur Arbeit ist – ein Hund ist der süße Bürohund, den alle zauberhaft finden, zwei jedoch sind eine Meute, die die Frage aufwirft, ob man da noch zum Arbeiten kommt.

Aber das blendet man aus. Man blickt sich in der Wohnung um, denkt, hier ist doch noch Platz, denkt, Hunde sind Rudeltiere, der Ersthund freut sich sicher, denkt, spazieren gehen muss ich ja sowieso, und ruft den Züchter an oder verliebt sich beim Durchklicken der Tierschutz-Seiten in ein Augenpaar aus Spanien und kann nicht anders.

Vielen Hundehaltern geht es so, ich kenne kaum einen Menschen mit Hund, der nicht wenigstens zeitweilig mit dem Gedanken spielt, sich noch einen zweiten Hund anzuschaffen. In den Parks, auf den Freilaufwiesen, in den Hundeschulen sieht man inzwischen fast mehr Leute mit mehreren Hunden als mit nur einem.

Es gibt dafür gute Gründe. Hunde sind Sozialpartner, Familienmitglieder, und weil es den Menschen glücklich macht, in Gesellschaft zu leben, aber viele nicht die Zeit oder die Lebensumstände oder auch Interesse daran haben, sich ständig mit Freunden und Großfamilie zu umgeben, sind es eben die Hunde, die das Dasein komplett machen und vor der Einsamkeit bewahren – je mehr Hunde, desto reicher fühlt sich das Leben an. Die Hunde machen es ihren Leuten leicht, sich mit ihnen wohlzufühlen, nach 30.000 Jahren Anpassung an den Menschen haben sie sehr feine Sensoren für deren Bedürfnisse, und das Bedürfnis der Menschen 2018, in dieser auseinanderfallenden, digitalisierten, komplizierten Welt lautet: Frag nicht, bewerte nicht, sei einfach mein Freund.

Dazu kommt der Trend zum reduzierten, natürlichen Leben. Hunde repräsentieren ein Stück Ursprünglichkeit, das viele Menschen im Alltag vermissen. Lässt man die Hunde mit ihresgleichen leben, dann, so hoffen viele Hundehalter, erlebt man noch mehr von dieser rohen, archaischen, wölfischen Urkraft. Und dann gibt es noch die Moden. Es ist zur Zeit einfach schick, zwei Hunde an der Leine zu führen, entweder zwei derselben Rasse, weil das das Zusammengehörigkeitsgefühl nach innen wie außen stärkt. Oder zwei und mehr aus dem Tierschutz, was zwar optisch heterogen ist, aber erkennen lässt, dass hier ein kleines Team zueinandergefunden hat, dass sich umeinander sorgt und zusammenhält.

Daneben gibt es eine ganze Reihe individueller Gründe; manche so banal oder irrational wie etwa der meinige. Ich hatte einfach das Gefühl, ich wäre innerlich an meinem ersten Hund so gereift, dass ich nun einen zweiten mühelos und zur Freude aller Beteiligten in unser Leben integrieren könnte. Beim zweiten Hund wird alles anders, und Sam und Fee sind dafür ein gutes Beispiel. Nichts, gar nichts ist glatt gelaufen, nichts war, wie ich es vorher geplant oder mir ausgemalt hatte. Ich habe nicht nur einmal geheult, aus Überforderung, Frust, Ratlosigkeit.

Inzwischen sind wir natürlich dickste Freunde, und Sam und Fee sind die besten Lehrer, die ich mir hätte wünschen können, mein Familien-Rudel, meine besten Hundekumpel: ein sanfter, selbstbewusster Beau und eine kleine, empfindsame Amazone.“

In Meike Dinklages Buch geht es um Rudelwerdung, sie beginnt, wo Menschen, die ihren Hund vergöttern aber keine Ahnung von Hundeerziehung haben, ihrer eigenen Unfähigkeit am schmerzlichsten ins Auge blicken: auf dem Hundeplatz.

Meike Dinklages Buch „Beim zweiten Hund wird alles anders“ aus dem Kösel Verlag erscheint am 5. März 2018

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