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Charakter des Hundes Was die Gene beeinflussen

Astrid Nestler 16.06.2016

Gene bestimmen nicht nur Aussehen und die Intelligenz eines Lebewesens, sondern auch sein Gemüt. Aber das Erbgut bietet Spielraum: Es lässt sich formen. Auch die Umwelt hat Einfluss darauf, welche Inhalte aus dem genetischen Pool eines Organismus genutzt werden.

Dogs Juni 2016 Wie die Gene beeinflussen Experte
© Patrick Ohligschläger

Irene Sommerfeld-Stur ist Dozentin im Ruhestand. Bis 2012 lehrte sie am Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizini­schen Universität in Wien. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit waren Erbfehler und deren Bekämpfung. Außerdem hat sie sich intensiv mit der Proble­matik der fälschlicherweise als Kampfhunde ab­ gestempelten Rassen auseinandergesetzt.

Was sagt die Wissenschaft?

Ohne genetische Disposition könnte sich Verhalten nicht von Generation zu Generation ändern. So wie man bestimmte äußere Merkmale bei Hunden durch Zuchtaus­wahl umformen kann, so lassen sich Verhaltensmerkmale genetisch in einem bestimmten Umfang verändern. Das gilt unter anderem auch für die Aggressionsbereitschaft. Ein bestimmtes Gen gibt es dafür zwar nicht. Dennoch ist die Bereitschaft zu aggressivem Han­deln in den Genen verankert. Um ein Verhaltensmerkmal inner­halb einer bestimmten Rasse zu ändern, muss eine gewisse Band­ breite („genetische Varianz“) dieses Merkmals vorhanden sein. Es muss also Unterschiede zwischen den Hunden geben, damit zum Beispiel die jeweils „sanftesten“ verpaart werden können.

Versuche an Silberfüchsen haben gezeigt, dass es möglich ist, in­nerhalb von nur fünfzehn Generationen eine zahmere Population zu züchten. Nach zwanzig Generationen waren einige der Füchse so zahm, dass sie als Haustiere gehalten werden konnten und aktiven Kontakt zu Menschen suchten. Gene, die das Verhalten steuern, müssen aber durch entsprechende Umwelteinflüsse aktiviert wer­ den. Fehlen diese Reize aus der Umwelt, kann ein Hund sein gene­tisch kodiertes Verhaltensspektrum nur unzureichend entwickeln.
Ein Zuchtaspekt ist, dass sich durch die Veränderung von Verhal­tensmerkmalen das Erscheinungsbild der Tiere wandelt. Manche Gene kodieren nicht ausschließlich ein bestimmtes Merkmal, son­dern beeinflussen verschiedene Eigenschaften. Verändern sich be­ stimmte Verhaltensmerkmale, ändern sich damit auch körperliche Merkmale und umgekehrt. Im Fall der auf Zahmheit selektierten Silberfüchse zeigten sich nach einigen Generationen domestika­tionstypische Varianten wie Scheckung, kleinere Köpfe, Kippohren und gerollte Ruten. Beim Hund können bestimmte körperliche Merkmale wie Farbe, Größe, Schädel­ oder Ohrenform mit bestimm­ten Verhaltenstendenzen assoziiert sein. Selektion auf Aussehen kann daher auch Veränderungen des Verhaltens zur Folge haben.

Dogs Juni 2016 Wie die Gene beeinflussen Experte
© Patrick Ohligschläger

Gerd Leder arbeitet als Hundetrainer und gehörte zum Mitarbeiterstamm des schwedischen Biologen Dr. Erik Zimen. Leder gilt als ausgewie­sener Experte zur Entstehung und Verbreitung unserer Haushunderassen und ihrer Ursprünge. In Seminaren informiert er über die heutige Rasse­hundezucht und welche Nachteile es hat, wenn eine Zucht auf rein optischen Kriterien basiert.

Was lehrt die Praxis?

Je nach Rassegruppe erhöht oder mindert sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hund mit Aggression oder Gelassenheit auf einen Reiz reagiert. Ein Terrier wird in einem Konflikt tendenziell aggressiver auf Artgenossen reagieren als ein Retriever. Das hängt mit der Geschichte der jeweiligen Rasse und mit ihrem ursprünglichen Gebrauch zusammen. Hof­ und Bauern­hunde wurden meist einzeln gehalten. Innerartliches Sozialverhal­ten war daher kein Zuchtkriterium. Außerdem sollten sie Fremden gegenüber misstrauisch sein. Während Meutehunde wie Beagles und Foxhounds generell auf Verträglichkeit selektiert wurden, le­ben Schlittenhunde innerhalb ihrer Gruppe rau, aber herzlich mit­ einander zusammen. Fremden Hunden gegenüber können sie allerdings durchaus unduldsam sein. Zu Menschen sind sie meist freundlich, denn in einsamen Gegenden durfte ein Hund kein un­nötiges Verletzungsrisiko darstellen. Wer an eine fremde Hütte kam, musste hineingehen und sich aufwärmen können. Biss ein Hund einen Menschen, wurde er ohne Wenn und Aber eliminiert.

Noch vor wenigen Jahrzehnten hatte man ein anderes emotiona­les Verhältnis zu Hunden. Bei schweren Beißvorfällen gab es nur eine Lösung: Der Hund wurde beseitigt, seine Gene wurden damit aus der Zucht genommen. Das Tier stellte einen Risikofaktor dar, niemand wollte mit ihm zusammenleben. Ähnlich war es bei Tie­ ren, die für Hundekämpfe gezüchtet wurden. Der Pitbull beispiels­weise verhält sich gegenüber Artgenossen tendenziell aggressiv, dem Menschen zeigt er sich meist freundlich, sofern er nicht anders trainiert wurde. Hundekämpfe waren ein Vergnügen der Arbeiter­schicht. Daher lebten die Tiere oft in engen Wohnungen mit der Familie zusammen. Freundlichkeit gegenüber Menschen war also ein Auswahlkriterium. Die heutige pauschale Ächtung bestimmter Rassen halte ich für falsch. Anstatt Pitbulls zu ächten, sollte man sie offiziell züchten dürfen und dabei auf innerartliche Verträglichkeit selektieren – der weitaus intelligentere Weg.

Titelbild Homepage: ©Rachel Hale McKenna

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