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Charakter des Hundes Was seine Persönlichkeit ausmacht

Astrid Nestler 23.06.2016

Persönlichkeit ist das, was jeden einzelnen Hund ausmacht. Sie entsteht zuerst durch Genetik, Vorerfahrungen und Lernprozesse. Vermittelt wird sie durch die Wirkung von Botenstoffen und Gehirnaktivitäten. Änderungen des Verhaltens gehen oft mit Änderungen im Hormonhaushalt einher.

Das sagt die Wissenschaft

Es gibt mehrere Stresssysteme, dar­ unter ein schnell reagierendes Adrenalinsystem und ein etwas trä­geres Cortisolsystem. Dementsprechend gibt es zwei unterschiedli­che Stresspersönlichkeiten: den wagemutigen Typ A, der durch das Adrenalinsystem gesteuert wird, und den Typ B, der eher zurück­ haltend ist (siehe Infobox). Typ A neigt bei Bedrohung zu aggressiver Abwehr oder Flucht, Typ B neigt zur passiven Vermei­dung. Zusammen mit Noradrenalin, einer Vorstufe des Adrenalin, wird auch Dopamin ausgeschüttet. In Verbindung mit Noradrena­lin kann es einen regelrechten Glücksrausch auslösen. Die Folge: Aggressives Handeln fühlt sich gut an. Bei häufigem Erfolg kann mancher Hund zum regelrechten Lustbeißer werden.

Dogs Juni 2016 Persönlichkeit

Udo Gansloßer ist Privatdozent für Zoologie und lehrt insbesondere Verhaltensbiologie. Seine Schwerpunkte als Buchautor sind soziale Mecha­nismen von Säugetieren. Er ist Lehrbeauftragter an den zoologischen Instituten der Universitäten Jena und Greifswald. Seit mehreren Jahren betreut Gansloßer zunehmend mehr Forschungs­projekte über Haus­ und Wildhundeartige.

Charakter auf vier Pfoten

Die derzeit gängige Methode zur Charakterisierung von Hunden ist die Einteilung in A­Typen und B­Typen. A­Typen sind neugierig, erkundungsfreudig und mit viel Tatendrang ausgestattet, während B­Typen eher still, zurückhaltend und abwartend sind. Diese Typisierung kann dazu noch in instabil und stabil unterteilt werden.

STABILE A-TYPEN bleiben auch in Stresssituationen sou­verän und sicher.

INSTABILE A-TYPEN neigen in Konfliktsituationen zu Überreaktionen, werden leicht cholerisch und sind unbeherrscht. Im schlimmsten Fall wird so ein Hund nicht berechenbar und neigt zu Übersprungshandlungen. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass instabile A­Typen durch sehr aktive Betätigungen wie Agility besser ausgelastet und dadurch entspannter werden. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Diese Tiere entspannen über konzentriertes Suchtraining und viel Ruhe.

STABILE B-TYPEN verfügen über viel innere Ruhe und Gelassenheit. Ähnlich wie stabile A­Typen verhalten sie sich auch in Konfliktsituationen souverän.

INSTABILE B-TYPEN sind auf Konfliktvermeidung und auf Rückzug bedacht, sie können aber unter ent­sprechender Belastung auch aggressiv beziehungsweise bissig werden. Ein instabiler B­Typ kann in seinem Selbstbewusstsein gestärkt werden durch Beschäftigun­gen, die dem Hund Erfolgserlebnisse verschaffen.

Sind Junge im Rudel, ist bei allen Mitgliedern ein erhöhter Pro­laktinspiegel messbar, was die Bereitschaft zur Verteidigung er­ höht. Auch die Kinder der Familie können vom Hund als Nach­ wuchs betrachtet und verteidigt werden. Gestritten wird um vieles: Futter, Sozialpartner, Spielzeug oder Status. Futteraggression ist durch das Stresshormon Cortisol gesteuert und hängt viel enger mit der Angst zusammen als mit der Rangordnung. Man muss seinem Hund also nicht unbedingt das Futter wegnehmen, um seine Chef­position zu behaupten.

Bei der Verteidigung des Sozialpartners haben wiederum Boten­stoffe aus der Hirnanhangdrüse Bedeutung: Oxytocin und Vaso­pressin. Sobald der Körper Vasopressin produziert, wird auch der Partner in einer Beziehung verteidigt. Wettbewerb rund um Status, Rang und Revier wird nicht nur durch Sexualhormone wie etwa das Testosteron bestimmt. Auch der Botenstoff Serotonin spielt eine wichtige Rolle. Ein Großteil der Aggressionsprobleme beim Hund resultieren aber nicht aus dem Sexualbereich oder sexuell motivier­tem Fortpflanzungsstreben. Dieses Motiv rangiert an zweiter oder dritter Stelle. Daher löst Kastration Aggressionsprobleme oft nicht.

Das lehrt die Praxis

Die Körpersprache des Hundes ähnelt zwar immer noch sehr stark der des Wolfs, ist aber weniger differenziert. Das hängt auch mit dem veränderten Aussehen vieler Hunderassen zusammen: Langhaarigkeit, verkürzte Schnauzen und Schlappoh­ren bedeuten für den Hund Defizite im mimischen Bereich, ganz zu schweigen von den bis vor wenigen Jahren noch kupierten Ruten. Um solche Hunde besser lesen zu können, empfehle ich den Besit­zern gern, die Kommunikation an intakten Tieren zu lernen. Ideal wäre es, Wölfe zu beobachten, weil sie den ritualisierten Umgang miteinander am deutlichsten zeigen. Wenn man einmal weiß, wie bestimmte Signale normalerweise aussehen, kann man die einge­schränkte Mimik einer Bulldogge besser verstehen.

Trotz alledem ist die Ausdrucksweise unserer Haushunde immer noch so ritualisiert, dass die meisten Konflikte durch Drohsignale gelöst werden können. Drohen zielt nicht auf das Verletzen ab. Im Gegenteil, es hemmt oder verhindert Kämpfe, die zu Beschädigun­gen führen könnten. Es ist daher falsch zu glauben, man müsse einen Hund unterwerfen, um eine Rangordnung zu festigen. Chef ist vielmehr, wer Dinge initiiert und Entscheidungen fällt.

Wenn ein Hund einem Menschen droht, etwa weil er nicht möch­te, dass man ihm die Krallen schneidet, darf man das keinesfalls persönlich nehmen und emotional oder gar wütend reagieren. Mög­licherweise beißt er dann erst recht, um sich zu verteidigen. Besser ist Ruhe bewahren und in diesem Fall gelassen aus der Situation herausgehen, dem Hund an einem anderen Ort einen Maulkorb aufsetzen – vorausgesetzt er ist daran gewöhnt –, zehn Minuten mit ihm spazieren gehen und dann die Krallen in aller Ruhe schneiden. Völlig falsch wäre, den Hund in der Situation mit Futter zu beste­ chen. Ebenso falsch wäre es, die Unterwerfung mit Gewalt einzu­fordern. In beiden Fällen würde der Mensch sein Gesicht und/oder die Stellung als verlässlicher Entscheidungsträger verlieren.

Dogs Juni 2016 Persönlichkeit

Michael Eichhorn hat eng mit dem Kynologen Erik Zimen zusammengearbeitet und war in den frühen Neunzigerjahren Dozent am ethologi­schen Institut COAPE in Sheffield/England. Zum ersten Mal in Europa wurden dort neuere Verhal­tensforschung und Neurologie in die moderne Hundeerziehung einbezogen. 1993 gründete Eich­horn das Hundezentrum Pfalz in Bad Dürkheim.

Wie entsteht Persönlichkeit?

DIE ERSTE SÄULE zur Bildung des Gehirns und damit auch zur Bildung der Persönlichkeit ist die Vielzahl der vererbten Gene. Sie legen die Grenzen fest, innerhalb derer sich eine Persönlichkeit entwickeln kann.

DIE ZWEITE SÄULE ist die Epigenetik, zu der vor allem die vorgeburtlichen Erlebnisse gehören, also alles, was während der Trächtigkeit und der Geburt passiert. Ver­gewaltigungen (die Hündin wird für den Rüden fest­ gehalten), künstliche Befruchtung und Kaiserschnitt sind bei immer mehr Rassen ganz normal. Was medizinisch machbar ist, wird auch gemacht. Wie stressig das für die Mutter und eben auch für die Welpen ist und wie sich das auf deren Verhalten auswirkt, wird kaum bedacht.

DIE DRITTE SÄULE ist die Erfahrung in der Welpenzeit, wobei hier besonders die Bindung zur Mutter und den Wurfgeschwistern prägend ist.

DIE VIERTE SÄULE wird gebildet aus den allgemeinen Erfahrungen mit Umwelt. Diese Erfahrungen können als „Erziehung“ und „Sozialisierung“ beschrieben werden.

Titelbild Homepage: ©Rachel Hale McKenna

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