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WISSENSCHAFT Der Geruchssinn des Hundes

Alexandra Horowitz 29.11.2017

Riechen ist für Hunde Teil des Erlebnisses auf dem Spaziergang. Im Interview mit DOGS erklärt Verhaltensforscherin Alexandra Horowitz Wissenswertes rund um den Geruchssinn des Hundes und appelliert dafür, auch einmal ganz langsam unterwegs zu sein und selbst zu schnüffeln.

Horowitz mit Hund

DOGS: In Ihren Büchern erklären Sie, wie Hunde die Welt wahrnehmen. Sollten wir uns mehr in sie hineinversetzen oder vermenschlichen wir unsere Hunde zu sehr?

Alexandra Horowitz: Wir vermenschlichen unsere Hunde ganz automatisch, indem wir ihnen menschliche Eigenschaften zusprechen. Möglicherweise haben wir mit diesen Charakterisierungen manchmal auch recht. Es ist zutreffend, einen wedelnden und winselnden Hund „Glücklich, Sie zu sehen“ zunennen, wenn er Sie an der Haustür begrüßt.Aber vieles von dem, was wir über Hunde behaupten, wurde bisher nicht überprüft. Die Forschung hat gezeigt, dass wir mit unseren Annahmen häufig danebenliegen, weil Hunde anders wahrnehmen und erleben als wir. Allein die Tatsache, dass sie die Welt vor allem riechen, sollte uns nachdenklich machen. Hunde erkennen Orte, andere Hunde und uns Menschen vor allem am Geruch. Es ist eine andere Art, die Welt zu erfahren.

DOGS: Hunde sind perfekt an unsere menschliche Welt angepasst, warum sollten wir den Spieß umdrehen und uns mehr auf ihre Art Wahrnehmung einlassen?

Alexandra Horowitz: In Wahrheit sind sie überhaupt nicht perfekt an unsere Welt angepasst. Die Zahl der Tiere, die allein in den USA aufgrund unerwünschter Verhaltensweisen jedes Jahr aufgegeben oder eingeschläfert werden, geht in die Millionen. Es gibt jede Menge Konflikte in der Mensch-Hund-Beziehung, einschließlich Bisse. Es ist daher notwendig, dass wir Hunde als Hunde besser verstehen.

DOGS: Hat das Verhältnis zu Ihren eigenen Hunden sich aufgrund Ihrer Forschungen verändert

Alexandra Horowitz: Ja, sehr sogar. Noch mehr als früher respektiere ich ihre Andersartigkeit. Ich kann jetzt regelrecht sehen, wie sehr sie über den Geruch wahrnehmen, und gebe ihnen mehr Gelegenheit dazu.

DOGS: Das heißt, Sie haben mehr Verständnis und Geduld, wenn die Hunde minutenlang am Laternenpfahl schnüffeln?

Alexandra Horowitz: Ja, manche unserer Spaziergänge sind sehr, sehr langsam. Zu riechen ist Teil des Erlebnisses und der Spannung auf dem Spaziergang und, hey, Gassigehen ist für sie und nicht für mich! Also bleiben wir stehen und schnüffeln.

DOGS: Sie sind draußen herumgekrabbelt, um an den Stellen zu riechen, für die sich vorher Ihre Hunde interessiert haben. Hat Sie das manchmal Überwindung gekostet?

Alexandra Horowitz: Im besten Fall fand man mich albern, im schlimmsten unanständig oder primitiv. Am meisten jedoch habe ich nicht von diesen Experimenten, sondern von den Ansätzen anderer Geruchsexperten profitiert, von Parfümeuren, Fährtenexperten oder Mantrailern. Sie zeigten Möglichkeiten, mir die Welt der Düfte besser vorzustellen.

DOGS: Sie haben in den letzten Jahren selbst viel geschnüffelt, um Gerüche zu erforschen. Wie viel besser können Sie jetzt riechen?

Alexandra Horowitz: Viel besser! Ich nehme wahr, wenn der Duft eines Menschen sich verändert. Wenn ich neue Gegenstände in der Hand halte, rieche ich jetzt auch an ihnen. Überraschenderweise empfinde ich schlechte Gerüche jetzt weniger unangenehm. Auch für Hunde, glaube ich, sind Gerüche zuallererst Information, und ich beginne ebenfalls, Gerüche auf diese Art zu begreifen.

DOGS: Anders als bei Hunden muss unser Gehirn Gerüche mit Begriffen oder Bildern verbinden, um sie besser abspeichern zu können. War es manchmal schwierig, Beschreibungen für gewisse Düfte zu finden?

Alexandra Horowitz: Ja, zumindest im Englischen kennt man nur wenige spezifische Worte für Gerüche und keine primären Begriffe für Gerüche wie etwa Rot oder Blau für Farben. Die meisten Charakterisierungen beziehen sich auf die Geruchsquelle. Wir sagen, etwas riecht „fischig“ oder „wie Orangen“. Ich habe oft lange nach passenden Begriffen suchen müssen, um Gerüche für mich selbst einzuordnen. Manchmal habe ich mir den Ort vorgestellt, an dem ein bestimmter Geruch vorkommen könnte. Oder ich habe Adjektive benutzt, die wir normalerweise mit anderen Sinnen verbinden, wie „hell“, „scharf“ oder „ruhig“, um Gerüche zu beschreiben und sie dadurch besser in meiner Erinnerung zu behalten.

DOGS: Die meisten Gerüche speichern wir im Unterbewusstsein, wo Emotionen entstehen. Was passiert, wenn wir besser riechen lernen?

Alexandra Horowitz: Wir alle erleben Gerüche großteils unterbewusst, auch die Geruchsexperten. Wahrscheinlich nehmen Sie den Geruch Ihrer Wohnung nicht mehr wahr, weil Sie sich an ihn gewöhnt haben. Aber wenn dieser Duft sich verändert, bemerken Sie, dass etwas nicht stimmt. Die intensive Beschäftigung mit Geruch öffnet eine andere Sinneswahrnehmung und Sie erfahren bestimmte Momente dadurch anders.

DOGS: Hunde verlieren Teile ihrer Riechleistung, wenn sie Mahlzeiten nicht mehr erschnüffeln müssen und wir ihnen im Alltag wenig Gelegenheit geben, sich mit Gerüchen auseinanderzusetzen. Sie passen sich uns Menschen an und beobachten mehr.Sollten wir mit unseren Hunden mehr Nasenarbeit machen?

Alexandra Horowitz: Als ich zum ersten Mal mit meinem Hund Finnegan einen Kurs für Nasenarbeit besuchte, war ich beeindruckt, wie sehr die teilnehmenden Hunde anfangs nicht schnüffelten. Der Grund dafür ist, dass wir Besitzer unsere Hunde normalerweise vom Riechen abhalten, also hören sie irgendwann damit auf. Das ist tragisch!

Stellen Sie sich vor, Sie würden von jedem interessanten Anblick weggerissen. Sie würden wahrscheinlich lernen, gar nicht mehr hinzuschauen, so wie Hunde gelernt haben, ihren Geruchssinn für sich zu behalten, ihn nicht mehr offen auszuleben. Aber es ist aufregend mitzuerleben, wenn sie beginnen, ihre Nase wieder einzusetzen, wie die Hunde im Kurs. Am Ende waren sie konzentrierter, haben sich besser benommen und sie schienen glücklicher zu sein. Ich glaube, so ein Kurs oder einfache Spiele wie „Finde das versteckte Futterstück“ sind tolle Beschäftigungen für jeden Hund. Ich möchte Sie unbedingt ermutigen, so etwas zu machen

 

 

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