DOGS Logo Europas grösstes Hundemagazin

Kinder mit Hundewunsch Mama, ich will einen Hund!

Katharina Jakob 05.07.2010

Wer Kinder hat, hat meistens Kinder mit Hundewunsch. Es scheint, als besäßen die Tiere einen geheimen Schlüssel zu kindlichen Seelen. Das Geschenk fürs Leben birgt auch die Gefahr unüberlegter Entscheidungen.

Die liebevoll ausgemalten Wunschzettel zu Weihnachten, Geburtstagen und allen anderen Gelegenheiten zeigen immer das Gleiche: einen wuscheligen Hund neben einem Haus in der Sonne. Das gemalte Haus hat verdächtige Ähnlichkeit mit dem der eigenen Familie. Abends nach der Gutenachtgeschichte kommt ein ums andere Mal ein langer Blick aus Kinderaugen und dann, flüsternd vorgetragen: „Mamaaa, ich wünsche mir sooo sehr einen Hund. Ich wäre nie mehr allein, ich wäre nie mehr traurig.“ Es gibt kaum etwas Hartnäckigeres als ein Kind, das sich einen Hund wünscht.

Mama, ich will einen Hund!
© plainpicture/Fancy Images/Brüderchen & Schwesterchen GmbH

Der beste Freund von Eltern ist zugleich auch ihr schlechtes Gewissen. Wie bringt man es fertig, einen Herzenswunsch abzuschlagen, weil man nur zu gut weiß, wer sich am Ende um das Tier kümmern wird? Weil man ahnt, wie sehr es das familiäre Leben verändern wird? Und weil es, nun ja, vielleicht auch länger lebt, als die Kinder im Haus sind? Während man sich noch mit seinem Gewissen herumplagt, liest man in der Zeitung, dass ein Husky in Cottbus ein acht Wochen altes Mädchen totgebissen hat. Damit ist klar: Ein Hund kommt erst dann ins Haus, wenn die Kinder älter geworden sind. Wenn überhaupt.

Doch die Zweifel, ob dies die richtige Entscheidung war, bleiben. Und sie erhalten kräftig Nahrung von außen. Denn das Thema „Kinder brauchen Hunde“ hat sich von einer Randdebatte ins Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit vorgearbeitet. Das kann man zum einen an der Vielzahl neuer Studien und Publikationen ablesen, in denen festgestellt wird, wie stark ein Kind von einem Tiergefährten profitiert, zum anderen aber auch an den Entwicklungen im Alltagsleben.

Einsatz von Schulhunden

Immer mehr Schulhunde nehmen am Unterricht teil, weil sie in vielerlei Hinsicht auf die Schüler positiv einwirken. So berichtet die Lehrerin und Schulhundführerin Patricia Führing aus Donaueschingen, dass die Tiere für eine entspannte Atmosphäre sorgten, in der es sich besser lernen lasse. Durch das Sprechen über den Hund werde zudem die Ausdrucksfähigkeit der Kinder gefördert und der Beziehungsaufbau zum Lehrer erleichtert. Hunde kommen bei leseschwachen Kindern zum Einsatz, als Zuhörer, die keine Stresssymptome auslösen. Und sie helfen in Kindertagesstätten, damit die Kleinen früh den Umgang mit Haustieren erlernen. Kurz: Hunde erobern Bereiche des kindlichen Lebens, die weit über ihr Familienhundedasein hinausgehen.

Hunde erfüllen Bedürfnisse und Wünsche, die für die Entwicklung der Kinder unerlässlich sind, fasst der emeritierte Psychologieprofessor Reinhold Bergler aus Bonn die Ergebnisse seiner Forschungen zusammen: Seit den 1980er Jahren hat er zahlreiche Untersuchungen zum Thema „Kinder und Heimtiere“ gemacht. Und er fügt warnend hinzu: „Nicht nur alte Menschen, auch Kinder leiden vielfach unter Einsamkeit.“ In seinem Buch „Heimtiere, Gesundheit und Lebensqualität“ stellt Bergler Studien vor, in denen Kinder befragt wurden, was sie am meisten an ihrem Hund schätzen. Fast alle, 95 Prozent, antworteten: „Mit meinem Hund habe ich immer viele schöne und auch lustige Erlebnisse.“ Und: „Es macht mir viel Spaß, mit meinem Hund zu spielen.“ Drei Viertel sagten: „Wenn mein Hund bei mir ist, fühle ich mich sicher und habe keine Angst.“ Laut Bergler verhindern Hunde Langeweile bei Kindern, stimulieren sie zu kindgemäßen Aktivitäten wie im Freien spielen, die Natur erforschen, mit anderen Kindern herumtoben.

Unumstritten: Hunde fördern die Entwicklung von Kindern positiv

In einer anderen Untersuchung kommt der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal zu dem Schluss, „dass das Aufwachsen mit Hunden sehr wichtig für Kinder ist. Das zeigen unsere Daten. Es ist empathiefördernd und macht aus ihnen sozialkompetente Erwachsene, und zwar in einem Ausmaß, wie es Geschwister nicht leisten können.“ Sein Fazit: „Die Zahlen sind so deutlich, dass man nach amerikanischem Recht seine Eltern auf soziale Deprivation verklagen könnte, wenn sie einem zugemutet haben, ohne Hunde aufzuwachsen.“

So ist es kein Wunder, wenn Eltern dem Drängen ihrer Kinder doch nachgeben. Und dann kommt er ins Haus, der Hund, den man eigentlich nicht wollte. Damit ein für alle Mal der Vorwurf vom Tisch ist, man habe den Nachwuchs in seiner Entwicklung behindert. Das jedoch sind keine guten Voraussetzungen, um Hunde und Kinder miteinander aufwachsen zu lassen. Reinhold Bergler betont, wie wichtig es ist, allein schon für das artgerechte Aufwachsen der Tiere, dass sie „auch von der sozialen Umgebung gewollt und akzeptiert werden: Heimtiere benötigen ein ungestörtes soziales Umfeld.“ Sie dürften nicht zum Streitthema zwischen Partnern werden.

Drastischer in ihrer Warnung wird die Kieler Verhaltensforscherin Dorit Urd Feddersen-Petersen. In ihrem Buch „Hunde und ihre Menschen“ schreibt sie, man solle „niemanden zur Hundehaltung überreden, denn nicht selten resultiert ein Fiasko für die Hunde (und die Kinder der Familie)“. Nur den Kindern zuliebe einen Hund aufzunehmen, funktioniert also nicht. Eine geglückte Mensch-Hund-Beziehung hängt entscheidend vom Halter selbst ab, von seiner Fähigkeit, den Hund Hund sein zu lassen und ihn nicht mit menschlichen Bedürfnissen zu überfrachten.

Auch die Schulhundführerin Patricia Führing sieht mit Argwohn, wie unüberlegt manches Mal zum Einsatzmittel Hund gegriffen wird: „Für Außenstehende entsteht oft der Eindruck, dass sich alle Probleme in der Klasse in Wohlgefallen auflösen, wenn ein Hund dabei ist. Dem ist bestimmt nicht so. Der momentane Schulhundboom bringt viele positive Möglichkeiten für das Zusammenleben von Kind und Hund, aber auch die Gefahr, dass ungeeignete Hunde in die Schule kommen. Wir befürchten nicht unberechtigt, dass ein Tier, das sein Unwohlsein einmal deutlich zeigt, unser Projekt von einem Tag auf den anderen beenden kann.“

Entscheidung für einen Hund: das Bauchgefühl muss stimmen

Man sollte trotz Drängen auf das eigene Gefühl hören. Wer also Bauchschmerzen bei dem Gedanken bekommt, einen Hund ins Haus zu holen, sollte davon Abstand nehmen, sich selbst, seinen Kindern und dem Tier zuliebe. Glücklicherweise gibt es viele Wege für Kinder, mit Tiergefährten in Kontakt zu kommen, und es werden immer mehr. Der eigene Hund muss es nicht zwingend sein. Auch wenn es immer wieder Beispiele einer gelungenen Hunde-Integration gibt, trotz anfänglicher Ablehnung. Wie unlängst bei einer Familie aus Lübeck: Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, wünschten sich innigst einen Hund. Die Mutter war einverstanden, der Vater sagte Nein. Er hatte nichts gegen Hunde, aber wollte sich von einem Tier auch nicht einschränken lassen. Gegen flehende Kinderaugen und Betteln war er immun. Eines Tages fand er auf dem Wohnzimmertisch ausgeschnittene Zeitungsartikel über den positiven Einfluss von Hunden auf Familien. Kurz darauf entstand beim Abendessen eine sachlich geführte Diskussion über das Für und Wider von Hundehaltung in der Stadt. Die Kinder hatten Argumente. Emotionen blieben außen vor. Der Vater war beeindruckt. So viel Sachverstand hätte er seinen beiden nicht zugetraut.

Wie es ausging: Der Vater hat nach reiflicher Überlegung einem Hund zugestimmt. Mittlerweile erlebt er das Tier als Bereicherung und hat es ins Herz geschlossen. Sie gehen sogar ihre eigene Gassirunde. Die war von den Kindern nicht leicht zu bekommen.

Haben Hunde Einfluss auf das Stresslevel von Kindern?

Alex* steht vor den Prüfern. Die blicken ihn voller Erwartung an. Der klein gewachsene Junge soll kopfrechnen, das ist nicht seine Stärke. Davor musste er eine Geschichte zu Ende erzählen, was er noch so halbwegs hingekriegt hat. Aber jetzt: rechnen. Alex verhaspelt sich. Das Ergebnis ist falsch. Die Prüfer fordern ihn auf, noch mal von vorn anzufangen. Wie viel ist 57 minus …

Der Zehnjährige vergräbt seine Hand in Jules Nacken. Die Lundehündin mit den lustigen sechs Zehen, wo andere Hunde fünf haben, sitzt neben ihm und drückt sich gegen sein Hosenbein. Der Junge krault ihr warmes Fell, während er im Kopf subtrahiert. Endlich ist es geschafft. Alex dreht den Kopf zur Seite, als ihm ein Helfer ein Stäbchen in den Mund steckt, ihm eine Speichelprobe entnimmt. Nun darf er gehen. Noch einmal streichelt der Junge über Jules weichen Kopf. Dann läuft er zur Tür, erleichtert, dass alles vorbei ist.

Die Matheprüfung ist Teil einer Versuchsreihe der D.A.CH.-Studie, die 2010 in Stockholm veröffentlicht wurde. D.A.CH. steht dabei für die Länder Deutschland, Österreich und Schweiz, die sich mit Forschungseinrichtungen und Wissenschaftlern gemeinschaftlich daran beteiligt haben. Die Studie wurde in vollem Umfang vom Lebensmittelkonzern Mars finanziert. Zu den Wissenschaftlern gehören neben anderen die Rostocker Psychologen Andrea Beetz und Henri Julius sowie der österreichische Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal. Sie wollten verschiedene Möglichkeiten der Stressreduktion bei Kindern testen, die aus problematischen Familienverhältnissen stammen. Denn diese Kinder haben, wie man sehen wird, nur eingeschränkte oder gar keine Möglichkeiten, mit Stress umzugehen.

Insgesamt wurden 88 Schüler, allesamt Jungen im Alter von sieben bis zwölf Jahren, dem sogenannten Trierer Stresstest unterzogen, einem Verfahren, das aufgebaut ist wie eine alltägliche Prüfungssituation und dadurch kontrolliert Stress erzeugt. Man teilte die Kinder in drei Gruppen ein und stellte ihnen verschiedene Unterstützer zur Seite. Einmal war dies eine freundliche Studentin, ein anderes Mal ein Stoffhund. In der dritten Gruppe, in der sich auch Alex befand, kam ein lebendiger Hund zum Einsatz.

Bis auf wenige Ausnahmen kommen alle Kinder, die an der Studie teilnahmen, aus instabilen Elternhäusern. Manche sind Opfer sexueller Gewalt und schwer traumatisiert. Manche wurden misshandelt, andere vernachlässigt. Zumindest haben sie die Erfahrung gemacht, dass sich niemand um sie kümmert, wenn sie in Not sind. Das hat dazu geführt, dass sie kaum noch Vertrauen in Erwachsene haben. Die meisten der Kinder gehen auf Förderschulen, doch auch ihre Lehrer finden nur schwer zu ihnen Zugang.

Eine Stichprobe aus einer Gruppe von 31 Kindern zeigte: Das Stresshormon Cortisol, das mithilfe der Speichelproben gemessen wurde, stieg während des Tests bei den Gruppen, die von der Studentin oder vom Stoffhund begleitet wurden, stetig an, erreichte eine deutliche Höhe, um dann leicht abzufallen. In allen Fällen blieb das so gemessene Stresslevel höher als zu Beginn der Untersuchung. Das bedeutet: Die Kinder gingen gestresster aus der Übung heraus, als sie hineingegangen waren, ihre Unterstützer konnten ihnen nur wenig helfen.

Etwas ganz anderes ereignete sich dagegen in der Kinder-Hund-Gruppe: Hier wiesen die Probanden zwar einen anfangs höheren, dann aber nahezu kontinuierlich abfallenden Cortisolspiegel auf. Sie waren also gegen Ende des Versuchs entspannter und deutlich weniger gestresst als eingangs. Ihr Cortisolwert erreichte einen Pegel weit unterhalb des Ausgangswerts. Offenbar hatten die Kinder in dem Hund tatsächlich einen Unterstützer gefunden, der ihren Stresspegel senkte.

Beitrag verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Zum Seitenanfang
Sie verwenden einen sehr alten Browser. Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser. X