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Kontrollierte Fortpflanzung Das Sexualverhalten des Hundes

Kate Kitchenham 10.11.2011

Sie heulen bei Nacht oder brechen aus, um einem möglichen Partner nachzulaufen, sie besteigen sich oder werden scheinschwanger – was fühlen Hunde, die nicht dürfen, wie sie wollen?

Früher war alles anders. Hunde durften sich vermehren, wann und mit wem sie wollten. Einige wenige Glückspilze erreichten das Stadium der Fortpflanzungsfähigkeit, die Hundemehrheit aber überlebte wohl nicht einmal die Welpenzeit. Heute löst der Anblick kopulierender Hunde in der Öffentlichkeit Entsetzen und Hilflosigkeit aus. Die Folge: Hunde werden so früh kastriert oder chemisch unfruchtbar gemacht, dass sie selten auch nur eine Ahnung von Gelüsten jenseits ihres Futternapfes entwickeln können. Andere stehen unter Bewachung von Herrchen und Frauchen, jedes harmlose Techtelmechtel wird schon im Ansatz gestoppt. Ein Sexualleben für Hunde ist hierzulande eher eine Seltenheit. Doch leiden Hunde darunter, wenn wir ihre Fortpflanzung kontrollieren? Oder übertragen Menschen hier nur eigene Vorstellungen auf den Hund? Eine Spurensuche.

Die Zahl der Welpen ist unterschiedlich, je nach Rasse liegt sie zwischen einem und fünfzehn Tieren. Jeder Fötus liegt in seiner eigenen Fruchtblase und ist über die Nabelschnur mit dem mütterlichen Blutkreislauf verbunden.
Die Zahl der Welpen ist unterschiedlich, je nach Rasse liegt sie zwischen einem und fünfzehn Tieren. Jeder Fötus liegt in seiner eigenen Fruchtblase und ist über die Nabelschnur mit dem mütterlichen Blutkreislauf verbunden. © André Gottschalk

Sind Hunde die Hippies der Kaniden?

Vor hundertfünfzig Jahren stellte Charles Darwin fest, dass jede Existenz letztlich der Weitergabe von Erbgut dient und damit der Sexualtrieb ein großes Gewicht im Leben aller Arten einnimmt. Der Kanidenexperte Günther Bloch sieht die Angelegenheit heute differenziert: „Natürlich gibt es hypersexuelle Rüden, die es jedesmal quält, wenn eine Hündin in ihrer Nähe läufig ist. Aber die Mehrheit kann ganz gut mit der Sexkontrolle durch den Menschen umgehen.“ Denn das durch den Menschen auferlegte Hundezölibat liegt Kaniden nach Meinung des Forschers im Blut: „Sie leben in Sozialsystemen, in denen die Kontrolle des Sexualtriebs zum Dasein in der Gruppe dazugehört. Bei Wölfen entspricht es eher der Norm, dass nur Leittiere Zugang zur Ressource Sex bekommen.“

Doch lässt sich der domestizierte Canis lupus familiaris hier überhaupt noch mit seinen wilden Vorfahren vergleichen? Für den österreichischen Verhaltensbiologen Professor Dr. Kurt Kotrschal stehen beim Sexualverhalten von Hund und Wolf die Unterschiede im Vordergrund: „Unsere hoch gezüchteten modernen Hunde sind darauf angewiesen, im Nahbereich des Menschen zu leben. Hier sind sie entstanden, deshalb sind sie kaum in der Lage, sich ohne menschliche Hilfe erfolgreich fortzupflanzen.“

Das zeigte sich deutlich, als Günther Bloch drei Rudel wild lebender Haushunde in Italien beobachtete: Während das Sozialleben im Rudel erstaunlich gut funktionierte, zeigte der Leitrüde der großen Hundegruppe starken Sittenverfall bei der Fortpflanzung, und nur die Mütter zogen den Nachwuchs auf. „Hier unterscheiden sich Hund und Wolf“, fasst Bloch zusammen: „Es gibt zwar auch Paarbindungen zwischen Rüde und Hündin, die zusammenleben. Aber die Beziehung ist nicht monogam wie bei den Wölfen. Ist in der Nachbarschaft eine Hündin läufig, geht der Rüde stiften, und auch die Hündin erhört gern andere Freier, wenn sie die Gelegenheit dazu hat.“

Sexualverhalten des Hundes: Unterschiede zum Wolf

Jeder mit jedem, das ist undenkbar bei Wölfen. „Es sei denn“, weiß Günther Bloch aufgrund seiner Feldforschungen im kanadischen Banff-Nationalpark (bekannt als „Bow Valley Wolf Behaviour Study“), „die ökologische Situation im Territorium ist gut“. Für Kurt Kotrschal ist das bunte Treiben eine Folge der Domestikation: „Ein Leben im Überfluss und unter dem Schutz der Menschen hat feste Fortpflanzungsregeln überflüssig gemacht und damit zum Verlust jeglicher Geburtenkontrolle geführt.“

Der Fürther Verhaltensökologe Dr. Udo Gansloßer gibt zu bedenken, dass es „interessant wäre zu vergleichen, wie sich verwilderte Haushunde verhalten, wenn die Nahrungsquellen knapp werden“. Seine Vermutung: Unter erschwerten Bedingungen würden rudelinterne Fortpflanzungsgesetze bei den von Bloch beobachteten Tieren verschärft.

Die Verhaltensforscherin Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen vom Zoologischen Institut der Universität Kiel sieht auch rassebedingte Unterschiede bei der Ausprägung hündischer Lust: „Natürlich sollten wir stets vorsichtig sein und Pauschalisierungen vermeiden. Aber beim Vergleich des Sexualverhaltens zwischen Hunden mit dem Rest der Kanidenfamilie kommt es auch auf die unterschiedlichen Rassen an.“ So seien zum Beispiel die nordischen Hunderassen am ehesten mit den Wölfen vergleichbar: „Durch die bis vor einigen Jahrzehnten harte Zuchtauswahl auf Kooperation und das bis heute dauernde Zusammenleben in verschiedensten Gruppenstrukturen sind sie wohl besser in der Lage, soziale Gruppen variabel anzupassen und einen strengen Sittenkodex einzuhalten.“ Das Fazit: Nicht alle, aber viele Hunde nehmen die Dinge lässig und sind so etwas wie die Hippies der Kaniden geworden.

Wie aber sollen Menschen mit der sexuellen Freiheit von Terrier, Mops und Co. umgehen? Eine hemmungslose Vermehrung will jeder vernünftige Hundehalter verhindern. Doch was ist zu tun, wenn die alte Dame mit läufiger Dackelhündin vom aufdringlichen Ridgeback verfolgt wird oder in einem Haushalt mit vier Kindern ständig die Haustür offen steht? Hier wird es schwierig mit einer entspannten Haltung zum Thema Hundesexualität.

Verhüten, um Lust zu stoppen?

Aber welche Verhütungsmethode wird Hunden gerecht? Besonders beim Thema Kastration scheiden sich die Geister. Für Verhaltensforscher kommt eine Kastration nur für dominantaggressive Hunde oder hypersexuelle Rüden, die bei jeder Läufigkeit einer Hündin leiden, infrage: „Es gibt viele Aggressionsformen, nur die Dominanzaggression wird tatsächlich vom Testosterongehalt beeinflusst. Verhaltensstörungen wie Angstaggression oder ständiges Aufreiten sind in den meisten Fällen Gewohnheit oder Stereotypen, die durch mangelhafte Sozialisierung entstehen konnten“, erklärt Verhaltensökologe Gansloßer. Auch Günther Bloch sieht den Menschen in der Verantwortung, wenn Hunde mit jedem hergelaufenen Geschlechtsgenossen Streit vom Zaun brechen oder Sex haben wollen. „Der Hund muss genau wie wir lernen, sein Verhalten zu kontrollieren. Dass ihn das situativ frustrieren kann, ist klar. Aber Frustration gehört zum Leben, die Welt ist nicht immer nur nett.“

Kastration – ja oder nein?

Für Forscher stehen die Nachteile der Kastration ganz klar im Vordergrund: „Mit Entfernen der Keimdrüsen, der Orte, an denen Geschlechtshormone wie Östrogen und Testosteron gebildet werden, greifen wir massiv in den Hormonhaushalt ein“, so Udo Gansloßer. „Sexualhormone korrespondieren im Körper mit vielen Hormonen. Das ist ein sehr fein abgestimmtes System, das dann aus dem Gleichgewicht kommt.“ Hündinnen fehlt nach der Kastration das Hormon Östrogen, ein Gegenspieler des Testosterons, das in der Nebennierenrinde produziert wird. Die Hirnanhangdrüse steuert diese Hormonproduktion, indem sie darauf achtet, dass die beiden Hormone im Gleichgewicht bleiben. „Fällt das Östrogen weg, wird unkontrolliert Testosteron produziert, diese Hündinnen können nach der Kastration dann ein männlicheres Verhalten zeigen.“

Wie viele Hunde haben Sex?

Udo Kopernik, Pressesprecher des VDH, hat für DOGS überschlagen, wie viele Hunde in Deutschland mindestens ein Mal „dürfen“.

5,3 Millionen Hunde leben in Deutschland. Um diesen Bestand zu erhalten, benötigen wir pro Jahr etwa 530.000 Welpen bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von zehn Jahren. Von diesem Bedarf werden etwa zwanzig Prozent aus dem Ausland gedeckt, die Tendenz dieser Importe ist steigend. Damit verbleiben 424.000 Welpen, die in Deutschland geboren und damit auch gezeugt werden.

65.000 Würfe sind nötig, bei einer durchschnittlichen Wurfstärke von sechs bis sieben Welpen pro Wurf. Da aber nicht alle Vierbeiner ein geregeltes Fortpflanzungsverhalten haben werden und vermutlich die eine oder andere Hündin auch zwei Würfe in einem Jahr haben kann, vermutet Kopernik, dass an den Würfen rund 50.000 Hündinnen beteiligt sind. Bei den Hundemännern sieht es anders aus: Da es in der Rassehundezucht üblich ist, erfolgreiche Rüden häufiger einzusetzen, wird die Zahl der am Sexualleben Beteiligten deutlich unter der der Hündinnen liegen.

Bei den Mischlingen dürfte es ähnlich sein, denn es gibt im ländlichen Raum durchaus Rüden, die sich überproportional häufig fortpflanzen, während anderen nur bleibt, die Dorfcasanovas vom eigenen Gartenzaun aus zu bewundern.

75.000 Hunde (0,14 Prozent) können sich pro Jahr in Deutschland erfolgreich fortpflanzen. Hinzu kommen natürlich die Paarungen, an denen sterilisierte Hunde beteiligt sind oder die, bei denen Trächtigkeit abgebrochen wurde.

Verhaltensforscher fordern deshalb, Hündinnen wenn überhaupt erst nach der dritten Läufigkeit zu kastrieren und Rüden mindestens zwei Jahre alt werden zu lassen. Tierärzte sehen das oft anders. Sie machen auch auf die gesundheitlichen Aspekte bei der Diskussion aufmerksam. Doch was sagt das Tierschutzgesetz? DOGS-Rechtsexperte Michael Schäfer: „Paragraf 6 des Tierschutzgesetzes lässt Geschlechtsorgan-Amputationen zu, wenn die Unfruchtbarmachung erforderlich ist, um eine unkontrollierte Fortpflanzung zu verhindern.“ Da die wenigsten Hunde in Deutschland Streuner sind, tritt dieser Fall selten sein, denn „Hundehalter haben die Möglichkeit, den Rüden oder die Hündin durch vorübergehendes Einsperren, Anleinen oder ständiges Beaufsichtigen zu kontrollieren“, so Schäfer. „Erforderlichkeit im Sinne des Gesetzes wäre nur gegeben, wenn etwa eine Erkrankung vorliegt und diese nur durch Kastration geheilt werden kann.“

Die Entscheidung, ob die Kastration mit der Fortpflanzungskontrolle im Einzelfall vernünftig begründet werden kann, muss letztendlich der Tierarzt fällen. Pauschale Empfehlungen zum Thema Kastration lehnt die auf Reproduktionsmedizin spezialisierte Fachtierärztin Dr. Anja Seefeldt deshalb ab: „Man muss immer die Situation im Blick haben.“ Auch der Deutsche Tierschutzbund befürwortet eine Kastration bei medizinischer Notwendigkeit und „wenn damit unerwünschte Fortpflanzung verhindert wird“.

Zum Testen, ob die Kastration überhaupt der richtige Weg zu mehr Entspannung im Alltag von Mensch und Hund sein kann, bietet sich ein neues Verhütungsmittel für Rüden an: Ein Implantat der Firma Virbac dient der chemischen Kastration. „Hier wird dem Hund ein Chip unter die Haut gesetzt, der den Testosterongehalt absenkt. So kann man erfahren, ob und mit welchen Verhaltensumstellungen der Rüde auf die Kastration reagiert“, erklärt Dr. Anja Seefeldt – Kosten um 85 Euro. Für Hündinnen gibt es ebenfalls eine hormonelle Läufigkeitsverhinderung, „allerdings mit möglichen Nebenwirkungen wie Gebärmutterentzündung.“ Von Sterilisationen rät die Tierärztin bei Hündinnen ab: „Mit jedem Deckakt werden Keime eingeschleppt, dazu muss man das Verletzungsrisiko einkalkulieren, zum Beispiel bei extremen Größenunterschieden.“

Welcher Verhütungsschutz passt, hängt also von der Persönlichkeit des Tieres ab, seiner Lebenssituation – und wie tolerant sich sein Mensch zeigt. „Sexualverhalten gehört zum Hund dazu. Wer damit ein Problem hat, sollte sich keinen Hund halten“, findet Kurt Kotrschal.

Eingriff in das Hormonsystem

Besonders skeptisch sehen Verhaltensforscher Frühkastrationen: „Bei früh kastrierten Tieren sorgt der Wegfall der Hormone für einen Entwicklungsstopp im Gehirn, da während der Pubertät durch den Hormonschub die Hirnarchitektur umgebaut, die Leitungsgeschwindigkeit der Axone verbessert und neue Verschaltungswege geschlossen werden“, weiß Dr. Udo Gansloßer. „Nehmen wir einem Hund noch vor diesem Stadium die Geschlechtsorgane, findet diese Hirnentwicklung nicht oder nur abgeschwächt statt, es kommt zu einer permanenten Verjugendlichung.“ Werden die Keimdrüsen erst später im Hundeleben entfernt, können Hunde aber meist ihr normales Sexualverhalten ausbilden. So kommt es dazu, dass Rüden nach ihrer Kastration weiter den dreibeinigen Stand beim Markieren zeigen oder auch weiterhin decken, wenn sie es vorher einmal gemacht haben. Eine Verhaltenskorrektur, wie sie sich viele Hundehalter von einer Kastration erhoffen, bleibt deshalb oftmals aus.

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