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Physiologie Die Zunge des Hundes

Philip Alsen 28.08.2012

Die Zunge ist das vielfältigste Organ des Hundes und spielt besonders bei der Aufnahme von Flüssigkeiten und der Temperaturregelung eine wichtige Rolle. DOGS erklärt, wie die Zunge des Hundes aufgebaut ist und wie sie funktioniert.

Schlecken, schlabbern, schlotzen, lecken, sabbern: Für das, was ein Hund mit seiner Zunge machen kann, gibt es viele Wörter, aber, zumindest wenn es nicht der eigene Hund ist, meist nur eine Reaktion: „Igitt!“ Dabei ist die Hundezunge faszinierend. Vielseitig wie ein Schweizer Taschenmesser, beweglich wie eine Schlange und – aus Sicht der Hygieniker – noch nicht einmal eklig. Im Mittelalter galt sie sogar als Ärztin.

Die Zunge des Hundes
Die Geschmackspapillen des Hundes weisen nur etwa 1.500 Geschmacksknospen auf. Hunde können daher schlecht schmecken. Zum Vergleich: Der Mensch hat über 9.000 dieser Knospen © Getty Images/ Henrik Sorensen

Die Anatomie der Zunge

Anatomisch gesehen beginnt die Zunge mit der Zungenwurzel. Sie ist der dickste Teil des Muskels und hängt hinten am Zungenbein. Nach vorn hin wird sie dünner und besteht aus dreidimensional übereinanderliegenden Muskelfasern, die sie besonders beweglich machen. Zu den Muskeln der Zunge gehören die äußeren Zungenmuskeln, die von außen in die Zunge einstrahlen, der Zungenbinnenmuskel und die Zungenbeinmuskeln, die am Basihyoideum, dem Zungenkörper, sitzen.

In der Zungenspitze liegt die sogenannte Lyssa, ein nach der altgriechischen Dämonin des Wahnsinns benannter etwa vier Zentimeter langer Schlauch, den tatsächlich nur Fleischfresser haben. Er besteht aus Knorpelzellen, Fett und quer gestreifter Muskulatur und sorgt dafür, dass Ihr Liebling seine Zungenspitze beinahe unabhängig vom Rest der Zunge verformen kann. Achten Sie einmal darauf: Das Zungenspiel Ihres Hundes ist reinste Akrobatik. Ein Rohr? Einen Löffel? Einen Spatel? Kein Problem, was immer Hund braucht, die Zunge macht es.

Im Mittelalter galt die Lyssa – weil sie eben so einzigartig ist – als Sitz der Tollwut und wurde deshalb auch „Tollwurm“ genannt. Mit üblen Folgen: Erkrankte ein Mensch nach einem Hundebiss, wurde vorsichtshalber erst mal allen Hunden in der Umgebung die Zungenspitze abgeschnitten.

Rekordgröße

Wie lang so eine Hundezunge werden kann, ist sehr individuell. Die laut Guinessbuch der Rekorde derzeit längste Hundezunge der Welt gehört einem Pekinesen, Puggy aus Austin im US-Bundesstaat Texas. Puggys Schlabberlappen misst exakt 11,43 Zentimeter. Seine verstorbene Rekordvorgängerin war eine Boxerhündin namens Brandy, deren Zunge es auf enorme 43 Zentimeter brachte. Beide Hunde verdanken ihren medienträchtigen Weltrekord einem Geburtsfehler, und bei beiden Hunden hing die Zunge wegen Platzmangels aus dem Maul heraus. Lustig sieht das zwar aus, und ins Fernsehen kommt man damit auch – Brandy schlabberte zur Begeisterung des Publikums mal eine dreißig Zentimeter entfernt stehende Puddingschüssel leer -, die Hunde aber sind deswegen dauerdehydriert und haben beziehungsweise hatten ständig Durst.

Kühlung durch Verdunstung

Kühlung durch Verdunstung, das ist, neben dem Einspeicheln der Nahrung, die wichtigste Aufgabe der Zunge. Hunde können nämlich nur über die Pfoten schwitzen. Wird es warm, öffnet der Hund deshalb das Maul und führt über die Zunge Wärme ab. Wird es noch wärmer, beginnt er zu hecheln, wobei seine Atemfrequenz von etwa dreißig auf rund dreihundert Atemzüge pro Minute steigen kann. Die Zunge hängt heraus, wird länger und breiter. Dabei verdunstet Flüssigkeit, der Körper kühlt ab. Und das ist enorm wichtig! Der Grund: Hunde können mit Wärme schlecht umgehen. Ist alles okay, schwankt die Körpertemperatur zwischen 37,5 Grad und 39 Grad. Steigt sie aber nur ein bis zwei Grad an, überhitzt das Gehirn, der Hund bekommt migräneartige Kopfschmerzen.

So ausgeklügelt das Kühlsystem des Hundes auch ist, um es besonders bei Außentemperaturen von mehr als 27 Grad in Gang zu halten, braucht der Hund Wasser. Bekommt er davon zu wenig, beginnt ein Teufelskreis: Dem Blutplasma wird Flüssigkeit entzogen, das Blut wird dicker, die Zellzusammensetzung verändert sich, die Sauerstoffversorgung ist gestört. Um das zu verhindern, stoppt der Körper das Hecheln, was zu einer Hyperthermie, einer Überhitzung, führt. Ab 41 Grad Körpertemperatur kommt es zu Funktionsstörungen des Nervensystems, spätestens bei 44 Grad bricht der Kreislauf zusammen und der Hund stirbt.

Trinktechnik

Trinken ist deshalb wichtig, besonders im Sommer. Doch wie? Zunge rein, Zunge raus? So würde das ein Mensch machen, und er bekäme nur wenig Wasser in die Mundhöhle. Hund sind viel besser: Sie tauchen die Zunge gerade in den Napf, klappen die Zungenspitze um neunzig Grad nach hinten und formen so eine Art Schaufel, mit der sie das Wasser in den Rachen löffeln. Ist das Wasser im Maul, wird die Zunge wieder gerade und schießt erneut ins Wasser. Sehr lange weiß man das noch nicht, denn das Ganze geschieht in einem derart atemberaubenden Tempo, dass die Löffelei erst mithilfe von modernen Hochgeschwindigkeitskameras richtig dargestellt werden konnte.

Nahrungsaufnahme

Fressen ist die drittwichtigste Aufgabe der Zunge, neben der Temperaturregelung und dem Trinken. Anders als bei uns Menschen beginnt die Verdauung nicht erst im Magen, sondern schon im Maul. Was immer dort hineingeschaufelt wird, muss in mehr oder weniger große Bröckchen zerkleinert, eingeweicht und glitschig gemacht werden. Dafür braucht der Hund eine Menge Speichel, der zum großen Teil von seiner Unterzungendrüse produziert wird. Schmecken können Fellträger übrigens viel schlechter als wir Menschen: Süß, sauer, bitter und salzig können sie zwar unterscheiden, für die „Zwischentöne“ aber haben sie mit ihren nur rund 1.500 Geschmacksknospen auf der Zunge keinen Sinn, der Mensch hat davon 9.000!

Gut schmecken muss Hundefutter deshalb auch nicht. Gut riechen reicht, damit Hunde sich begeistert über eine Futterschüssel hermachen. Denn wenn es um Delikatessen geht, verlassen sie sich allein auf ihre Nase. Dort nämlich sitzt das nach einem dänischen Mediziner benannte Jacobsonsche Organ, mit dem sie Nahrung und Sexuallockstoffe erschnuppern. Und signalisiert die Nase erst einmal „lecker“, fangen die Speicheldrüsen an überzulaufen, das Maul geht auf, und egal was da liegt, es rutscht beinahe von allein den Schlund hinunter. Die Drüsen beginnen mit der Produktion nicht erst beim Fressen. Das Sprichwort „Da läuft einem das Wasser im Munde zusammen“ ist vom Hund abgeguckt.

Hygiene

Apropos Speichel: Ist Hundespucke eigentlich unhygienisch oder mit Bakterien „verseucht“, macht sie krank? Oder kann die Hundezunge vielleicht sogar heilen? „Et calor qui in lingua est, vulneribus et ulceribus sanitatem convert“ – die Wärme, die in der Zunge ist, bringt Gesundheit für Wunden und Geschwüre, schrieb schon die im Jahr 1098 geborene Mystikerin und Ärztin Hildegard von Bingen. Die Ärzte des Mittelalters hielten viel von Hunden, zumindest als Heilmittel. Hundehaut helfe gegen Arthritis, sagte man. Säugende Welpen wurden gesotten und zu einer Heilsalbe für Gelähmte verarbeitet, Hundegalle wurde bei Epilepsie eingesetzt. Lungenkranken wurde Hundefett auf die Brust geschmiert, und wer Zahnschmerzen hatte, der bekam, wenn er Pech hatte, eine Hundekotpackung.

Moderne Schulmediziner kennen solche Methoden zum Glück nur aus Geschichtsbüchern, allein die Idee des Wundenleckens hält sich. Wenn ein Hund an einer Wunde leckt, so sagen selbst manche Ärzte, heile sie besser. Tatsache ist: Im Speichel des Hundes befinden sich, je nachdem wo er gerade herumgestöbert hat, unzählige Bakterien und Keime. Bestandteile des Hundespeichels wirken aber bakterizid, also Bakterien abtötend. Doch wie viele Keime werden vernichtet? Und welche? Neuere medizinische Untersuchungen zeigen, dass das Lecken einer Wunde zur Heilung führen kann. Woran das genau liegt, weiß bisher niemand. Dass das Speichel Substanzen enthält, die den Heilprozess fördern? Möglich. Am Spüleffekt? Könnte sein. Und wieso tragen Hunde nach einer Operation Halskrausen, statt sich gesund zu lecken? Wegen des Fadens, den sie herauszuziehen versuchen. Außerdem ist die Zunge rau, sie können sich wund lecken.

Ist ein Kuss von einem Hund nun eklig? Vielleicht. Ist er unhygienisch? Nicht wirklich. Gesundheitsgefährdend? Nein! Natürlich, ein Hundebiss kann sich infizieren. Wer abgeleckt wird, geht aber kein Risiko ein. Und Hand aufs Herz: Was zeigt mehr Vertrauen, Liebe und Hingabe, als eine von Schwanzwedeln begleitete Schlabberattacke mitten durchs Gesicht?

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