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Auffangstationen in der Krise Tierheime in Deutschland

Jesko Wilke 05.05.2010

Erholung von der Finanzkrise? Davon ist in deutschen Tierheimen keine Spur: Tausende Hunde warten hinter Gittern, täglich werden es mehr, oft fehlt ihnen das Nötigste. Aber welche Hilfe ist sinnvoll?

Tierheime in Deutschland
© Imago

Die gute Nachricht vorweg: Es gibt Tierheime, die der Krise trotzen. Wenn sie nur genug ehrenamtliche Helfer haben und ein paar gute Einfälle für eine durchschlagende PR-Arbeit. Großes Engagement überzeugt manchen Sponsor. DOGS hat einige Tierheime besucht – und Erfolgsrezepte gefunden.

Das Franziskustierheim ist leicht zu finden, es liegt direkt gegenüber von Hamburgs traditionsreichem Zoo. Im Tierpark Hagenbeck leben exotische Wesen aus aller Herren Länder, finanziert durch Tausende Besucher, die Eintritt zahlen, um Sibirische Tiger, Afrikanische Löwen und Orang-Utans aus Sumatra bestaunen zu können. Auf der anderen Straßenseite geht es weniger spektakulär zu. Im Franziskustierheim lebt eine zusammengewürfelte Gemeinschaft von gestrandeten Haustieren, die Underdogs könnte man sagen, zumal sich viele Hunde darunter befinden. Auch hier ist man auf Besucher angewiesen. Denn auf dem vergleichsweise kleinen Gelände warten rund zweihundert verwaiste Geschöpfe auf neue Besitzer.

„Die zentrale Lage ist ein großes Plus für uns“, sagt Frank Weber. „Wir sind leicht zu finden und durch die gute Verkehrsanbindung für jedermann erreichbar. Außerdem nehmen wir keinen Eintritt“, fügt er hinzu und lacht verschmitzt. 2004 übernahm der ehemalige Journalist und PR-Manager die Leitung des Franziskustierheims, eine von acht Einrichtungen, die zum Bund gegen den Missbrauch der Tiere, BMT, zusammengeschlossen sind. „Die Lage ist wichtig, denn wir brauchen die Unterstützung der Menschen vor Ort, ob das ehrenamtliche Gassigeher, Futterspender, Schülerpraktikanten oder einfach nur interessierte Besucher sind.

Wichtig für jedes Tierheim: ein guter Ruf
„Ein Tierheim sollte nicht nur gut erreichbar sein, es muss vor allem einen guten Ruf haben, erläutert Weber. „Das spricht sich herum und sorgt dafür, dass die Hemmschwelle niedrig bleibt.“ Erfahrung mit Öffentlichkeitsarbeit ist für den guten Ruf von Vorteil. Die hat Weber. Jeden Freitagmorgen ist der hauptberufliche Tierfreund zu Gast bei „Hamburg 1“, einem reichweitenstarken örtlichen Fernsehsender. Stets mit im Studio ist das Fundtier der Woche: „Da stelle ich natürlich eher unkomplizierte Hunde vor, denn ich möchte den Zuschauern Mut machen, sich für so ein Geschöpf zu begeistern.“ Und es klappt fast immer. Kurz nach jeder Sendung sind die meisten der kleinen Fernsehstars vermittelt.

Doch es gibt auch eine ganze Menge Problemfälle, Tendenz steigend: „Die Hunde, die wir in den letzten Jahren hereinbekommen, sind in deutlich schlechterem Zustand“, beklagt Frank Weber. Die Neuzugänge sind alt, krank und nicht selten verhaltensgestört. Die Helfer vom Tierheim wissen, warum: Wenn beim Halter das Geld vorn und hinten nicht reicht, wird der fällige Tierarztbesuch zum existenziellen Problem, dem betroffenen Hund wird die Notlage dann zum Verhängnis – er wird abgeschoben, kommt ins Asyl.

Aus finanzieller Not landen viele Hunde im Tierheim
Tiere sind die eigentlichen Verlierer der Wirtschaftskrise, das beklagen die Experten des Deutschen Tierschutzbunds schon seit Längerem. Was die Tierheime verkraften müssen, ist durch eine repräsentative Studie des Mafo-Instituts Schwalbach, in der zweihundert Tierheime nach ihrer finanziellen Situation befragt wurden, mit Zahlen belegt: Es steht immer weniger Geld für eine stetig wachsende Zahl von Tieren zur Verfügung. Das gilt vor allem für Hunde. Rund 120.000 Vierbeiner fristeten 2009 ihr Dasein in den rund achthundert deutschen Tierheimen. 518 dieser Einrichtungen sind unter dem Dach des Deutschen Tierschutzbunds organisiert. Dessen Führung schlägt jetzt Alarm. „Die Finanzkrise hat zweierlei bewirkt: Einerseits kommt es zu einer vermehrten Abgabe von Haustieren, andererseits sinkt die Spendenbereitschaft“, klagt Thomas Schröder, der Bundesgeschäftsführer. „Das größte Problem der Misere sind die Kommunen. Sie versuchen, sich aus der Verantwortung zu ziehen, und zahlen nur einen Bruchteil dessen, was zum Erhalt der Tierheime nötig wäre. So geht die Schere immer weiter auseinander. Das bringt viele unserer Organisationen an den Rand der Existenzfähigkeit.

Kreative Ideen als Einnahmequellen
„Doch die derzeit schwierigen Rahmenbedingungen bringen auch eine Menge Kreativität und Hilfsbereitschaft hervor, führen manchmal zu ungewöhnlichen Aktionen. So wie in der Diskothek „Omega“ in Köln. Einen ganzen Monat lang waren deren Gäste gehalten, das Eintrittsgeld in Form von Futterspenden zu entrichten. Der Ertrag waren mehrere Kofferraumladungen voll Hunde- und Katzenfutter für das Tierheim Köln-Dellbrück. „Auf solche Ideen kommen coole junge Leute, die tagsüber unsere Hunde ausführen und nachts in Clubs jobben“, sagt Tierheimleiter Bernd Schinzel. Er kann auch von weiteren kreativen Einnahmequellen seines Vereins berichten. So organisieren ehrenamtliche Helfer die Versteigerung von Nachlassgegenständen bei Internetauktionen und betreiben auf dem Tierheimgelände einen Flohmarktkiosk, in dem gespendete Sachen verkauft werden. „An einem Wochenende kommen leicht 200 Euro zusätzlich in die Kasse“, freut sich Schinzel.

Im Tierheim Solingen im spazierfreudigen Ortsteil Glüder setzt man auf den Hunger zwischendurch und auf die Geselligkeit: Eine zünftige Imbissbude trägt dazu bei, die angespannte Haushaltslage zu verbessern. Ob Kaffee und Kuchen oder Würstchen und Eintopf, der Imbiss am Tierheim ist zu einem allseits beliebten Ausflugsziel geworden. Erfrischungsgetränke und in der kalten Jahreszeit auch ein Glühwein zum Aufwärmen runden das Angebot ab. Das Imbissteam besteht aus engagierten ehrenamtlichen Tierfreunden, die Kuchen- und Suppenspenden in veritable Erlöse verwandeln. Alles kommt ausschließlich den Tieren des Heims zugute. Klar, dass man so keinen Neubau finanzieren kann, aber als Beitrag zu den laufenden Kosten ist jeder zusätzliche Euro gern gesehen.

Erfolgreich: Tierheim mit Hundeschule
Im Tierschutzverein Bocholt, Borken und Umgebung trägt eine angeschlossene Hundeschule zur Verbesserung der Haushaltslage bei. Neben den Kursgebühren profitiert das Tierheim jedoch vor allem von der Außenwirkung. „Unsere Kurse sind immer ausgebucht“, sagt Tierheimleiter Lutz Kaczmarsch. „Es hat sich herumgesprochen, dass wir unter der Leitung von Elvira Bußkamp ein sehr kompetentes Trainerteam vor Ort haben“ – das sich schon vor der aktuellen Krise zusammengefunden hat: Bereits seit sechs Jahren existiert die ehrenamtliche Hundeschule. Weiterer Vorteil: Potenziellen Adoptiveltern kann ein günstiges Erziehungstraining angeboten werden, damit es mit dem neuen Familienmitglied keine Probleme gibt. „Diese Empfehlung wird häufig genutzt“, sagt Kaczmarsch. „Das ist gut so, damit steigt auch der Vermittlungserfolg.“

„Tierheim AG“ zur Vernetzung der Tierschutzorganisationen
Kaczmarsch weiß von anderen Tierheimen, die eine Hundeschule in ihr Angebot integriert und zum Erfolgsmodell gemacht haben, zum Beispiel die in Gelsenkirchen und Recklinghausen. Um den Erfahrungsaustausch untereinander zu verbessern, wurde kürzlich die Arbeitsgemeinschaft Tierheim gegründet, ein Zusammenschluss von Tierschutzorganisationen in Nordrhein-Westfalen. „So können wir uns besser auf die neuen Herausforderungen einstellen. Denn es ist wichtig, auch mal zu gucken, was die anderen machen, was gut funktioniert und was nicht“, sagt Kaczmarsch. Auf der Tagesordnung der Tierheim AG stehen Personalführung, Kooperationen im Bereich Fortbildung, Öffentlichkeitsarbeit und immer wieder Ideen und Initiativen für zusätzliche Dienstleistungen.

Schließlich soll auch das Know-how der Tierheime durch ein Qualitätssiegel bekannt gemacht werden. Es wird in Absprache mit dem Landesverband NRW des Deutschen Tierschutzbunds erstellt, in dessen Beirat Kaczmarsch aktiv ist. „Wir wünschen uns ein transparentes Tierheim, das jedem offensteht und als eine Art Kompetenzzentrum Hilfe anbieten kann, wenn es um die Beziehungen zwischen Mensch und Tier geht. Das Qualitätssiegel kann dazu beitragen, diesem Ziel näher zu kommen“, so Kaczmarsch.

Kurz nach 13 Uhr treffen im Franziskustierheim in Hamburg die ersten Gassigeher ein. Aus den Zwingern ertönt Gebell, die Hunde wissen: Jetzt geht es raus zum Rennen und Spielen in das Niendorfer Gehege, ein nahe gelegenes Waldgebiet. „Unsere Hunde haben rund drei Stunden Auslauf pro Tag“, sagt Tierheimleiter Frank Weber. „Das ist weit mehr, als so manchem Vierbeiner aus behüteten Verhältnissen zuteil wird.“ Rund ein Dutzend Gassigeher pro Tag sind nötig, um diesen Service aufrechtzuerhalten. Weber achtet darauf, dass die Hunde mit täglich wechselnden Bezugspersonen in Kontakt kommen, damit sie flexibel bleiben und keine zu starken Bindungen entstehen. Gegen 15 Uhr sollen die Hunde wieder in den Zwingern sein, denn dann ist Besuchszeit.

Wichtig: gewissenhafte Vermittlungsarbeit im Tierheim
„Täglich rufen hier Leute an und fragen, ob sie einen bestimmten Hund bekommen können, den sie auf unserer Internetseite entdeckt haben. Häufig kann das gar nicht schnell genug gehen.“ Doch Weber und sein Team gehen bei der Vermittlung sorgfältig vor, prüfen genau, ob die Interessenten zum ausgewählten Vierbeiner passen und ob deren Lebensbedingungen eine artgerechte Haltung zulassen. Ist das gegeben, wird eine Kennenlernphase verabredet, um beiden Seiten ausreichend Zeit zu geben, sich miteinander bekannt zu machen und Freundschaft zu schließen. „Manch einer denkt, wir wollten die Viecher unbedingt loswerden“, wundert sich Weber und streichelt Beethoven, einen Berner Sennenhund, der schon drei Jahre hier ist, aber am Nachmittag von seinen neuen Adoptiveltern abgeholt wird. „Manchmal muss man einfach Geduld haben und warten, bis die richtigen Leute kommen. Wir wollen die Hunde nicht loswerden. Ich finde, es reicht, wenn die Tiere das ein Mal erleben mussten. Uns geht es darum, eine Dauerlösung zu finden, eine mit der Mensch und Tier glücklich werden.“

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