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Tierschutz „Tierheime brauchen ein neues Image“

Philip Alsen 22.05.2017

Robert J. Neureuther denkt wie ein Finanzberater, um das Ehrenamt zu stärken und die Verweildauer von Heimtieren zu optimieren.

Wenn sich Tierheimvorstände über die -finanzielle Misere ihres Vereins unterhalten, fällt oft der Tipp: „Fragt doch mal den Neureuther.“ Wie wurden Sie Tierheimcoach?

Durch Zufall. Ich fand schon immer, dass Tierschutz ein wichtiger Aspekt der Gesellschaft ist. Und nachdem ich vor ein paar Jahren aus dem Gießener Tierheim einen Hund aus schlechter Haltung adoptiert hatte, dachte ich mir, dass ich dort ehrenamtlich gern etwas machen würde.

So etwas wie Gassigeher?

An etwas in der Art hatte ich tatsächlich gedacht. Also habe ich beim Tierschutzverein angerufen, mich erkundigt und bin ein paar Tage später zu einem Vorstellungsgespräch gefahren. Bei der Gelegenheit kam ich mit einer Dame aus dem Vorstand ins Gespräch. Wir unterhielten uns über Tiere und ihre Bereicherung für unser Leben, darüber, wie wichtig Tierheime sind, und in dem Zusammenhang natürlich auch über deren Probleme. Irgendwann sagte sie: „Herr Neureuther, Sie -haben so viele Ideen. Wollen Sie nicht -unser Geschäftsführer werden?“

Einfach so?

Einfach so. Ich hatte mich damals auch gewundert. Heute aber weiß ich, dass die Frage gar nicht so überraschend war, wie ich zunächst dachte. Denn der für das Tierheim verantwortliche Verein steckte damals in einer tiefen Krise, aus der die Mitglieder keinen Ausweg wussten.

Sie meinen ein Minus auf dem Konto?

Das natürlich auch. Aber es gab nicht nur große finanzielle, sondern auch jede Menge strukturelle Probleme. Die Vorständler war untereinander zerstritten, es gab Kompetenzrangeleien, die Zuständigkeitsbereiche waren nicht definiert, vieles blieb liegen und die Stimmung war entsprechend schlecht. Heute weiß ich, dass das die ganz normalen Probleme vieler Tierheime sind. Da werden Jobs in ehrenamtlicher Arbeit erledigt, und wenn es wenig oder sogar gar kein Geld gibt und man obendrein seine persönlichen Vorstellungen nicht verwirklichen kann, gerät man halt schnell aneinander. Das ist im Vereins-leben ja nichts Ungewöhnliches.

Was haben Sie dann getan?

Ich habe mir zunächst einmal lange und gut überlegt, ob ich mich allem stellen will. Dann habe ich Ja gesagt und mir -einen Plan zurechtgelegt, bei dem ich sehr kaufmännisch vorgegangen bin. Ich habe ein Ziel definiert, den Istzustand analysiert, mir angeschaut, wo welche Kosten anfallen, wer was tut, was baulich nötig und was möglich ist, eine Prioritätenliste aufgestellt und so weiter. Ein Tierheim ist immer ein Spagat zwischen kaufmännischen Notwendigkeiten und dem, was die dort arbeitenden Menschen im Herzen bewegt.

Zur Person

Robert J. Neureuther ist gelernter Einzelhandelskaufmann. 2007 wurde er Geschäftsführer des Tierheims Gießen, nachdem der Betreiberverein nicht weiterwusste. 2012 übernahm er die Leitung des Tierheims Marburg, nachdem dort innerhalb kürzester Zeit sieben Mitarbeiter gekündigt hatten. Seit 2011 ist der Vierundfünfzigjährige -neben seiner Arbeit als kaufmännischer Angestellter als freier Troubleshooter und Coach für Tierheime und deren Mitarbeiter unterwegs. Robert J. Neureuther lebt heute in Mühlheim an der Ruhr.

Robert J. Neureuther
Robert J. Neureuther © Tomas Rodriguez

Waren Sie erfolgreich?

Ja, wobei man natürlich auch sagen muss, dass durch Umstrukturierung allein nicht immer alles gut wird. Wir, also das ganze Team des Tierheims, haben im Laufe der Zeit viele alte Gedanken ad acta gelegt, neue Ideen entwickelt und Aktionen auf die Beine gestellt. Aber nach dreieinhalb Jahren waren wir nicht nur aus dem -Minus heraus, sondern hatten sogar genug Geld, um ein neues Hundehaus zu bauen.

Welchen Rat geben Sie Tierheimen heute?

Dass sie umdenken müssen. Tierheime brauchen ein neues Image. Weg von der irgendwo am Rand der Stadt gelegenen Aufbewahrungsstelle für verstoßene Tiere hin zum gesellschaftlichen Treffpunkt.
Sie müssen anfangen, sich als Dienstleister zu verstehen. Wenn beispielsweise ein Hund ins Tierheim gebracht wird, dann gibt es ein bestimmtes Prozedere: Er muss untersucht, geimpft und vielleicht gechipt werden, braucht eventuell eine besondere Behandlung und so weiter. Das braucht ein bisschen Zeit, und die dadurch ent-stehenden Kosten werden durch die mit der Stadt oder der Gemeinde geschlossenen Fundtierverträge gedeckt. Wenn der Hund länger bleibt, wird es aber teuer.

Was heißt das?

Das Tierheim muss seine Hunde auch -anbieten. Doch was passiert häufig? Ein potenzieller Interessent für ein Tier kommt ins Tierheim, findet die Atmosphäre bedrückend und wird dann auch noch wie ein Bittsteller behandelt, der nicht den vom Tierheim gesetzten Anforderungen entspricht. Ich beispielsweise würde von vielen Tierheimen gar keinen Hund bekommen. Ich arbeite acht Stunden am Tag und würde deshalb bei vielen durchs Raster fallen. Würden die Tier-heime aber nicht in Schablonen denken, sondern einmal nachfragen, würden sie -erfahren, dass meine Hunde tagsüber -betreut werden. In der Regel aber fragt keiner. So bringt man nur schwer Hunde -unter. Noch schlimmer ist es bei Katzen: Die Mitarbeiter möchten sie nur zu zweit abgeben, artgerechter, sagen sie, obwohl es Katzen gibt, die lieber allein sind. Aber der -Interessent möchte nur eine Katze, weil seine Wohnung nicht so groß ist. Was passiert? Der Interessent holt sich seine Katze woanders, das Tierheim behält zwei, statt eine erfolgreich zu vermitteln.

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