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Tierschutz Abgeschoben

12.05.2016

Die Hälfte aller deutschen Tierheime steht vor dem aus. Nur wenigen gelingt der Balanceakt zwischen Tierschutz und Wirtschaftlichkeit. Und täglich kommen neue Tiere, weil die Menschen mit ihnen überfordert sind. Wohin führt das? Zwei DOGS-Autorinnen wagen eine Tierschutzrelevante Prognose

Du bist mir zu viel!

Kein Geld, keine Zeit, keine Lust: Soziale oder persönliche Umstände zwingen Menschen, ihr Tier ins Heim zu geben. Das war schon immer so. Auch eine schwere Erkrankung oder der Umzug ins Pflegeheim bedeuten für Hund und Mensch: Wir müssen uns trennen. Nicht immer geht das leicht von der Hand, wissen die Mitarbeiter der Tierheime, schließlich sind Hunde Sozialpartner. Doch die Rasanz, mit denen die Zahlen steigen, ist erschreckend – die Folgen des demografischen Wandels werden auch im Tierheim sichtbar. Damit wenigstens die Kosten für die Tierpflege niemanden zur Abgabe seines Hundes zwingen, hat zum Beispiel das Tierheim Nürnberg eine eigene Futterausgabestelle für Bedürftige eingerichtet.

Abgeschoben
Insgesamt sitzen 75 000 Hunde in deutschen Tierheimen und warten dort auf eine neue Familie © Rachel Bellinsky/Stocksy

Dennoch steigt die Anzahl der alten und kranken Abgabetiere, die von ihren Haltern nicht mehr versorgt werden können, stetig an. Diese Tiere gehören zu den schwer vermittelbaren Fällen.

Eigentlich will ich dich gar nicht!

Immer mehr Menschen sind mit ihren Tieren überfordert.  „Mein Hund kann nicht allein bleiben“ oder „er ist aggressiv“, sind Sätze, die Tierheimmitarbeiter immer häufiger zu hören bekommen. „Tiere werden unüberlegt angeschafft“, schimpft Kirstin Höfer, Tierheimleiterin in Koblenz. Vielen frisch gebackenen Hundehaltern fehlt ein grundlegendes Verständnis für das Tier, es kommt immer wieder zu Missverständnissen, die dann mit der Abgabe im Tierheim enden.  „Hunde werden regelrecht konsumiert“, meint Kirstin Höfer, „zuhause auf dem Sofa, mit dem Laptop auf dem Schoß.“, entscheiden sich die Leute oft ganz spontan für einen Hund, ohne länger darüber nachzudenken.“  Das Foto ist so süüß…Zuhause erweist sich die wedelnde Internetbekanntschaft dann zwar als süßes, jedoch äußerst forderndes Wesen. Vielen Verkäufern ist der Profit wichtiger als eine harmonische Verpaarung von Mensch und Hund. Die Beratung beschränkt sich dann auf die Wegbeschreibung zum Übergabepunkt. „Hund und Halter passen häufig nicht zusammen“, weiß Kirstin Höfer. „Der Jack Russel ist ein gutes Beispiel:  er sieht aus wie ein Meerschweinchen, ist aber ein ernsthafter Hund, triebstark, kein Hund für eine Familie mit Kindern“. Auch Modehunde wie Rhodesian Ridgebacks oder Australian Shepherds sind bei Menschen mit wenig Zeit schlecht aufgehoben. Solche Hunde langweilen sich auf der Hundedecke, beobachten ihre Besitzer und überlegen, wie sie die Führung im Rudel übernehmen können. In Deutschland gibt es immer mehr Hunde, die ihre Besitzer tyrannisieren. Hundeschulen schießen wie Pilze aus dem Boden. Doch viele Hundehalter machen sich erst gar nicht die Mühe mit ihrem Vierbeiner die Schulbank zu drücken, sie bringen ihn lieber gleich ins Tierheim. Problematisches erlerntes Verhalten sorgt dann dafür, dass sie im Tierheim fast unvermittelbar sind.

  • Mehr als 500 Tierheime gibt es in Deutschland, sie beherbergen etwa 300.000 Tiere, davon 75 000 Hunde.
  • Tierheime werden von Tierschutzvereinen betrieben, sie finanzieren sich fast ausschließlich durch Spenden
  • Tierheime übernehmen öffentliche Aufgaben, Kommunen übernehmen jedoch nur einen Bruchteil der Kosten.

Wer bist du überhaupt?

Die Verunsicherung der Hundehalter ist groß. Noch nie waren sich Mensch und Hund scheinbar so fremd. Regale voller Hundeliteratur und TV Hundetrainer auf allen Kanälen sind Symptome für die allgemeine Ratlosigkeit. Thomas Schröder vom Deutschen Tierschutzbund fordert einen Sachkundenachweis für jeden, der sich einen Hund anschafft. Mit anderen Worten – beschäftigt euch erst einmal intensiv mit dem Thema, bevor ihr die Verantwortung für ein Tier übernehmt.  Im Tierheim Koblenz sind von 33 Hunden zurzeit vier wegen Verhaltensproblemen nicht mehr vermittelbar. Sie werden den Rest ihres Lebens im Tierheim verbringen. „Sie haben feste Pfleger und immer gleiche Rituale, so kommen sie gut zurecht und führen ein zufriedenes Leben“, sagt Höfer, doch solche Hunde binden Kapazitäten und belasten die Tierheimkasse. „Ich will niemandem sagen müssen, diesen verhaltensauffälligen Hund können wir nicht mehr annehmen – aber in manchen Tierheimen passiert genau das“, so Höfer. In Koblenz versucht man durch intensive Gespräche mit den Tierbesitzern herauszufinden, ob Hund und Halter noch eine Chance haben. So mancher, der seinen Hund im Tierheim abgeben wollte, geht mit Hund und der Visitenkarte einer guten Hundeschule oder eines Trainers wieder nach Hause. Laut Kirstin Höfer hat sie bei mehr als der Hälfte solcher Fälle Erfolg. In einer Art Paarberatung, appelliert sie dabei an die Bindung und an die Verantwortung des Besitzers, wie sie sagt. „Ich sage denen, Sie kriegen das hin, Sie lernen dabei ganz viel über sich selbst“.

Im Tierheim Oldenburg ist die Anzahl der verhaltensauffälligen Hunde so drastisch angestiegen, dass zwei Tierpfleger eine Zusatzausbildung zum Hundetrainer absolviert haben. „Die Nachfrage nach Hunden aus der Bevölkerung ist so groß wie nie. Auf der anderen Seite bekommen wir immer mehr Langzeitinsassen. Das ist sehr kritisch für uns“, sagt Dominic Tombergs, Leiter des Tierheims Oldenburg. Die Tierheime sind voll mit Hunden, die keiner haben will.

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