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Tierschutz Hunde ohne Heimat: Straßenhunde in Europa

Katharina Jakob 30.07.2013

Statt eines Namens tragen sie ein Schimpfwort, statt in ein Körbchen kuscheln sie sich in Schlamm. Straßenhunde gibt es viele in Europa, sie leben gefährlich. Deshalb brauchen sie dringend Hilfe. Eine mit Sinn und Sachverstand.

„Weil wir zu fihle sind“, heißt es in einer Szene bei John Coetzee. Der südafrikanische Autor erzählt in seinem Buch „Schande“, wie eine Flut verstoßener Hunde den Menschen zur Last fällt. Am Ende werden die Tiere getötet. Sie sind weder krank noch bösartig, sondern einfach nur „zu fihle“.

Nicht weit von Deutschland entfernt kennt man dieses Problem. In Süd- und Osteuropa leben massenhaft Hunde auf der Straße. Meist als Junghunde ausgesetzt, ernähren sie sich in Grüppchen oder als Einzelgänger von Abfällen, immer in der Gefahr, verjagt, misshandelt, überfahren oder sonstwie getötet zu werden. Ihr Leben ist hart und kurz, der Körper von Parasiten heimgesucht. Zu ihnen gesellen sich Freigängerhunde, die ein Zuhause haben, aber morgens von ihren Menschen auf die Straße gelassen werden. Jede läufige Hündin wird gedeckt und gebiert irgendwo ihre Welpen. So entsteht ein unaufhörlicher Strom an Hunden, die die Menschen nicht wollen.

Hunde ohne Heimat Strassenhunde in Europa
Nicht überall geht es frei lebenden Hunden schlecht. In tierlieben Ländern gehören sie zum Straßenbild. Aber wo sie verfolgt werden, darf man nicht wegschauen. © F1online

Als Tourist an den Stränden Italiens, Griechenlands, Rumäniens oder Spaniens kann man die Elendsgestalten kaum übersehen. Weil es sich um Hunde handelt, ist das Entsetzen meist groß und der Drang zu helfen auch. Die Gemeinden fürchten Auswirkungen auf den Tourismus. Und versuchen, das Problem auf ihre Art zu lösen.

Was tun mit Hunden, die keiner will?

Um die Hundeflut einzudämmen, gibt es mehrere Strategien, fast alle sind grausam. Einige Länder wie Italien, aber zunehmend auch Rumänien, sperren Straßenhunde weg, in riesige Tierheime („Canili“), in denen zwar nicht getötet, aber auf langsame und unsichtbare Weise vor sich hin gestorben wird, da sowohl die Versorgung als auch die Unterbringung der Tiere dort absolut unzureichend ist. Diese Canili sind für private Unternehmer ein lukratives Geschäft. Der italienische Staat zahlt ihnen ein paar Euro je Hund und Tag und kümmert sich nicht weiter. Wer die Hunde nur knapp am Leben erhält, macht bei einer Menge von bis zu 2.000 Tieren gute Gewinne.

Andere Länder wie Spanien oder Ungarn betreiben Tötungsstationen, in denen eingesammelte Hunde nach Ablauf einer Frist sterben. Lokale Säuberungsaktionen gibt es vor allem in Osteuropa, wo Streuner eingefangen und vor Ort getötet werden. Keine dieser Maßnahmen hat auch nur ansatzweise die Straßenhund-Populationen verkleinert. Aus einem einfachen Grund, der sich „Holding Capacity“ nennt: Eine frei gewordene Futterressource bleibt nicht lang ungenutzt. Entsteht ein Populationsdefizit, wird es umgehend durch höhere Geburtenraten, Zuwanderung und steigende Lebenserwartung ausgeglichen.

Deshalb arbeiten Tierschützer seit Jahrzehnten daran, das Übel an der Wurzel zu packen. Ihre Strategie nennt sich „Catch, Neuter and Release“ oder auch „Castrate and Release“ und heißt so viel wie: Straßenhunde einfangen, kastrieren und wieder dorthin zurückbringen, wo man sie gefunden hat. So besetzen sie ein Areal, vermehren sich aber nicht weiter. Bislang ist dies die einzige Strategie, die greift. Aber sie muss mit anderen Maßnahmen kombiniert werden, um dauerhaft zu wirken. Dazu später mehr.

Warum muss man Auslandshunde nach Deutschland bringen?

Viele dieser Tierschützer sind Deutsche. Sie engagieren sich jenseits der Landesgrenzen und machen sich damit nicht nur Freunde. Ihre Kritiker sind der Ansicht, man solle zuerst den Tieren bei uns helfen. Andere fragen sich: Warum muss man Auslandshunde nach Deutschland bringen? Wo doch unsere Tierheime schon überfüllt sind. Die Tierschützer wiederum können nicht verstehen, warum man einem Hund nicht helfen soll, der unter grausamen Bedingungen leben muss. Und warum Hilfe an Landesgrenzen zu enden hat, wo wir doch europaweit arbeiten, reisen und leben.

Dieser Konflikt ist unlösbar, solang sich die Bedingungen für europäische Hunde so gravierend unterscheiden. Wahr ist: Es gibt im Auslandstierschutz viel Schatten. Er zeigt sich in überstürzten Rettungsaktionen oder in Form unseriöser Vereine, die schwierige Hunde an unbedarfte Halter vermitteln, verdeckten Hundehandel betreiben oder Tiere in Notunterkünften verwahren, die es an Elend mit der Straße aufnehmen können.

Aber, und das wird zu oft vergessen, es gibt auch jede Menge Licht. Man stößt da auf Menschen, die Unglaubliches leisten: auf Tierärzte, die wochen- oder ein Leben lang bis zu sechzehn Stunden am Tag Hunde und Katzen behandeln und dabei ihr Privatleben nahezu aufgeben. Auf Tierrechtler, die ihren Hals riskieren im Kampf gegen Kriminelle, die mit Streunern ihren Lebensunterhalt verdienen. Auf Mitarbeiter in Tierheimen, die auf Heimat, Komfort und Karriere verzichten und unter einfachsten Bedingungen leben, damit die Hunde in ihren Asylen ein besseres Leben haben.

Die Marschrichtung immer wieder wechseln

Zu solchen Menschen gehört Dorothea Friz. Die Veterinärin arbeitet seit dreißig Jahren für italienische Straßenhunde (DOGS berichtete in Ausgabe 4/2012) und hat, wie sie selbst sagt, im Lauf der Zeit „mehrfach die Marschrichtung gewechselt“. Sie begann als Assistenztierärztin in einem Massentierheim mit mehr als 650 Hunden, in dem die Tiere unter primitivsten Bedingungen weggesperrt wurden. Trotzdem gab es draußen nicht einen Streuner weniger. Da läuft etwas falsch, dachte sich Friz und eröffnete 1986 ein Sterilisationszentrum in einem gemieteten Bauernhof. „Zu diesem Zeitpunkt war ich noch fest davon überzeugt“, sagt sie, „dass man nur die Tiere auf der Straße kastrieren muss, dann werden sie schon weniger.“

Ein Irrtum. Zwanzig Jahre und etwa 40.000 Kastrationen später liefen noch immer zahllose Hunde durch Italiens Straßen. Auch die Tierheime platzten aus allen Nähten. Die Tierärztin kam zu dem Schluss: Nicht die Straßentiere waren das Problem. Deren Zahl hätte man durch stetes Kastrieren in den Griff kriegen können. Nachschub kam offenbar durch die Hunde privater Halter, die draußen frei herumliefen.

Da auf die Politik kein Verlass war – die Verantwortlichen wechselten ständig -, suchte sich Friz ihre Verbündeten bei den Anwohnern. „Ich bin der festen Überzeugung, dass man ein solches Problem nur lösen kann, wenn die Bevölkerung das will und aktiv mitarbeitet“, sagt sie heute. Das sehen mittlerweile viele Tierschützer in Europa genauso und versuchen, diese Erkenntnis auf ihre Standorte zu übertragen.

Das Projekt, das Friz seitdem vorantreibt, heißt „Adozione strada“, Adoption direkt von der Straße: Für jeden kastrierten Straßenhund sucht sie nun einen Besitzer vor Ort, der das Tier auf seinen Namen registrieren und chippen lässt. Durch die Registrierung wird erneutes Aussetzen verhindert, denn darauf stehen in Italien empfindliche Strafen.

Wer schon einen Hund hat, dem bietet die Tierärztin an, ihn kostenlos chippen und kastrieren zu lassen. Dafür geht sie von Haus zu Haus und unterhält sich mit den Leuten. Sie besucht die Kinder in den Schulen und erklärt ihnen, was sie macht. „Das ist sehr aufwendig“, sagt sie. „Aber es wirkt nachhaltig. Ständig rufen Leute aus der Gegend an, die Hunde kastrieren lassen wollen. Subjektiv finden wir weniger, eigentlich fast gar keine Kisten mit Welpen mehr vor der Tür.“

Straßenhunde sind ein Geschäft der Mafia

Ein Modell, das auch in anderen Ländern funktionieren könnte, vor allem wenn die Politiker mauern. Rumänien ist so ein Fall. In einigen Gemeinden werden mit Kastrationsaktionen gute Fortschritte erzielt, die Anwohner ziehen mit und sind bereit, auch ihre eigenen Tiere kastrieren zu lassen. So etwa in Bals, einer Stadt im südlichen Rumänien. Dort kommen die Veterinäre des Tierärzte-Pools zum Einsatz.

In anderen Städten dagegen gibt es herbe Rückschläge. Petra Zipp, die Vorsitzende des Bundes gegen den Missbrauch der Tiere (BMT), berichtet, dass sich in der Stadt Brasov eine regelrechte Hundefängermafia eingenistet habe, die alle Tierschutzmaßnahmen torpediert. Jeder Hund auf Brasovs Straßen, den man einfangen kann, bedeutet für die Fänger bares Geld. Daher ist ihr Interesse groß, dass sich am Streunerproblem nichts ändert. „Es gibt sogar Hundetourismus“, sagt sie. „Da werden Tiere von einem Gebiet in ein anderes gebracht, damit die Quelle nicht versiegt.“

Mittlerweile hat sich der BMT mit der Tierschutzorganisation Tasso zusammengeschlossen, um juristisch gegen das Übel vorzugehen. Mithilfe rumänischer Tierrechtler wird jeder Vorfall gesammelt und zur Anzeige gebracht. Was durch Korruption und Vetternwirtschaft unter den Teppich gekehrt wird, muss irgendwann vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg landen.

Die Streuner auf Europas Straßen sind immer noch „zu fihle“. Es wird noch viel Zeit verstreichen, bis sie spürbar weniger werden. Trotzdem gibt es zu dieser Entwicklung keine Alternative. Grausamkeit gegen Tiere ist nicht zu tolerieren, nirgendwo.

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Die Fotos in diesem Beitrag stammen aus dem Taschenbuch „Slum Dogs of India“ von Fotografin Eloise Leyden, erschienen bei Merrell Publishers, Englisch, ca. 13 Euro.
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