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Kirche und Glaube Hunde in der Religion

Katharina Jakob 16.12.2014

Hund, wie hältst du’s mit der Religion, würde das Gretchen aus Goethes „Faust“ fragen. DOGS fragt andersherum: Religion, wie hältst du’s mit dem Hund? Die großen Glaubensrichtungen der Welt blicken sehr unterschiedlich auf des Menschen besten Freund.

Tiere haben im Christentum keine Seele

Den stärksten Kontrast dazu bildet das Christentum. Die mitgliederstärkste aller Religionen ist zugleich die tierfeindlichste. Wo in der jüdischen Tora und im islamischen Koran detaillierte Tierschutzgesetze stehen, findet sich in der Bibel dazu kaum ein Wort. Tiere haben im Christentum keine Seele und kommen nicht in den Himmel. Wer ihr Fleisch nicht essen will, ist schwach im Glauben, wie es im Paulus-Brief an die Römer steht.

Im Gegensatz zum Tötungstabu der östlichen Religionen und ihrer vegetarischen Tradition. Doch das eine sind die Regeln des Glaubens, das andere ist der gelebte Alltag. Auf der hinduistischen Insel Bali werden 85 Prozent aller Welpen lebend weggeworfen, wie Janice Girardi von der Tierschutzorganisation Bali Animal Welfare Association berichtet. Die Straßenhundpopulation im Land ist erdrückend.

Hunde in der Religion: Christentum

Das Christentum ist die Weltreligion mit den meisten Anhängern weltweit, etwa 2,2 Milliarden. Sie ging aus dem Judentum hervor. In der Bibel finden sich im Gegensatz zu den Schriften anderer Religionen keine Gebote zum Tierschutz. Bedeutende Theologen wie Thomas von Aquin waren der Überzeugung, dass Gott die Tiere allein zum Gebrauch durch den Menschen geschaffen habe. Am 3. November ist Hubertustag, damit beginnt die winterliche Jagdsaison. Zu Ehren des Schutzpatrons der Jäger wird an vielen Orten eine Haustiersegnung begangen.

Weil Hindus davor zurückschrecken zu töten, werden überzählige Hunde bei lebendigem Leib entsorgt, in freier Natur oder im Müll – während die Behörden dazu übergehen, Streuner in Massen zu vergiften. Ein Widerspruch? Ja, aber einer von vielen, sobald es um Religion und Hunde geht. So haben die Streuner im hinduistischen Nepal ein entbehrungsreiches Leben. Doch einmal im Jahr ist alles wie verwandelt.

Kathmandu, Anfang November. Das Lichterfest Tihar hat begonnen. Es dauert fünf Tage und ist eine fröhliche Feier. Der zweite Tag gehört den Hunden. Wer als Streuner zuvor noch mit Steinwürfen verjagt wurde oder nichts zu fressen fand, wähnt sich auf einmal im Paradies. Die Menschen knien sich zu den verfilzten Hunden, malen ihnen bunte Punkte auf die Stirn, legen ihnen Blumengirlanden um den Hals. Sie sagen etwas Nettes über die hündische Treue. Und dann gibt es viel zu fressen. Einen Tag lang.

In orthodoxen Gegenden Israels werden Hunde als Bedrohung empfunden

Mit Widersprüchen ist auch Anders Ami Ettinger aufgewachsen. Der 48-jährige Israeli wohnt seit fünf Jahren in Berlin. Bis zu seinem Umzug nach Deutschland lebte er in Jerusalem und kümmerte sich dort um herrenlose Hunde und Katzen. Ettinger weiß, wie kompliziert es sein kann, Hunde in Israel halbwegs artgerecht zu halten. In den liberaleren Gegenden ist man ihnen wohlgesinnt oder toleriert sie, in orthodoxen Vierteln werden sie als Bedrohung empfunden. Leinenfreie Zonen gibt es fast nirgends.

Die Rigidität hat viele Gründe: historische, weil Juden in der Diaspora so oft erleben mussten, dass man Hunde auf sie hetzte, medizinische, denn die Erreger der Tollwut werden durch den Hundespeichel übertragen, weshalb die Tiere als unrein gelten, und religiöse, weil die Tora zwiespältig über Hunde spricht: Sie warnt davor, einen im Haus zu halten, denn er sei ein potenziell gefährliches Tier. Hinzu kommen die Reinheitsgebote. Andererseits haben Tiere in der Tora Rechte, somit auch der Hund, etwa das Recht auf Ruhe am Schabbat.

Hunde in der Religion: Judentum

Von den drei monotheistischen Weltreligionen ist das Judentum die älteste mit etwa 15 Millionen Mitgliedern weltweit. In der heiligen Schrift Tora gibt es Reinheitsgebote, die regeln, wie Hunde im Haus zu halten sind, und Tierschutzgesetze, zum Beispiel das Verbot, Hundeohren zu kupieren. Nach der Tora soll der Mensch erst seine Tiere versorgen, bevor er sich zu Tisch setzt. Zum Purim-Fest gehören Verkleidungen und Umzüge traditionell dazu. Es soll an die Errettung der Juden im Perserreich erinnern. In Tel Aviv nimmt ein Mann mit seinen kostümierten Hunden an einer Parade teil.

Anders Ettinger erinnert sich, wie er mit seinen zwei Hunden durch ein orthodoxes Viertel ging. Er traf auf einen alten Mann, der sich so abgrundtief wegen der Tiere erschrak, dass er sich zu einer Hauswand drehte und zu beten begann. „Ich konnte noch nicht mal hingehen, um mich um ihn zu kümmern“, berichtet Ettinger, „ich hatte ja die Hunde bei mir.“ Ein anderes Mal bestieg er einen Bus nach Tel Aviv. Die Hunde trugen vorschriftsmäßig Leine und Maulkorb. Als der Fahrer das Trio sah, rief er laut durch den Bus: „Schaut euch diesen Zoo hier an. Was hat der Kerl als Nächstes vor, kommt er mit einem Tiger oder mit einem Nashorn?“

Außerhalb seines Viertels habe er sich als Hundehalter fast schon verfolgt gefühlt, sagt Ettinger. Damit war er nicht allein. Täglich traf sich eine kleine Gemeinschaft von Hundehaltern im Unabhängigkeitspark von Jerusalem. Einer von ihnen, ein Palästinenser mit einem mächtigen Malamute, kannte den Parkwächter. Der stellte sich blind, damit die Tiere in einer Ecke ohne Leine toben konnten, eine der wenigen Möglichkeit des Freilaufs. Fast überall sonst waren hohe Geldstrafen fällig.

Die Erkenntnisse, die der amerikanische Biologe Dennis Turner aus seiner Langzeitstudie zog, zeigen ein anderes Bild. Turner hatte in zwölf Ländern die Auswirkungen von Religionszugehörigkeit auf Tier-, respektive Hundeliebe erforscht. Bei Akzeptanz und Wohlwollen gegenüber Hunden lagen die jüdischen Studienteilnehmer vorn. „Das wundert mich nicht“, sagt Rakefet Zalashik. „Weil sich das mit meinen Beobachtungen deckt.“ Die Anthropologin und Historikerin hat sich mit der Beziehung zwischen Juden und Hunden befasst und darüber ein Buch geschrieben. „In Israel, vor allem in Tel Aviv, ist es Teil der israelischen Identität, das Leben in der Diaspora vergessen zu wollen. Dazu gehört es, die Angst vor Hunden abzulegen, sie zu mögen und als Haustier zu halten.“ Die 40-Jährige lebt mit Mausi, einem Mix aus Bernhardiner und Golden Retriever, in den USA und arbeitet zurzeit an einer Ausstellung zum Thema „Juden und Hunde“ in Berlin.

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