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Kirche und Glaube Hunde in der Religion

Katharina Jakob 16.12.2014

Hund, wie hältst du’s mit der Religion, würde das Gretchen aus Goethes „Faust“ fragen. DOGS fragt andersherum: Religion, wie hältst du’s mit dem Hund? Die großen Glaubensrichtungen der Welt blicken sehr unterschiedlich auf des Menschen besten Freund.

Herr Hund, sagten die Menschen zu den Streunern und beugten ihr Haupt. Zumindest die, die sich an Recht und Ordnung hielten. Es war ein neues Gesetz, die Straßenhunde so ehrerbietig zu grüßen, und es währte nicht lang. Beschlossen hatte es der Hunde-Shogun, ein Regent im Japan des 17. Jahrhunderts. Der Buddhist sorgte dafür, dass es den Tieren in seinem Reich gut ging. Wer einen Hund quälte, musste mit dem Tod rechnen. Als der Schutzpatron starb, war es rasch vorbei mit den Pro-Hund-Gesetzen und alles wieder wie zuvor. Nämlich nicht gut.

Hunde in der Religion
Hunde gelten in der Religion vielfach als unrein, gefährlich oder als Zeichen schlechten Karmas. Andernorts gibt es Segnungen für Hunde. © imago

Für Hunde gibt es wenig Grund zur Freude

„Einen Hund zu verprügeln oder ihn verhungern zu lassen ist keine Sünde. Denn ein Hund ist keine Person und hat deshalb keine Seele.“ Dieser Satz stammt nicht aus dem Mittelalter, sondern von 1989. Gesagt hat ihn der damalige Erzbischof von Udine, Alfredo Battisti, ein hoher christlicher Würdenträger. Das ist kein Zufall. Die fünf Weltreligionen Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus und Hinduismus haben in ihren Schriften formuliert, wie sie die Beziehung zwischen Mensch und Tier interpretieren. Um es gleich zu sagen: Für Hunde gibt es wenig Grund zur Freude. Sie gelten als unrein, gefährlich oder zumindest als Wiedergeburt einer zweifelhaften Existenz. Lambert Schmithausen, emeritierter Professor für Buddhismuskunde und Indologie in Hamburg, bringt es auf den Punkt: „Der Hund ist ein unglückliches Tier.“

Dennoch unterscheiden sich Buddhismus und Hinduismus in einer Hinsicht wesentlich von den anderen Religionen: Sie betonen die Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Tier, nicht so sehr den Unterschied. Da teilen beide Arten das Rad des Schicksals, unterliegen den karmischen Gesetzen und werden wiedergeboren in eine neue Existenz. Beide gelten als empfindungsfähige Wesen, die man weder töten noch quälen darf. Wenn der Hund ein unglückliches Tier ist, dann, so Schmithausen, „verdient er aus buddhistischer Sicht unser Mitgefühl“.

Hunde in der Religion: Buddhismus

Die viertgrößte Religion hat bis zu 500 Millionen Anhänger. Ihr Hauptverbreitungsgebiet ist Süd- und Südostasien sowie China. Die buddhistische Religion kennt keine Glaubensdogmen und keinen Schöpfergott, dafür die Auflösung alles irdischen Leids im Nirvana und feste ethische Regeln auf dem Weg dorthin. Der Mensch gilt im Buddhismus nicht als die Krone der Schöpfung, sondern als fühlendes Wesen unter anderen fühlenden Wesen. So spielen Mönche auf dem Dach des Klosters Likir in Ladakh, Indien, mit dem Klosterhund Tashi.

Nichtsdestotrotz gilt das Hundedasein als Zeichen von schlechtem Karma. Wer als Hund wiedergeboren wird, hat sich in seinem früheren Leben nicht sonderlich gut benommen und tut es auch in diesem Leben nicht, denn er ist ein Aasfresser und Beutegreifer. Doch er kann nichts für seine Art. Also darf er bleiben, was er ist. Er darf in die Tempel hinein, den Zeremonien beiwohnen und auf den Steinstufen dösen. Da kaum jemand Hunde als Haustiere hält, sind die meisten Streuner. In buddhistischen Ländern werden sie jedoch weniger verfolgt als anderswo.

Hunde in der Religion: Hinduismus

Nach Christentum und Islam ist der Hinduismus mit etwa 900 Millionen Gläubigen die drittgrößte Religion der Welt. Ursprungsland ist Indien. Tiere werden wie die Menschen als göttliche Geschöpfe betrachtet, die eine Seele besitzen. Wer ein Tier quält, zieht schlechtes Karma auf sich. Das Tihar-Fest, eine der größten hinduistischen Feiern, wird fünf Tage lang begangen. Dabei werden Krähen, Kühe und Hunde geehrt.

Tiere haben im Christentum keine Seele

Den stärksten Kontrast dazu bildet das Christentum. Die mitgliederstärkste aller Religionen ist zugleich die tierfeindlichste. Wo in der jüdischen Tora und im islamischen Koran detaillierte Tierschutzgesetze stehen, findet sich in der Bibel dazu kaum ein Wort. Tiere haben im Christentum keine Seele und kommen nicht in den Himmel. Wer ihr Fleisch nicht essen will, ist schwach im Glauben, wie es im Paulus-Brief an die Römer steht.

Im Gegensatz zum Tötungstabu der östlichen Religionen und ihrer vegetarischen Tradition. Doch das eine sind die Regeln des Glaubens, das andere ist der gelebte Alltag. Auf der hinduistischen Insel Bali werden 85 Prozent aller Welpen lebend weggeworfen, wie Janice Girardi von der Tierschutzorganisation Bali Animal Welfare Association berichtet. Die Straßenhundpopulation im Land ist erdrückend.

Hunde in der Religion: Christentum

Das Christentum ist die Weltreligion mit den meisten Anhängern weltweit, etwa 2,2 Milliarden. Sie ging aus dem Judentum hervor. In der Bibel finden sich im Gegensatz zu den Schriften anderer Religionen keine Gebote zum Tierschutz. Bedeutende Theologen wie Thomas von Aquin waren der Überzeugung, dass Gott die Tiere allein zum Gebrauch durch den Menschen geschaffen habe. Am 3. November ist Hubertustag, damit beginnt die winterliche Jagdsaison. Zu Ehren des Schutzpatrons der Jäger wird an vielen Orten eine Haustiersegnung begangen.

Weil Hindus davor zurückschrecken zu töten, werden überzählige Hunde bei lebendigem Leib entsorgt, in freier Natur oder im Müll – während die Behörden dazu übergehen, Streuner in Massen zu vergiften. Ein Widerspruch? Ja, aber einer von vielen, sobald es um Religion und Hunde geht. So haben die Streuner im hinduistischen Nepal ein entbehrungsreiches Leben. Doch einmal im Jahr ist alles wie verwandelt.

Kathmandu, Anfang November. Das Lichterfest Tihar hat begonnen. Es dauert fünf Tage und ist eine fröhliche Feier. Der zweite Tag gehört den Hunden. Wer als Streuner zuvor noch mit Steinwürfen verjagt wurde oder nichts zu fressen fand, wähnt sich auf einmal im Paradies. Die Menschen knien sich zu den verfilzten Hunden, malen ihnen bunte Punkte auf die Stirn, legen ihnen Blumengirlanden um den Hals. Sie sagen etwas Nettes über die hündische Treue. Und dann gibt es viel zu fressen. Einen Tag lang.

In orthodoxen Gegenden Israels werden Hunde als Bedrohung empfunden

Mit Widersprüchen ist auch Anders Ami Ettinger aufgewachsen. Der 48-jährige Israeli wohnt seit fünf Jahren in Berlin. Bis zu seinem Umzug nach Deutschland lebte er in Jerusalem und kümmerte sich dort um herrenlose Hunde und Katzen. Ettinger weiß, wie kompliziert es sein kann, Hunde in Israel halbwegs artgerecht zu halten. In den liberaleren Gegenden ist man ihnen wohlgesinnt oder toleriert sie, in orthodoxen Vierteln werden sie als Bedrohung empfunden. Leinenfreie Zonen gibt es fast nirgends.

Die Rigidität hat viele Gründe: historische, weil Juden in der Diaspora so oft erleben mussten, dass man Hunde auf sie hetzte, medizinische, denn die Erreger der Tollwut werden durch den Hundespeichel übertragen, weshalb die Tiere als unrein gelten, und religiöse, weil die Tora zwiespältig über Hunde spricht: Sie warnt davor, einen im Haus zu halten, denn er sei ein potenziell gefährliches Tier. Hinzu kommen die Reinheitsgebote. Andererseits haben Tiere in der Tora Rechte, somit auch der Hund, etwa das Recht auf Ruhe am Schabbat.

Hunde in der Religion: Judentum

Von den drei monotheistischen Weltreligionen ist das Judentum die älteste mit etwa 15 Millionen Mitgliedern weltweit. In der heiligen Schrift Tora gibt es Reinheitsgebote, die regeln, wie Hunde im Haus zu halten sind, und Tierschutzgesetze, zum Beispiel das Verbot, Hundeohren zu kupieren. Nach der Tora soll der Mensch erst seine Tiere versorgen, bevor er sich zu Tisch setzt. Zum Purim-Fest gehören Verkleidungen und Umzüge traditionell dazu. Es soll an die Errettung der Juden im Perserreich erinnern. In Tel Aviv nimmt ein Mann mit seinen kostümierten Hunden an einer Parade teil.

Anders Ettinger erinnert sich, wie er mit seinen zwei Hunden durch ein orthodoxes Viertel ging. Er traf auf einen alten Mann, der sich so abgrundtief wegen der Tiere erschrak, dass er sich zu einer Hauswand drehte und zu beten begann. „Ich konnte noch nicht mal hingehen, um mich um ihn zu kümmern“, berichtet Ettinger, „ich hatte ja die Hunde bei mir.“ Ein anderes Mal bestieg er einen Bus nach Tel Aviv. Die Hunde trugen vorschriftsmäßig Leine und Maulkorb. Als der Fahrer das Trio sah, rief er laut durch den Bus: „Schaut euch diesen Zoo hier an. Was hat der Kerl als Nächstes vor, kommt er mit einem Tiger oder mit einem Nashorn?“

Außerhalb seines Viertels habe er sich als Hundehalter fast schon verfolgt gefühlt, sagt Ettinger. Damit war er nicht allein. Täglich traf sich eine kleine Gemeinschaft von Hundehaltern im Unabhängigkeitspark von Jerusalem. Einer von ihnen, ein Palästinenser mit einem mächtigen Malamute, kannte den Parkwächter. Der stellte sich blind, damit die Tiere in einer Ecke ohne Leine toben konnten, eine der wenigen Möglichkeit des Freilaufs. Fast überall sonst waren hohe Geldstrafen fällig.

Die Erkenntnisse, die der amerikanische Biologe Dennis Turner aus seiner Langzeitstudie zog, zeigen ein anderes Bild. Turner hatte in zwölf Ländern die Auswirkungen von Religionszugehörigkeit auf Tier-, respektive Hundeliebe erforscht. Bei Akzeptanz und Wohlwollen gegenüber Hunden lagen die jüdischen Studienteilnehmer vorn. „Das wundert mich nicht“, sagt Rakefet Zalashik. „Weil sich das mit meinen Beobachtungen deckt.“ Die Anthropologin und Historikerin hat sich mit der Beziehung zwischen Juden und Hunden befasst und darüber ein Buch geschrieben. „In Israel, vor allem in Tel Aviv, ist es Teil der israelischen Identität, das Leben in der Diaspora vergessen zu wollen. Dazu gehört es, die Angst vor Hunden abzulegen, sie zu mögen und als Haustier zu halten.“ Die 40-Jährige lebt mit Mausi, einem Mix aus Bernhardiner und Golden Retriever, in den USA und arbeitet zurzeit an einer Ausstellung zum Thema „Juden und Hunde“ in Berlin.

Die häusliche Haltung von Hunden wird im Islam abgelehnt

Auch die muslimische Welt ist reich an Widersprüchen, sobald es um Hunde geht. Die häusliche Haltung wird vielerorts abgelehnt, da im Koran, wie in der Tora, Reinheitsgebote im Weg stehen. In den islamischen Überlieferungen heißt es: „Die Engel betreten keine Wohnung, in der es einen Hund oder ein Bild gibt.“ In den arabischen Emiraten werden dagegen Salukis geradezu verehrt. Die Windhunde schlafen in den Räumen der Menschen, und wenn man wissen will, wie das mit dem Koran zusammengeht, heißt es: „Ein Saluki ist kein Hund. Er ist ein Geschenk Allahs.“

Hunde in der Religion: Islam

Die jüngste der drei monotheistischen Religionen zählt weltweit etwa 1,6 Milliarden Mitglieder. Der Islam beruht auf der Heiligen Schrift Koran und auf den Überlieferungen (Hadithe). Im Koran wird der Mensch dazu verpflichtet, für das Wohl der Tiere zu sorgen. So können nach den Überlieferungen Tiere vor Gott klagen, wenn sie gequält worden sind. Im Gegensatz zu Straßenhunden gelten Windhunde im Islam als kostbar, denn sie helfen wie in Afghanistan bei der Jagd. Die Beute, die ein Windhund herbeibringt, darf gegessen werden, obwohl Hundespeichel sonst als unrein gilt.

Was sagen die Menschen hierzulande, die Muslime sind und einen Hund halten? Anruf bei Halima Krausen. Die 65-Jährige ist Imamin und leitete bis vor wenigen Wochen die deutschsprachige Gemeinde der Hamburger Moschee. Sie kennt kaum einen muslimischen Menschen mit Hund. Und sie sagt auch, warum: „Muslime sind wie alle Menschen erst mal misstrauisch gegenüber Tieren, die sie nicht kennen. Man folgt der vorherrschenden Kultur. Ist das keine Hundehalterkultur, kommt man auch nicht auf die Idee, Hunde zu halten.“ Wenn doch, so Krausen, dann müsse es artgerecht zugehen. Im Koran werde darauf viel Wert gelegt, und in einer Wohnung sei das häufig nicht der Fall. Mit Ablehnung habe das nichts zu tun.

Wie man es bei einem türkischen Hundehalter sehen kann, der seinen Namen nicht gedruckt wissen möchte: Artgerecht ist ein Wort, das der 36-Jährige aus einer schwäbischen Kleinstadt viel benutzt, wenn er von Togi erzählt, seinem sechsjährigen Karabash. Togi lebt im Haus, hält sich tagsüber im Hof auf, nachts schläft er in einem Zimmer. Sein Mensch hat sich viel mit den Bedürfnissen eines Herdenschutzhundes auseinandergesetzt. Dass ein solches Tier Freiraum braucht, weiß er genau. Zum Ausgleich für das fehlende Bergland gehen Herr und Hund bis zu vier Stunden täglich spazieren. Gibt es Probleme, wenn türkische Verwandte zu Besuch kommen und nicht ins Haus wollen, weil ein Hund dort lebt? „Da gibt es keine Schwierigkeiten“, sagt Togis Halter knapp. „Wer nicht kommen will, soll sich zum Teufel scheren.“

Gottesdienste für Mensch und Tier

Pastor Holger Janke würde niemanden in die Hölle wünschen. Doch kann ihm der Himmel gestohlen bleiben, wenn Tiere dort nicht willkommen sind. Seit 2002 hält der Seelsorger der Hamburger Kirchengemeinde Langenfelde Mensch-Tier-Gottesdienste ab. Er hat einen Hund namens Tölpel und ist besorgt um die Ausblendung der Tiere in seiner Religion. Denn Tier- und Menschenliebe sind für Janke nicht zu trennen. „Die Kirche hat Angst vor Tieren“, sagt er. „Sie sind nur Symbole für den Menschen, aber keine wirklichen Geschöpfe. Außer auf dem Teller.“

Warum kann die „Kirche der Barmherzigkeit“ so wenig mit Tieren anfangen? „Das liegt an der Aufklärung. Sie hat den Verstand über alles gesetzt. Er ist das Kriterium des wahren Menschseins und die große Abgrenzung vom Tier.“ Wie sehr das an der Lebenswirklichkeit der Gläubigen vorbeigeht, sieht Janke an seinen Mensch-Tier-Gottesdiensten: „Die sind der Hit. Es gibt keine Gottesdienstform, die regelmäßig so viele Leute anspricht. Sodass ich mir schon sagen lassen muss, ich hätte das alles nur erfunden, um wieder die Kirche zu füllen.“

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