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Die Mischung macht's Mischlingshunde – liebenswerte Unikate

Sigrid Rahlfes 15.03.2011

Man nannte ihn Straßenkreuzer, Promenadenmischung oder Bastard. Doch das war gestern! Mittlerweile zählt der Mischling zu den beliebtesten und am weitesten verbreiteten Hunden in Deutschland. Viele wollen einen wie keinen!

Mischlingshunde - liebenswerte Unikate
© Stephen Morris/ Stocksy

Meist sind sie klein, haben wuscheliges Fell und kurze Beine. Große gibt’s auch. Oft stockhaarig und mit aufgestellten Ohren. Hybride, Bastarde, Promenadenmischung oder Senfhunde, ein Mischling hat viele Bezeichnungen, die so bunt sind wie die Tiere selbst. Ob gefleckt, getüpfelt oder einfarbig, ein Mischling ist ein wahres Unikat. Ein Merkmal, das den Mischling von Rassehunden unterscheidet. Denn deren Phänotyp ist immer gleich.

Überraschungspaket Mischling
Ein Mischling ist das Ergebnis einer Kreuzung. Verschiedene Rassen werden verpaart oder unterschiedliche Mixe frönten freier Liebe. Im Unterschied zu Rassehunden weiß bei einem Wurf von Mischlingen kaum einer, welche Größe, welches Aussehen oder gar welche charakterlichen Merkmale diese Tiere haben werden. Ein Mischling ist ein buntes Überraschungspaket. Keks etwa. Vor einem Jahr in der Hundeschule war der dreimonatige Mischling ein zotteliger, hellblonder Jungspund, der an einen eleganten Deutsch Drahthaar erinnerte. Heute ist er ein kompakter Riese mit grauem Stockhaar und einem Bart, der Assoziationen an ein Walross weckt. Nichts mehr mit schmaler Silhouette und konzentrierter Jagdhundattitüde.

Die Fédération Cynologique Internationale, die Weltorganisation der Hundezüchter und Kynologen, erkennt derzeit 339 Rassen an und setzt sich für deren einheitliche Standards ein, der Mischling hat dagegen keinerlei Lobby, sieht man einmal von engagierten Tierschützern in Tierheimen und Hilfsorganisationen ab. Kein Wunder also, dass wissenschaftlich gesicherte Daten über gemischtrassige Hunde in der Literatur weitaus weniger zu finden sind als über Rassehunde. Und das obwohl ihr Anteil an der gesamten Hundebevölkerung in Deutschland stolze 22,9 Prozent beträgt.

Mischling: gesünder als ein Rassehund?
Der Anteil an Mischlingshunden ist höher als der jeder anderen Rasse, wenngleich man beim Spaziergang die Dichte von Labrador, Golden Retriever, Parson Russell oder derzeit Mops nach dem Gefühl weitaus höher einschätzen würde. Trotzdem ist ein Mischling die beliebteste und am weitesten verbreitete Rasse in Deutschland. Die Gründe hierfür sind vielfältig und von unterschiedlichsten Motivationen geprägt. Dazu zählt die landläufige Meinung, ein Mischling wäre gesünder als Rassehunde, viel robuster. Er leide weniger an genetisch bedingten Krankheiten und würde grundsätzlich ein höheres Alter erreichen als seine „sortenreinen“ Kumpel.

Argumente, denen sich viele Hundeliebhaber nicht verschließen. Deike Rickmers etwa. Die Unternehmensberaterin aus Hamburg wuchs in einem hundeaffinen Elternhaus auf und lebt seither mit unterschiedlichsten Vierbeinern. Vor zwei Jahren kam Nelly ins Haus, ein Pointer-Podenco Mischling aus Ibiza. „Ich wollte einen Mischling, weil er intelligenter und vor allem robuster ist. Alle meine Stammbaumhunde hatten rassespezifische Probleme. Meine Rottweilerhündin Molly stand unter Dauermedikation, und mein Boxer litt unter Hautproblemen. Georg aber, ein Mischling aus Dogge, Pointer und Labrador, wurde trotz seiner Größe fünfzehn Jahre alt, und zwar ohne gesundheitliche Einschränkungen.“

Mischling: was sein Aussehen verrät
Hat der Mischling eine hängende Rute oder einen Ringelschwanz, Klappohren oder eine Himmelfahrtsnase? Anhand von Körperteilen kann der bayrische Hundeexperte Anton Fichtlmeier ziemlich genaue Rückschlüsse auf das Grundwesen eines Mischlings ziehen.
> Was das Aussehen über den Mischling verrät

Das Auftreten verschiedener Hundeerkrankungen nach Rassen untersuchte die Klinik für Kleintiere an der Tierärztlichen Hochschule Hannover in einer Langzeitstudie von 1994 bis 2004. Zu den Diagnosen gehörten unter anderem die Hüft- und die Ellenbogengelenksdysplasie, Frakturen, Mammatumoren, Keratitis (Hornhautentzündung) und Magendrehung. Eine Erkenntnis dieser Studie: „Allein dass ein Hund als Mischlingshund einzustufen ist, ist … nicht mit besserer Gesundheit korreliert.“ Einleuchtend, denn die genetische Disposition eines Mischlings hängt immer von dessen Vorfahren ab. Und dennoch: Der Wiener Kynologe Dr. Hellmuth Wachtel betont: „Mischlinge haben eine weit größere genetische Vielfalt als Rassehunde infolge der Kreuzung von Elterntieren verschiedener Rassen. Sie zeigen daher meist die sogenannte Kreuzungsvitalität. Da aber kleine Hunde langlebiger und im Durchschnitt gesünder sind als große, darf man in Vergleichsstudien nur etwa gleich große Mischlinge und Rassehunde vergleichen, sonst bekommt man falsche Ergebnisse.“

Verpaaren sich aber zwei Rassen mit Gendefekten, ist das Ergebnis schlimmer als die Ursprungsrasse, weiß Dr. Ralf Unna, Tierarzt aus Köln, Vizepräsident des Landestierschutzverbands Nordrhein-Westfalen und selbst Besitzer eines Australian-Shepherd-Mixes: „Der Mischling kann gesundheitlich nur so gut sein wie die Individuen, die ihn gezeugt haben.“

Seine Kollegin Petra Büsken aus Hamburg, die ihre Approbation als Praktische Tierärztin vor 26 Jahren erwarb und auf eine entsprechend breite Erfahrung zurückgreifen kann, erkennt eine langjährige Entwicklung: „Früher war alles besser. Da konnte man sagen: Mischlinge sind gesünder. Das gilt heute nicht mehr.“ Denn heute gebe es viele Hunderassen, die gesundheitliche Probleme haben – mehr als noch vor zwanzig Jahren – und deren Mischung potenziere die Problematik. „Die Gesundheit ist uns abhanden gekommen“, bedauert die Besitzerin eines Dackel-Mischlings diese Entwicklung.

Die Hundetrainerin Clarissa von Reinhardt unterstreicht dies: „Viele Erbkrankheiten vereinen sich in Mischlingen. Zusätzlich nehmen bei allen Hunden die Erkrankungen zu, die durch Umweltgifte verursacht werden.“ Welche Auswirkungen das auf die Hundepopulation in den nächsten Jahrzehnten haben wird, mag sie nur vermuten. „Experten gehen davon aus, dass bis 2050 etwa zwei Drittel unserer bekannten Rassen ausgestorben beziehungsweise so gut wie ausgestorben sein werden. Ich wage keine Prognose und bin froh, wenn es überhaupt noch gesunde Hunde bis dahin gibt.“

Positiver Imagewandel: Der Mischling ist in
Der vorhandene Genpool ist das entscheidende Kriterium, darin sind sich alle Sachverständigen einig. Verfügen Hunde über eine breite genetische Basis, können erbliche Defekte vermindert werden, Vitalität und Widerstandskraft gegen Krankheiten erhöhen sich. Auch 2011 lag hier der Mischling vorn. Für die Kaufentscheidung, die auf einen Mischling fällt, ist der gesundheitliche Aspekt aber nicht allein entscheidend. Das lehrt die Erfahrung. „Eine witzige Optik läuft gut, und ein goldener Charakter ist wichtig. Der Mischling kann noch so hässlich sein, ist er freundlich, finden sich Liebhaber“, berichtet Frank Weber, Leiter des Franziskustierheims in Hamburg. Der Mischling ist in, vor allem in Städten, das erlebt auch Petra Zipp, Vorsitzende des Bundes gegen Missbrauch der Tiere und Tierheimleiterin in Pfullingen. „Er ist halt ein besonderer Hund, ein Wunder der Schöpfung. Den kann man nicht nachproduzieren.“

Eine andere Klientel als früher, etwa der berufstätige Single oder homosexuelle Paare, würde inzwischen einen Mischling nachfragen. Von einem positiven Imagewandel spricht auch Tierarzt Unna: „Früher lebten Ente-2CV-Fahrer mit einem Mischling. Heute kann jeder Benzfahrer mit einem Mischling ankommen – der Deutsche Schäferhund ist längst kein Statussymbol mehr.“ Er erwähnt eine Kölner Schauspielerin, die noch vor einigen Jahren einen Dackel mit Namen Hans-Günther führte und heute Besitzerin eines Mischlings ist.

Statussymbol hin oder her, essenziell sind vor allem die Art der Beziehung zwischen Mensch und Hund und der Respekt vor dem Lebewesen. „Zu wünschen wäre, dass der Mensch aus seinen Fehlern der Vergangenheit lernt, für die der Hund mit erheblichen gesundheitlichen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten und Einschränkungen seiner Lebensqualität bezahlt, und dass diese ganze Rassediskussion aufhört und wieder mehr auf die Hundepersönlichkeiten geschaut wird“, fordert Trainerin Clarissa von Reinhardt. Vorrang für Charakter sieht auch Frank Weber: „Menschen, die Mischlinge Rassehunden vorziehen, sind Individualisten. Die wollen kein Prestige, keinen Hund vom Reißbrett, die suchen nach einem Freizeitkumpel.“

Auf der Suche nach einem Mischling

Tierärztin Petra Büsken rät: „Wenn Sie auf der Suche nach einem Mischling sind, folgen Sie bewusst Ihren eigenen Bedürfnissen. Fragen Sie sich konkret: Was will ich mit diesem Hund machen? Habe ich sportliche Interessen? Oder will ich einen Kumpel, der mit mir das Sofa teilt? Je nachdem, wie Ihre Antworten ausfallen, sollte der Hund die entsprechenden Eigenschaften mitbringen. Einen Mischling aus Rassen, die echte Anforderungen an den Halter stellen, sollten Sie als Ersthundbesitzer meiden. „Ein lauffreudiger Husky Mischling ist nichts für Couch-Potatos“, erläutert Tierpsychologin Christina Scholz. „Die werden nicht miteinander glücklich.“

Martina Schnell von Vier Pfoten: „Gehen Sie nicht im Internet auf Suche. Gehen Sie ins Tierheim, um sich einen Mischling auszusuchen.“ Dr. Ralf Unna spitzt diese Aussage noch zu: „Buy local!“ Kaufen Sie zu Haus! Immer mehr Hunde werden aus dem Ausland nach Deutschland gebracht. „Jeder zehnte Hund aus Südeuropa, der in meiner Praxis vorgestellt wird, leidet an Leishmaniose oder Parvovirose“, so der Kölner Tierarzt, der unter anderem aus diesem Grund Importe kritisch sieht. „In den letzten Jahren kamen viele Hunde aus dem Ausland nach Deutschland“, bestätigt Heimtierexpertin Martina Schnell, vor allem Mischlinge. „Dabei werden Mischlinge oft als reinrassig verkauft“, ergänzt ihre Kollegin Birgitt Thiesmann.

Die Kritik an Hundeimporten mehrt sich. Auch die Unternehmensberaterin Deike Rickmers verfolgt aufmerksam, „was alles an Hunden hereingeholt wird aus Europa“. Das Problem ist, dass sich mit der Ware Hund offenbar sehr gute Geschäfte machen lassen, auch über den Weg der wilden Hundevermehrung. Umso wichtiger ist es, die Spreu vom Weizen zu trennen und Hundevermehrern keine Chance zu geben. Sie schädigen Organisationen und Privatpersonen, die aus ethischen und nichtfinanziellen Aspekten handeln und deren Engagement es zu verdanken ist, dass Tiere gerettet werden.

Im besten Fall prägt der Respekt vor dem Lebewesen jede Kaufentscheidung, meint auch die Hundetrainerin Clarissa von Reinhardt: „Als überzeugte Gegnerin des Rassismus ist es mir egal, ob ein Hund reinrassig oder mischerbig ist.“

Moderner Mischling: Designer Dog
Jedenfalls diejenigen, die kein Designer Dog erwerben, einen Yorkiepoo etwa, entstanden aus Yorkshireterrier und Pudel, einen Labradoodle aus Labrador Retriever und Pudel oder einen Cockapoo aus Cockerspaniel und Pudel, jene Hybridhunde, die auch nur Kreuzungen sind, wenn auch absichtsvoll produziert und in Aussehen und Größe an die zumeist modischen Bedürfnisse einer finanzstarken Käuferklientel orientiert. „So verkommt der Hund zum Handelsgegenstand“, sagt Petra Zipp, die das Züchten von Designerhunden ablehnt. „Der Mensch lebt nicht mit der Optik. Er lebt mit dem Charakter.“ Ist der denn am Äußeren ersichtlich? „Nur für einen Hundekenner“, gibt Martina Schnell, Heimtierexpertin der internationalen Tierschutzorganisation Vier Pfoten, zu bedenken.

Und wie findet man einen Kumpel fürs Leben, der auch charakterlich passt? Die Wundertüte Hund mag ja optisch entzücken, aber ist man ihr als Halter auch gewachsen? Nelly etwa. Sie war am Beginn des Zusammenlebens selbst für die hundeerfahrene Hamburger Kauffrau Deike Rickmers eine echte Herausforderung: „Fünf Tage igelte ich mich mit ihr in meiner Wohnung ein. Nelly war sechs Monate alt, kannte nichts, war verängstigt und extrem nervös.“ Ein Neuling wäre mit Nelly überfordert gewesen. „Als Ersthundbesitzer würde ich von einem Mischling abraten, dessen Eltern unbekannt sind“, sagt auch Martina Schnell von Vier Pfoten.

Gabriele Akan und ihr Mann haben dies vor Jahren intuitiv erkannt. Sie wollten einen Hund. Am liebsten einen Mischling aus dem Tierheim. Trauten sich als Hunde-Unerfahrene aber nicht an die Unwägbarkeiten heran. Also kam als Ersthund ein West Highland White Terrier ins Haus. Als Bonnie sieben Jahre alt war und die Erfahrung seiner Besitzer mit ihm gewachsen, folgte Jona, ein Jagdterrier Mischling aus dem Tierheim. Wer sich als Ersthundbesitzer für eine Promenadenmischung interessiert, für den ist „ein erwachsener Mischling von Vorteil“, meint die Tierärztin und Physiotherapeutin Petra Büsken: „Die Größe und auch der Charakter des Hundes sind bereits entwickelt – und Enttäuschungen damit minimiert.“

Da kein Zuchtverband die Entscheidung begleitet, ist viel Eigeninitiative bei der richtigen Wahl gefragt. Ganz ohne Beratung muss sich aber niemand entscheiden. „Wenden Sie sich an die Mitarbeiter Ihres örtlichen Tierheims“, empfiehlt die Hamburger Tierpsychologin Christina Scholz, „dort wird man Sie beraten, welches Tier am besten zu Ihren Lebensumständen und Ihrer Hundeerfahrung passt.“ Und dann, meint Tiermediziner Ralf Unna, wird sich der Hund dort sowieso seine Leute aussuchen: „Geht in euer lokales Tierheim. Wartet. Der Hund wird kommen!“ Und was dann? Ja, dann beginnt sie, Ihre ganz eigene Liebesgeschichte.

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