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Schönheitsfehler Ein Knick in der Rute

Johanna Esser 04.08.2016

Sie ist krumm, fällt auf, aber schadet dem Hund in den meisten Fällen nicht: Die Knickrute ist fast immer genetischer Natur und damit angeboren. Eher selten wird sie durch einen Unfall verursacht

„Das wächst sich mit der Zeit wieder raus“, oder: „Der ist mit seiner Rute in der Tür hängengeblieben“, oder: „Die Mutterhündin hat sich draufgelegt.“ Tierarzt Heiko Wagner kennt die Erklärungen fantasievoller Hundebesitzer und Züchter, wenn es um den Knick in der Hunderute geht. Die Wahrheit treffen sie dabei selten. Tiermediziner unterscheiden zwischen angeborenen und erworbenen Rutenfehlern. „Schon die Deformierung nur eines Schwanzwirbels kann zu einer Veränderung der Rutenachse führen“, erklärt Wagner, der auch Deutsche Doggen züchtet.

Die Wirbelsäule eines Hundes hat sieben Halswirbel, zwölf Brustwirbel, sieben Lendenwirbel, 20 bis 23 Schwanzwirbel und besteht aus vielen kleinen, aneinandergereihten Wirbelkörpern, auch Quader genannt. „Ist einer dieser Quader eines Schwanzwirbels deformiert, entsteht der Knick“, so der Veterinär. Die meisten Wirbelveränderungen, die zur Knickrute führen, kommen im letzten Drittel der Rute vor, besonders im Bereich der letzten vier, ab und zu auch zwischen dem fünften und achten Schwanzwirbel.

Meist ist eine Knickrute nur ein Schönheitsfehler
Meist ist eine Knickrute nur ein Schönheitsfehler © Daniela Drews

Die angeborene Anomalie ist nicht immer von Geburt an zu erkennen, sie kann sich auch erst bis zum Ende der Wachstumsphase entwickeln. Verantwortlich für die Deformation ist der autosomal-rezessive Erbgang. Er besagt, dass eine Eigenschaft nicht sichtbar vererbt wird. Das geschieht nur, wenn beide Eltern die Erbanlage an ihren Nachwuchs weitergeben. Stammt die Information von nur einem Elternteil, tragen die Welpen in der Regel gerade Ruten. Rüden und Hündinnen sind übrigens gleichermaßen betroffen, die Anomalie ist geschlechtsunabhängig. Fehlbildungen an den Wirbeln können sich während der embryonalen Wachstumsphase entwickeln. Kommt es in dieser Zeit zur Störung oder dem Ausbleiben der Bildung von Knochengewebe, entsteht ein deformierter Wirbel. Je nach Form unterscheidet man Keilwirbel und Blockwirbel.

Keilwirbel verursachen Knickruten

In einer bestimmten Entwicklungsphase können die Zugkräfte der Bänder und Muskeln, die die Wirbel zusammenhalten, eine unterschiedliche Kraftentwicklung aufweisen. Wenn an einer Seite der Zug des Bandes und somit der Druck auf die Gelenkflächen der beiden verbundenen Wirbel erhöht ist, wird sich der Wirbel in diese Richtung nicht weiter per Knochenaufbau (Osteosynthese) entwickeln. Die andere Seite hält jedoch den physiologischen Zug der Bänder aufrecht, womit ein normales Wachstum des Wirbelkörpers auf dieser Seite des Wirbels gegeben ist. Somit entsteht ein Wirbel, dessen Form nicht mehr einem Rechteck gleicht, sondern eher die Gestalt eines Trapezes annimmt. Eine Achsenabweichung der Rute ist die Folge, Tiermediziner sprechen dann vom Keilwirbel.

Beim Blockwirbel sind dagegen zwei oder mehrere aufeinanderfolgende Schwanzwirbel miteinander verwachsen. Die Blockwirbelbildung beruht auf einem Fehler während der Segmentierung der Wirbelsäule. Charakteristisch für den Blockwirbel ist das Fehlen der Bandscheiben. Dadurch ist das Wirbelsäulengelenk nicht mehr funk­tionstüchtig vorhanden, und es kommt in den meisten Fällen zu Verwachsungen und der damit zwingend verbundenen Versteifung dieser Wirbel. Während es beim Keilwirbel immer zu einer Veränderung der Rutenachse kommt, ist beim Blockwirbel eine Abweichung der Rutenachse eher seltener zu erkennen.

Ist mein Hund krank?

In den meisten Fällen ist die Knickrute nur ein Schönheitsfehler. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch vereinzelt, dass Keil- und Blockwirbelbildung mit vergleichbaren Veränderungen an der Hals- und Brustwirbelsäule einhergehen können, die dem Hund Beschwerden bereiten können. Nach heutigem Stand der Forschung wird daher geraten, mit Hunden, die eine Knickrute aufgrund von Keil- oder Blockwirbeln haben, nicht zu züchten. Die angeborene Knickrute führt aus diesem Grund bei vielen Rassezuchtvereinen zum Zuchtausschluss.

Doch nicht jeder kennt die Vorfahren eines Hundebabys und deren­ Erbanlagen genau. Man weiß beispielsweise bei Heimtieren in der Regel nicht unbedingt, ob der Hund mit einem fehlerhaften Knickrutengen ausgestattet ist und somit Anlageträger ist. Trifft er in seinem späteren Leben auf einen Geschlechtspartner mit ähnlichen Genen, verpaaren sich zwar zwei augenscheinlich gesunde Hunde, die unter Umständen Welpen mit Knickruten bekommen. Oft werden Welpen bereits bei Wurfabnahme durch den Zuchtwart abgetastet. Wie anfangs erklärt, sind in diesem Alter die letzten Schwanzwirbel noch nicht verknöchert, sodass ein Keilwirbel nicht immer fühlbar ist. Erst ab dem siebten Monat kann man den sicher ertasten.

„Ein Vierbeiner mit Knickrute ist nicht behindert“

Auch in der Rutenachse eingeordnete Blockwirbel können beim Abtasten leicht unbemerkt bleiben. Mit zunehmendem Alter wird die Ausbildung der Rutenanomalie deutlicher, und eine Dia­gnose ist sicherer zu stellen. Die exakte Bestimmung von Fehlbildungen ist durch eine Röntgenaufnahme möglich.

Letztendlich, so betont Veterinär Heiko Wagner, sollte man aber im Fall einer Knickrute die Kirche im Dorf lassen und selbstverständlich die Rute am Hund. Das Kopieren ist glücklicherweise seit Jahren in Detuschland verboten. „Ein Vierbeiner mit Knickrute ist in der Regel nicht behindert oder gehandicapt und sollte daher auch wie ein ganz normaler Hund behandelt und geliebt werden“, sagt Wagner. Er hat nur noch eine weitere Besonderheit.

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