DOGS Logo Europas grösstes Hundemagazin

INTERVIEW Herdenschutzhunde im Einsatz

Katharina Jakob 04.08.2016

Der Wolf ist zurück in Deutschland. In seinen Einzugsgebieten müssen Nutztiere anders als bisher geschützt werden. Herdenschutzhunde sind da die erste Wahl. Doch die sind längst nicht überall willkommen. DOGS im Gespräch mit Wolfsexpertin Ilka Reinhardt und Schutzhund-Kennerin Mirjam Cordt

Strenge Wächter: Um Schafherden vor frei lebenden Wölfen zu schützen, wird auch der Pyrenäenberghund im Revier des Grauwolfs eingesetzt. © Michael Gunther/Okapia

dogs: Frau Reinhardt, nicht jedem behagt, dass der Wolf in Deutschland wieder heimisch geworden ist. Was sagen Sie Leuten, die ihn hinter die Karpaten zurückwünschen?

Ilka Reinhardt: Im Wort Wolf schwingen noch immer sehr viele Vorurteile mit. Dabei ist er ein ganz normales Tier, das in unsere Kulturlandschaft gehört wie andere Tiere auch. Jede Art hat ihren Platz und ist mit anderen Arten vernetzt. Entfernen wir eine, hat das Auswirkungen auf die anderen. Der Wolf ist der natürliche Gegenspieler von Reh und Hirsch, sie sind zusammen über lange Zeiträume in einer sogenannten Koevolution entstanden. Wölfe erlegen vor allem die Tiere, die sie am leichtesten erbeuten, und sorgen so dafür, dass die Fitten überleben. Im Vergleich zu menschlichen Jägern haben sie ganz andere Möglichkeiten zu erkennen, welches Huftier geschwächt ist. Das ist auch im Interesse der Jäger. Trotzdem gibt es gerade bei ihnen Ängste, der Wolf könnte ihnen den Job streitig machen. Doch durch die Nahrungsfülle in der Landwirtschaft sind die heutigen Wildbestände so hoch wie noch nie, diese Angst ist also unbegründet. Wenn ich höre, Wölfe könnten in Polen leben, aber doch nicht bei uns, frage ich mich, wie sich das für einen polnischen Bürger anhören mag?

dogs: Wie steht es überhaupt um die Akzeptanz des Wolfs? Hat sie sich verändert, seit immer mehr Wölfe zuziehen?

Ilka Reinhardt: Umfragen belegen, dass eine Mehrheit in Deutschland die Rückkehr der Wölfe begrüßt. Die Wildbiologin Petra Kaczensky hat 2006 die bisher umfangreichste wissenschaftliche Studie vorgelegt. Dabei wurden mehr als tausend Personen befragt, sowohl in Städten wie Dresden und Freiburg als auch auf dem Land, im Wolfsgebiet Lausitz und in einem ländlichen Vergleichsgebiet ohne Wölfe. Interessant war, dass die Menschen im Wolfsgebiet weniger Ängste hatten als die Bewohner wolfsloser Regionen. Da spielt Erfahrung eine Rolle, aber auch intensive Öffentlichkeitsarbeit, die vor allem bei uns im sächsischen Wolfsgebiet angeboten wird. Hier wurde diese Umfrage 2013 wiederholt. Die Akzeptanz war gleichbleibend hoch, trotz der Anwesenheit der Wölfe seit über zehn Jahren. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass Menschen, die dem Wolf sehr negativ gegenüberstehen – im Wolfsgebiet gut sechzehn Prozent –, mit Öffentlichkeitsarbeit kaum erreichbar sind.

dogs: Frau Cordt, seitdem es wieder Wölfe gibt, lassen hierzulande immer mehr Schafhirten ihre Tiere von Herdenschutzhunden bewachen. Geht das denn so einfach?

Mirjam Cordt: Da sehe ich zwei Schwierigkeiten: zum einen im Erfahrungsschatz des Schäfers und in seiner Einstellung zum Herdenschutzhund, zum anderen im räumlichen Umfeld einer Schafherde. Bei vielen Schäfern, die mich anrufen, weil sie einen Hund für ihre Herde suchen, fehlt das elementare Wissen um die Grundbedürfnisse eines Herdenschutzhundes. Die meisten glauben, es sei dessen alleiniges Lebensziel, Weidetiere zu bewachen. Doch in erster Linie ist ein Herdenschutzhund ein soziales Wesen wie jeder andere Hund auch. Schafe erfüllen keinesfalls das Bedürfnis nach einem Sozialpartner wie ein Artgenosse oder ein Mensch.

dogs: Aber man hört doch immer wieder, dass Herdenschutzhunde eigenständig und ohne Menschen Schafe bewachen können, etwa in den Bergen Anatoliens.

Mirjam Cordt: In ihren Ursprungsländern haben Herdenschutzhunde sehr wohl Kontakt zu ihren Menschen, wenn auch in anderer Form als bei uns, da man sie als Arbeitstiere ansieht. Außerdem beschützen meist mehrere Hunde eine Herde, da ist kaum einer auf sich allein gestellt. Im Tierschutz erleben wir immer wieder, dass selbst Herdenschutzhunde von Schäfern abgegeben werden, weil sie zu sehr auf den Menschen bezogen sind und nicht bei den Schafen bleiben. Eigenständigkeit ist nicht gleichbedeutend mit dem Wunsch nach einem Eremitenleben.

Mirjam Cordt, Fachfrau für Herdenschutzhunde, mit vier ihrer eigenen Hunde © Privat

dogs: Man kann also einiges falsch machen?

Mirjam Cordt: Stimmen die Voraussetzungen beim Schäfer und im Lebensumfeld, kann diese Symbiose sehr fruchtbar sein. Ein Herdenschutzhund funktioniert nur nicht mit einer Einstellung „ab Werk“. Er lernt erst durch erfahrene Hunde und schaut sich deren Arbeitsweise ab. Die Grundvoraussetzung ist also eine gewissenhafte Auswahl des Welpen und des Züchters. Dessen Aufgabe ist es, den jungen Hund an Menschen und Umweltreize zu gewöhnen, um das Konfliktpotenzial im Einsatz zu verringern. Ein Hund, der regelmäßig mit Menschen konfrontiert wird, schenkt ihnen später weniger Beachtung als einer, der selten Fremde sieht und sie als Bedrohung wahrnimmt. Das zweite Problem besteht in unserem beengten räumlichen Umfeld. Natürlich gibt es auch hier weitläufigere Landschaften. Doch je geringer die Distanz der Herdenschützer zu anderen Menschen ist, umso mehr „Überschneidungen“ wird es geben. Oft setzen sich Wanderer über Warnhinweise hinweg und halten die Schafherde mitsamt ihrem Schutzhund für einen Streichelzoo. Oder es wird vermutet, dass der Herdenschutzhund es lustig findet, mit dem eigenen Hund zu spielen.

dogs: Probleme gehen aber nicht nur auf das Konto von Wanderern. In alpinen Regionen darf man die Wege aufgrund der Absturzgefahr oft nicht verlassen. Was, wenn sich einem da ein drohend abwehrbereiter Herdenschutzhund in den Weg stellt?

Mirjam Cordt: Ist der Interessenkonflikt zwischen dem Wandertourismus und dem Herdenschutz zu groß, kann es durchaus Konflikte mit arbeitenden Herdenwächtern geben. In Gebieten mit einer größeren Wandererdichte frage ich mich, ob man dort Schafe und Hunde ohne Umzäunung und erst recht ohne Aufsicht halten muss.

Ilka Reinhardt: Der Idealfall ist sicherlich, Schutzhunde zusätzlich zu Elektrozäunen einzusetzen. Das ist im Flachland einfach, in den Bergen geht es nicht überall. Deshalb setzt man dort meist auf eine Kombination aus Behirtung und Herdenschutzhunden. Abends werden die Schafe in einen Nachtpferch getrieben, und die Hunde bleiben bei der Herde. Aber die Hirten muss jemand bezahlen. In Frankreich werden achtzig Prozent des Geldes, das für Herdenschutz ausgegeben wird, in die Behirtung gesteckt.

dogs: Im schweizerischen Wallis sagen Bewohner inzwischen, dass Wanderer die Herdenhunde mehr fürchten als Wölfe.

Ilka Reinhardt: Dass Ihnen ein Schutzhund den Weg versperrt, kann mal vorkommen, ist aber nicht die Regel. In der Schweiz achtet man sehr darauf, keine aggressiven Hunde an Herden einzusetzen. Gerade im Wallis jedoch steht man dem Herdenschutz extrem skeptisch gegenüber, boykottiert ihn teilweise sogar, weil das für manche einer Akzeptanz des Wolfes gleichkäme, den man dort nicht haben will. Dabei gibt es genug positive Beispiele, auch aus schweizerischen Wandergebieten.

dogs: Und wie läuft das in Deutschland?

Ilka Reinhardt: Anfangs gab es hier im Wolfsgebiet auch solche Ängste. Es hieß: Herdenschutzhunde in Deutschland funktionieren nicht, das ist zu dicht an den Dörfern dran. Dann haben einige Schäfer mit einem Schweizer Experten und Schafhalter Kontakt aufgenommen und es selbst ausprobiert. Und siehe da, es ging. Nicht bei jedem – die Hunde „funktionieren“ eben nicht von selbst –, aber die Schäfer, die sich intensiv damit beschäftigten, die sich Welpen aus guten Linien und vor allem von Schäfern holten, bei denen sie umfassend sozialisiert aufwuchsen, diese Schäfer haben heute gute Hunde und Schutz für ihre Herden, sogar im dicht besiedelten Deutschland.

Ilka Reinhardt, Wolfsexpertin, mit ihrem geschorenen Langhaarweimaraner Jacques © Privat

dogs: Warum lassen sich Wölfe überhaupt durch Hunde von Schafen fernhalten? Was wirkt auf sie so abschreckend?

Ilka Reinhardt: Wolfsrudel sind Familien, das heißt, in den meisten Rudeln gibt es nur zwei erwachsene Tiere, die Eltern. Die sind für die Jagd zuständig. Allerdings sind Wölfe sehr vorsichtig, ein verletzter Wolf ist ein schlechter Jäger. Deshalb reicht in der Regel die Präsenz von Herdenschutzhunden aus, die sich lautstark vor die Herde stellen. Zu einem echten Kampf kommt es nur sehr selten. In Deutschland arbeiten die Hunde zudem meist hinter Elektrozäunen, mit denen die Schafe eingezäunt sind. Der Wolf hätte also gleich zwei Hürden zu überwinden. Diese Kombination hat sich daher als sehr effektiv zum Schutz von Schafen erwiesen.

dogs: Frau Cordt, welche Herdenschutzhundrassen empfehlen Sie für den Einsatz in Deutschland?

Mirjam Cordt: Dies ist eine Frage, die ich eher scheue. Zunächst sind es Individuen, die geeignet sind oder nicht. In stark frequentierten Gebieten wählt man nervenstarke Hunde mit einem freundlichen Gemüt, die an Menschen gewöhnt sind. Es gibt zwar Rassen, die sich tendenziell als leichtführiger und zugänglicher gegenüber Fremden erwiesen haben, etwa Pyrenäenberghund, Cane da Pastore Maremmano Abruzzese, Polski Owczarek Podhalanski, Mastín del Pirineo, Slovensky Cuvac und Kuvasz. Sie sind zudem weiß. Die Fellfarbe ist ein wichtiger Aspekt in der Wirkung auf Wanderer, da dunkle Hunde oft mehr Angst einflößen als helle. Aber wichtiger als alles andere ist die individuelle Ausprägung. Je weniger der Hund in seinem Gleichgewicht ist, umso schneller gehen die Nerven mit ihm durch. Ein souveräner Herdenschutzhund weiß dagegen Belanglosigkeiten von echter Bedrohung zu unterscheiden.

Mirjam Cordt, 43, ist Hundetrainerin, Tierschützerin und Expertin für Herdenschutzhunde. In Rheinland-Pfalz führt sie das Ausbildungszentrum „Dog-InForm“ und leitet den Verlag Caniversum. In ihrer Familie leben derzeit acht Herdenschutzhunde aus dem Tierschutz.

Ilka Reinhardt, 48, ist Biologin und gründete 2003 zusammen mit Gesa Kluth das Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland. Hier laufen die deutschlandweiten Daten zum Wolf zusammen. Derzeit leben in Deutschland mindestens 25 Wolfsfamilien und sechs Paare, die meisten davon in der Lausitz.

Beitrag verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Zum Seitenanfang
Sie verwenden einen sehr alten Browser. Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser. X