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Kind und Hund Sind Hütehunde familientauglich?

Siv-Oriane Saxien 07.06.2012

Sie treiben riesige Viehherden durchs australische und amerikanische Grasland, leben in den Familien der Farmer und lieben ihre Menschen. Sind Hütehunde damit geeignete Gesellen in unserer engen Gesellschaft?

Aktiv, intelligent, dazu von praktischer Größe. Die Fellfarbe ein Traum, die Augen magisch. Das ist der Hund, den wir uns für die Familie wünschen. Der uns in Schwung bringt, der kuschelt, der uns nur zu gut versteht. Der kluge Geist, der uns behütet. Das Herz schlägt höher beim Anblick eines Australian Shepherd, eines Cattle Dogs oder Kelpies. Für Hundeexpertin Anne Krüger ist das ein Drama. Immer wieder predigt sie: „Die Mode ist eine dumme Göttin.“ Warum wollen so viele Menschen diese seltenen Hütehunde haben? Warum dürfen es nicht normale Hunde sein wie Spaniel und Pudel?

Sind Hütehunde familientauglich?
Hütehunde, wie der Australian Kelpie, sind als reine Familienhunde nicht geeignet © Debra Bardowicks

„Der Hütetrieb ist ein Jagdtrieb“

Anne Krüger ist Tierwirtschaftsmeisterin, seit 26 Jahren unterrichtet sie Hunde, quer durch alle Rassen: „Das ist toll, ich lerne ungeheuer viel.“ Sie hat mehrere Bücher über die Hütehunde geschrieben, in denen sie mit einem grundlegenden Missverständnis aufräumt. „Es ist ein Ammenmärchen, dass Hütehunde jemanden behüten. Sie machen Beute. Der Hütetrieb ist ein Jagdtrieb.“ Für jeden, der gern Tierfilme sieht, ist es leicht, sich das vor Augen zu führen. Anpirschen, umkreisen, mit den Augen fixieren, in eine Richtung treiben, sind Techniken, mit denen Wölfe wie Hunde und andere Tiere ihre Beute erjagen. Menschen nutzen den Trieb der Hütehunde und leiten ihn zum Hüten um, indem sie ihren vierbeinigen Helfern die letzten Jagdsequenzen, das Packen und Töten, abgewöhnen. Schließlich geht es um die menschliche Beute.

Eine Folge des Irrtums sind die Schwierigkeiten, mit denen Anne Krüger in ihrer Schule zu tun hat. Die Probleme sind ernst und häufen sich, je mehr triebstarke Arbeitshunde als Familiengefährten gehalten werden. Ein Kind fällt und der Hund beißt es, „weil er die Lage verkehrt deutet.“ Anne Krüger beschönigt nicht: „Es gibt viele potentiell gefährliche Hütehunde“. Immer drehe es sich um den einen Sachverhalt: „Die Menschen schaffen es nicht, den Wumm in ihren Hunden steuerbar zu machen.“

Einer der Kardinalfehler ist, die aktiven Hütehunde mit einseitiger Aktion bändigen zu wollen. Steht doch überall, dass sie Sport brauchen, dass sie nur an Hundesportler abgegeben werden. Also trabt man brav auf den Hundesportplatz, treibt Agility und Flyball mit ihnen und erreicht das Gegenteil vom Angestrebten: „Sie drehen bei diesen Sportarten erst richtig durch.“ Treib- und Hütehunde können sechzig Kilometer bei Hitze über Stock und Stein laufen. Das mag übertrieben sein. Gesagt werden soll: Eine Stunde spazieren oder Agility wirkt auf die Kraftpakete wie ein Erinnern an Möglichkeiten.

Wer keine Rinderherde von Hamburg nach Lübeck zu treiben, keine Enten zu umkreisen hat, der muss Hütehunden ein Auslasten im Kopf bieten, „muss ihnen Arbeitsweisen beibringen, die nicht triebbestimmt sind und ihnen zeigen, wie sie sich in diesen Aufgaben entspannen.“ Gute Möglichkeiten sind Fährtenlesen wie Mantrailing und Flächensuche oder die Ausbildung zum sozialen Diensthund, der das Telefon bringt, die Zeitung holt. „Da hat man den ganzen Tag über die Möglichkeit zu kleinen Übungen.“

Woher kommt die große Lust auf die Hütehunde?

„Es ist der Neid auf leichte Führigkeit“, sagt Anne Krüger. Wenn Aussie, ACD und Kelpie ein Team mit ihrem Menschen sind, macht das enormen Eindruck. Genau das möchte man auch haben, diese Treue, diese Zuwendung und vergisst, dass das, was so selbstverständlich aussieht, nicht kaufbar ist, sondern die Folge eines hohen Maßes an Disziplin. Üben. Täglich. „Man muss sich auf den Hund voll einstellen“, sagt Astrid Burmester, die zwei Aussie-Hündinnen hat.

Und Stefanie Bahr, Kelpie-Züchterin in Luxemburg formuliert eindeutig: „Er ist als reiner Familienhund absolut nicht tauglich.“ Ganz gleich wie verschmust er ist und wie sehr er seinen Menschen vergöttert. Nur wenn diese Spezialisten aus den australischen Outbacks und den amerikanischen Steppen arbeiten können, leben sie gern und gut in der Familie. Was auch bedeutet, dass sich Züchter bemühen, die Rassen verträglicher zu machen, bei Verpaarung auf soziale Werte zu achten, die Tiere durch Auslese unserer eng zusammenlebenden Gesellschaft anzupassen. Doch so ein Prozess braucht Zeit. Und „wer einmal einen Australian Shepherd achthundert Schafe über amerikanisches Grasland treiben sieht, der will ihn nicht mehr in die Stadt holen.“

14 Kommentare

Marina

2017.03.12 um 22:19 Uhr

Dann ist der Labrador so wie wir ihn haben auch eigentlich nicht für eine Familie gedacht denn er wurde zum adoptieren gemacht.... Also er liebt meine unsere Tochter(5) hat ein Beschützer Instinkt entwickelt. Sie darf alles mit ihm machen er ermahnt sie noch nicht mal... Zu unserem Training also natürlich täglich Wald (nur an der Schleppleine) , garten und 2 mal die Woche Hunde schule Unterordnung.

Katharina Schlegl- Kofler

2017.05.23 um 09:27 Uhr

Der Labrador apportiert. Er ist eine Jagdgebrauchshunderasse, deren Eigenschaften, die diese Rasse durch ihre Aufgaben als Apportierspezialist auch familientauglich machen. Allerdings gibt es mittlerweile eine sehr große Bandbreite an Wesenseigenschaften. Beschützerinstinkt ist absolut unüblich und nicht erwünscht beim Labrador. Und er ist vor allem eines - ein Hund und kein Babysitter. Irgendwo hat jeder Hund seine Toleranzgrenze. Das sollte man im Umgang mit Hund und Kind stets beachten.

Achim

2017.02.28 um 00:21 Uhr

Die ersten Kelpie's habe ich 1996 in Texas getroffen und ja, hier war ein einziger Hund nötig um eine Herde Longhorns von der Weide in den Stall zu treiben. Es waren faszinierende Hunde und es hat 10 Jahre gedauert, bis ich den ersten Kelpie mein Eigen nennen konnte. Heute habe ich ein ganzes Rudel und ich kann die Erfahrungen von Anne Krüger nicht bestätigen. Im Gegenteil, wenn die Hunde die Möglichkeit haben sich auszupowern (meine machen: samstags eine Stunde durchgehend schwimmen, sonntags Flyball, mittwochs Agility dazu täglich im Wald und Garten toben und zur Belohnung hin und wieder Schafe) werden sie träge und zu schlafenden Hindernissen im Haus. Dazu unbändige Treue und Liebe zum Rudelführer. Sollte tatsächlich mal einer aus der Reihe tanzen (z.B. nicht sofort hinlegen wenn im Wald Spaziergänger oder Hunde und sonstiges Getier unseren Weg kreuzen) wird der betreffende Kelpie ermahnt. Meine Jungs (alles Rüden) sind so sensibel, dass sie förmlich zusammenbrechen wenn ich nur die Stimme erhebe und sie würden alles dafür tun, dass sie mir gefallen. Diese Hunde leben in strenger Hierarchie und wer das beherzigt wird wunderbare und liebenswerte Hunde haben. Eines noch, dieses gilt für Rüden! Mit Rüden wird nur einmal diskutiert und dann ist die Hierarchie für immer geklärt. Weibchen jedoch sind, wie im richtigen Leben, durchaus zänkisch und stellen die Dinge immer wieder in Frage. Wenn Kelpie dann Rüde, Hundeschule ist für Beginner Pflicht und wer vom Typ eher nachgiebig und labil ist sollte sich für eine andere Rasse entscheiden. Ein Kelpie ohne konsequente Struktur kann, wie jeder andere Hund ohne Führung zu dem Hund werden, den eigentlich keiner will,

Jutta Steenmann

2017.02.28 um 14:13 Uhr

Ja dem stimme ich voll und ganz zu (auch wenn "zänkisch, wie im richtigen Leben" mir als Frau schwer fällt, anzuerkennen. Sagen wir so, wenn die richtige Ansprache kommt gilt es auch für die Mädchen ((egal ob Mensch oder Tier))). War das jetzt zänkisch ??

simone

2017.02.28 um 23:55 Uhr

auch ich habe seit 12 jahren kelpies kurze zeit 4 , zur zeit 3! für mich die coolsten hunde ever! das rüden einfacher sind unterschreibe ich. aber auch meine 3 mädels sind ok ? meine theorie ist noch dass der mensch diese hunde mit immer mehr und mehr rauf schraubt und überreizt.

Frisco Seips

2017.02.27 um 15:57 Uhr

Fazit des Artikels für mich: Auch Schäferhunde (Schweizer, Deutsche usw.) und Rottweiler sollten damit als Familienhunde nicht mehr in Frage kommen. Auch diese Hunde sind als Hütehunde gezüchtet worden.

Gerold Arnold

2017.02.28 um 00:11 Uhr

Meime Eltern, Bruder und auch wir hatten mehrere Generationen Rottis. Rottweiler sind KEINE Hütehunde wie z.B. Aussis. Es sind eher Treibhunde (ein grosser Unterschied) - gezüchtet von Rottweiler Metzgern um ihre Rinder zum Markt zu treiben. Also eine eher gemächliche Angelegenheit, die aber Mut und und kurze Sprints erfordern. Auch eine gewisse Wachsamkeit und Schutztrieb gegen Viehdiebe. Dazu eine gewisse Unempfindlichkeit, wenn so ein Rind auch mal tritt. Gut - Sie halten auch mal die Herde zusammen. Sie haben aber niemals die Agilität, Arbeitswillen und Ausdauer von Aussis und Co. Ihre Agressionsschwelle ist bei guter Familienhaltung auch eher hoch - es dauert also, bis die in Rage kommen. Sie sind eher gemütliche Gesellen Ansonsten gilt Rottis sind Hüte- und Treibhunde = man muss sie hüten und treiben. Wir haben mit Rottis sehr gute Erfahrung als Familienhunde gemacht. Unsere letzte Hündin hat alles adoptiert, was nicht bei drei auf nem Baum war.

R.Rüprich

2017.02.28 um 20:48 Uhr

Ja, kann ich voll und ganz bestätigen. Hatten in unserem Leben 7 Rottis- und wir lieben sie.

Sabine Gerhard

2016.05.22 um 17:15 Uhr

Ein sehr interessanter Artikel, der vieles einleuchtende macht!! Meine Frage, gehört ein Collie -Windhund- Mix auch zu der Kategorie Hund? Wäre interessant zu wissen, denn wir haben uns leider auch übertölpeln lassen und haben jetzt echt extreme Probleme mit unserer Hündin. Ich weiss nicht, wie wir dem Hund gerecht werden können!!

Sabine

2016.05.25 um 21:19 Uhr

Welche Probleme habt ihr denn genau? Schau mal hier, ein Artikel über die Jagdsequenzen beim Hund, vielleicht hilft es zu verstehen. Www.doggypost.de

PH

2017.02.26 um 16:41 Uhr

Collie ist ein Hütehund - Windhunde sind Jagdhunde.

Heike

2017.02.28 um 19:04 Uhr

Collies (ich rede hier jetzt explizit vom Langhaar oder Kurzhaar Collie) stammen zwar ursprunglich von Hütehunden ab, sind aber schon immer 'nur' Prestigehunde gewesen. Sie wurden nie speziell für die Arbeit am Vieh gezüchtet. Daher denke ich nicht, dass die Probleme mit einem Collie-Windhund Mix aus einem Hütetrieb resultieren. Der ist nämlich beim Collie wirklich verschwindend gering

Frisco Seips

2017.02.27 um 15:51 Uhr

"Dann sollte man vielleicht bei den Züchtern anfangen, denn die dürften solche Hunde nicht an jedermann abgeben. " Andrea, wenn das funktionieren würde, würde es auch reichen, den Hinterhofvermehrern zu sagen, sie sollen keine Billigwelpen mehr nach Westeuropa verkaufen. ;-) Angebot und Nachfrage. Dummerweise regiert Geld immer noch die Welt. Die Hunde-Interessenten müssen sich umfangreich damit beschäftigen, welche Rasse zu ihnen paßt. Nur so herum kann es funktionieren.

Andrea Ahrens

2016.08.01 um 18:46 Uhr

Dann sollte man vielleicht bei den Züchtern anfangen, denn die dürften solche Hunde nicht an jedermann abgeben.

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