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Hundezucht Wozu Papiere?

Philip Alsen 30.06.2016

VDH, FCI, DRC, UCI, DDHC, ARU, ARC, DHS, DKU, EKU, IRJGV, BRV: Blicken Sie noch durch? Über fünfzig Vereine und Verbände, die Hundezüchtern Ahnentafeln für Welpen ausstellen, gibt es allein in Deutschland. Besiegeln alle dasselbe: guter, gesunder Hund?

Der Vorzug eines VDH-Hundes?

Auf seinen Papieren prangt automatisch das Siegel der 1911 gegründeten FCI, der in der Stadt Thuin im Süden Belgiens ansässigen Fédération Cynologique Internationale.­ Die FCI ist eine Art Weltverband der Hundeleute und bis auf ein paar afrikanische Staaten, Afghanistan, den Irak, die Mongolei und Papua-Neuguinea in allen Ländern der Erde durch einen jeweiligen nationalen Verband vertreten, ihr Logo zeigt das Gitterbild der Erde. Die Papiere der FCI werden auch vom amerikanischen und britischen Kennel Club anerkannt. Das heißt: Besitzer von VDH-Hunden haben die Möglichkeit, an allen Veranstaltungen von nationalen Vereinen und Verbänden teilzunehmen, an Ausstellungen, Field Trials, Obedience- und Agility-Turnieren, Leistungsprüfungen und so weiter. Vorteil für Züchter: Die bei einigen Rassen enge Zuchtbasis wird vergrößert, weil es mit FCI-Papieren einfacher ist, Deckrüden aus dem Ausland zu nutzen.

Die FCI ist stolz auf die von ihr gesetzten Standards und akzeptiert­ keine Hunde, die nicht aus einem der angeschlossenen nationalen Verbände kommen. Was das praktisch heißt, hat Sabine Schäfer erfahren, als sie mit ihrem Toni an einem Dummy-Turnier teilnehmen wollte, das von einem­ VDH-Verein organisiert wurde: Es ging nicht. „Es war wie bei der Ausstelllung: Die Leute waren nett und sehr verständnisvoll, leider aber hatte Toni die falschen Papiere.“

Gibt es Hunde zweiter Klasse?

Ist die Zucht in einem der vielen sogenannten Dissidenzverbände schlechter? „Das kann man so nicht sagen“, erklärt Dr. Reiner Beuing vom Gießener Rechenzen­trum für Tierzucht und angewandte Genetik. Denn mit dem Hund selbst hätten die Papiere zunächst gar nichts zu tun, und bei den meisten Besitzern spiele der geliebte Familienhund eher mit den Kindern als eine Rolle auf Ausstellungen oder Turnieren. Fragen zur Herkunft würden meist erst dann auftauchen, wenn der Hund krank sei oder man plötzlich feststelle, dass man in der hierarschisch doch recht straff organisierten Hundewelt nicht so kann, wie man vielleicht möchte: „Natürlich fühlt man sich auf den Schlips getreten, wenn man mit seinem Hund, auf den man ja stolz ist, plötzlich vor verschlossenen Türen steht.“

Andererseits versteht der Tierzuchtwissenschaftler das System: „Bei der Zucht geht es um Ernsthaftigkeit und Infrastruktur“, sagt Beuing. „In guten Zuchtvereinen werden die Hunde medizinisch von unabhängigen Gutachtern beurteilt und treten bei Leistungsprüfungen an, die diesen Namen auch verdienen.“ Es müssen Schulungen angeboten und Fortbildungen organisiert werden. Man braucht kompetente Zuchtwarte und geschulte Formwertrichter. „Natürlich haben die Besucher einer kleinen, in einer Sporthalle ausgerichteten Ausstellung Spaß. Wenn die dort anwesenden Richter aber jeden der teilnehmenden Hunde ein Vorzüglich bescheinigen und jeder mit einem großartig klingenden Titel nach Hause geht, ist das im Sinne der Zucht nicht der Zweck der Übung.“

„Beim heutigen Stand der Rassehundezucht ist man als Züchter immer Teil eines Zuchtprogramms“, sagt Dr. Brenda Bonnett, Initiatorin der International Partnership for Dogs, kurz IPFD. Vorbei die Zeiten, da man im kleinen Kreis Hunde züchtete und dem Tierarzt vor Ort die Begutachtung der Hüften überließ. „Solche Aufträge laufen leider sehr häufig auf Gefälligkeitsgutachten hinaus“, sagt die kanadische Wissenschaftlerin. Denn was soll so ein armer Tierarzt schon sagen? Vor ihm steht ein Kunde, von dem er möchte, dass der wiederkommt. „Außerdem versteht nicht jeder Tierarzt etwas von Röntgendiagnostik. Um den Unterschied zwischen einer A- und einer B-Hüfte zu erkennen, muss man schon ein Fachmann sein.“ Bonnetts IPFD ist eine von den nationalen Kennel Clubs finanzierte, in Schweden ansässige Non-Profit-Organisation, die sich bemüht, auf internationaler Ebene Projekte und Diskus­sionen zum Thema Hundegesundheit anzustoßen. Brenda Bonnetts Erfahrung: „Kleine Verbände haben in der Regel nicht die Möglichkeiten, einen Apparat aufzubauen, der einer modernen Rassehundezucht gerecht wird.“ Außerdem brauchen sie Mitglieder, können ihre Standards deshalb oft nicht so hoch ansetzen wie VDH-Vereine und werden dadurch auch leicht missbraucht. So ist für die Zuchttauglichkeitsprüfung in den meisten Verbänden allein eine über drei Generationen reichende Ahnentafel sowie die einmalige Teilnahme an einer Ausstellung in der offenen Klasse ausreichend. Kann der Verein aus organisatorischen Gründen keine eigene Zuchttauglichkeitsprüfung ausrichten, genügen mitunter auch Stempel und Unterschrift des Tierarztes. Eine Zuchthündin „mit Papieren“ zu bekommen, ist so kein großes Problem.

Die Sache mit den Papieren

Kühe haben keine Namen, sie haben Nummern. Pferde haben zwar Namen, die mitunter auch Rückschlüsse über die Mutter zulassen. Wer aber mehr wissen will, muss den Stammbaum anschauen. Bei Rassehunden ist das ganz anders: Bei ihnen weiß man schon anhand ihres Namens, woher sie kommen. Und zwar nicht nur, wer sie gezüchtet hat, sondern auch, wo das passierte: „Arik vom Himmelmoor“, „Zoran von der grünen Heide“, „Adele von den Blauen Bergen“.

Wen die adeligen Namen wundern, muss einen Ausflug in die Geschichte der Rassehundezucht unternehmen. Denn selbst wenn manche Rassen eine jahrhunderte-, teils wie etwa der Mops auch eine jahrtausendealte Geschichte haben, eine moderne, organisierte Rassehundezucht begann mit sehr wenigen Tieren, sodass Inzucht fast unvermeidbar war. Die ­ersten Rassemerkmale wurden für die heute international sehr erfolgreichen Rassen Deutsch Kurzhaar und Deutsch Langhaar zum Beispiel erst 1879 auf einer Hundeausstellung in Hannover festgelegt, und erst zwanzig Jahre später machte man sich über den Weimaraner Gedanken.

Zucht war damals mühsam. Es ging zumeist um Leistung, und die war oft kläglich: Viele Jagdhunde standen nicht vor, scheuten das Wasser oder kniffen bei Donner den Schwanz ein. Andere Hunde hatten die Anlagen, stellten die bei Arbeitsprüfungen unter Beweis, und nur sie kamen in die Zucht. Diese Hunde hatten Rasse. Die Herkunft des Begriffs ist nicht geklärt, in abgewandelter Form aber taucht er ab dem dreizehnten Jahrhundert in allen romanischen Sprachen auf: „Raca“ in Portugal, „raza“ auf Spanisch, „race“ auf Französisch. Gemeint war immer der Adel. Wer „von Rasse“ war, in dessen Adern floss edles Blut und er hatte eine lange Ahnenreihe.

Rasse stand für Qualität, und die hat eine Wiege: den Zwinger. Jeder Zwingername innnerhalb der FCI ist bis heute einmalig und geschützt. Erfolgreiche Blutlinien bestimmter Rassen sind von Kennern deshalb leicht zuzuordnen.

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