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ANATOMIE Hör mal zu!

Philip Alsen

Das Gehör ist für den Hund der zweitwichtigste Sinn. Seine Lauscher kann der Hund separat bewegen, er kann das Fiepen kleiner Mäuse wahrnehmen und die Ultraschallschreie der Fledermaus. Nur unsere Rufe scheint er gern zu überhören.

Für wissenschaftliche Versuche bauten die Forscher des Leibniz- Instituts für Evolutions- und Biodiversitätsforschung in Berlin kürzlich einen Hundekopf im Maßstab eins zu eins als voll bewegliches Modell nach und installierten anstelle des Trommelfells ein hochempfindliches Mikrofon. Sie stellten fest: Der böse Wolf im Märchen von Rotkäppchen hat recht. Wer große Ohren besitzt, kann besser hören. „Die Ohren selbst wirken wie ein frequenzabhängiger Verstärker“, erklärt der Bioakustiker Dr. Karl-Heinz Frommolt, Kurator des Tierstimmenarchivs am Berliner Leibniz-Institut. „Niederfrequente Hintergrundgeräusche werden ausgefiltert, die für die Kommunikation und die Jagd wichtigen hochfrequenten Töne aber werden verstärkt.“

Außerdem sind die Ohren der Hunde beweglich und wirken wie Richtmikrofone. So haben Hunde in Versuchen beispielsweise aus über sechzig gleichzeitig laufenden Geräuschquellen diejenige herausgefunden, in der das leise Piepsen eines potenziellen Beutetiers untergemischt war. Hunde mit Hängeohren schnitten bei diesen Versuchen immer ein kleines bisschen schlechter ab als Hunde mit Stehohren. „Allerdings ist keinem von ihnen etwas entgangen“, erklärt der Forscher. „Sie mussten nur häufiger den Kopf drehen.“

Dass Hunde besser hören können als wir Menschen, heißt übrigens nicht, dass sie lauter hören. Im Gegenteil, Hunde können buchstäblich abschalten. Zum einen weil die Alltagsgeräusche, die für uns Menschen wichtig sind wie Sprache, Staubsaugerlärm, Motorbrummen, sowieso im für sie uninteressanten tiefen Frequenzbereich liegen, hauptsächlich aber weil ihre Sinneszellen im Ohr nicht wie bei uns Menschen direkt, sondern über spezielle Nervenbahnen mit dem für das Hören zuständigen Hirnnerv verbunden sind. Die Nerven kann der Hund wie mit einem Lichtschalter einfach an- und ausstellen. Ein Vierbeiner, der neben einer wummernden Lautsprecherbox döst, zeigt damit nicht, dass er taub oder unempfindlich ist. Er hat einfach auf Durchzug gestellt.

Apropos taub: In seltenen Fällen kommt es bei Dalmatinern, Australian Cattle Dogs, Bullterriern, beim English Setter und etwa siebzig weiteren Rassen zu einer genetisch bedingten angeborenen Taubheit. Betroffen sind vor allem Rassen mit weißem Fell und dem sogenannten Merle-Faktor, einer Genmutation, die sich äußerlich meist an einer scheckigen, zerrissen wirkenden Fellfarbe bemerkbar macht. Das Problem für den Hundekäufer: Die Taubheit manifestiert sich erst in der sechsten bis achten Lebenswoche, häufig also ungefähr zu der Zeit, wenn die Welpen ihren Besitzer wechseln. Da jeder Hundewelpe blind und taub zur Welt kommt, sich nach etwa zwölf Tagen Augen und Ohren öffnen und die Hundebabys erst in der vierten bis fünften Lebenswoche richtig sehen und hören, wird oft nicht festgestellt, ob ein Kleiner ein Hörproblem hat. Soll heißen: Dass der Hörsinn fehlt, bleibt beim Verkauf oft unentdeckt. Schon deshalb sollte man sich beim Erwerb einer gefährdeten Rasse an einen Züchter halten, der alle Welpen seines Wurfs audiometrisch untersuchen lässt.

Hörverlust durch Krankheit kommt häufiger vor. Der Grund: Hundeohren sind anfällig. „Anatomisch betrachtet, besteht das äußere Ohr aus der Ohrmuschel und dem äußeren Gehörgang“, erklärt Dr. Andreas Engelke, der Leiter der Tierklinik Quickborn. Die ersten Zentimeter dieses Gehörgangs laufen senkrecht und können mit einer kleinen Taschenlampe leicht kontrolliert werden. Dann aber macht der Gehörgang einen scharfen Knick, den man nur mit einem speziellen Otoskop untersuchen kann. In diesem Knick sammelt sich allerlei: Ohrmilben, Grab-, Haarbalg- oder Herbstgrasmilben, Fliegen, Sporen, Sand, Grannen, Gräser und andere Fremdkörper, die zu Entzündungen führen können. Denn im Ohr ist es warm und feucht, der ideale Nährboden für Pilze und Hefen. Es kann noch schlimmer kommen: Im und am Ohr zeigen sich oft auch Allergien, die zu einer Schwellung im Gehörgang und damit zu einer Klimaveränderung im Ohr führen. Wird es wärmer, vermehren sich Hefen und Bakterien sprunghaft und geben der Entzündung neue Nahrung. „Wenn es so weit ist, hilft nur eine langfristige, gezielte Therapie“, empfiehlt Tierarzt Engelke.

Die beste Pflege für Ohren? Nichts tun! Ein gesundes Ohr reinigt sich selbst. „Die Flimmerhärchen im Gehörgang transportieren den Ohrenschmalz nach draußen“, erläutert Dr. Andreas Engelke. Wer mit einem Wattestäbchen reinigt, meint es zwar gut mit der Pflege seines Vierbeiners, er drückt den Ohrenschmalz dabei aber meist in die Tiefe des Gehörgangs. „Dort verändert er das Klima, es wird feucht, Keime vermehren sich, und in der Regel ist eine Entzündung dann nur noch eine Frage der Zeit.“ Die Behaarung im Gehörgang hat ihren Sinn: Sie soll verhindern, dass Schmutz eindringt. Deshalb sollte sie nicht prophylaktisch entfernt werden, solang der Hund keine chronischen Ohrenprobleme hat. Bei Langhaarigen mit Hängeohren, die chronische Malaisen an den Ohren haben, hat es sich aber bewährt, das Haar unter dem Hängeohr zu entfernen, um die bessere Belüftung des Ohrs zu ermöglichen.

Zum Reinigen des Hundeohrs sollte man die Ohrmuschel oberhalb des äußeren Gehörgangs mit feuchtem Lappen abwischen, jedoch nicht in die Gehörgänge des Innenohrs eindringen!

Wenn der Senior das Gehör verliert: Im Alter geht es auch bei Hunden mit der Hörleistung zurück. Es beginnt mit den tiefen Tönen, die für Hunde meist uninteressant sind, später lassen höhere Töne nach, den hochfrequenten Schrei der Fledermaus aber hören sie noch lang. Der Hörverlust ist Pech für uns Menschen: Unsere Stimmen liegen im tiefen Bereich. Der Grundton männlicher Stimmen hat eine Frequenz von etwa 125 Hertz, die Stimmbänder von Frauen schwingen etwa 250-mal pro Sekunde.

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