DOGS Logo Geschichten, die nur mit Hund passieren

HOFFNUNGSTRÄGERIN Wer hilft Hunden, die erblinden?

Dr. Carola Dorner

Die Tieraugenärztin Dr. Ingrid Allgoewer operiert Hunde mit Grauem Star. Damit gibt sie nicht nur den Tieren die Lebensfreude zurück.

„Geht es Ihnen gut?“ Die Frage kommt unvermittelt. Ingrid Allgoewer schaut durch ihr Mikroskop. Sie operiert das rechte Auge von Biene, einem hell gelockten Mischling, er bekommt künstliche Linsen eingesetzt. Die Ärztin wirkt so hochkonzentriert, dass man sich darüber wundert, dass sie überhaupt mitbekommt, was um sie herum geschieht. „Wenn ich im Augenwinkel sehe, dass jemand nach unten sinkt, ist es meistens ein Student, der umfällt.“ Wir fallen zum Glück nicht um, sondern haben uns nur umgestellt, um eine andere Perspektive auf die Operation zu bekommen. Für DOGS dürfen wir bei einer Kunstlinsentransplantation dabei sein. Fast zwei Stunden dauert sie, mit Vorbereitung, Narkose, Nachsorge und natürlich dem Schnitt in das Auge, wenn die getrübte Linse entfernt und eine Kunstlinse eingesetzt wird. Eine Mitarbeiterin assistiert und reicht routiniert alles an, was die Operateurin einsilbig anfordert. Skalpell, Faden, Spülung, Linse. Nach der Operation legt Ingrid Allgoewer den Kittel und die Haube ab. Alles ist gut gegangen. Wenn Biene aus der Narkose aufwacht, wird sie wieder sehen können. Die Operation am Grauen Star war für die Augenärztin ein Routineeingriff. Zwei- bis viermal pro Woche setzt Allgoewer Kunstlinsen ein.

Hunde, Elefanten, Geckos: Alle können Sehprobleme haben
Die Ärztin behandelt vornehmlich die Augen von Hunden und Katzen, aber auch von Igeln, Meerschweinchen, Pferden, Papageien, Elefanten, Geckos, Kängurus und Bisons. Exotische Patienten besucht sie auch schon mal im Zoo, wie zuletzt ein blindes Bisonkalb, oder im Wanderzirkus, wie im Fall eines Elefanten. Die Tiere mit Juckreiz, einer Fehlstellung des Augenlids, Grauem Star und anderen Verletzungen und Krankheiten kommen aus der ganzen Welt. Ingrid Allgoewer und ihre Mitarbeiterinnen untersuchen und behandeln alles, was am Tierauge vorkommen kann. Vier Tierärztinnen arbeiten in der Praxis zusammen, sie alle sind auf Augen spezialisiert. Die Operationen sind aber meistens Chefinnensache.

Viele Halter von Vierbeinern, die von ihrem Tierarzt zum Augenspezialisten geschickt werden, wussten zuvor nicht, dass es diesen Beruf überhaupt gibt. Tiere machen ja schließlich keinen Sehtest, tragen keine Brille. Und das Bild des Universaltiermediziners, der von der Schildkröte bis zur Kuh jedes Wehwehchen heilt, ob Futterunverträglichkeit oder Beinbruch, ist tief verankert im Bewusstsein der Tierbesitzer. „Der Doktor und das liebe Vieh“ hieß die englische Fernsehserie, die viele von ihnen gern gesehen haben. Der Originaltitel des Romans von James Herriot trifft es noch besser: „All Creatures Great and Small“. Der Tierarzt ist ein Generalist für alles, was da, groß oder klein, kreucht und fleucht. Das waren die Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. „Die Zeiten von James Herriot sind vorbei“, sagt Ingrid Allgoewer, wenn sie erklärt, warum sie den Weg in die Augenheilkunde eingeschlagen hat. „Spezialisierungen nehmen zu. Weil auch das Wissen zunimmt. Man kann nur in bestimmten Fachbereichen wirklich gut sein, weil man sich dort das Detailwissen aneignen kann. Das ist bei Tieren nicht anders als in der Humanmedizin.“

Das Auge, „ein faszinierendes Organ“
Ingrid Allgoewer ist richtig gut. Für sie stand die berufliche Richtung schon früh fest. „Weil es meinen Neigungen und meinem Können entspricht.“ Sie studierte Tiermedizin, spezialisierte sich auf Augenheilkunde, promovierte und war zehn Jahre lang an der Universität tätig, wissenschaftlich, in der Lehre und in Kliniken. Zuerst in München, später in Berlin. Im Jahr 2000 ließ sie sich mit eigener Praxis in Berlin-Zehlendorf nieder. Heute leitet die 52-Jährige eine Praxis mit vier Behandlungsräumen, in denen sich vier Augenärztinnen um die Patienten und deren Halter kümmern.

Augen sind für die Ärztin viel mehr als eine Fachrichtung. „Das Auge ist für mich absolut faszinierend. Ästhetisch und in der Kunst gilt es als das Fenster zur Seele. Wenn ich einen Menschen erfassen will, schaue ich ihm in die Augen. Wir nehmen unsere ganze Umwelt mit diesem faszinierenden Organ wahr.“

Wer Augen behandelt, muss sehr präzise und mikrochirurgisch arbeiten, eine weitere Leidenschaft von Dr. Ingrid Allgoewer. Und: „Die Augenheilkunde vereint ganz viele Bereiche, zum Beispiel Neurologie oder Innere Medizin. Sehr viele Patienten wie Biene leiden unter Krankheiten, die Augenprobleme mit sich bringen. Ein Diabetiker wie Biene, der keinen Grauen Star entwickelt, ist die absolute Ausnahme. Siebzig Prozent erblinden im ersten Jahr nach der Diagnose. Die anderen kommen ein halbes Jahr später. Diabetes ist bei Hunden sehr weit verbreitet.“ Kommt ein Diabetiker zur Augenspezialistin, steht meist eine Kunstlinsentransplantation an, eine Operation, die fast immer dazu führt, dass erblindete Hunde wieder sehen können. Vorausgesetzt sie kommen rechtzeitig in die richtige Praxis.

Kein Toben mehr, Unsicherheit: Wie man Erblindung bemerkt
Als Biene, der Malteser-Pudel-Mischling, in die Praxis Allgoewer in Berlin-Zehlendorf kommt, ist sie komplett erblindet: Ihre Pupillen sind weiß eingetrübt. Zwei Monate zuvor wurde bei der Hündin Diabetes festgestellt, vor ein paar Wochen begann die Eintrübung der Linsen. Blind wurde Biene buchstäblich über Nacht, berichtet ihr Frauchen Karina Steffen: „Eines Morgens begann Biene, gegen die Möbel zu laufen.“ Anfangs dachten die Steffens noch, sie könne die Blindheit über die Nase ausgleichen. Aber die Hündin wurde immer unsicherer, schlecht gelaunt, kränklich. Sie konnte die Körpersprache ihrer Artgenossen nicht mehr erkennen, Spaziergänge wurden zunehmend schwieriger, die Muskeln des Tieres wurden schwächer. Ans Rumtoben auf dem Berg in der Nähe war gar nicht mehr zu denken. Zudem war der kleine Hund nicht nur auf akustische Kommandos, sondern auch auf Gesten trainiert. Nach zehn Jahren Zusammenleben standen die Steffens mit ihrer Biene plötzlich vor einem massiven Kommunikationsproblem. Mit der Lebensqualität ging es innerhalb kürzester Zeit rapide bergab – für Biene und die Familie. So konnte es nicht weitergehen. Die Steffens suchten im Internet nach einer Lösung und fanden sie in der Tieraugenärztin, rund zwei Autostunden entfernt. Auch Bienes Haustierarzt schickte die Familie zur Kollegin Allgoewer, die er von Fortbildungen kannte.

„Wir machen sehr viel Aufklärungsarbeit, vor allem was den Grauen Star betrifft. Es ist unnötig und ärgerlich, wenn Patienten durch eine Operation geholfen werden könnte, sie aber nicht zum Spezialisten überwiesen werden, weil der Allgemeinmediziner nicht Bescheid weiß“, so Dr. Allgoewer. Sie und ihre Mitarbeiterinnen sind auf Kongressen deutschlandweit und international aktiv und bieten Fortbildungen an. Die Ärztin ist Co-Autorin eines Fachbuchs über Tieraugenheilkunde und publiziert in Fachzeitschriften. Zudem arbeitet sie an Studien und der Evaluierung neuer Therapieansätze und Operationsmethoden mit. Einige von Ingrid Allgoewer entwickelte Methoden werden inzwischen von Augentierärzten weltweit angewendet. Wenn Tierärzte und Spezialisten zusammenarbeiten, kann vielen Tieren schneller und besser geholfen werden. „Der Platz für den Allgemeinmediziner ist absolut da. Aber es ist wichtig, dass er weiß, wo seine Grenzen liegen und wann ein Tier einem Spezialisten vorgestellt werden sollte.“ Wie im Fall des Grauen Stars. Manche Hundebesitzer kommen damit zu spät. „Wenn die Kapsel, die die Linsen umgibt, einmal eingerissen ist, kann ich nur noch die kaputte Linse entfernen und dafür sorgen, dass sich keine Entzündung bildet. Die Implantation einer Kunstlinse ist dann aber oft nicht mehr möglich. Manchmal muss sogar das ganze Auge entfernt werden. Das ist bedauerlich. Denn den meisten Hunden kann mit einer Kataraktoperation geholfen werden.“

Nach der Operation: Das Selbstvertrauen ist wieder da!
Bienes Tierarzt wusste zum Glück Bescheid. Als Biene aus dem Wartezimmer zur Untersuchung gerufen wird, ist noch nicht ganz klar, was aus ihr wird. Ihr Grauer Star ist weit fortgeschritten, ob die Linsenkapsel schon Schaden genommen hat, kann die Ärztin erst bei der Operation eindeutig sehen. Ingrid Allgoewer macht bei der Voruntersuchung keine Versprechungen, die sie nicht halten kann. Sie beruhigt die angespannten Hundehalter, aber sie prophezeit keine Wunder. Ihr Ziel ist es, beide Augen zu operieren und Kunstlinsen einzusetzen. „Wenn wir merken, dass Biene nicht stabil ist, holen wir sie aus der Narkose.“ Als Biene schläft, setzt die Ärztin sich an das Mikroskop und beginnt, das Auge aufzuschneiden. Schnell zeigt sich: Alles ist in Ordnung. Die Linsenkapseln sind intakt, die weiße Linse lässt sich durch Ultraschall zertrümmern und absaugen, die Kunststofflinsen werden eingesetzt. Zwei Stunden später hat die Hündin ihr Augenlicht zurück und darf mit ihrer Familie nach Hause fahren.

Drei Wochen später. Biene bellt. Sie mustert jeden Neuankömmling im Wartezimmer und gibt bei Bedarf ihren Kommentar dazu. Ihre Augen sind nicht mehr weiß, sondern dunkelbraun. Von Verunsicherung keine Spur mehr: Der kleine weiße Hund strotzt vor Selbstbewusstsein. Familie Steffen ist überglücklich. „Als wir Biene nach der Operation abgeholt haben, hat sie uns sofort angeschaut. Zu Hause ist sie aus dem Auto gesprungen und hat ihr altes Leben wieder aufgenommen. Spazieren, spielen, wachen. Nur der Trichter hat sie gestört.“ Zwei Wochen musste der kleine Hund den Schutz tragen, dann war endlich wieder alles wie vorher. Zumindest fast. Fünfmal am Tag muss Biene in der ersten Zeit mit Augentropfen behandelt werden. Aber das trägt sie mit Fassung.

Ingrid Allgoewer ist zufrieden. „Medizinisch könnte das Ergebnis nicht besser sein. Biene ist offensichtlich total augenfixiert, man merkt sofort, dass sie sich freut zu sehen. Das erleben wir bei Diabetikern oft. Sie leiden sehr unter der Erblindung, weil sie schnell entsteht. Und sie freuen sich unheimlich, wenn sie wieder sehen können.“ Auch wenn Biene ihre kurzzeitige Blindheit vermutlich schon vergessen hat, Augenpatientin wird sie bleiben. Zumindest zur Kontrolle wird sie alle sechs Monate in der Praxis Allgoewer in Zehlendorf vorbeischauen. Für sie hat sich der Gang zur Spezialistin absolut gelohnt.

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