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Reisen Von Chamonix nach Zermatt. Eine Wanderung mit Hund

Saskia Wehler

Ins Hochgebirge mit Hund? Saskia Wehler wagte mit ihrer Alaskan-Malamute-Hündin Lin das Abenteuer. Sie gingen einen der schönste Hüttenwege der Alpen, die Haute Route von Chamonix nach Zermatt.

Es ist Frühjahr. Mein Mann und ich planen unseren alljährlichen Alpencross mit Pfotenbegleitung. Die Haute Route liegt in Form des neuen Rother-Führers auf dem Tisch. Wir blättern beinahe hastig durch die Seiten. Dass es die Wander-Haute-Route werden wird, ist schnell klar. Aber auch da gibt es Passagen mit Fragezeichen, Fragezeichen mit Blick auf unsere Alaskan-Malamute-Dame Lin.

Mir springt ein Bild mit einer senkrechten Dreißig-Meter-Leiter in die Augen, auch Gletscherpassagen. Mit dem Bergsteigergeschirr von Ruffwear, dem Doubleback-Harness, können wir den Hund anseilen. Ein damit kombinierbarer Hunderucksack muss noch gefunden werden. Ich schreibe Ruffwear in den USA an. Tatsächlich wird unser Vorhaben im Team besprochen, und wenig später liegen spezielle Klickverschlüsse im Briefkasten. Nun lassen sich Packtaschen und Sicherheitsgeschirr von Ruffwear zu einem Geschirr verbinden. Anfang August startet unsere kleine Dreiergruppe, mein Mann, ich und Lin, die Reise mit insgesamt 25 Kilo sorgsam ausgewähltem Gepäck auf unsere drei Rücken verteilt. Eine zehnstündige Zugfahrt nach Chamonix ohne nennenswerte Umsteigepausen waren für Lin die ersten kleinen Herausforderungen. Sie meistert sie vorbildlich.

Im berühmten „Chambre Neuf“ zelebrieren wir den ersten Café! Wir sind in Chamonix, und den Mont Blanc werden wir auch gleich sehen. Wie gezoomt thront er über den Häuserdächern der Stadt. Touristen aus aller Welt zücken ihre Kameras. Wegen Hundeverbots umgehen wir das Gebiet der Aiguilles Rouges. Aus Richtung Argentière kommend, schließen wir uns der eigentlichen Route Richtung Col de Montets an und wandern über den Gratweg, den Aig des Posettes, zum Col de Balme auf 2195 Metern. Hinter uns das Chamonix-Tal mit Mont Blanc, rechter Hand im Südosten der Glacier du Tour und der Glacier des Grands, vor uns die Refuge du Col de Balme, ein Unikum an Hütte. 1877 erbaut, diente sie als Grenzhütte und liegt genau auf der Landesgrenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Betritt man den alten Hüttenraum, so ist man wie geflasht von dem Retrocharme des verstaubten Interieurs. Wie Requisiten für einen Bergfilm aus den Fünfzigern hängen alte Reklametafeln an den Holzwänden. In Kartenständern von Iris Mexichrome prangen Großformatpostkarten aus der Zeit der ersten Farbfilme. Viele Käufer haben sie nicht gefunden, die Winterbilder, wo Winter noch richtige Winter waren. Gut gefüllt, schicken sie einem mit gewellten Ecken und braunen Rändern auf dem Qualitätspapier Bilder einer vergangenen Ära ins Bewusstsein. So wundert es kaum mehr, dass auch die Wirtin noch aus jener Zeit überlebt zu haben scheint. Gen Boden gebückt und jeden Schritt mühsam ihrem Körper abtrotzend, scheint sie der Hüttengeist der alten Grenzhütte.

Mit Scheinen in der Hand und in der Schürzentasche schlurft sie schwerhörig zu den Gästen, die mit ihren modischen Sportoutfits irgendwie nicht so recht zu dem Flair dieses Raums passen wollen. Das Wetter draußen ist garstig. Verhangen der Himmel, die Hochlandschaft umweht von kaltem Wind. Die ersten Schneefelder werden überquert, ganz zur Freude Lins, die jedes Feld mit ausgiebigem Wälzen feiert. Weiter geht es auf dem Weg der Tour du Mont Blanc. Über Wiesenhänge der Alp Les Herbagères und zuletzt in steilen Kehren abwärts durch den Wald erreichen wir den Talgrund mit dem Fahrweg nach Trient. Auch hier verlässt einen nicht das Gefühl, durch vergangene Zeiten zu wandern, hier und da Ruinen alter Hotelpaläste, noch bestehende Grandhotels, gesegnet mit dem maroden Charme einst glanzvoller Zeiten. Einzig im auffallend rosa Farbanstrich der Trienter Dorfkirche scheint diese Epoche noch blass aufzuleuchten. Unsere liebenswürdige Unterkunft hat einen hochschwingenden Namen, „Auberge du Mont Blanc“. Wie wohl fühlen wir uns in diesem Sprachensingsang, der sich über den langen, schweren Holztischen im Speisesaal sammelt. Wasserkrüge, Wein, frisch gebackenes Weißbrot und warme Speisen gehen reihum. Später sitzen wir auf der kleinen Terrasse auf billigen weißen Kunststoffstühlen. Der Blick hängt sich immer wieder auf an der rosafarbenen Kirche oben im Dorf und den alten Hotelfundamenten mit Resten verschnörkelten Tragwerks zehn Meter vor unseren Füßen. Ich denke plötzlich an Hape Kerkeling. Filmsequenzen aus „Ich bin dann mal weg“ gehen mir durch den Kopf. Dieser Ort hätte sich gut eingefügt in diesen Streifen. Nahezu perfekt.

Wir pilgern!, geht es mir durch den Kopf. Nicht nach Santiago de Compostela, aber irgendwie ist jede Weitwanderung ein kleiner Pilgerweg, denke ich. Ich gehe in einer Zeitblase. Sie ist gefüllt mit Menschen, Stimmen, Sprachen, Landschaften, einem Kontinuum fließender, anscheinend endlos zur Verfügung stehender Zeit. Es fällt mir schwer in Zermatt, diesem Zeit-Raum, stetig gefüllt mit Neuem, Überraschendem, zu Bestaunendem, wieder an den Alltag abzugeben. Weitwandern hat einen Suchtfaktor. Man wird süchtig nach eben diesem Raum. Dem Selbsterlaufenen, nach der Poetik der Bilder am Wegesrand, nach dem Rauen, der Wildheit, dem Einfachen.

Der Wanderführer kennzeichnet unsere heutige Route schwarz. Frühmorgens starten wir bereits bei blauem Postkartenhimmel. Viele Höhenmeter und Hitze bis in die Gletscherregion erwarten uns. Wir passieren die Bisse du Trient, einen historischen Ort aus dem achtzehnten Jahrhundert. Auf der Trasse einer früheren Eisenbahn wurde Eis vom Trient-Gletscher auf den Forclaz-Pass transportiert, dann weiter bis in die Städte und bis nach Paris! Vor der Erfindung des Kühlschranks wurden hier gute Geschäfte abgewickelt, Touristen konnten die weiß-blaue Gletscherzunge weitaus tiefer bewundern als heute. Daher also hier der verblichene Glanz herrschaftlicher Villenkultur. Der Aufstieg zum Fenêtre d’Arpette auf 2665 Metern ist beschwerlich. Hitze und der steile Anstieg sind eine Herausforderung. Während Lin aber noch von Blockwerk zu Blockwerk springt, bei Bedarf sich selbst mit der Schnauze zuerst hochzieht, werden meine Schritte mühsamer. Lin bemerkt das und versucht mitzuhelfen! Oben angelangt, säuft sie gierig das mitgebrachte Wasser aus ihren Packtaschenbeuteln, presst sich dann an eine kühle Felswand, die Pfoten von sich gestreckt. Wir genießen den Blick auf den Glacier du Trient, ostseitig auf das Val d’Arpette. Es ist nicht viel Platz in diesem Fenêtre, um den Rucksack abzulegen und die Brotzeit herauszuholen. Jeder Wanderer kauert sich in eine Steinnische und verfolgt mit den Vögeln den Rundblick in die Täler. Mit der Weite der Aussicht kehrt die Kraft schnell zurück. Es folgt ein langer Abstieg hinunter in das Val d’Arpette. So steil wie es hinaufging, geht es nun wieder hinunter. Schneefelder kommen, kleine Seen geschmolzenen Eises, wildes Blockwerk. Dann wird es gemäßigter, doch die Pflanzen kompensieren die geringere Steilheit mit wildem, üppigem, selten gesehenem Wachstum. Wir treffen auf bekannte Gesichter. Israelis aus der „Auberge du Mont Blanc“ laufen im gleichen Rhythmus. Wir lächeln uns zu, immer wieder nähern und entfernen wir uns voneinander, wie an einem zusammenhängendem Band, das sich dehnt und zusammenzieht. Im Restaurant „Relais d’Arpette“ stoßen wir noch einmal auf sie. Alle genießen kalte Getränke, Kuchen und Kaffee. Herrliche Entspannung.

Von dem kleinen touristischen Ort Champex, am Lac de Champex gelegen, führt unsere nächste Route über den Talweg nach Liddes über die Cabane du Col de Mille zur Cabane Brunet. Wir kürzen diese sehr lange Wegstrecke bis nach Liddes mit dem Postauto ab. Während früher Liddes vorletztes Dorf vor der Passhöhe war und somit wichtige Station am Großen St. Bernhard, wirkt das Dörfchen heute ausgestorben und unbelebt. Einzige Attraktion des Orts, der dennoch vor stahlblauem Himmel mit alten Holzstadeln zur Kategorie Postkartenmotiv gehört, ist ein echt Schweizer Käseautomat. Ja, Käseautomat! Alles, was man für ein Raclette benötigt, einschließlich Kartoffelportionen, findet man in diesem Automaten. Vom Val d’Entremont, auf 1346 Meter, gehen wir in angenehmen Steigungen über Fahrwege, Waldstücke und Weidehänge auf den Wiesensattel, westlich des Mont Rogneux. Immer wieder drehen wir uns um und genießen das gegenüberliegende Alpenszenario aus weiß bestäubten Alpengrößen mit Grand und Petit Combin, Mont Vélan und St. Bernhard, um nur einige zu nennen. Eine große Steinplatte lädt zum Picknicken ein. Wir atmen ihn ein, diesen Blick auf die Gipfel, die wie auf einer Schnur aufgereiht Parade stehen. Glockengeläut dringt nach oben, stattliche, schwarze Rinder grasen auf den Almen.

Als wir später weit oben auf 2473 Metern die Querung zur Cabane Col de Mille einschlagen, sehe ich noch einmal die Gruppe Israelis. Genau wie wir steuern sie eben jene Steinplatte an, auf der wir vorher pausierten. Wir trafen sie nie wieder. An der Cabane Col de Mille angelangt, haben wir nicht lange Zeit, um die moderne Hütte und den luftigen Ausblick auf der Terrasse zu genießen. Es ist noch eine Etappe von 1000 Höhenmetern abwärts und über 600 Höhenmeter hinauf zu bewältigen. Zudem verändert sich das Wetter. Es wird kälter, Wolkenschlieren verdecken zunehmend den so klischeehaften blauen Himmel. Zügigen Schrittes passieren wir die Flanke des Mont Rogneux. Der Himmel wird immer dunkler, aber der Weg führt weiter auf und ab durch das Alpgelände La Ly mit zahlreichen Rinderherden. Mit Lin diese zu passieren ist eine Herausforderung. Überaus neugierig wollen sie meinen Hund inspizieren. Mir wird mulmig beim Anblick der gewaltigen Körper und der langen Hörner. Dies hier sind berühmte Kampfkühe, edle, schwarze Tiere des Val d’Hérens, die in traditionellen Kuhkämpfen in der Arena gegeneinander antreten. Mit abwehrend schwingendem Seil passieren wir die zudringlich werdenden Rinder.

Endlich steigen wir die letzten Höhenmeter an und erreichen die Cabane Brunet. Wolkenfetzen geben den Blick frei, lassen gerade noch ein wunderbar archaisch anmutendes kupiertes Gelände erkennen. Ein kleiner Haussee vor der Hütte erinnert an sommerliche Badevergnügen, wahrlich großformatig ist der Blick auf die Becca de Sery und den Petit Combin. Ein Schauspiel, wie die Wolken diese Spitze umspielen. Dann zieht sich der Himmel endgültig zu. Die nächsten Stunden wird ein Unwetter über das Val de Bagnes ziehen. Der Regen durchbricht das Nachtschwarz in langen, ununterbrochenen Fäden. Umhüllt es mit einer dunstigen, strömenden Masse, immer wieder grell durchzogen von Blitzen. Die ganze Nacht. Den nächsten Tag treibt dichter Nebel über die Grashügel, grauweiße Schwaden umtanzen den Combin bis zum nächsten Morgen.

Bei Tagesanbruch ist es kühl, blau und sonnig. Der Petit Combin rockt weiß den Himmel. Auf geht’s Richtung Fionnay und zur Cabane de Louvie, auf dem gegenüberliegenden Kamm. Wir nähern uns dem Corbassièregletscher und dem Grand Combin mit dem sensationellen Panorama. Lin muss immer wieder posieren vor den grellweißen Gipfeln und dem grauen Gestein, der Moränenlandschaft und dem Gletscherschliff.

Dann kommt die Hängebrücke! Sie überwindet mit imposanten 200 Metern den Gletscherabfluss des Corbassièregletschers auf 2343 Meter. Das raue Metallgitter ist für Lins Pfoten eine Herausforderung. Wir stülpen ihr Bootys über. Vorsichtig die Balance austarierend, geht sie über die Brücke. Keine Spur von Angst. Unser Dreiertrupp ist langsam. Langsam gegen die Bergläufer jeden Alters, die uns permanent überholen. Wir scheinen das unsportlichste Paar des Val de Bagnes im großen Umkreis zu sein. Berglauf muss hier Volkssport sein. Auf unschwierigem Pfad erklimmen wir die letzten siebenhundert Meter. Dann stehen wir endlich vor der Cabane mit Lac und une très belle vue!

Wir sitzen auf der Holzterrasse der 1997 erbauten Hütte. Lin bekommt ihre tägliche Pfoten- und Schultermassage, wir machen Fotos mit Selbstauslöser, lehnen uns zurück und lauschen Sprachen vieler Nationen. Am Morgen liegt Raureif auf dem Gras. Der Fels ist überfroren. Schritt für Schritt schrauben wir uns den Col de Louvie hoch. Der See wird immer kleiner und kleiner. Unter uns ist er nur mehr ein blauer Kreis, umgeben von schwarzen Schatten der frühen Morgenstunden. In ihm spiegeln sich die Spitzen der Combin-Gruppe so, als hätte man in den See mit Deckweiß gemalt.

Die Kamera bleibt den heutigen Tag um meinen Hals hängen, ich stecke sie nicht mehr in den Rucksack. Wir haben an diesem Tag noch eine sehr lange Wegstrecke vor uns. Länger als gedacht. Schneefelder liegen vor uns, es ist kalt. Immer noch in kurzen Hosen, will ich meine lange Hose überziehen, doch weder Hose noch Daunenjacke noch Regenjacke sind in meinem Rucksack. Mit anschwellender Hysterie kippe ich den gesamten Inhalt auf das Geröll unter mir. Nichts! Der gesamte Beutel mit warmer Kleidung fehlt. Irgendwo verloren. Mein Mann schmeißt seinen Rucksack auf den Boden und trabt zügig gen Tal. Ich ziehe unser Gepäck in den Windschatten eines großen Felsens, warte und hadere. Eine Stunde vergeht. Dann sehe ich einen grünen Beutel! Das heißt, ich sehe meinen Mann, den grünen Beutel wie eine Trophäe schwingend!

Wie wohlig ist mir in warmer Kleidung. Wir gehen nun durchs Grand Désert. Der Name ist Programm! Gletscherreste, Geröll, kleine Moränenseen, ab und zu Steinmännchen, wieder Schneefelder, grauer Schutt. Das Grau der Steine stößt hart an den Himmel. Sein tiefes Blau mildert nicht die Tristesse der Landschaft. Grün scheint auf ewig verbannt. Wir scherzen über unsere Mars-Etappe, so weit fühlen wir uns weg von Zivilem, Beheimatendem. Immerhin, ein Japaner folgt unserer Route. Aber selbst dieser Wanderer scheint statuenhaft, unwirklich, ganz in Schwarz gekleidet, bewegungsloses Gesicht, über dem Kopf ein Schirmhut gespannt.

Es ist früher Nachmittag geworden. Selbst auf den Schneefeldern ist es heiß. Ich beschließe, dass ich diesen Marsweg verlassen möchte. Raus aus dem Grand Désert! Doch wieder Anstiege, Plateaus aus nichts als Grau, Stein, Stein, Grau, Blockwerk, Moränenseen! Wir kommen auf das Gletschervorfeld des Glacier de Prafleuri. Plötzlich tauchen Schutthalden und Mauern und Reste alter Verschläge auf. Zivilisation! Der Rother-Führer, der zu meiner Freude heute ein „mäßig anstrengendes Programm“ angekündigt hatte, belehrt uns hier, dass es sich um Baumaterial und die Abbauregion für die große Staumauer des Lac des Dix handele. Tatsächlich steigen wir bald auf zur Cabane de Prafleuri. Lin hat den Weg zur Hütte bereits selbstständig eingeschlagen. Sie scheint einen inneren Hüttennavigator in sich zu tragen. Wie von selbst stehe ich vor der Küchentheke und bestelle mehrere Kuchen und Limonade! Die Frage nach einem Schlafplatz wird abgewiesen, mit dem Hinweis, es gebe gleich den Weg runter ein Hotel. Die hätten Platz. Ich sinke auf die harten Terrassenstühle. Es ist immer noch heiß. Gut, gleich unten ein Hotel, okay.

Wir brechen wieder auf. Lin versteht nicht. Hütte gleich Pause gleich Fressen gleich Schlafen. Doch wir müssen weiterziehen. Weitere Kilometer werden gewandert. Das Hotel türmt sich unterhalb der größten Staumauer Europas auf. Hoch, grau, der Hässlichkeit eines Siebziger-Jahre-Kastens hingegeben. Und diesmal ist der Name nicht Programm. „Le Ritz“ prangt in großen Lettern an der in die Jahre gekommenen Hochhausfassade.

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages versammeln sich über dem schwarzen Teerplatz vor der Hotelwand. Ein Straßenfest geht zu Ende. Der letzte Song wird aufgespielt. Wir setzen uns auf die Bierbänke vor dem Hotel und lauschen mit ausgestreckten müden Beinen dem warmen Klang der Stimme. Wohlig streicht der Singsang über die Körper, selbst die Brutalität der Fassade und der Staudammanlage scheint kurzfristig gemildert. Wir nippen an unserer Cola, bis die Sonne endgültig verschwindet. Der Lac des Dix schimmert milchig hellblau. Auf 5,3 Kilometer Länge schneidet er sich hart an steilem Ufer in das Tal. Die technischen Daten des Staudamms mögen imposant sein: größte Gewichtsstaumauer der Welt, 285 Meter hoch, Kronenlänge 700 Meter, Stauvolumen 400 Millionen Kubikmeter. Konstruktionsraffinessen sind ein Pumpsystem für das Gletscherwasser, dessen Schmelzzonen tiefer liegen. Ich bin froh, als wir die fünf Kilometer flache Wegstrecke, teils durch dunkle Tunnel, überwunden haben und der Anstieg zur Cabane des Dix beginnt. Die schroffe Nordflanke des Mont Blanc des Cheilon liegt der Cabane des Dix direkt gegenüber. Vor der Gletscherschmelze muss sie Alpinisten ein beliebtes Terrain gewesen sein.

Der Hüttenausblick auf 3000 Metern, hoch auf einem Sporn gelegen, ist immer noch bezaubernd. Wieder legt Lin den letzten Weg hinauf allein zurück. Meine Fotosessions vor Gletscher und Hüttenpanorama langweilen sie sichtlich. Sie trottet davon, zielstrebig die Nase gen Küche ausgerichtet. Nach dem langen vorhergehenden Wandertag genießen wir die Muße auf der Hüttenterrasse ausgiebig und faul. Lin scheint damit einverstanden, auch wenn es für sie heute wieder heißt: draußen schlafen, ohne Dach über dem Kopf. Ich schaue gen Himmel. Noch ist der Himmel blau, sogar dunkelblau. Highlight der Hütte, neben dem aussichtsreichen Terrassenplatz: eine Panoramadusche vor dem Haus. Eine Außenkabine mit einem leuchtend roten Plastikvorhang bedient die wagemutigen Duscher mit Gletscherwasser. Das in verzierten Lettern vor der Dusche angebrachte Schild mit der Aufschrift „The use of this product can cause a state of extrem relaxation, satisfaction and the desire to return“ sollte in gewisser Weise recht behalten. Auch wenn wir so schnell nicht zurückkehren werden und den Ausblick auf buttergelbe Blumen vor weißen Gletschern zelebrieren können, so erinnert doch seit Neuestem eine Gartendusche an jenes kleine Outdoorvergnügen.

Wir werden nun der Leiter begegnen. Nebliges, milchiges, nasses Licht liegt über dem Gletscher. Lin hat wieder ihre Boutys an den Füßen. Zu viel Schotter, Eis und Geröll ist zu erwarten. Vorsichtig halten wir auf dem Eis des Glacier de Cheilon die Balance, Wasser von oben und unten bis hin zum Gletscherrand. Wir erreichen ein steiles Schuttkar, das zum Pas de Chèvres und zur dreißg Meter hohen Leiter hinaufführt. Von der Umgehung um den Col de Riedmatten wurde uns wegen Steinschlaggefahr abgeraten. Was aber bietet sich hier, an dieser Südtraverse durch Blockwerk, direkt an der Felswand entlang? Ein an die vierzig Grad steiler Hang, Schutt und Felsbrocken, alles in einem Zustand rutschender, fließender Felsmasse. Dabei steile Geländestufen. Lin gibt ihr Äußerstes. Ohne jedes Zögern zieht sie voran. Ich nehme mir ein Beispiel an ihrer Furchtlosigkeit und steige hinterher, jeder Schritt wird dennoch sorgsam gesetzt.

Große Brocken kippen weg. Endlich die Leiter! Lins Karabiner und Geschirr werden überprüft, mein Mann steigt mit Seil in der Hand voran und sichert von Absatz zu Absatz. Ich halte Lin am Handgriff des Geschirrs, die andere Hand an der Leiter. Einhändig steige ich so von Stufe zu Stufe. Lin hilft mit, so gut es geht, versucht, ihre Pfoten auf die dünnen Leiterstäbe zu setzen, zieht mit der Schnauze nach. Oben angelangt bin ich überwältigt. Von diesem Mut, der Cleverness und Geschicklichkeit dieses Hundes. Noch einmal bin ich überwältigt! Wir stehen auf dem Gornergrat vis-à-vis des Matterhorns. Wolken hängen um die prominente Bergspitze wie ein üppiger Schal um die Schultern einer Lady. Dann aber, plötzlich, ist sie frei, Lady Matterhorn! Was für ein Anblick! Unser Ziel ist erreicht, für diesen Sommer.

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