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FILMTIPP Susi und Strolch in Megasaki

Carla Woter

Grundsätzlich mag die DOGS-Autorin Carla Woter keine Trickfilme, es sei denn, es geht um Hunde. „Isle of Dogs“ ist ein rührender Animationsfilm und ein guter Grund, mal wieder ins Kino zu gehen.

Susi und Strolch habe ich geliebt, das war mein erster und einziger Trickfilm. Der war sehr putzig und ist auch eine ganze Weile her. Dabei ist es geblieben, bis zur Berlinale Anfang dieses Jahres. Denn das größte deutsche Filmfestival, berühmt vor allem für sein politisches Kino, eröffnete, erstaunlich genug, mit „Isle of Dogs – Ataris Reise“, einem Film über eine Insel für Hunde und einen kleinen Jungen auf der Suche nach seinem besten Kumpel. Er kommt jetzt bei uns in die Kinos.

Ich hatte die Bilder bereits im Kopf, dachte an Abenteuer, Treue, an Belohnung, Fressen und Freundschaft. So etwa in der Richtung. Niemals dachte ich an eine Mülldeponie in einem utopischen Japan, an die Deportation von kranken Hunden, die dauernd schniefen und mit ihrer Grippe und ihrem Schnauzenfieber angeblich die gesamte Menschheit bedrohen. Und ich unterschätzte, wie sehr einem diese verzottelten, täuschend echten felligen Typen mit ihren verruckelten Bewegungen doch ans Herz gehen, wie sehr man mit ihnen leidet und dass sie einen in ihrer ramponierten Würde auch zum Lachen bringen. Hunde eben, das funktioniert bei mir immer, auch wenn sie nicht einmal echt sind. Aber sie haben diese drolligen Augen, diesen weisen Blick, diese Haltung, und sie tragen stolz ihre goldenen Namensplaketten als Relikte aus ihrem ersten, wohlbehüteten Leben. Die schrägen Leinwandhelden wider Willen heißen Chief, Rex oder Duke, es handelt sich also keineswegs um Underdogs. Und wie sie sich vor Ekel schütteln, wenn sie wieder einmal vergammelte Reiswaffeln fressen und dabei eine Made verschlucken. „Ich glaube,ich vertrage nicht noch mehr von diesen Abfällen“, sagt Rex angewidert. „Geht mir auch so“, sagt King. „Du nimmst mir die Worte aus dem Mund.“ Sie sind unendlich höflich untereinander, meistens. Chief, ein schwarzer Streuner, dem Menschen grundsätzlich suspekt sind, staucht sie erst mal tüchtig zusammen: „Niemand hier gibt einfach so auf! Vergesst das ja nicht!“ Sie grummeln schuldbewusst und beißen sich weiter tapfer durch.

Regisseur Wes Anderson besaß einen Labrador, als er Kind war, er wollte unbedingt einen Film über Hunde machen, wie er erzählte, die Rasse war ihm ziemlich egal, es ging ihm vor allem um Persönlichkeiten. Hinzukommt seine Schwäche für japanisches Kino, genauer für einen legendären Kollegen, den Altmeister Akira Kurosawa. Also hat er Hunde und Japan klug und einfühlsam miteinander kombiniert und lieferte nach Jahren detailbesessener Arbeit nicht mehr und nicht weniger als den perfekten cineastischen Beitrag zum Jahr des Hundes.

Vor ein paar Jahren drehte er den sensationellen Animationsfilm „Der fantastische Mr. Fox“ mit Meryl Streep und George Clooney als Mr. und Ms. Fox als Sprecher, 2014 holte „Grand Budapest Hotel“ vier Oscars. Anderson kennt sich bestens aus mit diesem hoch komplizierten Genre der Stop-Motion (siehe Kasten) und er sieht mit seinen karierten Hemden und Tweedanzügen selber aus wie eine aus der Zeit gefallene Erscheinung, liebenswert und merkwürdig wie seine Filme.

Als er „Isle of Dogs“ im Februar in Berlin mit seiner Hollywoodmannschaft vorstellte, waren Hunde plötzlich auf der internationalen Pressekonferenz das beherrschende Thema. Denn Topschauspieler wie Bill Murray, Jeff Goldblum und Tilda Swinton geben ihnen ihre Stimme und verrieten bereitwillig Dinge aus ihrem Leben. Woody-Allen-Schauspieler Jeff Goldblum ist Herrchen eines rothaarigen Pudels, der Woody Allen heißt, vier Jahre alt ist und sich neulich ein Bein brach, weil er beim Hundefrisör von einem Chihuahua provoziert wurde und vor Wut vom Tisch sprang. Drehbuchautor Jason Schwartzman hat eine Französische Bulldogge und dankte ergriffen seiner Mutter, dass sie auf Errol Joe Schwartzman aufpasst. „Danke, Mama, du weißt, ich liebe ihn.“ „Lost in Translation“-Star Bill Murray verkündete stolz: „Mein Jack-Russell-Mix hat einen Kojotenbiss überlebt. Er heißt Timmy. Timmy Murray.“ Was sie eint, ist ihre Liebe zum Hund, die war sicher auch ein Grund, bei diesem Film mitzumachen. Was bedeutet das nun für die deutsche Version? Der Zuschauer hört die bewährten Synchronstimmen der Stars oder besser er schaut den Film im englischen Original, denn die Hunde reden Englisch und die Menschen Japanisch. Das klingt skurril, ist es auch, aber es macht tatsächlich Sinn.

Zurück zum Film. Wobei man gar nicht so viel verraten sollte. Die zotteligen Typen mäandern knurrend durch eine apokalyptische Landschaft, doch eines Tages fällt ein Miniflugzeug vom Himmel, aus seinem Wrack klettert Atari, ein zwölfjähriger Junge, auf der Suche nach seinem Hund Spots. Alle wollen helfen, und da ist sie doch, die gute alte Sehnsuchtsgeschichte. Die Hunde philosophieren, räsonieren, verlieben sich unterwegs, und sie quatschen die ganze Zeit. Die frohe Botschaft von „Isle of Dogs“ ist nicht kompliziert: Am Ende sind wir alle Streuner auf Erden. Mein Lieblingssatz stammt von Chief, dem Oberstreuner: „Ich apportiere nicht, ich mache es, weil der Mensch mir leid tut, nicht, weil er es befiehlt.“ Wow. Großes Kino und große Hundephilosophie. Danach ist man irgendwie reif für diese sehr seltsame Hundeinsel. Und isst wahrscheinlich nie mehr Reiswaffeln.

Wie die perfekte Illusion entsteht

Stop-Motion heißt das Zauberwort, und es ist wohl die komplizierteste Art, Kino zu machen. Jedes einzelne Objekt muss für jedes Bild minimal neu modelliert werden, um beim Abfilmen die Illusion von Bewegung zu schaffen. „Mehr als ein paar Sekunden Film pro Tag schafft man kaum.“ Gut zwei Jahre hat Wes Anderson gebraucht, um aus 130 000 einzeln handgefertigten Standbildern den bewegten Film „Isle of Dogs“ zu machen.

Die Hunde sind Modelle wie die Menschen, sie entstanden ebenso wie die Menschen in London in der Werkstatt des Puppenbauers Andy Gent. Fünfhundert Hunde hat er mit siebzig Kollegen fabriziert, an jedem einzelnen vier Monate gearbeitet. „Wir mussten eine Welt herstellen, die zwölfmal kleiner ist als alles, was man sich vorstellen kann.“ Die Rassen waren dabei Nebensache, Hunde sollten sich verhalten wie Hunde und sie sollten eine Seele haben, einen Charakter. „Der Zuschauer soll sehen: Sind sie traurig, sind sie froh, das muss sich in ihren Köpfen, in ihren Gesichtern widerspiegeln.“ Deswegen waren in seiner Werkstatt im Osten Londons auch ständig Hunde dabei, um das lebendige Original vor Augen zu haben. Statt Skizzen schuf Andy Gent zunächst kleine Knetfiguren, das recht räudig wirkende Fell besteht aus reiner Merinowolle. Allein dessen Beleuchtung ist eine Wissenschaft für sich, es musste mal weich, mal struppig aussehen, es gibt eine Hundedame, die ein Showhund war und deren Fell immer samtig wirkt, immer verführerisch – Hollywood-Beauty Scarlett Johansson spricht sie im Original.

Besonders wichtig für Andy Gent ist vor allem Charlie, sein schokoladenbrauner Labrador Retriever. Er war das Maskottchen, immer in der Werkstatt, „ohne ihn wäre der Film vielleicht nicht halb so echt geworden“. Wie Charlie selbst seine kuriose Konkurrenz fand, weiß man nicht. Jetzt hat er erst mal wieder seine Ruhe.

DIE HUNDE UND IHRE ORIGINALSTIMMEN
SPOTS (Liev Schreiber), Hund im Hause des Bürgermeisters, bester Freund von Atari, wird vermisst
REX (Edward Norton), Anführer des Rudels, mit blauen Husky-Augen, hat es gern gemütlich und ist nur
begrenzt leidensfähig
BOSS (Bill Murray), einstiges Maskottchen der Basketballmannschaft von Megasaki, jetzt schwarz und abgerissen, er will einfach nur, dass es gut läuft
DUKE (Jeff Goldblum) liebt Klatsch, ihm fehlen ein paar Zähne. Andy Gent sagt: „Er ist wie ich, er möchte ausgewogene Ernährung und regelmäßige Fellpflege.“
CHIEF (Bryan Cranston), ein Streuner mit Herz, ausgemergelt, aber zäh
NUTMEG (Scarlett Johansson) war ein Showhund, mit glänzendem Fell, sie liebt Typen mit Biss wie eben Chief
ORACLE (Tilda Swinton), seltsam mystischer Geselle
JUPITER (F. Murray Abraham) trägt immer ein kleines Fass um den Hals, eine Art Notschluck

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