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LESEPROBE Von Hunden und Menschen und der Suche nach dem Glück

Tom Diesbrock

Exklusiver Auszug aus dem Buch von Tom Diesbrock bei DOGS! Wenn Hunde sprechen könnten: Der indische Straßenhund Jacob wurde von Psychologe Tom Diesbrock adoptiert und hört nun als Praxishund den Sorgen der Menschen zu. In einem unterhaltsamen Austausch lernen Mensch und Tier, was Glück für sie bedeutet. Lesen Sie einen Auszug aus dem Buch „Von Hunden und Menschen und der Suche nach dem Glück“

Was machst ’n du da?

Ich schreibe, siehst du doch.

Ach ja? Siehst nur gar nicht so aus. Eher wie jemand, der schon ziemlich lange auf sein Schreibdings starrt und nichts tut. Außer sich mit bunten Bildern und Filmen abzulenken.

Tatsächlich saß ich schon seit einigen Stunden auf meiner Gartenbank, das Notebook vor mir auf dem Tisch und darin eine schöne weiße Seite. Ab und zu tippte ich lustlos ein paar Wörter und Sätze, verwarf sie aber sofort wieder. Zu banal und uninspiriert, zu langweilig – nichts gefiel mir. Jacob ging es dagegen offensichtlich recht gut. […] Er genoss die Maisonne, schaute ab und zu einem Vogel hinterher oder knurrte ein Eichhörnchen an. Jetzt galt sein Interesse mir.

Weil ich einfach keinen Anfang finde. Schreibblockade nennt man das wohl.

Wieso bist du denn schreibblockiert?

Weiß ich auch nicht. Mir gehen so viele Sachen durch den Kopf, von denen ich in meinem neuen Buch erzählen möchte.

Und wovon willst du erzählen?

Darüber, wie wir miteinander leben. Und wie du zu mir nach Deutschland gekommen bist.

Wow, du schreibst über mich! Find ich super! Das wird ganz sicher dein interessantestes Buch!

Mal sehen.

Und wieso ist das so schwer? Du musst doch einfach nur alles aufschreiben.

Unsere Geschichte habe ich schon mal aufgeschrieben. Jetzt möchte ich den Menschen erklären, wie sich mein Blick auf das Leben verändert hat, seit du bei mir bist. Was ich so alles von und mit dir gelernt habe.

Das ist wohl ’ne ganze Menge, schätze ich.

Und wie viel glücklicher ich heute bin, seitdem wir uns damals in Indien getroffen haben.

Oh, ich auch!

Ich musste lächeln und spürte, wie sich meine verwurschtelte, blockierte Psyche etwas lockerte.

Weißt du, ich habe so viele Dinge und Geschichten von uns beiden im Kopf, von denen ich erzählen möchte. Ich habe nur noch keinen Schimmer, wie ich das Buch aufbauen will. Was erzähle ich am besten an welcher Stelle? Womit fange ich an, und was soll am Ende stehen? Das ist echt stressig.

Jacob sah mir mit einem mitleidigen Blick tief in die Augen. So schaut er gern, wenn er meint, dass ich mal wieder den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe und dringend seine Hilfe und überlegene Intelligenz benötige.

Willst du ’n Rat von ’nem einfachen Straßenhund?

Hatte ich eine Wahl?

Klar.

Mach dich doch mal locker. Denk nicht so viel rum, sondern fang einfach an.

[…]

Sag mal, ist es für euch echt so eine dolle Sache, glücklich zu sein?

Jacob […] setzte sich vor mich, und sein Stirnfell legte sich in kleine Falten. Ein Zeichen dafür, dass er sich mit einer Frage intensiv beschäftigte und Redebedarf hatte.

Wie kommst du denn darauf?

Na ja, die Leute erzählen dir, wie unzufrieden sie sind mit ihrem Leben. Mit ihren Jobs und ihren Menschen und wie öde alles ist. Oder sie sich selbst nicht so gern mögen … du weißt schon.

Deshalb kommen Menschen schließlich zu mir.

Und wenn ich das richtig kapiere, möchtet ihr doch eigentlich alle glücklich sein und zufrieden leben, oder? Wie jedes halbwegs entwickelte Lebewesen?

Ich denke schon. So ungefähr hat es schon Buddha formuliert, und der war in Glücksfragen ja ziemlich kompetent.

Butter?

Jacob sah mich mit schräg gestelltem Kopf und leicht gehobenen Schlappohren an, wie er es immer macht, wenn er etwas nicht versteht (oder so tut, als würde er etwas nicht verstehen, weil es ihm gerade in den Kram passt. Zum Beispiel wenn ich ihn dabei erwische, wie seine Nase dem vollen Fressnapf von Camino, meinem Kater, verdächtig nahekommt).

Buddha war ein weiser Mensch, der vor langer Zeit lebte und lehrte, dass es in der Natur aller Wesen liegt, glücklich sein und Leid vermeiden zu wollen.

Sehr klug!

Und wenn man Menschen befragt, was ihnen im Leben wichtig sei, nennen sie meistens zuerst Gesundheit und Glück.

Vernünftig. Nur … warum handelt ihr so selten danach? Zum Beispiel […] die nette traurige Frau, die dich neulich besuchte und dir erklärte, wie wichtig ihr ihre Freizeit und Freunde und Hobbysachen seien. Aber trotzdem arbeitet sie so viel, dass ihr gar keine Zeit für all das bleibt. Und sie ihre Freunde eigentlich nie sieht. Warum lügen die dich an?

Nein, diese Menschen lügen mich bestimmt nicht an. Wenn mir jemand erzählt, was ihm am Herzen liegt, dann glaube ich ihm das. Und die Frau ist ganz sicher verzweifelt darüber, dass ihr Leben sich nur noch um die Arbeit dreht.

Hm, ergibt das für dich etwa Sinn?

Ich versuche, es dir zu erklären. […] Ich habe mal von einem interessanten Experiment gelesen: Man hat Leute gefragt, was ihnen besser gefällt, viel Arbeit und dafür viel Geld oder nicht so viel Arbeit für weniger Geld. Nach einer Weile hat man denjenigen, denen ihre Zeit wichtiger war, zwei Jobs angeboten, einen in der Nähe ihres Zuhauses und einen besser bezahlten, für den sie aber länger mit dem Auto unterwegs sein müssten.

Und?

Stell dir vor, die Mehrheit entschied sich jetzt für den Job mit mehr Geld. Dass sie dafür jeden Tag im Stau stehen müssten, wahrscheinlich gestresster wären und ihre Familien weniger sähen, hatten sie anscheinend gar nicht mehr im Sinn.

Und was findest du daran so interessant?

Dass sich Menschen oft nicht für das entscheiden, was sie zufrieden macht. Obwohl sie es eigentlich besser wissen.

Für meinen gesunden Hundeverstand klingt das wirklich ganz schön merkwürdig. […]
Stimmt. […]

Du willst mir also weismachen, dass Menschen ihr Glück am Herzen liegt. Dass sie aber kaum etwas dafür tun, ist für dich ganz normal?

Es ist menschlich. Wenn wir unser Glück nicht verfolgen, kann es daran liegen, dass wir zu bequem sind oder kalte Füße haben. Manchmal denken wir wohl auch sehr kurzsichtig, zum Beispiel wenn wir nur das Geld im Auge haben. Oder wenn wir uns ausschließlich daran orientieren, was wohl unsere Mitmenschen von uns halten mögen.

Ich darf mal zusammenfassen: Ja, ihr wollt glücklich leben. Und ihr habt auch eine Ahnung, was euch glücklich machen könnte. Aber es ist ganz selbstverständlich für euch, trotzdem das Gegenteil davon zu tun? […]

Es mag dich wundern, aber tatsächlich ist vielen Menschen dieser Widerspruch gar nicht bewusst. […]

Und ihr wollt die Krone der Schöpfung sein?

 

„Von Hunden und Menschen und der Suche nach dem Glück“ von Tom Diesbrock mit Illustrationen von Roelie van Heerden ist am 16. Juli 2018 im Herder Verlag erschienen, 240 Seiten, 20 Euro

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