DOGS Logo Geschichten, die nur mit Hund passieren

DER BESCHÜTZER Einer, mit dem niemand mehr gerechnet hat

Dr. Carola Dorner

Sharky galt im Tierheim als unvermittelbar. Heute spürt der Mischling Sprengstoff auf und beschützt Angela Merkel.

Sharky steht still. Ein Hundedenkmal in Schwarz. Dann legt er sich hin. Konzentriert, die Ohren gespitzt, den Blick auf seine Hundeführerin geheftet. Vor ihm stehen neun Koffer in einer Reihe. Er hat sie sich gar nicht alle richtig angesehen. Hat die spitze Nase an zwei, drei Exemplare gedrückt, dann war er sich sicher: In diesem Koffer ist der Stoff. Die Polizistin öffnet ihn und findet fünfhundert Gramm gewerblichen Sprengstoff. Sharky hatte recht, wie eigentlich immer. Er wird gelobt, gestreichelt, bekommt zur Belohnung ein Leckerli. Aufgabe gemeistert. In dem Moment fällt die Anspannung von ihm ab.

Die Sprengstoffsuche war nur eine Übung auf dem Polizeihundeausbildungsgelände der Bundespolizei in Blumberg in der Nähe von Berlin. Trotzdem war sie für Sharky eine Aufgabe, auch wenn für ihn die Suche nach allem, was explodieren kann, nichts anderes ist als ein aufregendes Abenteuer. Der schwarze Mischling liebt es zu spielen. Ohne diesen ausgeprägten Spieltrieb könnte er in seinem Beruf auch nicht bestehen: Er ist ein sogenannter Dualhund, ein Schutzhund mit Zusatzausbildung Sprengstoffspürhund. Solche Hunde müssen noch einige andere Eigenschaften mitbringen. Sie sollen nervenstark, temperamentvoll, belastbar, bindungsbereit und bewegungssicher sein, dazu über einen ausgeprägten Spür- und Stöbertrieb verfügen. Ist all das nur mittelmäßig vorhanden, ist ein Hund ungeeignet. Denn ein Sprengstoffspürhund, der seine Aufgabe nur mit halber Energie verfolgt, gefährdet sich und alle anderen.

Eine Kofferbombe, die nicht gefunden wird und sich umsetzt, ist eine Katastrophe, schlimmer als eine verpatzte Drogen- oder Falschgeldsuche. Doch Sharky passiert so etwas nicht. Wenn er sucht, ist er mit seiner ganzen Leidenschaft dabei. Er ist ein Musterschüler. Bei der letzten Prüfung im Dezember war er Jahrgangsbester. Das hätte sich vor drei Jahren niemand vorstellen können.

Erste Station: Tierheim. Eigentlich war Sharky ein hoffnungsloser Fall. Als er 2015 ins Tierheim Berlin kam, wusste die Tierärztin und Verhaltenstherapeutin Xenia Katzurke über ihn nur, dass er aus einer Sicherstellung kam. Seine Halter hatten gegen das Tierschutzgesetz verstoßen, und das merkte man dem Hund auch an. Er war struppig und ungepflegt, verstört, unsicher, aggressiv, lief immer unruhig hin und her und ertrug es nicht, wenn ihm jemand zu nah kam, dann biss er zu. Von Anfang an war klar, dass er niemals in eine Familie würde gehen können. Doch im Tierheim konnte er auch nicht bleiben, das Leben dort machte ihn noch nervöser. Xenia Katzurke nahm ihn erst einmal mit nach Hause.

„Sharky war damals ein schwieriger Fall“, erinnert sie sich, „ein verhaltenstherapeutischer Patient, der viel Aufmerksamkeit brauchte. Manchmal nehme ich solche Patienten mit zu mir, damit sie langsam zur Ruhe kommen und erst einmal lernen, Menschen zu vertrauen. Ich wusste, dass es sehr schwer werden würde, für Sharky einen Weg zu finden, mit dem er zurechtkommt.“

Dass der struppige, schwarze Hund unklarer Herkunft mit den langen Beinen und dem unausgeglichenen Körperbau unglaublich gern spielt, fiel Xenia Katzurke schnell auf. Deshalb kam sie auf die Idee, bei Diensthundelehrwart Robert Böttger von der Polizeihundeausbildungsstelle nachzufragen, ob er sich Sharky als Kandidaten für eine entsprechende Karriere vorstellen könnte. Polizei und Tierheim hatten zu dem Zeitpunkt einen recht frischen, guten Kontakt: Robert Böttger stellte seine Arbeit mit den Polizeihunden beim Tierheim vor, Xenia Katzurke sah sich die Hundehaltung an der Diensthundestelle an. Man beschloss, bei Gelegenheit zusammenzuarbeiten. Sollte ein geeigneter Hund im Tierheim auftauchen, würde die Verhaltenstherapeutin sich melden. Das ist inzwischen dreimal passiert. Sharky war der zweite Hund, der so zu einem Zuhause und einem Beruf fand. In der Polizeihundeausbildung hat sich in den vergangenen Jahren vieles geändert. Ein anderer Grund, warum Xenia Katzurke keine Bedenken hat, wenn sie einen Hund an die Polizei vermittelt, ist die enge Bindung, die zwischen Hund und Hundeführer besteht. Geht der Hund nach vielen Dienstjahren in Rente, bleibt er in der Regel bei seinem Hundeführer und genießt dort den Ruhestand. Auch das ist der Tierärztin wichtig. Wenn sie ein Sorgenkind wie Sharky vermittelt, dann sollte es nicht jahrelang hin- und hergeschubst werden, sondern ein Zuhause finden – und eine passende Aufgabe.

Bevor wirklich sicher war, wohin Sharkys Reise gehen sollte, sah sich Robert Böttger den Hund erst einmal genauer an. Böttger weiß, dass er sich auf das Vorcasting von Xenia Katzurke verlassen kann. Trotzdem muss ein neuer Hund mehrere Hürden nehmen, bevor die Ausbildung beginnt. „Beim ersten Kontakt mit Sharky sind uns gleich zwei Dinge aufgefallen: Er wirkte im Zwinger sehr aggressiv und hatte offensichtlich gelernt, dass er sich mit Bellen und Knurren am Zaun Aufmerksamkeit verschaffen kann. Die andere Auffälligkeit war sein Spieltrieb. Sharky war sehr eifrig, schnell und wendig und liebte es offensichtlich zu suchen. Er hatte einen unheimlich starken Finderwillen.“ Doch Arbeitseifer ist auch bei verspielten Hunden keine Selbstverständlichkeit. Wer beim dritten Mal Ballwerfen signalisiert: „Och ne, das interessiert mich jetzt nicht mehr, ist mir zu anstrengend“, wird auch als Suchhund nur halbe Leistung bringen. Sharky war in dieser Hinsicht von Anfang an anders.

Robert Böttger nahm den Hund zu sich. Vier Wochen Zeit hatte er insgesamt, um herauszufinden, ob Sharky sich wirklich für den Job eignet. Danach musste sich der Diensthundelehrwart entscheiden: Wird der Kandidat ein Polizeihund und einem Hundeführer zugeordnet oder geht es zurück in das Tierheim? Bei Sharky war schnell klar, dass seine Eignung zum Schutzhund mittelmäßig, sein Talent für die Suche dagegen sehr ausgeprägt ist. Er sollte ein Dualhund werden, würde die Ausbildung zum Schutzhund durchlaufen und dann den Lehrgang für die Sprengstoffsuche aufsatteln. Doch zunächst brauchte er den richtigen Teampartner. Hund und Hundeführer müssen in allen Lebenslagen zusammenpassen, privat und beruflich. Robert Böttger hatte da eine Idee.

„Sharky war am Anfang eine Besonderheit. Schon weil er ganz anders aussah als andere Polizeihunde“, berichtet Böttger. „Die meisten seiner Kollegen sind Deutsche oder Belgische Schäferhunde. Bei Sharky weiß man es nicht so genau. Zudem war er früher extrem hochbeinig. Wir haben ihn anfangs Spinnenbeinchen genannt. Wenn wir ihn heute anschauen mit seinen ausgewogenen Proportionen und dem glänzenden Fell, verstehen wir, dass er damals körperlich einfach nicht fertig war. Geschätzt wurde er auf zwei Jahre, vermutlich war er deutlich jünger.“ Eine weitere Besonderheit: Sharky trat zwar sehr aggressiv auf, war aber tatsächlich hochsensibel. Solch ein Hund braucht einen Hundeführer mit Erfahrung und Charakter.

Böttger fragte seine Kollegin Nadja Martschinke: Sie brauchte einen Diensthund und brachte eine Menge Erfahrung mit. „Ich habe mit dem Hundesport angefangen, als ich zwölf Jahre alt war, und wusste sofort: Ich möchte beruflich etwas mit Hunden machen“, sagt Martschinke. Vom ersten Moment an passte es zwischen ihr und Sharky. Er zog bei ihr ein und arrangierte sich sogar mit seinen neuen Mitbewohnern, zwei Hunden und einer Katze. Den Briefträger akzeptiert er, über Freunde und Bekannte freut er sich, nur Fremde sollten ihm nicht zu nah kommen. Besonders eng ist Sharky aber mit seiner Hundeführerin. Weil sie sehr darauf achtet, dass niemand Sharkys Individualdistanz unterschreitet, kommen schwierige Situationen erst gar nicht zustande. Privat gehen die beiden sogar ohne Leine joggen. „Ich habe Sharky als extrem bindungsbereit erlebt“, sagt Robert Böttger. „Eine enge Bindung ist bei der Zusammenarbeit sehr wichtig. Der Hund muss seinen Hundeführer verteidigen. Sharky hat mit Frau Martschinke die ideale Partnerin gefunden.“ Tatsächlich klebt der schwarze Hund regelrecht am Bein seines Frauchens, wenn die beiden arbeiten. Er achtet auf ihre Gesten, ihre Mimik und natürlich auf die Befehle, wenn es um die Suche geht.

Wenn Sharky und Nadja Martschinke zu einem Einsatz aufbrechen, geht es meist um Gefahrenprävention. Empfängt beispielsweise Angela Merkel einen politischen Gast auf einem Schiff, fordert das Bundeskriminalamt die Hunde an, die die Umgebung gründlich absuchen. Sharky, der ehemalige Problemhund aus dem Tierheim, ist heute also ganz nah dran an der Weltpolitik.

Im Alltag ist er öfter am Bahnhof Zoo unterwegs als im Reichstag. Wird dort ein verdächtiger Koffer gesichtet, schätzen zunächst die Beamten vor Ort die Gefahrenlage ein. Hängt ein Kabel heraus oder klebt – wie vor ein paar Monaten am Ostbahnhof – ein Zettel auf dem Koffer mit der Aufschrift „Dies ist eine Bombe“, wird ein Entschärfer gerufen. Der Hund ist schließlich eine Detektionshilfe. Der Koffer im Ostbahnhof hätte Sharky vermutlich nicht besonders interessiert: Er war eine Attrappe.

Ausgesprochen interessiert zeigt sich Sharky hingegen am Koffer mit fünfhundert Gramm Sprengstoff, den Böttger zur Übung in eine lange Reihe unauffällig aussehender Reiseutensilien gestellt hat. Etwa zwei Übungstage im Monat werden für die Sprengstoffspürhunde eingeplant: damit sie den Geruch der unterschiedlichen Sprengstoffarten nicht vergessen, um ihren Spieltrieb und Finderwillen aufrechtzuerhalten und damit die passive, stille Anzeige sitzt. Denn ein Hund, der Sprengstoff riecht, darf sich nicht rühren: Er darf nicht danach graben, nicht intensiv daran schnüffeln, sondern muss bewegungslos verharren. Sharky, der Musterhund, scheint nicht zu atmen vor Spannung – bis sein Frauchen ihn lobt. Dann ist die Welt wieder in Ordnung. Eine Welt, in der er seinen Platz auf einigen Umwegen gefunden hat. „Im Grunde war Sharky unvermittelbar“, sagt Xenia Katzurke heute. „Er war ein sehr schwieriger Hund. Hätte man sich mit ihm weniger Mühe gegeben, wäre das nicht gutgegangen.“

Beitrag verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zum Seitenanfang

Mehr Lust auf DOGS?

News, Wissen, Gewinne – jetzt im Newsletter für Hundefreunde

  • Aktuelle Hunde-News
  • DOGS Video-Wissen
  • Tolle Gewinnspiele

Hier direkt kostenlos anmelden:

Sie verwenden einen sehr alten Browser. Um diese Website in vollem Umfang nutzen zu können, installieren Sie bitte einen aktuellen Browser. X