DOGS Logo Geschichten, die nur mit Hund passieren

HUNDERETTER Er gibt Hunden eine zweite Chance. Und eine dritte. Und vierte…

Ulrike Blieffert

Kevin Harris erfand 2010 die Münchner Welpenklappe. Und rettete damit vielen Hundebabys das Leben. Seine Motivation? Auch er wurde schon einmal gerettet.

Sie sind warm und weich, kleine Bündel voller Leben. Jeder, der einen Welpen sieht, möchte ihn streicheln und beschützen. Trotzdem passiert es, dass ein Hündchen seinem Besitzer zur Last wird. Die Kleinen brauchen Menschen, die nicht bloß mit ihnen Gassi gehen, sondern ihnen ihre ganze Aufmerksamkeit schenken, auch dann, wenn sie kläffen, beißen oder partout nicht stubenrein werden wollen. Kevin Harris fragt nicht nach dem Grund, warum jemand seinen Hund bei ihm abgibt. Wer die Münchner Welpenklappe benutzt, bleibt anonym. Harris heißt jeden Hund, der drinnen sitzt, willkommen.

Kevin Harris ist ein großer Ire mit wildem grauen Haar, der gern laut lacht und viel auf Englisch flucht. Sein Geld verdient er als Hundetrainer. Das Honorar für eine Stunde Coaching beträgt 80 Euro, das Geschäft läuft gut. Hundebesitzern mit den unterschiedlichsten Problemen konnte er schon helfen. Der Rentnerin von nebenan, einem Popstar oder einem Politiker, selbst Promis aus dem Ausland. Oder auch jener Familie aus dem deutschen Hochadel, deren Französische Bulldogge einfach nicht aufhören wollte, die Schlossmauern anzukläffen.

Alle verdienen eine zweite Chance

Manchmal kann Harris solche Aufträge nicht annehmen, weil er mit den abgegebenen Welpen beschäftigt ist. Er vermittelt sie an Menschen, die sich einen Hund wünschen. Aber er gibt sie nicht um jeden Preis ab: „Die Hunde sind meine Gäste. Sie können selbst entscheiden, ob sie bleiben wollen.“ Eine Haltung, die große Verantwortung mit sich bringt. Vor allem weil auch Harris nicht wissen kann, was für ein Hund wieder in der Klappe sitzt. Aber warum springt Kevin Harris überhaupt ein, wo anderen alles über den Kopf wächst? Manchmal schöpft man Energie aus einem Schicksalsschlag. Auf den linken Unterarm hat sich Harris die Worte „2nd chance“ tätowieren lassen, damals, nach der Sache mit dem Unfall und dem Koma. „Ich war schon mal so gut wie tot“, erzählt er mit irischem Akzent. „Und weil ich eine zweite Chance bekommen habe, möchte ich sie nun Welpen geben, die ohne meine Hilfe verloren wären.“ Den braunen Holzkasten vor der Hundeschule in der Prinzregentenstraße hat er selbst gebaut. Das Prinzip seiner Welpenklappe ist dabei das Gleiche wie beim Pendant für Babys: Die Anonymität soll die Hemmschwelle senken, ein unerwünschtes Lebewesen abzugeben. Entscheidet sich jemand, seinen Hund in die Klappe zu setzen, egal warum, dann ist Harris da: „Ich strecke meine Arme nach dem Hündchen aus und bin dankbar.“ Bis Anfang April waren es bereits vier Welpen, die er in diesem Jahr gerettet hat.

Jeder Hund bleibt so lange, wie er will

Das wohl kleinste Tierheim Deutschlands ist also die irische Antwort auf das harte Leben. Zwischen den prachtvollen Fassaden Bogenhausens bietet es auch zweibeinigen Besuchern eine offene Tür, umrahmt von roten Windsor-Rosen. „Ich habe kürzlich zwei Sitze vor die Blumenkästen montiert, falls jemand mal eine Pause einlegen möchte“, erzählt Harris. Die Leute, die bei ihm vorbeischauen, vertrauen ihm nicht nur Hunde, sondern ab und zu auch ihre Gedanken oder Sorgen an. Auch Harris teilt seine Geschichte mit ihnen: „Ich habe schon alles gehabt: zwei Ehen, vier Kinder, Glück, eine eigene Garage … so viel, dass ich Angst bekam und mir dachte, so kann es nicht bleiben.“ Dann sei das Glück wieder gegangen. Aber die Hunde, die seien immer bei ihm geblieben. Egal was gerade los war. „Sie sind da und hören mir zu“, sagt er. Aber reicht das? Will man nicht auch manchmal Antworten bekommen? Harris lacht wieder, diesmal ganz leise: „Die Antworten kenne ich ja selbst.“ Anders als die Hunde: Jeder einzelne sei eine Lektion für ihn. „Jeder bleibt so lange, bis seine Aufgabe bei mir erledigt ist. Daran glaube ich.“

Paula wurde bereits achtmal vermittelt

Auf einen Hund lässt man sich voll und ganz ein. Er ist ein Gefährte, kein Accessoire, das man an der Leine hinter sich herzieht, findet der Coach. Und wer ist der Hund, der Kevin Harris da in Richtung Park zerrt? Eine Beagle-Dame namens Paula Popcorn. „Wegen Paula habe ich schon viel geweint“, behauptet er. Koketterie? „Nein! Ich habe noch nie so einen Hund erlebt. Sie ist zu früh von ihrer Mutter getrennt worden, hatte keine Beißhemmung. Und ein Ire wie ich leint seinen Hund im Pub nie an, der darf sich da frei bewegen.“ Paula nutzte die Gelegenheit gleich für einen wilden Streifzug in die Küche. Harris & Hund mussten schnell wieder gehen. „Sie bringt mich zum Weinen. Sie bringt mich aber auch zum Lachen“, sagt Harris. Paula ist hübsch, voller Energie, sie springt jeden freudig an. „Den Leuten gefällt das – für ein paar Stunden. Aber wenn sie immer mehr aufdreht, dann geben sie es bald auf. Achtmal hat man sie mir wieder zurückgebracht.“ Jetzt habe er, Harris, sein Schicksal, also Paula, angenommen.

Eines Nachts im August 2017 saß sie in der Welpenklappe. Sobald jemand sie nach dem Öffnen wieder verriegelt, geht in den Räumen der Hundeschule ein Signal los. Gleichzeitig wird Harris per Videonachricht auf dem Handy alarmiert. Von diesem Zeitpunkt an gibt er sich selbst eine halbe Stunde, um den Hund zu befreien. Ob bei Tag oder Nacht. Selbst wenn Harris gerade bei Kunden oder mit Freunden unterwegs ist, der Welpe hat Priorität. Inzwischen hat Paula sich revanchiert und eine wichtige Position in der Hundeschule inne. „Wenn jemand kommt und nicht sicher ist, ob er ein Tier aus der Welpenklappe aufnehmen soll, dann lasse ich ihn eine Runde mit Paula im Park drehen. Wenn er dann immer noch will, hat er meinen Segen.“ Eine praktische Fähigkeit trainierte der Coach ihr außerdem an: Wenn sie auf der Straße einen Geldschein findet, bringt sie ihn unzerkaut zu Herrchen. 25 Euro haben die zwei so schon verdient, Geld für einige Dosen Hundefutter.

Beziehungsberatung gibt es nebenbei

Wie verdient sich der Hundetrainer Harris eigentlich das Vertrauen seiner Klienten? „Mein Motto ist: Ich habe keinen Termin mit Herrchen oder Frauchen, sondern mit dem Hund. Jeder von ihnen ist anders als alle anderen. Und erst mal müssen das Tier und ich miteinander klarkommen.“ Aus der Individualität der Hunde ergibt sich ein weiteres Credo, nämlich: Lass die Leckerlis im Laden. Wer das Tier gar nicht verstehen, sondern nur konditionieren wolle, der brauche nicht zu ihm zu kommen: „Wenn ich sehe, wie manche Leute ihren Hund mit Goodies belohnen, damit er etwas Bestimmtes tut, dann könnte ich selbst zum Tier werden – die Leckerlis nehmen, danke sagen und alle auffuttern.“ Harris lacht. Kann sein, dass nicht jeder Kunde seinen Humor versteht. Wenn es um Hunde geht, wird er eben emotional – und manchmal auch unbequem ehrlich. Einmal besuchte ihn eine Kundin, die hatte nicht nur ihren Hund dabei, sondern auch gleich ihren Rechtsanwalt, erinnert sich Harris: „Wenn sie Aus! rief, reagierte nicht der Hund, sondern der Anwalt. Der hörte sofort auf zu reden. Darauf sagte ich ihm‚ mit Aus! sei übrigens er gemeint. Da war der Anwalt beleidigt und ging, die Frau ist geblieben.“ Sie hat dann doch schnell verstanden, dass sie den Hund mit ihrem Aus! nie erreichen würde.

Während er all das erzählt, hat sich auf der Bank der Hundeschule auch ein dunkler Hund niedergelassen. Er schleckt einem ab und zu vertrauensvoll über die Wange. Was für einer ist das eigentlich? „Ein Jagdhund“, antwortet Harris, „ein Möchtegernkiller, war übermütig und hat jemanden gebissen.“ Äh, ach so. „Aber er mag dich, ehrlich. Können diese Augen lügen?“ Die Augen sind braun und schön, nur die Bissspuren im Ohr irritieren. Und dann kommt Paula aus ihrer Ecke geschossen, sie versucht, den viel muskulöseren Konkurrenten von ihrer Bank zu vertreiben. „Fehler macht jeder. Die Frau, auch Hunde, wie man hier sieht. Aber die Menschen sind selber schuld, wenn sie ihre nicht korrigieren. Ich habe Respekt vor Leuten, die zu ihren Fehlern stehen und es beim nächsten Mal besser machen.“ Dann schaut er auf die Wanduhr und steht auf: „Ich muss los, ein Termin.“

Auch Kläffer soll man ernst nehmen

Aber bitte schnell noch das Adelsanekdötchen mit den angebellten Schlossmauern! „Na gut“, meint Harris und setzt sich wieder. Zu jenem Termin damals sei er zehn Minuten zu spät gekommen. „Das sei eine unprofessionelle Haltung, meinte Ihre Durchlaucht, sie wünsche, das nicht noch einmal zu erleben“, erinnert sich Kevin Harris. Dann gab es Tee aus zarten Porzellantassen. Er dachte gerade, dass diese wohl schon zwei Weltkriege überlebt hätten, als ihm klar wurde, dass sein Finger im Henkel feststeckte, worauf die Gastgeberin spitz feststellte: „Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie hacken sich den Finger ab oder Sie bleiben hier, bis er so dünn ist, dass Sie von allein wieder herauskommen.“ Weil Harris mit Hunden aber doch schon brenzligere Situationen erlebt hatte, bewahrte er Ruhe und schlug Ihrer Durchlaucht Möglichkeit Nummer drei vor: „Ich haue jetzt einmal auf den Tisch.“

Der Finger samt dem übrigen Harris wurde dann aber mithilfe von Seife befreit. Er bekam den Job. „Allerdings habe ich der Französischen Bulldogge niemals abgewöhnt, die Schlossmauern anzukläffen.“ Und warum nicht? „Der Hund hatte einfach recht: Mauern soll man einreißen.“

 

SPENDENKONTO

Welpenklappe Tierschutzverein e.V.
IBAN: DE13701500001002199279
SWIFT-BIC: SSKMDEMM
Stadtsparkasse München

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